Mit ‘Nahe’ getaggte Artikel

Riesling für die Lampe

Neulich stolperte ich über einen Artikel von Jens Priewe, dem Kopf hinter der Webseite ,Weinkenner.de‘. Es handelt sich um einen schon älteren Beitrag zur Debatte darüber, ob die Deutschen ihrem Wein genügend Achtung entgegen bringen. Leider werden solche Diskussionen fast ausschließlich auf Facebook geführt und wer seine Artikel dort nicht verlinkt (wie Herr Priewe), der findet kaum statt. Also dauerte es auch bei mir eine Weile und war letztlich dem Zufall geschuldet, dass ich dieses lesenswerte Stück im Netz fand. Eine Anekdote fand ich besonders bemerkenswert, weswegen ich mir erlaube, sie vollständig zu zitieren:

Vor ein paar Wochen organisierte ich für eine Gruppe von Rechtsanwälten eine Weinprobe mit deutschen Rieslingen. Die Herren gaben zu, noch wenig von Wein zu verstehen. Aber sie waren bereit zu lernen. Ich setzte ihnen also blind acht Weine vor: zwei Gutsweine, zwei Ortsweine, zwei Terroirweine, zwei Große Gewächse. Alles Jahrgang 2011 und von renommierten VDP-Erzeugern. Was schmeckte den Herren am besten? Die Gutsweine. Was am wenigsten? Die Großen Gewächse.

Im Folgenden führt Priewe aus, dass den Deutschen der Genuss an geschmacklichen Vergnügen abginge. Andere Völker hätten den Wunsch nach Genuss in der DNA, während wir eher technikbegeistert seien.

Richtig gute Artikel inspirieren ihre Leser – zu was auch immer. Dieser inspirierte mich in den folgenden Tagen eher einfache Weine zu trinken. Da ich geschmacklich etwas trainiert sein mag, erwartete ich mir keinerlei Erkenntnisse, die die Thesen von Jens Priewe unterstützen oder widerlegen könnten, ich fand es einfach nur mal wieder spannend, ein wenig kleinere Gewächse zu trinken.

Da ich keine Gutsrieslinge in Griffweite hatte, kamen die Rieslinge ,Tonschiefer‘ und ,Mineral‘ von den Weingütern Dönnhoff und Emrich-Schönleber ins Glas. Die sind für manche schon Festtagsweine und teurer als die meisten trockenen Spätlesen deutscher Nicht-VDP-Erzeuger. Trotzdem fand ich, dass sie deutlich simpler als ein durchschnittliches GG sind.

Tonschiefer_MineralEmrich-Schönleber, Riesling trocken ,Mineral‘, 2011, Nahe. In der Nase frisch und etwas säuerlich, grüner Apfel, etwas Aprikose und leicht blumig. Am Gaumen eine für diesen Jahrgang krasse Säure, ein kleiner Bitterton, sehr viel grüner Apfel bei mittlerem Volumen. 13% Alkohol fallen nicht weiter auf. Der Abgang ist mitellang, der Wein nicht wahnsinnig spannend (vielleicht etwas zu jung) aber sehr ordentlich.

Dönnhoff, Riesling trocken ,Tonschiefer‘, 2009, Nahe. In der Nase Aprikose und mürber Apfel sowie etwas verbranntes Gummi. Am Gaumen saftig, mit milder Säure, fruchtig süß mit Aromen von Mandarine, Ananas und Aprikose, ordentlichem Spiel. Er ist mineralisch, zeigt würzige Reife und einen relativ langen Abgang. Das ist der bessere der beiden Weine, der mir sehr viel Spass macht.

Und dann kam doch noch eine Erkenntnis, die sich vielleicht auf die Anwälte übertragen lässt. Beide Weine entwickeln einen deutlich höheren Trinkfluss als die GGs aus gleichem Hause. Und vielleicht ist der Deutsche, der die Dinge ja gern gründlich tut, der Meinung, wenn ich schon mal Alkohol trinke, dann trinke ich auch ordentlich Alkohol, lasse das Auto stehen und erlebe einen ,fröhlichen‘ Abend. Und dazu sind diese Weine viel besser als die GGs aus gleichem Hause geeignet. Ich schaffe auch kaum eine halbe Flasche eines Halenberg an einem Abend. Als Weinfreak habe ich aber vielleicht nicht die Einstellung, dass nur die Weine gute Weine sind, mit denen man sich ordentlich die Lampe anzünden kann…

Bibergipfel

In der Gastronomie dominiert noch der Jahrgang 2010, daheim traue ich mich zunehmend an die 2007er heran – für mich als Rieslingtrinker herrschen säurereiche Zeiten. Kein Wunder, dass mein Magen mir da immer öfter zuruft: ,Mach mal cremig, Digger‘ (mein Magen und ich pflegen einen recht formlosen Umgang). Und cremige Weine sind in meinem Keller vor allem im Holzfass ausgebaute Weissweine aus Burgundersorten. Drei davon gab es in den letzten Wochen, die mich richtig glücklich gemacht haben.

Strahlender WeißburgunderDönnhoff, Weissburgunder -S-, 2007, Nahe. In der Nase wunderbar, typisch, Mandarine, Haselnuss, Holz, Nougat, cremig aber nicht zu breit oder fett. Am Gaumen mit kräftiger Säure, spürbarem Holz, schöner Frucht (Ananas, Mandarine), etwas Mineralik. Ein Weissburgunder mit viel Tiefgang, der dank der Säure straff wirkt, obwohl er reichlich Holz mitbringt. Der Abgang ist ausgesprochen lang. Stärker als 2006 aber nicht so grandios wie 2005, der allerdings auch seinesgleichen suchte. In der diesjährigen Preisliste taucht bei Dönnhoff erstmals ein Chardonnay auf neben einfachem und S-Klasse Grau- und Weissburgunder sowie dem tollen Doppelstück.. Ich hab bestellt und bin gespannt. Dönnhoff wird für mich mehr und mehr zu Deutschlands weißem Burgunderpapst, was irgendwie albern klingt, ist er doch schon Rieslingguru und kommt auch noch von der Nahe.

Schloss Proschwitz, Weißburgunder ,Drei Musketiere‘, 2005, Sachsen. Hier ist der Burgunder für mich schon eher zuhause. Aber die Herkunft gibt keinen Bonuspunkt, den gebe ich der Nase: Der Wein riecht nach Nutella und ich mag Nutella! Zusätzlich findet sich Räucherkammer, blonder Tabak, Aprikose und Birne – süß, schön aber ganz schön zugeholzt. Am Gaumen gefällt eine feine aber spürbare Säure, Aromen von Haselnuss, Mandarine, Birne, Toffee – und ganz schön viel Holz. Der Weissburgunder ist mächtig aber nicht brandig. Der Kellermeister hat der Versuchung widerstanden, den Wein aufzupumpen und so sind 13% Alkohol bestens eingebunden. Überhaupt ist in diesem Wein alles ganz wunderbar integriert und gereift. Der Abgang ist cremig, wahnsinnig lang und betont Toffee und Sahnekaramell – furchtbar lecker.

Arrowood, Grand Archer, Chardonnay, 2000, Sonoma County, Kalifornien. Ein wenig skeptisch bin ich bei den deutschen Burgundern hinsichtlich der Alterungsfähigkeit. Was ich bisher an zehn und mehr Jahre alten Weinen getrunken habe, war eher unter dem Gesichtspunkt ,für sein Alter‘ als guter Wein zu bezeichnen. Doch ähnliches hat man wohl auch mal den Kaliforniern nachgesagt, als die den Franzosen Konkurrenz machten. So lauten zumindest die Geschichten, die die Altvorderen mir überlieferten. Dieser hier ist was die Alterungsfähigkeit anbelangt längst in einer olympischen Klasse unterwegs. In der Nase Holz, Haselnuss, Aloe Vera und Quitte. Der Wein duftet noch sehr frisch wenngleich nicht mehr jugendlich. Auch am Gaumen geht‘s dynamisch zur Sache, Die Säure ist spritzig, der Wein aber vor allem cremig (!), der Alkohol liegt bei moderaten 13,5 %, was der kräftige Kalifornier locker wegsteckt. Sortentypische Aromen in harmonischem Zusammenspiel: Mandarine, Melone, Pistazie und Rauch. Der Wein hat eine kräftige Portion Holz abbekommen aber die hat er mittlerweile bestens verdaut. Der Abgang ist lang und ein wenig mineralisch. Ich finde den Wein genial und glaube, dass er noch etliche Jahre durchhalten wird. Eine Flasche habe ich noch und werde berichten, spätestens, wenn mein Magen mir beim Genuss der 2008er Rieslinge in ein paar Jahren ein ,Mach mal cremig, Digger‘ zuruft.

Simple Genüsse (10)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Saubere Pfälzer Spätlese trockenMüller-Catoir, Haardter Bürgergarten, Riesling Spätlese trocken, 2007, Pfalz. In der Nase präsentiert sich ein klassischer Pfälzer Riesling: Apfel, Zitrus und Aprikose mit etwas Malz und Aloe Vera. Am Gaumen findet sich vieles davon wieder: zunächst dominieren Zitrus und Apfel, später kommt Aprikose dazu bevor es nach einigen Stunden in Richtung Grapefgruit geht. Dazu ist der Wein leicht malzig und wirkt sehr trocken, dicht und voll. Der Wein ist eher barock, 13,5% Alkohol sind aber vernünftig integriert. Pfälzer Kraft trifft im ziemlich langen Abgang auf eine feine Mineralik. Macht viel Spass und ein bisschen satt.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling trocken, 2009, Nahe. In der Nase ein leichter Stinker aber auch frische Zitrusaromen, dazu etwas Aloe Vera. Am Gaumen kräftige Säure, einige Gerbstoffe, Aromen von Zitrus und Grapefruit, leichte Mineralik, ziemlich trocken und mit festem Kern. Schönleber, Haag und Dönnhof sind für mich Erzeuger, deren Lagenweine aus den besten Gemarkungen so gut sind, dass ich eigentlich kein Großes Gewächs mehr benötige. Zu dieser Regel gibt es Ausnahmen – wie diese. Für mich ist der Wein straff und gut aber keine Sensation – derzeit deutlich eindimensionaler als ich es erwartet hatte.

Max Ferd. Richter, Mülheimer Helenenkloster, Riesling Spätlese, 2007, Mosel. Die Nase ist wunderschön, denn zum üblichen Riesling-Mix (siehe oben) und etwas jugendlicher Hefe kommt bei diesem Wein noch Melone, Mango und Papaya. Das riecht herrlich süß und geht am Gaumen gleich so weiter. Süß und saftig wirkt der Wein, mit einer ordentlichen Säure, tropischen Fruchtaromen, vibrierender Frische, die auch von etwas Kohlensäure herrührt. Der Abgang ist sehr lang und süß. Dem Wein fehlt es an Mineralik aber für mich muss nicht jeder Riesling mineralisch schmecken. 8,5% Alkohol passen sehr gut zu dieser hervorragenden fruchtsüßen Spätlese.

 

Frohes neues Jahr

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein glückliches neues Jahr 2012 und allzeit drei Finger hoch trinkbaren Stoff im Glas. Für mich ging Samstag ein turbulentes Jahr zu Ende. Ich war viel unterwegs und habe es so nur auf 53 Blogbeiträge gebracht. Das ist halb so viel wie in den ersten beiden Jahren meiner Bloggerei. Der gute Vorsatz zum neuen Jahr lautet also: häufiger schreiben.

Am letzten Abend des alten Jahres gab es zwei sehr spannende Weine zu trinken. Zunächst ein großes Gewächs, das trotz stattlichen Alters mit außergewöhnlicher Jugendlichkeit punktete, danach eine Beerenauslese mit Sauternes-Charakter.

Dönnhoff, Norheimer Dellchen, Riesling Großes Gewächs, 2005, Nahe. In der Nase einerseits vollreife Aprikose, andererseits aber auch Grapefruit- und Zitrusnoten, dazu etwas Aloe Vera und Kräuter – das ist sehr spannend und anziehend. Am Gaumen wahnsinnig mineralisch und mit kräftiger Säure, bei sehr vollem Mundgefühl wirkt der Riesling erst recht trocken, im sehr langen Abgang dann etwas süßer. Die Frucht pendelt lustig zwischen Apfel und Aprikose über Grapefruit zu intensiver Maracuja und wieder zurück. Ein großer Wein ändert sich ja gerne mal mit jedem Schluck. Im Abgang kommt etwas Karamell dazu, wobei der Wein nie warm und mollig, sondern jederzeit straff, jung und kompakt wirkt. 12,5% Alkohol fallen nicht weiter auf.

Ich bin kein Altweinfan und wenn ich in Verkostungsnotizen zu aktuellen Jahrgängen lese, wie deutschen Rieslingen zehn oder mehr Jahre Lagerung anempfohlen wird, rümpfe ich innerlich die Nase. Doch bei diesem Dellchen GG hatte selbst ich den Eindruck, dass er seine beste Zeit noch vor sich hat und dass sie vielleicht erst in einigen Jahren beginnt. Ich finde ihn jetzt schon groß, aber da ist noch Luft nach oben (in dann schwindelige Höhe).

Riesling Beerenauslese von der Mosel

Ein Himelreich für eine Beerenauslese

Der zweite Wein des Abends stammt von einem jener Weingüter, die tatsächlich keine eigene Homepage haben. Es gibt sie noch – wenngleich nicht mehr viele. Ich besuchte das Gut 2007 und kaufte Weine aus der tollen 2005er Kollektion. Dass ich danach nicht am Ball blieb, lag an der verstaubten Telekommunikationsinfrastruktur des Gutes. Zwei Mal hatte ich nur den Anrufbeantworter dran, Rückrufe kamen nicht, da kauf ich dann woanders ein.

Pohl-Botzet, Graacher Himmelreich, Riesling Beerenauslese, 2005, Mosel. In der Nase viel Botrytis, Honig, Grapefruit, getrocknete Kräuter und Alkohol, das ist ein richtig dickes Ding, wie man es sich von einer Beerenauslese erhofft. Am Gaumen merkt man die 9,5% Alkohol. So zuckerhaltige Getränke schmecken schnell brandig, weswegen die meisten edelsüßen deutschen Weine 7,5 bis 8,5% Alkohol haben. Aber diesem Wein steht der spürbare Alkohol sehr gut. Er erinnert ein wenig an einen Sauternes. Auch wenn das einen Rieslingfan wie mich normalerweise enttäuscht, geht das hier sehr gut zusammen. Der Wein ist massig süß, zeigt aber schönes Spiel dank ordentlicher Säure und einem leichten Bitterton; dazu Vanille, Melone, Aprikose, Honig, cremiges Mundgefühl und ein sehr langer Abgang, in dem der Alkohol keine tragende Rolle mehr spielt.

Simple Genüsse (7)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Rudolf Sinß, Windesheimer Rosenberg, Spätburgunder trocken, 2005, Nahe. In der Nase ein wenig Vanille, Kirsche und die typisch deutsche Note, die ich so gerne in passenden Worte beschriebe (woran ich aber bekanntlich seit Jahren scheitere). Am Gaumen leicht, süffig, mit Himbeere, Erdbeere, noch etwas schmeckbarem Holzeinsatz, leichter Mineralik, kräftiger Säure und angenehm unauffälligen 13% Alkohol. Ziemlich schlank und genau in mein Beuteschema passend. Der Abgang könnte etwas länger sein aber sonst gibt es nichts zu meckern – leicht gekühlt auf der Terrasse zu trinken, wenn der Speisenplan Weißwein ausschließt.

Peter Lingen, Neuenahrer Schieferlay, Spätburgunder trocken, 2006, Ahr. In der Nase sehr fruchtig mit Himbeere, gekochter Erdbeere und etwas Kirsche, dazu eine leichte grüne Note, die ich so gerne mit Tomatenpflanze umschreibe (wer im eigenen Garten Tomatenpflanzen hat und nach der Arbeit an selbigen an seinen Fingern schnüffelt, weiß, was ich meine). Am Gaumen ist der Spätburgunder sehr voll und fruchtig, cremig bei nur wenig Tannin, schmeichlerisch und süß. Die vergleichsweise bescheidenen 13,5 Prozent Alkohol stechen etwas hervor, der Abgang ist mittellang. Mit 3,7 Gramm pro Liter hat der Wein viel Restzucker für einen Spätburgunder, mit 4,8 Promill verhältnismäßig wenig Säure. Trotzdem wirkt er nicht pummelig. Der Abgang ist mittellang, der Wein ein schöner Alltags-Spätburgunder.

Markus Molitor, Bernkasteler Lay, Riesling Spätlese trocken, 2005, Mosel. Ein großer Wurf von Molitor: die Nase, noch leicht von einem Spontistinker gestreift, ist herrlich würzig mit Muskat und sehr cremig mit Banane, Mango, Aloe Vera und Vanille. Am Gaumen ist der Wein ebenfalls cremig aber mit einigen Bittertönen und einer so heftigen Mineralik ausgestattet, dass sich ein spannender Kontrast ergibt. Die Säure ist Mild und in Würde gereift, der Wein nicht ganz trocken aber auch nicht aufgesetzt süß – da sind wiederum die Bitterstoffe vor. Aprikose Malz, bittere Orangenmarmelade und ein Hauch Karamell: mollig dunkle Aromen treffen auf belebende Mineralik und ergeben einen sehr langen Abgang, der von sehr gut eingebundenen 12,5% Alkohol nicht weiter gestört wird.

K(l)eine Geschichten zu Großen Gewächsen (2)

Manchmal gibt es gar nicht so viel zu erzählen zu den Weinen, die ich trinke. Hier sind drei, die ich aber keinesfalls unterschlagen möchte.

Meine Liebe zu den Weinen von Schäfer-Fröhlich ist noch ein zartes Pflänzchen. Doch es wächst und gedeiht prächtig, was an Weinen wie diesem hier liegt.

Schäfer-Fröhlich, Bockenauer Felseneck, Riesling Grosses Gewächs, 2005, Nahe. In der Nase übel, ein heftiger Spontanstinker, der schon fast Böckser-Dimensionen annimmt und alles überlagert, darunter ist – ebenfalls nicht besonders angenehm – verbranntes Gummi aber auch Birne und Marzipan zu erahnen.  Da mir beim Öffnen der Korken zerbröselte, befürchtete ich zunächst schlimmstes. Aber dann: was für eine Offenbarung am Gaumen; leicht cremig, sehr voll aber nicht so fett wie viele Jahrgangskollegen, 13% Alkohol sind hervorragend eingebunden, die Mineralik ist satt aber nicht anstrengend, Pfirsich und Apfel, Litschi, bittere Orangenmarmelade, tolles Spiel von Süße und Säure, ohne dass der Wein zu süß wäre oder das leichte Bitterl störte; deutliche Reifenoten, die dem Wein aber nur zusätzliche Komplexität verleihen. Der Abgang wirkt vor allem cremig und weich, die Mineralik klingt satt nach. Der Trinkfluss ist geradezu gefährlich. Vielleicht ist diese Flasche in der Entwicklung etwas weiter als eine mit einem perfekten Korken, einen Fehler hat der Wein zum Glück nicht abbekommen. Ganz großes Kino.

Es gibt Weine, da behaupte ich gar nicht erst, neutral zu sein. Die mache ich mir auf, wenn ich mich belohnen oder besonders liebe Gäste verwöhnen will. Da ich mein Geld nicht mit Weinbeschreibungen verdiene, schäme ich mich meiner Voreingenommenheit nicht – und es bleibt ja auch noch die Henne-Ei-Frage: werte ich die Weine so gut, weil ich sie so schätze oder schätze ich sie wert, weil sie so gut sind?

Wittmanns Morstein

Wittmanns Morstein

Wittmann, Morstein, Riesling Grosses Gewächs, 2005, Rheinhessen. In der Nase Apfel, Aprikose, Netzmelone, Kreide und blonder Tabak. Am Gaumen zunächst beißend mineralisch und ziemlich trocken, wenngleich mit einer leichten alkoholischen Süße, dazu spürbare aber milde Säure, Aromen von Birne, Aprikose und Muskat. Der Morstein ist gereift und würzig mit Tiefe und Länge. Er wird mit Luft etwas weicher und ich bin unsicher, welche Version mir besser gefällt – ich tendiere zur härteren Variante unmittelbar nach dem Öffnen. Ich glaube, der Wein hat die schönste Trinkreife erreicht. Um ganz groß zu sein, verdaut das GG die 13% Alkohol jedoch nicht gut genug.

Ich sollte mal einen ersten 2006er Veltliner Smaragd probieren, nahm ich mir kürzlich vor. Da ich bald ein Jahr keinen Veltliner mehr im Glas hatte, rief ich erst einmal mit einem Federspiel Erinnerungen an die Rebsorte wach (im letzten Artikel zu lesen). Danach traute ich mich an die Königsklasse.

Prager, Zwerithaler, Grüner Veltliner Smaragd, 2006, Wachau. Das ist die Art von Wein, bei der ich die Nase ins Glas halte und denke: ‚Tja… Wein!‘ und sonst nix. Die Nase ist äußerst verhalten, sie kommt weder besonders fruchtig noch kräutrig oder würzig daher. Am Gaumen ist der Zwerithaler faszinierend, eine echte Kante, womit ich sagen will, dass der Wein mächtig und raumgreifend aber nicht fett, breit und beliebig ist. 13,5% Alkohol sind spürbar, ohne brandig zu sein. Der Wein ist kräutrig mit Waldmeister und Basilikum, leicht nussig und muskatwürzig, aber vor allem ist er endlos mineralisch. Das Veltliner-Pfefferl taucht auch irgendwo im sehr langen Abgang auf. Was mich beim kürzlich genossenen Jamek noch störte – nur Mineralik und kaum Frucht – finde ich bei diesem sehr viel komplexeren Wein einfach nur großartig. Ein phänomenaler Smaragd-Veltliner aus einem tollen Jahr.

Simple Genüsse (6)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Markus Molitor, Bernkasteler Badstube, Riesling Kabinett feinherb, 2009, Mosel. Ein unkomplizierter Riesling der allerschönsten Art. Die Nase ist spritzig, viel Apfel, etwas Grapefruit und Mandarine. Am Gaumen ist der Wein einerseits schmeichlerisch mit einem leichten Bratapfelaroma (Boskop & Marzipan) andererseits fordernd mit einem an Grapefruit erinnernden Bitterton, der – wie ich finde –  nicht ganz trockenen Rieslingen gut bekommt. Die Säure wirkt reif, ist aber nicht zu mild, der Restzucker dezent und das Spiel am Gaumen ganz wunderbar. Für einen klassisch schlanken Mosel-Kabinett ist der Wein zu stoffig, aber das tut der Freude über diesen gelungenen Riesling keinen Abbruch.

Nochmal Riesling und wieder mit einem kleinen Bitterl: Schäfer-Fröhlich, Bockenauer Felseneck, Riesling QbA trocken, 2009, Nahe. Das ist schon mehr als ein ‚simpler Genuss‘. Lagenweine dieser Qualität sind der natürliche Feind des Grossen Gewächses. Ich kann verstehen, dass die VDP-Winzer sie abschaffen wollen – allerdings nur als Kaufmann, nicht als Weinfreund. Die Nas ist leicht und frisch: Erdbeere, Rhabarber, Grapefruit und Aloe Vera. Am Gaumen ist der Felseneck relativ trocken, 13% Alkohol sind gut eingebunden. Das ist ein Riesling der animierenden Art: milde aber deutlich schmeckbare Säure, Grapefruit, Pistazie und etwas Karamell, eine nur dezente Mineralik und besagter Bitterton bestimmen das Geschmacksbild, letzterer prägt auch (im positiven Sinne) den sehr langen Abgang. Ein Spitzenwein.

Jamek, Ried Achleiten, Grüner Veltliner Federspiel, 2006, Wachau. Von der Nase her ist das ein Allerweltswein mit Apfel, Birne, Aprikose und etwas Nuss – nichts was die Nase ins Glas zieht. Am Gaumen ist der Wein balanciert, trotz des Alkohols von 13% nicht zu mächtig. Doch ist er auch sehr ernsthaft: trocken, etwas Gerbstoff, ungemein mineralisch, verhaltene Säure und wenig Frucht. Jünger getrunken hätte er sich eventuell etwas zahmer gezeigt. Langer Abgang, guter Wein.

Es bleibt in der Familie

Die beiden ersten ernsthafte Flaschen meiner Weinkarriere waren ein Geschenk meines Vaters: ein Achat von Laible und eine trockene ‚S‘-Klasse vom Karthäuserhof. Eine würdigere Inauguration in die Rieslingwelt (um mal in das oberste Fach meines Fremdwörterregals zu greifen) kann ich mir kaum vorstellen. Eine anschließende Weinreise durch Baden und die Pfalz mit Besuchen bei Gütern wie Rebholz, Müller-Catoir oder den Schneiders in Endingen tat ein übriges: für mich ist mein Vater ein Weinpapst. Und wenn der Papst zu Besuch kommt, mache ich mir regelmäßig schon Tage vorher Gedanken, was es zu trinken geben soll.

Um die Angelegenheit zu verkomplizieren, gibt es noch eine (ansonsten ganz wunderbare) Stiefmutter mit Rieslingallergie. Beide gemeinsam teilen meine Liebe zum Spätburgunder, mit dem meine eigene Ehefrau wiederum gar nichts anfangen kann – das wäre sonst auch zu einfach! Die Weinliste für ein Familientreffen ist daher umfangreich; niemand soll einen Wein trinken müssen, bloß weil es eine Mehrheit dafür gibt, und was nicht gefällt, muss nicht aus Höflichkeit geleert werden. Es gibt reichlich Alternativweine und am Ende meist ausreichend angebrochene Flaschen, um die ganze nächste Woche damit zu bestreiten.

Neulich war es wieder einmal so weit und da ich meinen Vater eine Weile nicht gesehen hatte, sollte es besonders gut werden. Es wurde besonders gut; es blieb so wenig über wie lange nicht und ich muss gestehen: Ich hatte am nächsten Tag einen Kater, was mir sehr selten passiert. Doch wenn ich den Abend in einem Satz zusammenfassen sollte, lautete dieser: ‚Ich bereue nichts!‘ Dürfte es noch ein zweiter sein, lautete der: Es ist fantastisch, was für Weine Deutschland (mittlerweile) hervorbringt. Aber der Reihe nach…

Es ging mit einem Riesling los, da mein Vater, die Vorhut bildend, etwas vor der Zeit erschien.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling Grosses Gewächs, 2007, Nahe. ‚Eine zwar halbtrockene aber durchaus schöne Spätlese‘ war der erste, etwas abschätzige Kommentar meines Vaters. Wir nehmen bei der Weinbewertung kein Blatt vor den Mund, es bleibt schließlich in der Familie. Ich konnte nur zustimmen, doch das Urteil war vorschnell, denn wenn das Frühlingsplätzchen etwas Luft bekommt, verändert es seinen Charakter. In der Nase zunächst frisch, mit Limone und Aloe Vera sowie Hefe, wandelt sich der Wein binnen einer Stunde; er wird malzig, riecht nach Kemm’schen Kuchen und Pfirsich. Am Gaumen wirkt er zunächst süß, entwickelt dann ein schönes Spiel. Grapefruit und Limone mit einer geballten Portion Mineralik halten das Zuckerschwänzchen im Zaum. Ganz trocken wirkt er allerdings zu keiner Zeit. 12,5% Alkohol sind fein eingebunden. Der Abgang ist extrem lang und wiederum sehr mineralisch. Begeisterung kam auf.

Als meine Stiefmutter sich uns anschloss, leistete ich mir einen Schnitzer, den ich dem Winzer in die Schuhe schieben will: die Schreibschrift auf den Etiketten des Weingutes Rebholz sind im Dämmerlicht eines Weinkellers schlicht nicht zu entziffern. Ich dachte, ich hielte den 2007er in den Händen, es war jedoch, wie ich erst nach dem Öffnen bemerkte:

Ökonomierat Rebholz, ‚Im Sonnenschein‘, Weissburgunder Grosses Gewächs, 2009, Pfalz. Das war unfreiwilliger Babymord. Der Wein zeigt wenig von dem, was er einmal darbieten wird. In der Nase ein typischer Weissburgunder der feineren Art. Leicht buttrig mit Mandarine, Birne, Blüten, offenbart er aber auch schon reichlich Alkohol. Am Gaumen ist er sehr cremig, säurearm, etwas alkoholisch, sehr voll aber auch sehr mild. Es gibt das seltsame Wort monolithisch für Weine, die schon Dichte und Tiefe zeigen aber noch keine rechten Aromen preisgeben wollen. Wohlan: der Rebholz ist monolithisch. Ein 35-Euro-Irrtum, der andeutet, dass zum rechten Zeitpunkt geöffnete Flaschen einmal viel Vergnügen bringen werden.

Zum Abendessen gab es Kalbsschnitzel. Ich servierte einen Spätburgunder. Da dies ein schwieriges Unterfangen ist, hielt ich mich genau an meine in jahrelanger Probe erarbeitete, hier beschriebene Gebrauchsanweisung. Zufällig servierte ich sogar den gleichen Wein, den ich in jenem Protokoll beschrieb:

Markus Molitor, Brauneberger Mandelgraben, Spätburgunder *, 2005, Mosel. In der Nase eine typisch deutsche Note (was auch immer das sein mag), Himbeere, Dörrpflaume, Cassis, viel Holz und Rauch sowie Leder. Am Gaumen ist der Wein saftig, wenngleich mit strammer Säure, zeigt Kirsche, Pflaume, Litschi, Pfeffer, Rauch und Vanille – viele Aromen in einem komplexen Wein mit spürbarem Tannin und Mineralik. Der herbe Abgang ist richtig lang und der Wein (nach einer Stunde im Dekanter) eine echte Granate. Ich habe den Molitor‘schen Spätburgundern ob ihrer absurden Preisentwicklung mittlerweile abgeschworen. Dieser hier ist ein Argument, sich doch mal wieder überreden zu lassen.

Ich hatte auch an den ‚leckeren Italiener‘ gedacht, den ich für solche Situationen empfehle, schon weil meine Gattin ja auch etwas zu trinken brauchte.

Camigliano, Brunello di Montalcino, 1999, Toskana. In der Nase Kirsche und Pflaume, Zeder, Trüffel und erste Altersnoten. Am Gaumen viel Frucht, recht typisch und vollmundig: Mon Cherie. Der Alkohol (13,5%) ist bestens eingebunden, ebenso das Tannin. Das ist ein gleichzeitig fruchtiger und mineralischer Wein mit vielen Facetten, der richtig gut war. Es blieb genügend über, um ihn zwei weitere Tage zu verkosten und ich gewann den Eindruck: jetzt austrinken, besser wird er nicht mehr.

Vom Brunello blieb deshalb so viel übrig, weil sich die Familie um den Molitor scharte. Jener animierte einen solchen Trinkfluss, dass er noch vor dem Essen zur Neige ging. Das war nicht geplant und ich in Verlegenheit. Also ging ich in den Keller, wo ich eine Entscheidung treffen musste: schnelle Wahl oder Schnitzel kalt! Ich wollte das Restschnitzel gerne warm genießen und griff ins Luxusregal; da macht man nichts falsch. Was folgte war ein ganz großer Moment meines Weinlebens.

J.J. Adeneuer, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2005, Ahr. Direkt aus der frisch geöffneten Flasche ins Glas zeigte die Nase einen deutlichen Kräuterton, dazu Kirsche, Himbeere und Erdbeere, eine leichte Stallnote, Holz und Rauch. Am Gaumen war der Wein vieles auf einmal – cremig trotz kräftiger Säure, rauchig aber mit frischer Frucht von Zwetschge, sehr druckvoll aber nicht fett und mit heftiger Mineralik bei deutlich spürbarem Holzausbau. Dazu war er passenderweise staubtrocken. Der Abgang war endlos.

Das ist die Art von Wein, die einem den ganzen Abend neue Geschichten erzählen kann. Er hatte keine Gelegenheit, mit Luft sein Erscheinungsbild zu ändern, denn wir fielen über ihn her, wie Zombies über einen Horrorfilmstatisten. Ursprünglich geplante Dessertweine fielen aus, sie hätten den langen Abgang nur gestört.

Dellchen 2006, nachgetankt

Ich habe diesen Wein vor über zwei Jahren schon einmal beschrieben und eine These aufgestellt. Da ich nicht vorhabe, falsche Behauptungen im Nachhinein zu löschen, spreche ich es lieber offensiv an: ich habe mich geirrt. Auch die mir ursprünglich frischer erschienenen 2006er Rieslinge von der Nahe sind mit vier Jahren Reife vom Jahrgang eingeholt worden. Sie sind nicht schlecht aber ein bisschen filigraner wäre mir lieber. Die Weine von Tesch, Diel, Emrich-Schönleber und Dönnhoff, die mir mittlerweile begegnet sind, zeigten alle dieselben Eigenschaften. Das reicht vielleicht nicht für eine Aussage über das gesamte Anbaugebiet, aber wir wollen mal nicht pingelig sein.

Dönnhoff, Norheimer Dellchen, Riesling Großes Gewächs, 2006, Nahe. In der Nase sehr fruchtig und kräutrig-reif, trotzdem auch etwas hefig, mit Aloe Vera und Pfirsich – letztlich ist es ein typischer, trockener 2006er. Am Gaumen ebenfalls extrem reif, relativ trocken und mit feiner Mineralik, Aprikose und Banane, gut eingebundenem Alkohol aber insgesamt doch zu mächtig, warm und wenig spritzig. Der Abgang ist lang und richtiggehend mollig. Sehr guter Wein, der mir jung aber besser gefiel.

Rantrinken (2)

Er sei ‚durch‘ mit den Grossen Gewächsen, erzählte mir mein Alter Herr dieser Tage bei einem gemeinsamen Glas Wein (jenem zuletzt beschriebenem Schönleber). Das hatte nichts mit Todesahnung zu tun, sondern war die Erkenntnis eines Mannes, der nach 50 Jahren Weinkonsum weiß, was ihm schmeckt und was nicht. In ihrer Jugend beeindruckten sie ihn mit viel Potential, fuhr er fort, doch wenn sie die nötige Reife erlangten, seien sie ihm regelmäßig zu opulent. Als Jungwein zu teuer, als reifer Wein zu fett – er belasse es jetzt bei den Spätlesen.

Tja, dachte ich bei mir: wieder einer, der sich abwendet. Irgendwann bin ich vielleicht der einzige in meinem Freundeskreis, der noch GGs trinkt (und nicht bloß verkostet). Obwohl – als es jetzt darum ging, den ersten Riesling nach Wochen zu öffnen, war mir von vornherein klar, dass das ein mittelalter, mittelgewichtiger Lagenwein oder eine trockene Spätlese sein würde. Ein gereiftes GG zu zücken, wäre mir zu viel des Guten gewesen. Dass der Wein dann gleich so stimmig war, weckt in mir die Befürchtung, ich könnte mich meinem Alten Herren früher anschließen, als meine Kellerbestände guthießen.

Dönnhoff, Felsenberg, Riesling QbA, 2007, Nahe. In der Nase Aprikose, mürber Apfel und Rhabarber, schön und sortentypisch, mit einer kleinen Reifenote. Am Gaumen sehr voll, der Wein hat viel Bumms, ohne dass er dies einer übertriebenen dienenden Restsüße verdankte. Die Säure ist akzentuiert und genau passend, 12,5% Alkohol fallen nicht negativ ins Gewicht. Aromen von Aprikose, Pistazie und eine würzige Reifenote überfluten den Gaumen, denn dieser saftige Brummer ist dichter als manch mittelmäßiges GG. Mehr Kraft muss ein Riesling gar nicht haben. Der Abgang ist sehr lang und fruchtig (Boskop). Wenn der Wein ein bisschen mehr Mineralik zu bieten hätte, wäre er groß, so ist er immer noch außergewöhnlich gut.

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