Archiv für die Kategorie ‘Spätburgunder’

Seelenstriptease

Ich glaube ja, der Weinkeller eines Menschen sagt eine Menge über seine Psyche aus, ich kann‘s nur nicht beweisen. Erste Indizien dafür fand ich bei mir selbst, aber das ist hinlänglich in Blogbeiträgen aufgearbeitet. Ich habe mittlerweile auch einen emotionsloseren Umgang mit Wein gelernt (zumindest mit Einkaufslisten). Was ich jedoch immer noch an mir beobachte, ist eine Art, Weine aus meinem Keller zum Trinken auszuwählen, die mein Wesen widerspiegelt. Beispielsweise belohne ich mich gelegentlich, tröste mich aber so gut wie nie. Wenn meine Stimmung eingetrübt ist, krame ich fast immer Flaschen hervor, die ein hohes Risiko eingeschränkten Genusses mit sich bringen. Diese Art des Fatalismus kenne ich auch aus dem richtigen Leben. Während es dort gelegentlich unangenehme Nebenwirkungen zeigt, wirkt es sich auf die Ordnung in meinem Weinkeller positiv aus. Wo in anderen Keller Weine immer weiter nach hinten wandern, weil die Aussicht auf Genuss eher gering ist, reicht bei mir ein wenig schlechte Laune, um die Kellerleichen zu entstauben und ihrer Bestimmung zuzuführen. Zugute halte ich mir dabei, dass ich es in der Regel sehr tapfer hinnehme, wenn der gewählte Wein tatsächlich kein Vergnügen ist.

Bei meinem enttäuschenden Erlebnis mit dem hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Müller-Catoir vor zwei Wochen hatte ich mir einen Restschluck für den dritten Tag überbehalten. Der war gar nix. Und so ging ich mit frischen, schlechten Erinnerungen an diese Episode auf die Suche nach einem neuen Wein. Mir fiel einer in die Hände, den ich als glatten Fehlkauf verbucht hatte, ein weiterer 2003er Spätburgunder. Den hatte ich blind gekauft hatte, weil er einer der ausgezeichneten Weine des Pfälzer Barrique-Forums aus seinem Jahrgang war (damals machte ich mir noch etwas aus Medaillen). Die erste Flasche dieses 30 Monate in neuen Barriques ausgebauten Pinots war jedoch eine Katastrophe. Geizig in der Frucht präsentierte er eine solche Wand aus Holz im Mund, dass ich alle Hoffnung fahren ließ, das könne jemals etwas werden. Bis der sein Holz verdaut hat, dachte ich, ist das bisschen Frucht längst weg.

Wegner_Dürkheimer_Schenkenböhl

Ich mach es kurz: Ich hab mich geirrt. Hat die Laune enorm gehoben.

Wegner, Dürkheimer Schenkenböhl, Spätburgunder ,im Barrique gereift‘, 2003, Pfalz. In der Nase viel Kirsche, dazu Kakao, Tabak und (immer noch eine Menge) fein eingebundenes Holz, nicht ganz typisch aber angenehm. Am Gaumen zeigt der Wein eine moderate Säure, kräftiges Holz zu dem sich aber auch schöne Frucht (Kirsche und Himbeere) gesellt. Der Alkohol trägt eine leichte Süße bei, die 14 % fallen aber nicht weiter negativ ins Gewicht. Der Abgang ist recht lang. Das ist ein sehr angenehmer Wein, der damals 15€ gekostet hat, was aus heutiger Sicht sehr günstig erscheint.

Die Reifeprüfung

Vor etlichen Jahren spülte mir eine kleine Hype-Welle drei Flaschen einer Spätburgunder Auslese aus dem Hause Müller-Catoir in den Keller. Über viele Jahre hatte der Kellermeister des Gutes versucht, einen guten Spätburgunder zu keltern. Da er daran immer wieder gescheitert war, beschloss man, mit der Ernte 2003 den betreffenden Weinberg zu roden. Allerdings übernahm 2002 die nächste Generation der Müller-Catoirs das Ruder und auch im Keller übernahm ein neuer Mann. Dieser kelterte den letzten Jahrgang Spätburgunder und hatte auf Anhieb mehr Glück. Was schließlich 2005 seinen Weg in die Flasche fand, wurde preisgekrönt und von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt – schade nur, dass der Weingarten gerodet war.

Das ist die Art Geschichte, die aus Weinen Legenden macht. Der Wein musste in meinen Keller. Und ob des müden Renommees kostete der Stoff nur 14 Euro. Drei Flaschen konnte ich noch ab Gut ergattern, es seien die letzten wurde mir mitgeteilt. Eine trank ich ziemlich bald nachdem die Weine mich erreicht hatten mit meinem Vater an einem lauen Sommerabend in meinem Garten. Es war ein famoser Spätburgunder, der alles hatte, was ich von einem eher dicken Vertreter des Genres erhoffe: satte Frucht, stabile Säure, schmirgelnde Mineralik, spürbaren Holzeinsatz, Tiefe und Länge bei einer der Dichte fast widersprechenden Eleganz.

Es ist mein Fehler, dass ich bei Weinen, die Komplexität und Klasse mit noch deutlichen Spuren von Holzeinsatz und jugendlicher Frische kombinieren, stets glaube, diese Weine hätten noch ganz viel Potential. Ich neige auch dazu, dass ich mir gute Dinge immer besser Wünsche; wer mich in dieser Hinsicht gierig nennt, riskiert keineswegs meine Freundschaft. Die Hoffnung, ein Wein der besten Güte könnte mit Lagerzeit noch zu größter Klasse reifen, füllt in meinem Keller so manches Regal. Klappt nur leider nicht immer. Genau genommen geht es öfter in die Hose als es gut geht. Ich geb‘ es mir nur meist nicht zu.

Der letzte Jahrgang ohne VDP EmblemSo war es auch beim Müller-Catoir. Eine vier Jahre später getrunkene Flasche war nicht so harmonisch wie die erste. Der Wein stand eher in einzelnen Komponenten nebeneinander als das Frucht, Säure und einsetzende Reife ein harmonisches Ganzes gebildet hätten. Ich legte die letzte Flasche beiseite für sehr viel später. Dieser Tage war es dann soweit. Ich hatte Gäste und nach einer Reihe feiner Weine machte ich als Absacker für diejenigen, die noch Wein trinken mochten den Wein mit der schönen Historie auf – solche Geschichten verdienen schließlich Publikum. Leider spielte der Wein nicht mit. Er hat seinen Zenit überschritten. Er ist nicht gänzlich hinüber und er bereitet noch Vergnügen aber ich möchte meinen verlängerten Rücken zum Biss freigeben, dass ich nicht einfach mit den drei Flaschen damals eine Jungweinorgie gefeiert habe.

Müller-Catoir, Spätburgunder Auslese trocken, 2003, Pfalz. In der Nase Kirsche, Pflaume und grüne, florale Noten, dazu leichte Alterstöne. Am Gaumen feine Frucht mit Himbeere und Pflaume, dazu eine leichte Teernote, spürbares Holz, etwas grobes aber nicht störendes Tannin und leider eine nicht angenehme, vorstehende Säure und wieder grüne Noten. 14,5 % Alkohol sind hervorragend eingebunden, der Abgang ist lang aber auch etwas gezehrt.

Helden aus Holz

Was ist eigentlich ein ,kompromissloser Wein‘? Und wie habe ich mir einen ,mutigen Winzer‘ vorzustellen? Adrenalin pumpen im Keller? Zugegeben, es sind vor allem Medien, Blogger und im Internet diskutierende Verbraucher, die die Heroisierung von Weinmachern betreiben. Produzenten selber erwähnen höchstens gelegentlich, dass sie auf diese oder jene Schönung verzichten, weil ein paar Ecken und Kanten ihrem Wein gut zu Gesicht stünden. Ein noch junger aber schon renommierter Weinmacher erklärte mir neulich gar, er habe seine 2010er nur nicht entsäuert, weil er keinerlei Erfahrung damit habe und schlicht fürchtete, seine Moste zu ruinieren – Hose voll statt Heldentod. Warum sollte jemand, dessen Lebensunterhalt von verkäuflichen Weinen abhängt auch bewusst das Risiko eines Totalausfalls in Kauf nehmen?
Das Projekt ,Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft‘ von Carsten Henn bietet einen Rahmen, innerhalb dessen Winzer ein Risiko eingehen können, das Weine in Grenzbereiche des guten Geschmacks führt. Bisher ist es gut gegangen, wenngleich ich einen Mitentdecker kenne, der seine Restflaschen des letztjährigen Rosés mit der Bemerkung zurückgehen ließ, eine einmalige Begegnung mit diesem Wein genüge ihm völlig.
Für den Wein dieses Jahres hat sich Henn mit den Johners zusammengetan, um einen Spätburgunder zu kreieren, wie ihn Deutschland noch nicht gesehen hat und auf absehbare Zeit auch nicht wieder sehen wird: einen Wein mit 200% Barrique-Ausbau. Der Spätburgunder aus dem Jahr 2009 wurde 12 Monate in neuen Barriques gelagert (vergoren war er im Stahltank) und dann erneut in neue Barriques umgezogen, wo er 7 Monate zusätzlicher Aromatisierung erfuhr. Damit daraus überhaupt ein trinkbarer Wein entstehen konnte, verwendeten die Johners einen sehr spät gelesenen und entsprechend vollreifen Spätburgunder.
Das ist ein mutiger Ansatz, denn das jetzt ausgelieferte Produkt lässt sich spielend verreißen. Zwei böse Worte reichen: ,überholzte Trinkmarmelade‘. Aber das wäre eben vor allem böse und nicht sachlich, denn der vollfruchtig-mollige Stil findet sich auch in fast allen anderen Pinots von Johner, die hierzulande zu den besten Erzeugern von Spätburgunder zählen und vielfach bewiesen haben: vollreif und elegant geht gleichzeitig. Das deutet auch der  Entdeckerwein an. Seit fünf Tagen unterhalten der ,Cru de Bois‘ und ich uns jetzt. Seine Umgangsformen sind zugegeben etwas hölzern, der Plausch macht aber allemal Spaß.
Ein Biber wäre das bessere Etikettentier gewesenKarl H. Johner (und Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft), Cru de Bois (Bischoffinger Steinbuck), Spätburgunder QbA, ohne Jahrgangsangabe (2009), Baden. In der Nase über 5 Tage eine Mischung aus Kirsche und Brombeere, Holz, Rauch und Vanille, wobei mal die Vanille und mal das rauchige Holz alles überdeckt, die Frucht nur selten durchkommt. Am Gaumen am ersten Tag schwierig (Achtung: Euphemismus), ab dem zweiten Tag mit süßer Frucht (Kirsche und Brombeere), tragender Säure und viiiiiieeeel Holz. Erst am fünften Tag stellt sich eine Balance ein, bei der ich gerne ein zweites Glas trinke, obgleich das Holz alles andere als weggelüftet ist. Das faszinierende an diesem Holzgewitter ist – und das schreibe ich nicht, um krampfhaft etwas besonderes an dem Wein zu finden –, dass es nicht einfach eine Überdosis verbranntes Toast und Teer mitbringt, sondern alle interessanten Aromen, die Barriques einem Wein verleihen können: Toast, Rauch, Zedernholz, Lakritz und einiges mehr. Auch die Tanninstruktur ist beeindruckend. Der Abgang ist zwar wahnsinnig lang, das liegt aber an dem nicht enden wollenden Holzeindruck, der nicht nur toll ist. Ich freue mich sehr, ein paar Flaschen für die nächsten Jahre zu haben.
Patrick Johner weigert sich, eine Prognose des Reifeverlaufs oder optimalen Trinkzeitpunktes abzugeben. Ich empfehle meinen mutigen Mitentdeckern folgendes:
Wer eine Flasche besitzt, vergräbt sie im Keller und hält ab 2015 Ausschau nach Wasserstandsmeldungen im Internet.
Wer drei Flaschen sein eigen nennt, öffnet nächsten Winter eine, dekantiert den Wein mindestens 12 Stunden und tastet sich an ihn heran (bitte dann hier berichten).
Wer sechs Flaschen ergattern konnte, hat hoffentlich den Wein im Glas, während er das hier liest. Alles andere wäre feige!

Rufverwaltung

Seit einiger Zeit beginne ich meinen Arbeitstag mit immer dem gleichen Ritual. Ich werfe meinen Browser an und suche mit Tante Google das Web ab, was in den vergangenen 24 Stunden über unsere Firma geschrieben wurde. Desweiteren unterhalte ich offizielle Accounts bei den wichtigsten Internetforen, in denen regelmäßig unsere Dienstleistung besprochen wird. Dort logge ich mich ein und beantworte Fragen, kläre Missverständnisse und beziehe Stellung zu Kritik oder sage einfach einmal Danke für positive Meinungsäußerungen zu unserem Unternehmen. ,Reputation Management‘ ist der altdeutsche Fachbegriff für solcherlei Tun und es gehört als wiederkehrende Maßnahme mittlerweile zum kleinen Einmaleins des Marketing.

Wie hier schon verschiedentlich thematisiert, finden die meisten Winzer Marketing so hilfreich wie Zahnweh und so verwundert es nicht, dass in den dreieinhalb Jahren, die ich den Schnutentunker mit Inhalten befülle, nur ein einziger Winzer seinen Weg zu diesem Blog gefunden und einen Text in einem Kommentarfeld hinterlassen hat. Die Herren Würtz, Lippert oder Fiedler zähle ich nicht mit, die habe ich schließlich hinreichend provoziert, damit sie sich äußern.

Der Vollständigkeit halber: es war Stefan Steinmetz vom Weingut Günther Steinmetz, der seiner Freude darüber Ausdruck verlieh, dass neben ihm noch ein zweiter Mensch auf diesem Planeten seinen Schwarzriesling für unbedingt trinkenswert hält (und das sind hunderttausend zu wenig, wie ich nicht müde werde zu predigen).

Vorletzte Woche kam fast ein weiterer Fall dazu und die Parallelen sind bemerkenswert. Wieder geht es um einen Rotwein aus einem Riesling-lastigen Betrieb und der liegt Luftlinie gerade mal 900 Meter entfernt auf der anderen Seite des Flusses. Allerdings reichte es nur zu einer E-Mail. Frau Grumbach vom gleichnamigen Weingut meldete sich per Mail, um für die Besprechung des sehr schönen 2005er Spätburgunders zu danken. Parallel unterbreitete sie mir das Subskriptionsangebot für den 2011er aus ihrem Hause.

Wir hatten die Diskussion über ,Push-Angebote‘ (um bei den altdeutschen Begriffen zu bleiben) bereits hier und ich wiederhole mich: Ich empfinde Anrufe und Mails aus den Häusern Molitor, Emrich-Schönleber oder Heymann-Löwenstein als kundenfreundlich, auch wenn ich mir im Klaren bin, dass sie nicht nur aus altruistischen Motiven erfolgen. Auch beim Grumbachschen Spätburgunder ,R‘ aus 2011 vermute ich mehr als Gewinnmaximierungsintention. Das Gut hat massiv an der Selektion und Qualität gefeilt und füllt gerade einmal 900 Flaschen. Dazu hat Mario Scheuermann dem Wein 93 Punkte gegeben. Das dürfte reichen, um das bisschen Wein auch ohne aktive Ansprache von Kunden zu verkaufen. Ich unterstelle Frau Grumbach also, dass sie mich auch kontaktierte, weil sie denjenigen, die Verbundenheit mit diesem Produkt geäußert haben, die Gelegenheit zur Bevorratung geben will.

Ich habe trotzdem Nein gesagt. Aber nur, weil ich nicht mehr weiß, wie ich all den Wein in meinem Keller jemals trinken soll. Was da auch noch liegt, sind sechs Flaschen vom 2007er Spätburgunder ,R‘ aus – wer errät es? – dem Hause Grumbach. Womit habe ich da wohl dieses Jahr die Rotweinsaison eröffnet…

Ein toller Spätburgunder von der MoselGrumbach, Spätburgunder -R-, 2007, Mosel. In der Nase fruchtig, Kirsche, Himbeere und gekochte Erdbeere, viel Holz, das sich mit zunehmender Belüftung zum Glück verflüchtigt, etwas kräutrig und dezent fleischig – insgesamt würde ich die Nase durchaus als ,typisch deutsch‘ bezeichnen. Am Gaumen ist der Wein ein Schmeichler: süß, Himbeere, prägnante aber nicht dominante Säure, ein bisschen rohes Fleisch, ein bisschen Speck, dezent mineralisch, noch einiges an Holz. Ich und mein Mainstream-Gaumen finden den Wein großartig. Ich glaube aber, dass auch anspruchsvolle Weinfreunde hier auf ihre Kosten kommen. Langes Finale und der Wein zeigt Potential für weitere Jahre. Ich freue mich richtig darüber, dass ich noch ein paar Flaschen davon habe.

Männerabend oder: Kein Wein für Tucholsky

Neulich veranstaltete ich einen Männerabend. Das mag auf den ersten Blick banal klingen, doch ist das für mich etwas besonderes, setzt ein Männerabend doch zwingend die Abwesenheit von Frauen voraus. Als Vater einer dreijährigen Tochter begehe ich Männerabende daher meist auf fremdem Terrain. Doch dieses Mal waren meine beiden Frauen ausgeflogen und als Strohwitwer konnte ich unter die Veranstalter gehen. Ich lud mir meinen Bruder ein, veranstaltete also die Basisversion eines Männerabends – einen Schuss Deluxe brachten jedoch mein Grill, zwei abgehangene Rib-Eye-Steaks sowie ein paar vernünftige Weine.

Brüder sind was wunderbares, kann man doch sein ganzes Leben mit Ihnen teilen. Dabei entwickelt sich mit Glück eine gleichberechtigte Freundschaft. Während Männer für ihre Mutter nie älter als zwölf Jahre werden, lassen sich Väter bestenfalls zu einer ordentlichen Kumpanei herab, freilich ohne je ganz den Lehrstuhl zu verlassen. Bei meinem Bruder und mir spielen die jetzt weniger als 5% Altersunterschied kaum noch eine Rolle. Jeder macht sein Ding, interessiert sich für den anderen und muss kein Mütchen mehr kühlen.

Ein wenig habe ich meinen Bruder beeinflussen können, als ich ihm vor einigen Jahren auf einer gemeinsamen Moselreise Rest- und Edelsüße Rieslinge näher bringen konnte. Deswegen tranken wir einen sehr guten 2007er J.R. junior von Rosch zum Aperitif und eine phänomenale 2006er Beerenauslese von Kerpen zum Nachtisch. Zum Steak hatte ich ein paar meiner wenigen Spanischen und Französischen Rotweine zur Auswahl gestellt. Doch mein Bruder überraschte mich mit der Ankündigung, mittlerweile hätte ich ihn auch zum Deutschen Spätburgunder bekehrt und da es die nie irgendwo zu trinken gäbe, täte ich ihm einen großen Gefallen, wenn ich einen aufmachte.

Brüder sind ideale Trinkpartner für Angeberweine, kriegen sie es doch eher nicht in den falschen Hals, wenn man Weine mitsamt Preis oder Hinweisen auf ihr Renommee serviert. Es erschien mir also als gute Idee an der Mosel zu bleiben und etwas zu servieren, was man vermutlich als teuersten und besten Spätburgunder des Gebietes bezeichnen darf. Einen *** Spätburgunder von Molitor.

Männerabend DeluxeNach dem leckeren Essen, zu dem der Wein sehr mundete, saßen wir noch etwas auf der Veranda und philosophierten über Wein im Allgemeinen und die Stellung des Deutschen Spätburgunders im Besonderen, als meinem Bruder spontan folgendes einfiel: ,Erinnerst Du Dich noch an das Regal mit Deutscher Literatur in unserem Elternhaus?‘ sprach er, um sogleich fortzufahren: ,Da stand eine Taschenbuchausgabe von Tucholsky, deren Umschlag ein Zitat zierte: Liebe Herren Verleger, macht unsre Bücher billiger. Macht unsre Bücher billiger. Macht unsre Bücher billiger!‘ Herr Tucholsky griff damit die Klage eines seiner Leser auf, dass die neue Literatur sich so schwer einen Weg in die Herzen der Konsumenten bahnen könne, weil sie immer ungleich teurer als der althergebrachte Literaturkanon sei (tatsächlich schrieb ihm der Leser: Hoffentlich sterben Sie recht bald, damit Ihre Bücher billiger werden (so wie Goethe zum Beispiel) aber hier stößt die Analogie zum Wein an ihre Grenzen).

Wenn es Deutschlands Winzern ernst sei mit dem Ansinnen, ihren Spätburgunder in der Weltspitze zu verankern, dann sollten sie vielleicht nicht gleich beim ersten Achtungserfolg Mondpreise einführen, die den interessierten Laien vom Erwerb selbiger abschrecken – meinte mein Bruder. Da hat er nicht ganz unrecht, finde ich. Der Molitor, der damals 65€ kostete, was ihn schon aus dem Beuteschema ambitionierter Spätburgunder-Liebhaber katapultiert, steht mittlerweile mit über 90€ in der Preisliste. Da steige auch ich aus. Da entsteht bei mir der Eindruck, der Preis sei Mittel der Selbstverwirklichung, und ich bin Weintrinker, kein Therapeut.

Markus Molitor, Braunerberger Klostergarten Spätburgunder *** tr., 2005, Mosel. In der Nase mit sortentypischen Himbeeren, dazu Bleistiftspäne, rohes Fleisch, ansonsten eher mild. Am Gaumen ist der Wein von kräftiger Säure geprägt, ist saftig und ausserordentlich mineralisch, speicheltreibend, von mittlerem Volumen, mit sehr feinem Tannin und Anklängen von schwarzem Tee und Fliederbeeren. 14% Alkohol treten nicht weiter in Erscheinung. Der Abgang ist sehr lang, harmonisch aber nicht unendlich. Das ist ein ganz besonders schöner Wein, der unschlagbar wäre, wenn er 35 und nicht 65 Euro kosten würde.

Diese Kostnotiz entstand mit freundlicher Unterstützung meines Bruders.

Ich sprech’ Weinisch

,Spiele sind Snacks für‘s Gehirn‘ schrieb ein weiser Soziologe aus Amerika, als in den 90ern das Phänomen der Computerspiele die breiten Massen (und Büros) erreichten. Der Gehirn-Snack des 21. Jahrhunderts ist für mich facebook. Immer, wenn ich im Büro eine Arbeit erledigt habe, gönne ich mir zwei Minuten Zerstreuung mit den sozialen Medien. Leider reicht die Zeit selten um mit zu diskutieren. Das könnte ich dann am Wochenende, aber da sind die meisten Diskussionen schon gelaufen.

Also schreibe ich meine Beiträge hier ins Blog. Das hat den Vorteil, dass ich aktuelle Themen mit aktuellen Weinen verknüpfen kann – und die Beiträge bleiben mir erhalten und verschwinden nicht in den undurchsuchbaren Archiven facebooks. Einziger Nachteil ist, dass ich etwas spät bin mit meinen Thesen, sozusagen den kalten Kaffee noch mal aufwärme.

Vergangene Woche drehte sich viel um Sprache. Das Weinportal Wein Plus hatte zum ersten Mal seit langer Zeit von sich reden gemacht, indem es ein Konsensgespräch (denn so richtig gestritten wurde nicht) veröffentlichte, in dem sich Weinkritiker und -händler darauf einigten, dass Wein eine neue Sprache benötige, um die breite Masse zu erreichen.

Viel Richtiges und Wichtiges wurde dazu gesagt in diversen Weingruppen auf facebook und auch im Blog vom Würtz. Doch einen Aspekt habe ich so ein bisschen vermisst, der zwar hier und da angedeutet aber nie auf den Punkt gebracht wurde.

Sprache ist ein Kode, der von einer Gruppe von Personen zur Kommunikation genutzt werden kann, die gemein haben, dass sie den Kode beherrschen. Jede Weinsprache, egal ob alt oder neu, grenzt mithin jene aus, die sie nicht kennen. Wein den Massen näher bringen kann man  einzig, indem man die Sprache der Massen verwendet, in diesem Fall also Deutsch.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich glaube fest, dass Wein eine eigene Sprache verdient, zumindest da, wo allgemeines Deutsch nicht ausreicht. Für den einen bitzelt es auf der Zunge, für den anderen kratzt es, dann hat sich das Deutsch auch schon erschöpft – wo Weintrinker mit begriffen wie mineralisch, grün, phenolisch oder schlicht ,von (zuviel) Gährkohlensäure geprägt‘ für sehr unterschiedliche Formen des Bitzeln und Kratzens erhellende Formulierungen finden. Die häufig geäußerte Forderung, sich kurz zu fassen bei den Weinbeschreibungen, haut mit Fachvokabular vermutlich besser hin.

Aber es kommt auf einen Versuch an. Also beschreibe ich heute mal zwei Weine mit Worten, die jeder kennt und beschränke mich auch auf Aromen, die jeder identifizieren kann, der älter als 12 Jahre und schon einmal in einer Küche gewesen ist.

Wein 1. In der Nase ist der Wein intensiv, er wirkt regelrecht parfümiert oder duftig. Eine bestimmte Frucht lässt sich schwer benennen, vielleicht Birne. Vor allem riecht er nach Heu und ein wenig nach Nuss, außerdem blumig und zu einem erheblichen Teil nach Trauben (was bei Wein ja witzigerweise eher selten vorkommt). Im Mund ist der Wein viel leichter, als man dem Geruch nach vermutet hätte. Er schmeckt mild, hat keinen sehr intensiven Eigengeschmack und wirkt sehr leicht, auch weil er nur 11,5% Alkohol hat. Das ist ein Wein für warme Abende, den man auch zur Schorle verdünnen kann, wenngleich er dafür vielleicht zu gut ist. Er hat sehr wenig Säure, ist überhaupt nicht kratzig oder anstrengend. Der Geschmack erinnert mich sehr an den Saft von Dosenmandarinen, wenn man sich nur das Aroma vorstellt und jegliche Süße wegdenkt, denn der Wein ist absolut trocken. Der Nachhall dauert mittelmäßig lang. Ich finde den Wein sehr gut, weil er ausgesprochen süffig und sommertauglich ist, ohne banal zu sein – einfach und lecker. Eine echte Granate ist er, wenn man bedenkt, dass der Wein gerade einmal 5,20€ kostet.

Zwei mal gelesen und über drei Tage mit dem Wein verglichen, finde ich das Ergebnis dieser Beschreibung sehr nah an den Sinneseindrücken. Ich habe nicht dazu geschrieben, welcher Wein es war. Wer Lust hat zu raten, hinterlässt einen Kommentar. Irgendwann im Laufe der Woche kommt die Auflösung. Hier noch ein zweiter:

Wein 2. Steckt man die Nase ins Glas, dann riecht das, als beuge man sich in der Küche über eine Arbeitsplatte, auf der gerade jemand zweieinhalb Kilo rohes Rinderfilet zu Tournedos geschnitten hat. Ein Zweig Thymian und Rosmarin liegen auch schon bereit. Leider hat sich der Koch heftig in den Finger gechnitten, denn es riecht nach Blut. Frucht hingegen ist Mangelware. Wenn man sich ganz doll einbildet, da müsse auch Frucht zu erschnuppern sein, findet man vielleicht Himbeeren. Im Mund entsteht dann der Eindruck, man sei selber der Koch gewesen und stecke sich zwischendurch immer mal den blutenden Daumen in den Mund, aber das ist nur ein Aspekt. Es fällt zunächst auf, dass der Wein einiges an Säure besitzt, er ist nicht besonders dick und dieses schöne (oder furchtbare) pelzige Mundgefühl, dass der leckere Australier immer macht, das sucht man hier vergebens. Er wirkt kühl und frisch, wie ein Mentholbonbon (aber nicht so extrem), schneckt auch ein bisschen fruchtig süß (da ist tatsächlich Himbeere). Im Nachhall ist der Wein von der Säure geprägt und von einem leichten Kratzen. Der Wein hat 13% Alkohol aber das merkt man nicht. Er wirkt sehr lange nach und zieht die Säfte im Mund zusammen, so dass man immer mehr davon trinken möchte. Den findet man entweder schrecklich oder wird süchtig davon. Nennt mich Junkie!

Der erste Wein war eher einfach zu beschreiben. Beim zweiten musste ich zumindest auf Aromen zurück greifen, die ein Mensch ohne Weinerfahrung vermutlich nicht sofort assoziiert. Aber wenn der Wein für jemanden mit einer gewissen Trinkerfahrung doch so schmeckt? Man kann versuchen, das Wort ,Abseits‘ durch den Terminus ,Wenn der Schiri pfeift und die Frauen verstehen nicht warum‘ zu ersetzen (da geht sie hin, meine weibliche Leserschaft), aber würden sich dann mehr Damen für Fussball interessieren? Dazu müsste man das Abseits an sich abschaffen, was vermutlich den Fußball ruinierte. Was ich sagen will: Wir lieben doch komplexe Weine. Und solange diese so schmecken, wie sie schmecken, benötigt man ein wenig Vokabular, das zumindest nicht alltäglich ist. Dieses auf ein Minimum zu reduzieren, ist vornehme Pflicht jedes Weintrinkers, der sich öffentlich dazu äußert. Oder auf Deutsch: weniger wichtig machen, niemals Leute mit weniger Ahnung ausgrenzen, dann darf man Wein auch mineralisch nennen.

Date Night

Ich bin kein Gastrokritiker und deswegen gibt es hier nur alle drei Jahre mal eine Notiz zu einem Restaurant. Man sollte also seine Restaurantauswahl nicht nach meinem Urteil ausrichten. Doch gestern habe ich etwas erlebt, was ich berichtenswert finde. Und Restaurants spielen eine Hauptrolle in diesem Stück, gemeinsam mit einem tollen Wein.

Ich war mit meiner sehr viel besseren Hälfte zu unserem wöchentlichen gemeinsamen Restaurantbesuch verabredet. Wir nennen das Date Night, weil wir es in unserem Leben verankert haben, während wir im englischsprachigen Ausland lebten. Gestern hatten wir uns dafür das Borchardt ausgesucht, ein eher edles Restaurant in Berlins Zentrum. Es ist für zwei Dinge legendär: sein Wiener Schnitzel (obwohl es eigentlich ein Französisches Restaurant ist) und seinen unfreundlichen Service.

Fünf Minuten nach der Zeit unserer Tischbestellung kamen wir an, um zu einem gerade leer geräumten Tisch geführt zu werden. Die Tische standen unendlich eng und der Lautstärkepegel zur Hauptspeisezeit war beeindruckend. Auf die Frage nach einem Aperitif antwortete ich ,Wir hätten gerne ein Glas Sekt‘, was der Kellner mit genau drei Worten beantwortete: ,Prosecco oder Champagner‘. Wir entschieden uns für den Champagner, der schnell gereicht und geizig dosiert war. Während wir uns zuprosteten, wurde der Tisch gedeckt, aufgrund der Enge, wurde meiner Frau das Besteck nur den halben Weg über den Tisch geschoben. Die umliegenden Tische wurden in Lichtgeschwindigkeit von leergegessenen Tellern befreit und alles machte den Eindruck, als ginge es in diesem Restaurant darum, die Tische möglichst oft pro Abend zu besetzen. Kurzum, das Borchardt eignet sich für ein Candlelight Dinner ungefähr so gut, wie eine Verkehrsinsel auf dem Potsdamer Platz.

Ein Blick auf die Weinkarte zeigte den Gutssilvaner vom Weingut Keller für 45 Euro, auch der Rest sah nach fünffachem Weingutspreis aus. Verzweiflung machte sich breit. Ein Blick in das Gesicht meiner Frau zeigte, auch sie war mittlerweile auf schlimmes gefasst. Da hatten wir beide den gleichen Einfall: Lass uns den Champagner bezahlen und ein anderes Restaurant aufsuchen.

Der unfreundliche Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Als meine Frau ihm unser Anliegen schilderte – er hatte sich für mich unerreichbar hinter meinem Rücken positioniert – fragte er, ob etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Als meine Frau diplomatisch antwortete, wir hätten Date Night und dies sei wohl doch nicht der beste Ort dafür, passierte erstaunliches. Der Kellner strahlte über das ganze Gesicht und gab freimütig zu, dafür hätte er vollstes Verständnis und meine Frau habe absolut recht. Er wurde die Freundlichkeit in Person, brachte Rechnung und Regenschirm und verabschiedete uns herzlich. Wäre ich Zyniker, müsste ich schlussfolgern, die Verachtung für diejenigen, die sich schlecht behandeln lassen und allerlei ertragen, nur um einmal im Borchardt gewesen zu sein, schlug um in Respekt für ernstzunehmende Gäste.

So gut kann Deutscher Spätburgunder seinWir zogen weiter in die Gendarmerie, ein zur Lutter&Wegner-Gruppe gehörendes gehobenes Restaurant mit einem beeindruckenden Speisesaal. Und da war – ich muss es so pauschal sagen – einfach alles besser. Der Service freundlich, der Abstand zum Tischnachbarn angemessen, die Beleuchtung und Lautstärke gedämpft, die Weinkarte vernünftig kalkuliert – und es gab Sekt. Das Essen war ausgezeichnet aber das soll es im Borchardt auch sein. Endgültig versöhnen konnte uns dann der gewählte Wein.

Jean Stodden, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2004, Ahr. Eine viertel Stunde Luft brauchte er lediglich, dann ging es rund. In der Nase ein bisschen Stall, viele Kräuter, wenig Schuhcreme und reichlich rohes Fleisch, dazu dezente Noten von Kirsche und dunklen Beeren. Am Gaumen ist der Pinot sehr saftig, voll, mit strammer Säure, viel Frucht (Kirsche und Himbeere), Rauch und Fleisch sowie einer straffen Mineralik. Der Abgang ist endlos, genau wie das Vergnügen. Ich fand ihn Weltklasse.

Und im Borchardt war ich jetz auch einmal.

K(l)eine Geschichten zu Großen Gewächsen (5)

Manchmal gibt es gar nicht so viel zu erzählen zu den Weinen, die ich trinke. Hier sind drei, die ich aber keinesfalls unterschlagen möchte.

Ich gebe zu, dass es mir unmöglich ist vorurteilsfrei an einen Christmann-Riesling heranzugehen. Ich habe so selten – vielleicht auch noch gar nicht – einen Riesling von diesem Gut getrunken, der mir verständlich machte, warum es über so großes Renommee verfügt (beim Spätburgunder bin ich bekehrt). Aber dieser Wein ist ein Anfang. Ich finde ihn besser als das Riesling GG aus dem IDIG aus gleichem Jahrgang und er ist gemessen am Spass im Glas vernünftig bepreist.

Riesling Mandelgarten GG 2005Christmann, Riesling Mandelgarten GG, 2005, Pfalz. In der Nase ganz klassisch und jahrgangstypisch: reife Aprikose, Pistazie, süßlich und etwas breit aber verführerisch und mit einem Hauch Petrol. Am Gaumen ein sattes Pfund, das aber nicht übertrieben daher kommt: wieder reife Frucht von Apfel und süßer Aprikose. Der Wein ist barock und ausladend. Da er aber auch extrem mineralisch, fast kreidig ausklingt und die Säure immer noch akzentuiert ist, finde ich ihn sehr harmonisch. 13 % Alkohol sind prägend aber nicht dominant. Der Mandelgarten kleidet den Mund aus, ist gereift und würzig aber nicht zu schwer. Im Kontext ,Pfalz 2005‘ ist er ein feiner und sehr gut gelungener Riesling, der mit seinem ewig langen Abgang zusätzliche Punkte sammelt.

Und noch ein Wein, dessen Etikett mich nicht unberührt lässt: über Chat Sauvage ist schon viel geschrieben worden, in der Presse überwiegend positiv, in Blogs und auf Facebook eher verhalten. Ersteres mag an den tiefen Taschen des Inhabers, eines Bauunternehmers aus Hamburg, liegen, die manch Verleger Hoffnung auf bezahlte Anzeigen machen (da sollte die Berichterstattung nicht allzu kritisch sein), letzteres vielleicht an Neid und Missgunst, der erfolgreichen Menschen hierzulande viel zu häufig entgegenschlägt. Allerdings darf sich Chat Sauvage Eigner Schulz nicht wundern, dass sich manch Winzer der 11. Generation ein wenig angepinkelt fühlt, wenn er in der Zeitung lesen darf, sein neuer Nachbar würde mal eben das ,Deutsche Romanée-Conti‘ aufbauen, nachdem er die ersten 50 Jahre seines Lebens Kalk nur als Baustoff kannte. Mir soll‘s egal sein, ich trinke nur Wein – und dieser hier hat den Wow-Faktor.

Chat Sauvage, Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder Erstes Gewächs, 2006, Rheingau. In der Nase Rauch, Speck, Himbeere, Brombeere, Kirsche sowie ein bisschen Sauerkraut, jedoch unter der Grenze zum Unangenehmen. Am Gaumen von mittlerem Volumen und mit einer tollen Mischung aus süßer Frucht (Kirsche und Himbeere), kräftiger Säure und sehr geschmeidigem Tannin – das ergibt diese Saftigkeit, bei der ich mich immer in Acht nehmen muss, nicht die ganze Flasche an einem Abend zu leeren. Das Holz und der Alkohol tun das, was sie sollen: dem Wein etwas Kontur verleihen ohne sich in den Vordergrund zu spielen. 13 % Alkohol sind zudem sehr verträglich. Der Abgang ist sehr lang und verhalten mineralisch. Um groß zu sein, mangelt es dem Spätburgunder an Tiefe, ein großes Vergnügen ist er auf jeden Fall.

Den folgenden Wein hatte ich – Etikett hin oder her – abgeschrieben und weil für 23 Jahre alte Tropfen gilt, dass jede Flasche unterschiedlich schmeckt, einfach beschlossen ihn nicht weiter zu erwähnen. Das war um so bedauerlicher, weil er von Bernhard Fiedler stammt – genau genommen von Bernhards Herrn Papa, denn ich vermute, als der `89er entstand, hat Bernhard noch am Abi gebastelt (Oh verzeihen‘s Herr Geheimrat, Matura natürlich!). Doch nach schlappen 6 Tagen im Kühlschrank (offene Flasche) trat eine Wandlung zum (sehr) Guten ein, die es wert ist, beschrieben zu werden.

Grenzhof Fiedler, Neuburger Ausbruch, 1989, Neusiedlersee/Hügelland, Österreich. In der Nase Aceton, Kaffee, Karamell, keine Frucht, stattdessen jede Menge Würze. Am Gaumen Kaffee, Toffee, Karamell, etwas Apfel und Aprikose, sehr süß wenngleich immer noch mit schöner Säure. Insgesamt etwas klebrig, im Abgang wenigstens würzig – dieser Abgang ist für einen ,Ausbruch‘ jedoch etwas kurz. Ziemlich lecker aber jetzt auch über den Zenit – soweit mein Eindruck am ersten Tag. Der Rest stand 6 Tage im Kühlschrank (zum Wegschütten zu schade, zum Unter-der-Woche-trinken nicht spektakulär genug), bevor ich ihn wieder probierte. Und der Wein roch plötzlich intensiv nach Honig, am Gaumen zeigt sich rosinige Frucht, die Süße ist nicht mehr klebrig, Toffee und Kaffee sind immer noch dabei, Madeira lässt grüßen. Der Wein ist alles andere als über den Zenit – eher ein vergleichsweise frisches Altweinvergnügen – alte Weine muss man allerdings mögen, um sich an dieses Cola-farbene Getränk zu wagen.

K(l)eine Geschichten zu Großen Gewächsen (4)

Manchmal gibt es gar nicht so viel zu erzählen zu den Weinen, die ich trinke. Hier sind drei, die ich aber keinesfalls unterschlagen möchte.

Drei verschiedene Große Gewächse macht das Weingut Heymann-Löwenstein aus dem Winninger Uhlen. Meine Erfahrungen der letzten Jahre veranlassten mich dazu, in den zurückliegenden GG-Kampagnen nur noch den Uhlen-R zu kaufen (2010 habe ich mir auch das geschenkt, was Berichten von Freunden zufolge ein Fehler gewesen sein könnte). Um es drastisch zu sagen: bei Uhlen-L und Uhlen-B habe ich eine ganze Menge Frösche geküsst um verhältnismäßig wenige Prinzen zu treffen. Deswegen will ich nicht verschweigen, dass der folgende ein echter Prachtprinz war:

Heymann-Löwenstein, Uhlen B, 2005, Mosel. Da präsentiert sich große Dichte in der Nase, Aprikose, Grapefruit und Apfel aber auch Walnuss, eine leicht medizinale Note und ein Rest Sponti-Stinker – trotzdem riecht das sehr sympathisch, irgendwie fröhlich auf Krawall gebürstet. Am Gaumen finde ich den Riesling ziemlich trocken für einen Löwensteinschen Uhlen, saftig, mit einigen Gerbstoffen, reifer Säure, unauffälligen 12,5% Alkohol und wiederum einer leicht nussigen Note. Dörraprikose ist die dominierende Frucht. Reichlich Würze und getrocknete Kräuter belegen das mittlerweile fortgeschrittene Alter des Weins. Mächtige Mineralik zeigt sich vor allem im sehr langen Abgang. Erinnert mich irgendwie an Weine von Kühn aus dem gleichen Jahr und ist vermutlich nicht Jedermanns Sache. Mir gefällt der Uhlen B in diesem Zustand ausnehmend gut.

Als ich das `07er Ungeheuer 2009 zum ersten Mal trank, präsentierte sich der Wein sehr vielschichtig und ich kaufte einige Flaschen nach. Stand heute wäre das nicht unbedingt nötig gewesen, aber das Bild kann sich natürlich mit weiterer Reife wandeln:

Reichsrat von Buhl, Forster Ungeheuer, Riesling GG, 2007, Pfalz. Eine Klassische Pfälzer Rieslingnase, vor allem mit Aprikose und mürbem Apfel sowie allen weiteren üblichen Zutaten. Am Gaumen schön gereift und wieder sehr klassisch mit kantiger Säure, kräftiger Mineralik, süßer Frucht (obwohl sich der Wein insgesamt ziemlich trocken anfühlt), unauffälligem Alkohol (13%) und langem Abgang. Das ist Riesling pur – nicht mehr und nicht weniger.

Das Pfälzer VDP-Weingut Bernhart kenne ich nur, weil einr Händler meines Vertrauens den Spätburgunder Rädling auf seiner GG-Subskriptionsliste führt. Reflexartig ordere ich meistens eine Flasche davon. Nun habe ich erstmals eine getrunken. Meine Neugierde auf das restliche Sortiment des Gutes hat er nicht stimulieren können. Das ist zwar unfair bei nur einem gekosteten Wein aber wie ging noch ein alter Blues-Klassiker: ,So many vintners so little time…‘:

Bernhart, Spätburgunder ,Rädling‘ GG, 2005, Pfalz. In der Nase Blaubeere und Brombeere, etwas Jogurt, insgesamt fruchtig, fröhlich und nicht sehr tief. Am Gaumen besser: feines Tannin, schönes Holz, fruchtig mit den gleichen Beeren – der Rädling könnte noch mehr Konturen haben und Aromen aus dem kräutrig-fleischigen Spektrum zeigen, dann wäre er große Klasse. So ist er ein hervorragender Spätburgunder, der so eben als GG durchgeht

Und plötzlich ging die Sonne auf

Weinproben werden überschätzt. Ich meine damit nicht nur die Ergebnisse (ich habe das Lied oft genug gesungen, dass sieben Minuten Zeit und fünf Zentiliter im Glas nicht reichen, um einem richtig guten Wein gerecht zu werden), auch das Vergnügen, dass eine Probe bereitet, wird in meinen Augen oft überhöht dargestellt. Denn neben dem schönen Erlebnis, sich an einem Abend einen Überblick über ein Weinthema erschmecken zu können, steht auch der Stress, zehn Mal, zwölf Mal oder gar noch öfter binnen kürzester Zeit etwas gehaltvolles über einen Wein sagen zu sollen. Besonders stressig wird es als Veranstalter, denn dann müssen Hirn und Sinne neben dem Weinsensorikprogramm auch noch den Subprozess ,Gastgeber‘ laufen lassen. Und das unter erschwerten zeitlichen Bedingungen: während die Gäste schon den nächsten Wein beschnuppern, steht man selbst noch mit dem Brotmesser in der Hand in der Küche.

Vor Jahren, als ich mich in Weinforen tummelte, in denen nach Proben die Teilnehmer ihre Notizen veröffentlichten, konnten solche Abende in echte Arbeit ausarten. Seitdem ich blogge, habe ich mir ein Stück Freiheit zurück erkämpft. Ich veröffentliche keine Notizen zu Weinen, die ich bloß probiert habe. Also schreibe ich nur noch wenig bei Proben – manchmal gar nichts. In meinem heimatlichen Weinkreis ist es üblich, dass alle Teilnehmer am Ende das Teilnehmerfeld nach Gefallen sortieren. Also notiere ich genau so viel, wie für die Erledigung dieser Aufgabe nötig ist. Wenn nach einer Probe noch so viel von einem Wein übrig bleibt, dass ich ein oder zwei Gläser davon trinken kann und der Wein seine Form über zwei Tage hält, gibt es hier im Blog eine Verkostungsnotiz.

Anfang dieser Woche veranstaltete ich eine Weinprobe mit 12 Spätburgundern des Jahrgangs 2005 aus Deutschland.  Große Namen waren dabei: Becker, Kuhn, Adeneuer und etliche andere Spitzenerzeuger. Die Probe begann sehr gut, die ersten Weine von Molitor und Salwey wussten zu gefallen. Dann fielen wir etwas in ein Loch, die Weine mundeten erst nicht so gut, dann kam ein Korkfehler ins Spiel und das Niveau blieb auch danach lediglich anständig. Die Gespräche schweiften ab, die Verkostung wurde etwas zäh. Doch bei Wein Nummer Zehn wurde es erst still und dann konzentrierte sich die Runde ganz ohne weitere Mahnungen des Gastgebers wieder auf die Probe. Die Sonne ging im Glas auf und der Wein sprach zu uns. So gab ich auch meine Zurückhaltung bezüglich des Schreibens auf und notierte, was der Wein diktierte. Beim elften Wein passierte das, was keiner zu hoffen gewagt hatte: er setze noch einen drauf – wenngleich ich zu denen gehörte, die beide Weine gleich stark sahen.

Beim Aufdecken dann die Überraschung, Wein Nummer Zehn war der günstigste im Feld, eine Auslese von Steinmetz. Mich hat das auch deswegen gefreut, weil ich vor einiger Zeit die Behauptung aufgestellt habe, dass die Spätburgunder Auslesen von Stefan Steinmetz es in einer landesweiten Blindprobe in das Feld der besten 50 Spätburgunder aus deutschen Landen schafften – wo sie dann mit 13€ einsame PLV-Sieger wären. Der Sieg ging an einen Wein von Ziereisen.

Da von beiden noch ein ,Viertele‘ übrig blieb, das ich am folgenden Abend einer ausführlichen Probe unterziehen konnte und sich dabei meine Notizen bestätigten hier also das Protokoll.

Günther Steinmetz, Spätburgunder Auslese trocken * Barrique, 2005, Mosel. In der Nase von allem etwas, was einen schönen Spätburgunder ausmacht, Frucht, Kräuter, Holz, Fleisch. Kirsche und Himbeere, Leder, Rauch, Speck und Rosmarin und wenn man 5 Minuten später die Nase wieder ins Glas hält, kommt ein Schwung neuer Eindrücke. Am Gaumen ist der Wein wunderbar balanciert: da ist noch deutliches Holz schmeckbar, aber nicht zu verbrannt oder rauchig; Tannin ist vorhanden und ,kratzt gerade richtig‘, die Säure trägt den Wein ohne zu dominieren und die Frucht ist verhalten süß. Im Vordergrund steht am ehesten Kräuter und Würze und die ernsthafte Art. Der Alkohol spielt nur die zweite Geige, 13,5 % sind genau richtig. Der Abgang ist sehr lang und etwas rauchig. Ganz wunderbarer Wein.

Ziereisen, Spätburgunder ,Jaspis‘ Alte Reben, 2005, Baden. In der Nase ebenfalls das ganze Paket, allerdings etwas fruchtiger mit viel süßer Himbeere – ich finde ihn dadurch einen Hauch weniger spannend. Am Gaumen macht der Jaspis Boden gut. Das Holz ist noch feiner, Frucht und Säure spielen noch etwas eleganter miteinander, die Noten von Blut, Rauch, Speck lassen Vorurteile vor Spätburgundern aus Deutschland verblassen. Der Abgang ist ebenfalls ewig lang und auch beim Jaspis liegt der Alkohol bei angenehmen 13,5 %.

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