Simple Genüsse (9)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Markus Molitor, Erdener Treppchen, Riesling Kabinett trocken, 2007, Mosel. In der Nase immer noch ein rechter Spontistinker dazu Apfel und Waldmeister. Am Gaumen cremig, die Säure ist erstaunlich mild. Aromen von Sahne, Grapefruit und Erdbeere vermengen sich mit leichter Mineralik und dezenten Gerbstoffen. Der Wein ist nicht besonders trocken, das Spiel verhalten, der Alkohol mit 11,5% erfreulich unauffällig. Den Abgang fand ich extrem lang und wiederum cremig, aufgepeppt von etwas Mineralik. Mit Luft verliert der sehr ansprechende Kabinett die Spannung und wird am zweiten Tag ein wenig banal. Am ersten fand ich ihn hervorragend.

Kees-Kieren, Graacher Himmelreich, Riesling Spätlese *, 2009, Mosel. Der Wein ist noch sehr jung, was sich vor allem auf die Nase auswirkt, denn neben jeder Menge süßer Frucht, Litschi, Erd- und Himbeere sowie Mandarine zeigt sich ein leichter Stinker und Hefe. Am Gaumen ist der Wein cremig, sehr süß und dick aber glücklicherweise auch mit straffer Säure – das ergibt ein tolles Spiel. Die Fruchtaromen sind komplex und vielleicht nicht jedermanns Sache, neben Mandarine findet sich da eine Beerenaromatik, die meine Frau zum spontanen Ausruf ‚Campino!‘ veranlasste – stimmt: Erdbeer-Joghurt-Campino trifft‘s am besten. Dazu satte Mineralik und ein sehr langer Abgang. Die Spätlese hat einen wichtigen Preis gewonnen. Ich habe mir nicht gemerkt welchen, verstehe aber warum. Ich finde den Wein grandios.

Manz, Riesling Spätlese trocken

Riesling, wie er im Buche steht

Manz, Riesling Spätlese ‚Am Turm‘, 2007, Rheinhessen. Man nehme ein allgemeines Weinbuch und lese die Beschreibung des Rieslings. Da steht in der Regel etwas über Aromen von Aprikose und Zitrus, vibrierende Säure und (bei entsprechender Herkunft) spürbare Mineralik – und genau solche archetypischen Rieslinge macht das Weingut Manz meiner Meinung und Erfahrung nach. Beim ‚Am Turm‘ kommt Zitrus als Grapefruit daher, was nichts Ungewöhnliches ist. 13% Alkohol verleihen dem Wein etwas mehr Druck, ohne ihn zu fett oder scharf zu machen und 4 Jahre Lagerung fügen etwas Würze und Tiefe hinzu. Jung war dieser Riesling‘ ein Spaßwein, jetzt ist er einfach ein archetypischer trockener deutscher Riesling der mittleren Gewichtsklasse. Mir macht er Freude, auch wenn er etwas wenig Ecken und Kanten hat.

R. & C. Schneider, Weißer Burgunder Spätlese ‚Trio‘, 2008, Baden. Lieblingsweingut (oder so ähnlich), Lieblingswein (einer von mehreren) und ein ordentlicher Jahrgang – da kann nix schiefgehen. Der 2008er ist klarer und straffer als beispielsweise der 2006er und im Keller wurde ihm dazu passend weniger Holz anerzogen. Mandarine, Birne, Quitte und Apfel sowie nur etwas Holz in der Nase, am Gaumen eher saftig als cremig, wunderbar klar und mitteldick, überzeugt der Wein mit einem harmonischen Mix aus Frucht, Säure und nur etwas Holz bei unauffälligen 13% Alkohol. Der Abgang ist sehr lang und dank leichter Gerbstoffe animierend. Passt alles bestens zusammen!

Der Spielverderber

Wie im letzten Artikel beschrieben, gibt es durchaus spannende Weine aus exotischen Rebsorten in Deutschland. Trotzdem stellt sich mir die Frage, ob die Pflanzung von Syrah, Cabernet und Merlot in hiesigen Hängen diesen eigentlich eine neue Terroirdimension eröffnet. Entlocken deutsche Winzer den Reben irgendwann etwas, was sie nirgendwo anders zeigen?

Wenn nicht – und zumindest bei den roten Sorten ist mir selten ein Wein begegnet, den ich als einzigartig und auf positive Weise deutsch bezeichnen wollte – dann hielte nur der Preis als Kaufargument her. Wie schlägt sich also ein deutscher Syrah im Vergleich zu einem ähnlich bepreisten Wein aus einem klassischen Heimatland der jeweiligen Rebsorte. Ich habe wenige Vergleichsweine, insbesondere wenn es um reinsortigen Merlot geht, sieht es in meinem Keller zappenduster aus. Immerhin einen höherwertigen Syrah habe ich gefunden, der auf den Cent so viel kostet wie der Gestad. Ich hatte ihn vor anderthalb Jahren schon mal getrunken, da war er noch nicht ganz trinkreif. Das ist jetzt anders und der Wein relativiert die Begeisterung für exotische Deutsche erheblich.

Südafrika wie es besser nicht schmecken kann

Glen Carlou, Syrah 2004, Wine of Origin, Paarl, Südafrika. In der ausladenden Nase Brombeere, Johannisbeere, blonder Tabak, Lakritz und Menthol. Am Gaumen ist der Glen Carlou supersaftig mit viel Johannisbeere und Kirsche, ganz feinem, reifen Tannin, süßer Frucht und schöner Säure. Er wirkt kühl, 14,5% Alkohol sind erstaunlich gut versteckt; eine leichte Mineralik und etwas Lakritz runden das Bild ab. Dabei ist der Syrah druckvoll aber nicht breit, das Holz mittlerweile sehr dezent. Der Abgang währt ewig.

Es ist nicht ganz fair, Südafrikas Wein des Jahres 2006 als Vergleich heranzuziehen, aber wenn ich doch keinen anderen habe… Immerhin in einer Hinsicht ist dieser Weltklassewein gegen die deutsche Konkurrenz machtlos: bei der CO2-Bilanz. Doch bei so viel Wonne im Glas, werde ich zum Umweltsünder.

Was wächst denn da?

Nachdem ich neulich der Zeitschrift Weinwelt eine Überschrift gestohlen habe, beklaue ich heute zur Abwechslung ein Weinblog. Diesmal entwende ich nicht die Headline, sondern das Thema. Die Kollegen von Drunkenmonday hatten neulich einen kleinen Reigen exotischer Rebsorten vorgeführt, die sich mittlerweile in Deutschland mehr oder weniger heimisch fühlen und ausbreiten. Ich fasste bei der Lektüre – die ist im Übrigen sehr zu empfehlen, hier (in der Hoffnung, damit die Absolution für den Diebstahl geistigen Eigentums zu erlangen) der Link – den Vorsatz, dieses Panoptikum auf meinem eigenen Blog fortzusetzen und mich dabei nicht auf die Pfalz zu beschränken, wie die Montage es im Original taten. Speziell exotische Rotweine habe ich einige im Keller und manche erreichen (oder überschreiten) dieser Tage die Trinkreife.
Rings, Merlot, Mandelgarten ‚Silberkapsel‘, 2005, Pfalz. Eine fruchtige (Kirsche und Pflaume) Nase mit Teer und Rauch sowie kräftigen, unreifen grünen Noten (Tomatenpflanze). Am Gaumen nur verhaltene Frucht (Pflaume), Teer, Rauch, verbranntes Toast, sehr trocken, etwas mineralisch mit rauem Tannin, dass mit viel Luft etwas zurückhaltender wird. 14% Alkohol sind ordentlich eingebunden, der Abgang ist lang und etwas austrocknend, das Vergnügen an diesem Wein ein bisschen eingeschränkt.
Die Silberkapsel-Linie war damals die mittlere Qualitätsstufe bei Rings. Es gab noch einen Goldkapsel-Merlot. Nach Genuss der Silberkapsel habe ich den Eindruck, dass das Traubenmaterial in unseren Breiten nicht so gut reift, dass das minderwertige einen eigenen Zweitwein trägt. Vielleicht liege ich richtig, es gibt diesen Wein in Folgejahrgängen nicht mehr. Ich vermute, dass die einfachen Chargen Merlot jetzt in die diversen Cuvées des Hauses wandern. Ähnlich verfahren viele hiesige Winzer mit Cabernet oder Merlot-Weinbergen. Bis vor kurzem  tat das auch Stefan Steinmetz. Allerdings ist er wieder davon abgerückt, weil sich die Basiscuvée seines Gutes am Markt nicht durchsetzen konnte. Schade eigentlich, mir gefiel der Wein sehr gut.

Rings' Merlot und Ziereisens Syrah

Exotische Einwanderer

Günther Steinmetz, Cuvée Apereshop, 2005, Mosel. Cuvée aus Spätburgunder, Schwarzriesling und Merlot. In der Nase zunächst Kirsche und Pflaume, nach einiger Zeit überlagert von einem kräftigen Alterston dazu Lakritze und Brombeere sowie eine leicht grasige Note. Am Gaumen ist der Wein von mittlerem Volumen, mit prägender Säure, sehr trocken, schöner Frucht (Brombeere, Kirsche) und noch deutlichen Barrique-Spuren. Das Tannin ist nicht besonders ausgeprägt, der Abgang lang. Ein sehr schöner Rotwein, der in jungen Jahren genial war, sich jetzt aber langsam verabschiedet.
Nachdem die einfachen Qualitäten mir wenig Glück gebracht hatten, fand ich es an der Zeit, mich den etwas dickeren Geschossen zuzuwenden. Ich versuchte es mit einem, auf den ich mich seit Jahren freue.
Ziereisen, Syrah ‚Gestad‘, 2005, Baden. In der recht schönen Nase schwarzer Pfeffer, rote Beeren und Eukalyptus – ansprechende Mischung. Am Gaumen eigentlich sehr elegant, etwas süße Beerenfrucht, milde Säure, dezentes Tannin, Bitterschokolade, gut eingebundener Alkohol (13,5%) aber auch eine kleine Überdosis Rauch und Teer sowie unreife Noten. Aus 2005 hatte ich einen etwas molligeren Wein erwartet. Der Abgang ist sehr lang und der Wein definitiv das Produkt gehobener Winzerkunst, wenngleich ein Teil der Faszination darauf beruht, dass es ein deutsches Produkt ist.
Was noch fehlt, ist der Cabernet. Und mit dem hatte ich Glück, denn dem haben fünf Jahre Kellerreife so richtig gut getan.
Wegner, Cabernet Sauvignon, 2002, Pfalz. In der Nase Holz, Holz und nochmal Holz. Das ist schon grenzwertig. Wegner ist Gründungsmitglied des Barrique-Forums und sperrt seine Weine teils extrem lang in kleine Fässer. Nach rund drei Stunden zeigt sich auch Frucht (Johannisbeere) und grüne Paprika. Das lässt am Gaumen schlimmes erwarten. Aber da vermag der Wein zu überraschen:  kein überholzter karger Wein mit unreifen Noten, sondern viel schöne Beerenfrucht, sehr trocken, rauchig, Kräuter und Würze aber natürlich auch jede Menge Holz. Ich zweifle, dass die erstaunlich gut eingebundenen 14,5% Alkohol ganz ohne Anreicherung zustande kamen, dafür war 2002 vielleicht nicht das richtige Jahr – aber der Alkohol steht dem Wein sehr gut. Trotz immer noch starker Holznoten zeigt sich auch eine feine Mineralik im sehr langen und harmonischen Abgang. Ein sehr feiner Wein – aus einem eigentlich recht durchschnittlichen Jahr.

Besser spät als nie

Ich war zu beschäftigt im Dezember, um zeitnah über berichtenswerte Weine zu bloggen. Also hole ich das hiermit nach. Die folgenden drei wollte ich unbedingt noch beschreiben.
Als ich den ersten Wein erstand, war mir weder klar, dass Christmann gute Rotweine macht, noch dass der Königsbacher Ölberg fantastische Spätburgunder hervorbringen kann. Da ich in der Zwischenzeit um diese Erkenntnisse reicher bin, war ich auf den Wein besonders gespannt.
Christmann, Königsbacher Ölberg, Spätburgunder trocken, 2005, Pfalz. In der Nase wenig Frucht (Kirsche) und deutliches Holz, etwas blutig und kräutrig aber insgesamt zurückhaltend. Am Gaumen ist der Wein wunderbar mineralisch, im Alkohol (13,5%) unauffällig, von mittlerem Körper, harmonischem, zurückhaltenden Tannin mit Aromen von Blut und Bleistift und einer verhaltenen Säure. Um grandios zu sein, ist er etwas zu dünn, ein wenig extrahierter gefiele er mir besser. Trotzdem ist das noch ein sehr feiner, eleganter Spätburgunder, der Trinkfluss und Anspruch vereint. Als Essensbegleiter besser geeignet denn zum solo trinken.

Drei Weine, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten

Trio mit vier Fäusten

Zu Weinen von Zillinger bin ich gekommen, weil er bei Mövenpick im Sortiment vertreten ist, und mir die Weine bei Proben gefielen. Als ich sie kaufte und auch als ich diesen hier trank, war mir nicht klar, dass Herbert Zillinger so eine Art österreichischer Mini-Kühn ist. Das entnahm ich erst diesem Gastbeitrag bei Dirk Würtz, der einige Tage nach meiner Begegnung mit den ‚Alten Reben‘ erschien.
Zillinger, Grüner Veltliner ‚Alte Reben‘, 2006, Niederösterreich. Die Nase ist etwas muffig, dazu kommen aber auch angenehme Aromen von Birne, Honigmelone und Rosmarin. Am Gaumen ist der Wein ölig, ziemlich massiv, würzig, auch pfeffrig, mit wenig Frucht, sehr trocken wenngleich mit leicht alkoholischer Süße (bei 14%) dazu sehr mineralisch und mit einem leichten Bitterl ausgestattet. Ich mag diesen auf Mineralik und Würze getrimmten Veltlinertypus alle paar Monate als willkommene Abwechslung zu meinen deutschen Rieslingen und Weißburgundern. Der Abgang des ‚Alte Reben‘ ist sehr lang und würzig, nach einer Weile wird mir der eigentlich hervorragende Wein ein wenig zu mastig, da kann ich keine ganze Flasche von trinken – auch nicht über zwei Tage.
Keinerlei Überraschung hielt der letzte Wein parat – ich kenne Vorgängerjahrgänge aus der Gastronomie. Ich kaufte ihn als Füllwein, um einen Zwölferkarton vollzumachen und trank ihn ohne allzu große Erwartungen.
Max Ferd. Richter, Weissburgunder ‚Pinot Blanc‘, 2009, Mosel. In der Nase Birne, Mandarine und Stachelbeere sowie ein leichter Jogurt-Ton, der aber nicht zu käsig riecht, so dass ich die Nase immer noch harmonisch fand. Am Gaumen etwas cremig, ziemlich voll und wuchtig mit Birne, Apfel und Pistazie, vernünftig eingebundenen 13% Alkohol und einem leichten Bitterton, der aber ganz animierend wirkt. Der Abgang ist lang bis sehr lang und der Wein sehr gut, wenngleich ob der sehr milden Säure ein wenig spannungslos – ein Wein für Gäste, bei denen man nicht sicher ist, ob sie zu extreme Weine nicht überfordern.

Eine amerikanische Komponente

Als nach Weihnachten die Preise purzelten, nutzte ich die Tage zwischen den Jahren, um meinen Kleiderschrank zu füllen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass einige der Textilhersteller, deren Erzeugnisse mir besonders lieb sind, ihre guten Sachen leider nie in den Schlussverkauf schicken. Andere Labels hingegen schmeißen die gesamte aktuelle Kollektion massiv reduziert auf den Markt, sobald die Prozentschilder aufgehängt werden. Es sind vor allem die amerikanischen Freizeitlabels wie Polo und Hilfiger, die diese Strategie zu befolgen scheinen. Die mag ich, sie sind mir zum Normalpreis aber zu teuer – weswegen Schlussverkauf für mich meist eine amerikanische Komponente hat.
Das lässt sich auf Wein übertragen, denn da gibt es bei den Sonderposten auch immer Amerikaner der gehobenen Kategorie und so haben mein Kleiderschrank und mein Weinkeller eines gemein: während die deutschen Produkte darin fast alle zum Listenpreis den Besitzer wechselten, sind die amerikanischen samt und sonders im ‚Schlussverkauf‘ erworben. Das mindert die Enttäuschung, wenn sich die Erwartung an die Qualität nicht erfüllt und verdoppelt die Freude über die Highlights. Dabei gilt, nüchtern betrachtet, vermutlich für den Wein wie die Klamotten: Schnäppchen sind die reduzierten Teile auch noch nicht, sondern einfach bei einem adäquaten Preis angekommen. Passend zum Schlussverkauf gab es zwei Weine.

Der Optimus, eine Cuvée mit Syrah, Cabernet und Petit Verdot

Mächtiger Kalifornier: der Optimus ist ein Fruchtpaket

Stephan Vineyards/ L’Aventure, Optimus, 2004, Paso Robles, Kalifornien. Eine Rotweincuvée aus Syrah (57%), Cabernet Sauvignon (35%) und Petit Verdot (8%). In der Nase viel Beerenfrucht und Pflaume, Bleistiftspäne und Zedernholz, Menthol und Alkohol. Am Gaumen ist dieser Wein erstaunlich ätherisch und kühl, bei 14,9% Alkohol hatte ich ein alkoholisches Brennen befürchtet. Ein dicker Brummer (oder Blockbuster, wie man in seiner Heimat sagen würde) ist er trotzdem: opulente Frucht (Brom-, Blau- und Johannisbeere), trifft auf viel griffiges Tannin, feine Mineralik und Noten von Teer, die auch im wahnsinnig langen Abgang im Gleichschritt mit der Frucht marschieren. Gefällt mir ausgesprochen gut – wenngleich ich so einen Wein nicht öfter als einmal pro Monat trinken möchte.
Robert Mondavi, Chardonnay ‚Carneros‘, 1997, Kalifornien. In der Nase und am Gaumen zeigt sich keine Spur von Alter, obwohl der Wein 14 Jahre auf dem Buckel hat. Die Nase immer noch mit Holz, dazu verführerische Ananas und Haselnuss. Am Gaumen bietet sich ein raumgreifendes Vergnügen, wuchtig, cremig und vollmundig – erfreulicherweise jedoch nicht aufgrund überbordenden Alkohols. 13,5% passen zu diesem massiven Chardonnay, der viel süße Frucht (Ananas, Pfirsich) mit einer strammen Säure vermählt. Er zeigt sich dabei holzbetont, würzig und sehr komplex, im sehr langen Abgang auch etwas mineralisch. Für Menschen mit Biebergebiss (also zum Beispiel mich) ist das ein großer Weißwein.

Frohes neues Jahr

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein glückliches neues Jahr 2012 und allzeit drei Finger hoch trinkbaren Stoff im Glas. Für mich ging Samstag ein turbulentes Jahr zu Ende. Ich war viel unterwegs und habe es so nur auf 53 Blogbeiträge gebracht. Das ist halb so viel wie in den ersten beiden Jahren meiner Bloggerei. Der gute Vorsatz zum neuen Jahr lautet also: häufiger schreiben.

Am letzten Abend des alten Jahres gab es zwei sehr spannende Weine zu trinken. Zunächst ein großes Gewächs, das trotz stattlichen Alters mit außergewöhnlicher Jugendlichkeit punktete, danach eine Beerenauslese mit Sauternes-Charakter.

Dönnhoff, Norheimer Dellchen, Riesling Großes Gewächs, 2005, Nahe. In der Nase einerseits vollreife Aprikose, andererseits aber auch Grapefruit- und Zitrusnoten, dazu etwas Aloe Vera und Kräuter – das ist sehr spannend und anziehend. Am Gaumen wahnsinnig mineralisch und mit kräftiger Säure, bei sehr vollem Mundgefühl wirkt der Riesling erst recht trocken, im sehr langen Abgang dann etwas süßer. Die Frucht pendelt lustig zwischen Apfel und Aprikose über Grapefruit zu intensiver Maracuja und wieder zurück. Ein großer Wein ändert sich ja gerne mal mit jedem Schluck. Im Abgang kommt etwas Karamell dazu, wobei der Wein nie warm und mollig, sondern jederzeit straff, jung und kompakt wirkt. 12,5% Alkohol fallen nicht weiter auf.

Ich bin kein Altweinfan und wenn ich in Verkostungsnotizen zu aktuellen Jahrgängen lese, wie deutschen Rieslingen zehn oder mehr Jahre Lagerung anempfohlen wird, rümpfe ich innerlich die Nase. Doch bei diesem Dellchen GG hatte selbst ich den Eindruck, dass er seine beste Zeit noch vor sich hat und dass sie vielleicht erst in einigen Jahren beginnt. Ich finde ihn jetzt schon groß, aber da ist noch Luft nach oben (in dann schwindelige Höhe).

Riesling Beerenauslese von der Mosel

Ein Himelreich für eine Beerenauslese

Der zweite Wein des Abends stammt von einem jener Weingüter, die tatsächlich keine eigene Homepage haben. Es gibt sie noch – wenngleich nicht mehr viele. Ich besuchte das Gut 2007 und kaufte Weine aus der tollen 2005er Kollektion. Dass ich danach nicht am Ball blieb, lag an der verstaubten Telekommunikationsinfrastruktur des Gutes. Zwei Mal hatte ich nur den Anrufbeantworter dran, Rückrufe kamen nicht, da kauf ich dann woanders ein.

Pohl-Botzet, Graacher Himmelreich, Riesling Beerenauslese, 2005, Mosel. In der Nase viel Botrytis, Honig, Grapefruit, getrocknete Kräuter und Alkohol, das ist ein richtig dickes Ding, wie man es sich von einer Beerenauslese erhofft. Am Gaumen merkt man die 9,5% Alkohol. So zuckerhaltige Getränke schmecken schnell brandig, weswegen die meisten edelsüßen deutschen Weine 7,5 bis 8,5% Alkohol haben. Aber diesem Wein steht der spürbare Alkohol sehr gut. Er erinnert ein wenig an einen Sauternes. Auch wenn das einen Rieslingfan wie mich normalerweise enttäuscht, geht das hier sehr gut zusammen. Der Wein ist massig süß, zeigt aber schönes Spiel dank ordentlicher Säure und einem leichten Bitterton; dazu Vanille, Melone, Aprikose, Honig, cremiges Mundgefühl und ein sehr langer Abgang, in dem der Alkohol keine tragende Rolle mehr spielt.

Simple Genüsse (8) – Weihnachtsweine

Lese ich in der zweiten Dezemberhälfte in deutschen Weinblogs und -foren, kommt mir ein Gedanke: Weihnachten ist für viele Weininteressierte willkommener Anlass für eine Keller-Leistungsschau. Da gibt es nichts zu kritisieren und keine Moralkeule zu schwingen: jeder soll es halten, wie er es mag. Allein für mich ist das nichts. Ich bin kein religiöser Fundamentalist aber trotzdem mag ich an Weihnachten nicht mit Stift und Zettel vor der Weinflasche knien. Der Aufwand, den ich an vielen Tagen des Jahres um meinen Wein veranstalte, mag weinfremden Menschen – und nun greife ich tief in die Fundamentalismuskiste – wie Götzenverehrung vorkommen, es kommt mir manchmal selbst so vor. Deswegen ist Heiligabend ein Tag, an dem es nur ganz einfache Weine gibt und keine Notizen gemacht werden. Trotzdem sollen die Weine Genuss bringen – schlechter Stoff würde dem Anlass ja auch nicht gerecht. Also gab es an Heiligabend im fünften Jahr in Folge den Chardonnay Duett 2006 von Bernhard Fiedler. Die Rotweintrinker erhielten einen einfachen Cotes du Rhone von Guigal.

An den beiden Feiertagen kommt irgendwas Leckeres auf den Tisch und wenn es passt, mache ich auch ein paar Notizen (wie gesagt, ich bin kein Fundamentalist). Aber auch diese Weine spielen unter der GG-Klasse, denn das Hauptaugenmerk liegt auf Tannenbaum, Kinderlachen und ein bisschen innerer Einkehr. Drei Weine will ich aber dokumentieren.

Battenfeld-Spanier, Hohen Sülzen Riesling -S-, 2007, Rheinhessen. In der Nase ganz viel ganz reife Frucht: Maracuja, Erdbeere, Melone; etwas Tabak – insgesamt schwülstig wie die weihnachtliche Ausstrahlung von ‚Dr. Schiwago‘. Am Gaumen ist der Riesling ebenfalls sehr mächtig, eher halbtrocken mit leicht spürbaren 13% Alkohol und wieder viel Frucht: Orange, Grapefruit, Aprikose, dazu eine kräftige Mineralik und im ausgesprochen langen (aber auch leicht klebrigen) Abgang etwas Malz. Ich denke, der Wein soll mit seiner Fülle beeindrucken und er beeindruckt. Ich finde ja, solche Brummer haben absolut ihre Berechtigung und trinke sie sehr gerne, wenngleich mir kleine Dosen reichen. Das erste Glas ist einfach großartig. Danach gab‘s was Rotes zum Essen und das war gut so.

Reinhold & Cornelia Schneider, Spätburgunder trocken *** -C-, 2005, Baden. Der Wein braucht noch ungefähr eine Stunde Luft, um seine volle Pracht zu entfalten. In der Nase verhaltene Frucht (Himbeere und Kirsche) dazu Holz, Thymian und Rosmarin, Blut – insgesamt vielschichtig aber nicht sehr dicht. Am Gaumen ist der -C- ein sehr eleganter Burgunder, getragen von kräftiger Säure, dezentem Holzeinsatz, feinen und zurückhaltenden Tanninen, zeigt er etwas Mineralik, rohes Fleisch, Kirsche und Himbeere. Der lange Abgang ist von Frucht und Säure getragen. Wenn ein Winzer in einem Jahr wie 2005 einen reifen Spätburgunder am Kaiserstuhl produziert, der nur 13% Alkohol aufweist, dann war er im Weinberg besonders fleißig, so mein laienhaftes Verständnis vom Weinbau. Die Arbeit hat sich in jedem Fall gelohnt, denn der zurückhaltende Alkohol ist ein großes Plus dieses sehr eleganten Weines.

Molitors Versteigerungsspätlese

Markus Molitor, Zeltinger Sonnenuhr, Riesling Spätlese, 2005, Mosel. Es handelt sich um die Versteigerungsspätlese. Die ist in der Nase ganz schön dicht und wuchtig: hochreife Aprikose, Rhabarber, Honig und Aloe Vera. Das erinnert eher an eine Beerenauslese. Am Gaumen zeigt sie dann aber zum Glück keine mastigen Botrytismuskeln oder gar Schärfe. Ein leicht cremiges Mundgefühl und opulente Süße legen zwar den Schluss nahe, dass es sich hier um einen Ausgangsmost der gehobenen Auslese-Klasse handelte, der Wein hat aber auch eine gewisse Klarheit und Saftigkeit, die einen ordentlichen Trinkfluss erlaubt. Auch die bei Molitor oft zu findenden Bitter- und Gerbstoffe sind da und erzeugen mit der ordentlichen Säure und feinen Mineralik einen guten Kontrast zu all dem Zucker. Honig, Vanille und Aprikose machen das Bild vom eher edel- als fruchtsüßen Riesling komplett. Der Abgang ist lang und verhalten mineralisch. Auch hier begeistert mich ein erstes Glas, ohne dass ich sofort nachschenke.

Exportschlager

Zu Zeiten zweier Deutscher Staaten gehörte ich zu der Gruppe Westdeutscher, die keinerlei Ostverwandschaft hatte. Meine einzige Informationsquelle über die sozialistische Lebensrealität (neben Radio und Fernsehen) war mein Klassenlehrer, der Schwiegereltern ‚drüben‘ hatte. Jedes Mal wenn diese, als Rentner Reisefreiheit genießend, ihn besucht hatten, versorgte er uns anschließend mit Anekdoten, denen wir schon deswegen gespannt lauschten, weil sie uns Deutschunterricht ersparten. Eines Tages erzählte er eine Geschichte, wie seine Schwiegereltern Wandfliesen zur Verschönerung ihres Badezimmers bestellt hatten und nach 8 Monaten Wartezeit auf eine Palette blaue Kacheln lediglich eine halbe Palette gelbe Kacheln geliefert bekamen. Nach erneutem Antrag und entsprechender Wartezeit kam dann noch einmal eine halbe Palette grüner Kacheln dazu.

Also ging man bei ihrem nächsten West-Besuch gemeinsam in einen Fliesenmarkt, um das Problem durch den Erwerb einer ausreichenden Menge passender Kacheln zu lösen. Reihe um Reihe schritt die Familie das Sortiment ab, doch die beiden Ruheständler murmelten die ganze Zeit nur, wie teuer das doch alles sei – bis ein sichtlich genervter Verkäufer sie indigniert wissen ließ: ‚Also wenn ihnen sogar diese günstigen Kacheln noch zu teuer sind, dann müssen wir da rüber gehen, da steht der billige Schrott aus der DDR!‘

Was das mit Wein zu tun hat? Vor kurzem hatte ich einige Arbeitskollegen zu einer kleinen Party eingeladen. Diesen blieb mein Weinvorrat nicht verborgen und ein junger Kollege aus Rumänien berichtete seinen Eltern in der Heimat von einem netten Abend und meinem für ihn beeindruckenden Weinvorrat. Die Eltern wollten ihrem Sohn (und mir) etwas Gutes tun und nahmen bei ihrem bald darauf erfolgtem Besuch extra zwei Flaschen besten rumänischen Weins mit auf eine 2500 Kilometer lange Autofahrt, auf dass er sie mir bei unserer nächsten Begegnung als Geschenk überreiche. Ich finde es wahnsinnig nett, wenn Menschen sich so viel Mühe machen, um mir eine Freude zu bereiten und konnte mein rumänisches Testtrinken kaum erwarten.

Wenn es um Weinpräsente geht, ignoriere ich meine Kinderstube regelmäßig und bemühe Tante Google, um mehr über Herkunft und – mea culpa – Preis des geschenkten zu erfahren. Und da kam mir die alte Geschichte meines Klassenlehrers in Erinnerung. Denn diese mit Holographie-Aufklebern als echt zertifizierten Ergebnisse rumänische Weinbaus kann man auch in Deutschland erwerben: als Bückware in Spätaussiedlermärkten für zwei Euro neunundneunzig.

Zwar müssen Rumänen für die Weine nicht mehr Schlange stehen, meinem Fairnessgefühl versetzte diese Erkenntnis trotzdem einen heftigen Tritt. Es ist mir daher ein Vergnügen, (zumindest ein bisschen) etwas zur Ehrenrettung des rumänischen Weines beizutragen.

Jidvei, Dry Muscat, demi-sec, 2010, Rumänien. In der Nase zeigt sich ein typischer Muskat, sehr blumig und mit Zitronenschale. Am Gaumen überrascht mich der Wein mit seiner trockenen Art, unter demi-sec hatte ich mir einen zumindest leicht süßen Vertreter vorgestellt. Der Wein ist etwas laktisch, was ganz gut mit der strengen Säure harmoniert. Aromen von Marzipan und Mandarine treffen auf einen leichten, angenehmen Bitterton. Leider ist der Abgang etwas kurz und der Wein insgesamt ein wenig muffig. Aber ein Glas als leichter (12% Alkohol) Aperitif gefällt mir gut. Zu mehr reicht es vielleicht auch aufgrund der Rebsorte nicht. Meine zurückhaltende Einstellung zu Muskat habe ich bereits beschrieben.

Recas, Feteasca Neagra/Merlot, halbtrocken, 2010, Rumänien.Eine Cuvée aus Merlot und der berühmt-berüchtigten Schwarzen Mädchentraube. Der Wein ist in der Nase von grünen Noten dominiert (Tomatenpflanze), als ob das Lesegut nicht nur aus reifen Trauben bestand, darunter scheinen Pflaume und Kirsche durch. Am Gaumen gefällt er mir deutlich besser: Rote Beeren, ordentliche Säure, sehr saftig und eher trocken – das rumänische Weingesetz scheint sehr streng in Bezug auf den Zuckergehalt zu sein, in Deutschland ginge sowas sicher als trockener Wein durch. Das Tannin ist leicht rau, der Alkohol (13%) spürbar aber nicht dominant, insgesamt gefällt der Wein durch eine gute Struktur von Frucht, Säure und Tannin. Der Abgang ist leider nur mittellang. Ein vorsichtshalber bereitgehaltener Spätburgunder kommt an diesem Abend nicht zum Einsatz – ein sehr akzeptabler Wein.

Ein akademisches Vergnügen

Als ich vor kurzem schrieb, dass es mir einerlei sei, wie ein Winzer seinen Wein vergärt, ob spontan oder mit selektierten Hefen, ging es allein um meine Präferenzen. Ich bin nicht der Meinung, dass es keinen Unterschied macht. Meine geschmacklichen Vorlieben tendieren nur nicht in eine Richtung. Beide Weinstile sind in meinem Keller gleichberechtigt vertreten und machen mir Freude.

Nicht allen Weinen merkt man Ihre Entstehung auf den ersten Schluck an, etliche Spontis kommen ohne Stinker und mit spritziger Zitrus-Fruchtigkeit daher, wie ich sie eher von Reinzuchtrieslingen gewohnt bin. Auch Malz, Karamell, Aprikose oder ein mineralisches Mundgefühl identifizieren nicht zwangsweise die Entstehungsgeschichte. Ich maße mir daher nicht an, unter allen Umständen einen ‚Sponti‘ zu erkennen, wenn er mir begegnet.

Einen Typ Wein meine ich bisher aber vor allem (vielleicht auch ausschließlich) unter den Rieslingen gefunden zu haben, die mit weinbergseigenen Hefen spontan vergoren wurden. Den geizigen Monolithen, wie ich ihn mal nennen will. Dieser ist fast immer trocken und kommt bei allen Qualitätsstufen vor. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er reichlich Zeit braucht, bis er ‚einfach‘ zu trinken ist. In seiner Jugend ist der geizige Monolith genau das: geizig mit Aromen und monolithisch im Auftreten. Er ist also nicht flach oder dünn, sondern zeigt eine geschlossene Festigkeit am Gaumen – mehr aber auch nicht (präzisere Formulierungen suche ich seit Jahren).

Winzer wie Molitor, Kühn oder die Lochs vom Weinhof Herrenberg sind bekannte Produzenten solcher Weine. Eine trockene Auslese aus der Zeltinger Sonnenuhr mag ich zwar allein und zu Studienzwecken auch mal im zarten Alter von zwei Jahren antesten, einem Gelegenheitsweintrinker würde ich sie aber nicht zumuten wollen. Die genannten Produzenten sind für diesen Weinstil nicht nur bekannt, sondern auch geliebt. Wer sich in einem Forum oder Blog über die mangelnde Fruchtigkeit und den stockenden Trinkfluss ihrer Erzeugnisse beschwert, kann sich vor Kommentaren bald nicht retten, die alle dem Konsumenten die Schuld geben (‚So was trinkt man ja auch nicht so jung‘; ‚Der braucht Zeit‘; ‚Den musst Du belüften‘).

Durch Zufall begegnete mir letztes Jahr ein Wein des eher unbekannten Weinguts Lothar Kettern aus Piesport, der den Weinen genannter Erzeuger stilistisch ähnelt. Der Most wurde ohne Vorklärung und -behandlung sich selbst überlassen. Das Ergebnis fand ich interessant und ich legte mir 6 Flaschen in den Keller. Nun teste ich jedes Jahr eine Flasche, wie sich der Wein denn so entwickelt. Mit viel Luft kam heuer schon sehr Brauchbares. Dass sich ein eher unbekannter Winzer einen Gefallen mit der Erzeugung eines geizigen Monolithen macht, bezweifle ich. Eine normale trockene Spätlese von der Mosel von einem Feld-Wald-und-Wiesen-Erzeuger belüftet schließlich kaum jemand länger. Und nur für kurze Zeit nach ein paar Stunden am ersten sowie ab dem fünften Tag war der Wein ein Trinkspaß. Parallel dazu trank ich einen 2009er ‚Mineral‘ von Emrich-Schönleber, der sehr viel zugänglicher war. Der Vergleich zeigte auch das Potential des Kettern. Er wirkt sehr viel dichter als der alles andere als dünne Schönleber.

Lothar Kettern, Piesporter Goldtröpfchen, Riesling Spätlese trocken, 2009, Mosel. In der Nase zeigt sich nach dem Öffnen vor allem Hefe, nach einigen Stunden etwas tropische Frucht, Mango, Banane, die nach weiteren Stunden von Grapefruit abgelöst wird. Nach mehreren Tagen erscheint eine ziemlich typische leicht cremige Rieslingnase auch mit Aprikose und Aloe Vera. Am Gaumen ist der Riesling erst sehr karg, ehe er nach einigen Stunden etwas fruchtiger erscheint, dazu kräftige aber nicht zu stramme Säure, viel Mineralik sowie etwas Gerbstoff; nach etlichen Stunden übernimmt die Grapefruit. Der Wein ist fest und vielschichtig aber noch etwas anstrengend. 12,5% Alkohol sind zu jeder Zeit unauffällig, das Geschmacksbild immer stramm trocken. Am fünften Tag zeigt sich auch am Gaumen süße Frucht, etwas Malz, das Mundgefühl wird cremiger und der Wein runder. Der lange Abgang leidet zu jeder Zeit etwas unter den austrocknenden Gerbstoffen. Jetzt ein sehr guter Wein, der mir viel Potential zu haben scheint.

K(l)eine Geschichten zu Großen Gewächsen (3)

Manchmal gibt es gar nicht so viel zu erzählen zu den Weinen, die ich trinke. Hier sind drei, die ich aber keinesfalls unterschlagen möchte

Im Jahr 2006 befanden sich die VDP-Regionalverbände noch in der Findungsphase, was die Kennzeichnung der Großen Gewächse anging. Die 2005er wurden teils mit, teils ohne Prädikatsangaben vermarktet und auch die Verwendung der Bezeichnung GG war nicht einheitlich geregelt. Bei Knipsers kam es zu völliger Verwirrung denn der folgende Wein hat keinerlei Hinwies auf den Status des GG auf Vorder- oder Rückenetikett. Lediglich die GG Flasche mit der ‚Trauben-1’identifiziert ihn als solches. Den Kollegen von NEPV begegnete derselbe Wein allerdings auch schon in einer normalen Flasche ohne das GG Signet.

An der Trauben-1 sollt Ihr sie erkennen...

Knipser, ‚Steinbuckel‘ Großes Gewächs, Laumersheimer Mandelberg, Riesling Spätlese trocken, 2005, Pfalz. In der etwas verhaltenen Nase Aprikose, Mirabelle, Quitte und Apfel sowie die Würze von 5 Jahren Flaschenreife und etwas Aloe Vera. Am Gaumen zeigt sich reife Frucht (Apfel und Aprikose) und etwas Malz. Der Riesling ist ziemlich trocken, die Säure fein, und zusammen mit einer kalkigen Mineralik entwickelt sich schönes Spiel. Nur 12% Alkohol machen den Steinbuckel angenehm leicht. Vielleicht etwas zu leicht, denn trotz eines sehr mineralischen langen Abgangs fehlt dem Wein nach meinem Dafürhalten der letzte Kick.

Selbst im guten Jahrgang 2005 wachsen die GGs vom Riesling nicht allenthalben in den Himmel. Noch eine Spur kürzer gewachsen ist der folgende, wenngleich er – wie auch der Knipser – preislich im unteren Drittel der GG liegt und damit im Preis-Genuss-Verhältnis noch zu befriedigen vermag.

St. Antony, Nierstein Orbel, Riesling GG, 2005, Rheinhessen. Die Nase wirkt dünn, wie Weinschorle, Grapefruit, Limone und etwas Muskat. Am Gaumen vollreife Aprikose, Karamell und Malz aber der Wein ist etwas lasch, obwohl sich 13,5% Alkohol leicht brandig bemerkbar machen, fehlt es ein wenig an Druck. Der Abgang ist relativ lang und mineralisch.

Besser gemacht hat es Christmann, dem ein standesgemäßes, leicht barockes, Pfälzer Riesling GG gelungen ist:

Christmann, IDIG, Riesling GG, 2005, Pfalz. In der Nase wirkt der Wein weich und warm mit Boskop, Aprikose und Pistazie. Am Gaumen ist der IDIG voll, ziemlich mollig und nicht sehr trocken. Mit seinem Aroma von vollreifer Aprikose wirkt er ein bisschen mastig, kriegt aber aufgrund der sehr griffigen Mineralik und feinen Säure noch die Kurve. Auch der Alkohol ist vernünftig eingebunden. Der Abgang ist sehr lang und etwas breit aber ich mag sie ja, die Wonneproppen – und dieser hier ist besonders gut.

.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 71 other followers