Archive for the ‘Dies&Das’ Category

Harte Zahlen – weiche Zahlen

Die folgende Erläuterung hat nichts mit Wein zu tun. Sie bezieht sich auf Dirk Würtz’ Artikel über die aktuellen Auflagenzahlen der Weinpresse und eine lebhafte Diskussion, die sich darum auf den verschiedenen sozialen Kanälen entwickelt hat. Da ich beruflich mit Absatzförderung befasst bin, wurde ich gebeten, einige klärende Anmerkungen zum Thema, wie läuft der Entscheidungsprozess in der Anzeigenschaltung, welche Reichweitendaten sind relevant und wie werden sie erhoben und ausgewertet, zu liefern. Da Facebook mangelhafte Such- und Archivfunktionen bietet, publiziere ich hier, wo der Text auch später leicht gefunden wird. Wer den Schnutentunker liest, weil er sich für Wein interessiert, der komme bitte nächste Woche wieder.

Die Zahl der gedruckten, verkauften, abonnierten und verschenkten Hefte deutscher Print-Medien wird von der Interessengemeinschaft für die Verbreitung von Werbeträgern (kurz IVW) gemessen. Die Zahlen der Weinmedien sind seit Jahren rückläufig. Die tatsächlich verkaufte Auflage einiger Medien nähert sich dem vierstelligen Bereich. Daraus lässt sich auf einen Niedergang schließen, trotzdem sollte man die richtigen Zahlen für die Analyse heranziehen.

Anzeigenkampagnen werden in Deutschland meist von zwei Dienstleistern für den Werbetreibenden erarbeitet. Die Werbeagentur (auch Kreativagentur genannt) konzipiert den Inhalt und die Gestaltung, die Media-Agentur sucht die idealen Umfelder für die Schaltung der Motive, verhandelt die Preise und übernimmt die Auswertung der Ergebnisse. Media-Agenturen haben einige Parameter, mit denen sie planen: Reichweite, Relevanz und Preis. Gehen wir sie einmal der Reihe nach durch.

Die Reichweite ist die Zahl der Menschen, die ein Anzeigenmotiv tatsächlich zu sehen bekommen, beziehungsweise die beste Näherung daran. Sie wird aufgrund von Daten einer Media-Analyse, der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG MA, die Studie heißt MA) berechnet. Die AG MA führt jedes Quartal Interviews mit einer Zahl von Menschen, die mindestens den Anforderungen an einen Zensus entspricht. Dabei werden Fragen zur Mediennutzung gestellt. Tuen wir für die Sekunde mal so, als gehörte ich zu den Interviewten.

Ich habe keine Weinzeitschrift abonniert und kaufe auch keine. Meine letzte Vinum habe ich bei einer Messe geschenkt bekommen, einen Falstaff besitze ich nicht. Wenn ich aber Donnerstags einen Absacker im Rutz nehme, an ‚unserem‘ Tisch hinten in der Ecke, und meine Frau geht sich kurz die Nase pudern, dann drehe ich mich um und greife in die Obstschale auf dem Tresen – da liegt die Vinum. Und wenn ich zum Plausch bei Planet Wein am Gendarmenmarkt weile und die freundliche Inhaberin Anja muss einen Kunden verarzten, dann liegt in der rechten Ecke der mittleren Fensterbank der Falstaff.

Während meines MA-Interviews werden mir Kärtchen mit den Logos von Medien gezeigt und Fragen zu meinem Nutzungsverhalten gestellt. Also sehe ich die Karte mit dem Vinum Logo und erkläre wahrheitsgemäß, wann ich das letzte Mal in dieser Zeitschrift gelesen habe. Je nachdem wie es sich damit verhält, lande ich entweder im sogenannten Weitesten Leserkreis (WLK), der Zahl von Menschen, die mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten das Magazin gelesen haben oder gar in den Lesern der letzten Ausgabe. Auf diese Art werden der LWK und die Leser pro Ausgabe (LpA) ermittelt und ergeben zusammen die Reichweite des Mediums. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Exemplar gekauft, geliehen oder geklaut war und das ist auch gut so. Ich nehme an, dass sowohl die Vinum im Rutz als auch der Falstaff bei Planet Wein entweder ein Freiabo oder ein sogenannter Sonderverkauf sind. Das ist für den Mediaplaner irrelevant.

Für die detaillierte Mediaplanung möchte die Agentur aber noch etwas über mich persönlich (abstrakt) wissen. Also gibt es drei sogenannte Markt-Media-Studien, die die MA-Zahlen in Bezug zu Leserprofilen setzen: die Typologie der Wünsche (TdW) von Burda, die Verbraucheranalyse (VA) von Springer und Bauer sowie die Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA) vom gleichnamigen Institut. Sollte ich als Studienobjekt von einer dieser Organisationen ausgewählt werden, so stellen sie mir Fragen über meine Soziodemographie, meine Interessen und mein aktuelles und geplantes Konsumverhalten. So ergeben sich für die Leserschaft der einzelnen Medien Interessenwerte, der sogenannte Affinitätsindex. Dieser sagt aus, wie sich das Interesse der Leserschaft über alle Leser gemittelt im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung darstellt. Ein Affinitätsindex von 400 beim Thema Wein bedeutet also, dass die Leserschaft des untersuchten Mediums eine viermal so große Liebe zu Wein pflegt wie der Durchschnittsdeutsche.

Aus diesen Daten lassen sich die entscheidenden Reichweiten- und Preisinformationen ableiten. Machen wir mal eine Beispielrechnung. Alle Annahmen sind erfunden. Gesetzt den Fall, der Spiegel hat 2 Millionen LpA und eine ganzseitige Anzeige kostet 100.000 Euro. Dann beträgt die Kenngröße Tausend-Kontakt-Preis (TKP) 50 Euro (100 TEUR/2 MM Kontakte = 50 pro Tausend). nehmen wir ferner an, die Auto Motor & Sport (AMS) hat eine Leserzahl von 500.000, ruft für die Anzeige aber 50.000 Euro auf, so verlangt sie einen TKP von 100 Euro. Da wäre ja zu heiß gebadet, wer in der AMS eine Anzeige schaltet? Jein. Es kommt der Effektiv-TKP ins Spiel: Die Leser der AMS haben eine sehr viel höhere Affinität zu Autos. Angenommen, die AWA ergibt, jeder fünfte Spiegel-Leser plant in den nächsten 18 Monaten einen Autokauf, bei der AMS sei es jeder zweite. Dann beläuft sich der Effektiv-TKP in der Zielgruppe der ‚Auto-Kaufentscheider Zeithorizont 18 Monate‘ beim Spiegel auf 250 Euro (100 TEUR geteilt durch 500.000 autointeressierte Leser), bei der AMS nur auf 200 Euro, denn hier sind die sogenannten Streuverluste niedriger, also Kontakte mit Menschen, die sich nicht für das beworbene Produkt interessieren. Deswegen bewirbt man Nutella nicht in der Men’s Health und Chanel nicht im Kicker.

Die Markt-Media-Studien fördern übrigens nicht nur Offensichtliches zutage, sondern auch vieles auf den ersten Blick nicht selbstverständliche. Wer Single Highland Malt Whiskey bewerben will, der geht in die P.M. – warum weiß nur die Software. Denn eine solche nutzen die meisten Media-Agenturen. Sie bietet den Vorteil, dass sie auch komplexe Zusammenhänge berechnen kann und die Frage beantwortet, die noch offen ist: Wenn die AMS für Mercedes doch so viel günstiger ist, als der Spiegel, wieso buchen die nicht nur AMS? Und hier geht es um den Werbedruck, die Kontaktzahl insgesamt und die absolute Reichweite. In Deutschland sind zu jeder Zeit 5 Millionen Menschen mit der Frage beschäftigt, welches Auto sie sich denn in den nächsten 18 Monaten kaufen sollen. Da hilft die AMS mit 250.000 relevanten Lesern nur bedingt. Mercedes muss breiter streuen, um schnell in der gesamten Zielgruppe anzukommen. Dabei bildet die Software dann Rangreihen und berechnet auch die Überschneidungen in der Leserzahl einzelner Medien.

Online funktioniert das Ganze analog: Die MA heißt hier AGOF und ist Mitglied in der AG MA, der WLK heißt WNK (Weitester Nutzerkreis) und die Daten werden mit der technischen Messung verknüpft, die ebenfalls von der IVW kommen.

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Aye Aye und Goodbye, Captain!

Anmerkung: Manfred Klimek beendet zum Ende des Monats die Chefredaktion der Plattform Captain Cork und hatte sich von allen Deutschen Weinbloggern zum Abschied Gastbeiträge gewünscht. Das Folgende hätte meiner sein sollen. Dass er nicht bei CC erscheint, liegt nicht daran, dass Klimek den Text nicht mochte, es hat mit den Modalitäten seines Abschieds zu tun. Also erscheint er jetzt hier.

Looos, schreib!

Ein Drama in vier Akten und (k)ein Gastbeitrag

1. Akt: Am Schiff. Die letzte Planungskonferenz mit dem scheidenden Captain läuft

Captain: Wisst Ihr schon, wie es weiter geht, wenn ich Euch verlasse?
Zahlmeister: Als erstes schaffen wir diese dämlichen Punkte wieder ab
Captain: Wie bitte? Keine Punkte? Das wird das Schiff nicht überleben!
Der Erste: Und ob. Die neue Bewertungsskala ist ganz einfach. Es gibt drei Arten von Weinen: die schlechten, die guten und die bei Captain Cork erwähnten. Die Besprechung in der führenden deutschen Internetplattform ist für einen Wein eh’ das größte Lob.
Captain: So ein Dreck. geht alles den Bach runter hier, steht nicht mal ordentlicher Wein auf dem Tisch. Dabei muss ich vorglühen, gehe heute noch in Grill, Kingsize, Grand, Katz und Cookies, (Er steht auf und schaut in den Kühlschrank)Was haben wir da? Ah, ein Wein von mir, der Looos. Seht Leute, das ist ein großer Wein.
Der Zahlmeister: Nein, das ist höchstens ein guter Wein, denn er wurde nie bei Captain Cork besprochen.
Captain: Aber das könnt Ihr dann ja machen, wenn ich weg bin
Linkslotse: Niemals, das sähe immer noch nach Vetternwirtschaft aus.
Captain: Dann mach ich das halt. So als letzten Artikel.
Zahlmeister: Nix da, Du redigierst noch die Gastbeiträge Deiner Claqueure und dann ist Schluss hier. Und Schluss ist jetzt auch mit dieser Redaktionskonferenz. Ich muss los.

Alle stehen auf und verlassen das Schiff. Einzig der Captain bleibt zurück, tigert auf und ab und trinkt in hastigen Schlucken seinen Wein.

Captain: Hagel und Granaten, keinen Respekt mehr diese Maate. Denen werde ich es zeigen. Dieser Wein ist groß und deswegen muss er bei Captain Cork besprochen werden. Aber ich habe nur diese Gastbeiträge. Er bleibt stehen, schlägt sich gegen die Stirn. Heureka! Gastbeiträge. Ich lasse einen Gastautor den Looos besprechen. Das ist es. Wen nehme ich denn da? Warte: Vahlefeld? Zu verkopft, Elflein? Der kann nur Riesling. Würtz? Zu inflationär begeistert. Ich brauche jemand neues. Jemanden, den ich formen kann. Ha, ich weiß.
Er greift zum Telefon

Vorhang

2. Akt: Eine Wohnung in Weißensee, die Küche, der Schnutentunker, ein Mann in den besten Jahren, kniet auf dem Küchenfußboden mit einem Glas Rotwein in der Hand und scheint zu beten.

Schnutentunker (ST): Lieber Gott, danke dass es so was gibt, danke, dass der Winzer so viel Talent und der Herr Schulz soviel Geld hat, Danke, dass … (Das Telefon klingelt, der Schnutentunker erhebt sich und greift zum Hörer) Ja, Hallo … Wer? … Klimek? … Der Klimek? … Captain Cork?
Sir, ja Sir, es ist mir eine große Ehre. … Was? … Ja, ich bin still und höre zu.
Man hat mein Blog an Bord wohlwollend zur Kenntnis genommen?
Gastbeitrag? (Sichtlich bewegt ringt der Schnutentunker um Fassung.) Ja, ich bin noch dran. … Selbstverständlich folge ich der Einladung. … An Bord, ja. Morgen. Ich werde da sein. … Pünktlich.

Vorhang

3. Akt: Die Kombüse am Schiff. Der Captain hängt sichtlich verkatert am Tisch, der Schnutentunker stocksteif und nervös mit den Händen spielend ihm gegenüber, vor sich ein aufgeklapptes Notebook.

Captain: Also Schnuti, direkt zur Sache. Wir suchen neue Maate und Du bist ein Kandidat. Dein Blog ist nett. Nicht perfekt aber ein Rohdiamant. Der Schliff fehlt noch aber ich bin ja jetzt da.
ST: Vielen Dank, Captain, ich weiss gar nicht, wie ich Ihnen…
Captain: Jaja, nicht heulen. Hier, nimm mal einen Schluck von diesem Klassewein und fang an zu beschreiben

Beide halten ihre Nase in ihr Weinglas, riechen, probieren und gurgeln ausführlich

ST: Also das ist wirklich eine schöne Nase, hat was dezent pfeffriges…
Captain: DEZENT? Bist Du deppert, das ist doch kein dezenter Wein, das ist urwüchsig, ein Wein wie ein Kerl, ein Echter Baum von einem Mann
ST: Männer, Bäume aber sollte man nicht…
Captain: Journalismus, Schnuti, das ist Journalismus. Muss ich Dir jetzt den Journalismus erklären?
ST: Ich dachte, Journalismus hat was mit Fakten zu tun …
Captain: MEINUNGSJOURNALISMUS, Schnuti, geht das in Deinen Schädel rein?
ST: Ja, sorry Captain, es ist nur so: Fünf Zentiliter Probeschluck und fünf Minuten, ich schreibe ja immer in meinem Blog, dass das nicht reicht, um wirklich hinter das Geheimnis eines Weins zu kommen.
Captain: Aber das ist Captain Cork, das ist kein Blog und wenn Du in fünf Minuten nix Gescheites über einen Wein rausfindest, dann bist Du kein guter Verkoster. Glücklicherweise bin ich ein sehr guter Verkoster. Also helfe ich Dir. Ich verkoste, Du notierst.
ST: Das ist wirklich sehr freundlich, dass Sie mich so unterstützen.
Captain: Jaja, Schluss mit dem Gewinsel. Also schreib (der Captain springt auf, tigert durch den Raum, riecht, probiert und diktiert) In der Nase kräftig und eindringlich, sauber, frisch geschnittenes Gras, gelbfruchtig, nasser Aschenbecher …
ST: Nasser Aschenbecher? Das ist doch kein Vokabular der Weinsprache!
Captain: Sprache ist lebendig, sie entwickelt sich. Was hat Goethe gemacht, wenn ihm ein Wort fehlte? Er hat eines erfunden. Was macht der Captain, wenn ein Wort in der Weinsprache fehlt? Er fügt es hinzu.
ST: Aber Goethe war ein berühmter Dichter.
Captain: Und ich bin ein berühmter Fotograf. Fotografen verdienen eh’ mehr als Dichter. Goethe hat in sechs Monaten Italien nicht so viel auf seine Kredtitkartenrechnung geschafft, wie ich in drei Tagen Paris! Und jetzt schreib. Am Gaumen dicker Extrakt, mineralische Würze, fantastisches Mundgefühl und so weiter und so fort, Du kannst das dann zuhause auffüllen.
ST: Soll ich nicht noch etwas zum Anlass schreiben, zu dem er am besten passt, also vielleicht Terrassenwein oder Kamin…
Captain: Sag’ mal Bürschchen, liest Du eigentlich meine Texte nicht?
ST: Also, wenn ich ehrlich bin nicht so regelmäßig.
Captain: Das sagen alle, aber wenn ich mir die Millionen von Klicks anschaue, dann weiss ich – ach, vergiss es. Wir müssen zum Schluss kommen
ST: Na gut, aber wir sollten eine Bezugsquelle angeben, oder?
Captain: Das ist ein Österreichischer Wein, das ist nicht so, wie bei Euch Piefkes. Unsere großen Weine der Heimat sind selbstverständlich schnell ausverkauft. Naja, aber ich kenne ein zwei Händler, die würden vielleicht noch was aus der privaten Schatzkammer rausrücken. Also schreib: Weinunion, Weinart, Weingallerie, Fräulein Brösels Weinerwachen.
So, genug gearbeitet. Das schreibst Du jetzt daheim alles zusammen. Hier, (er gibt ihm eine Flasche Wein) nimmst Du noch einen zweiten Wein mit und besprichst den dann, wie wir es geübt haben. Das ist ganz was wildes.
ST: (liest das Etikett) Fattoria Kappa, nie gehört.
Captain: Was? Naja, ahnungsloser Enthusiast halt. Das Weingut ist der neue Stern in der Toskana, gehört einem berühmten Fotografen.
ST: Und Sie sagen, das ist ein wilder Wein? So mit Amphore?
Captain: Nix Amphore, wild hab’ ich gesagt, nicht Scheissdreck. Aber jetzt raus, ich habe noch Termine

Vorhang

4. Akt: Die Küche in Weissensee. Der Schnutentunker sitzt heftig schwitzend mit dem Notebook am Tisch. Auftritt der Schnutentunkergattin (STG).

STG: Hallo Schatz, wie war Dein Tag?
ST: Aufregend. Ich war bei Manfred Klimek, dem Captain. Wir haben Wein getrunken und ich habe sehr viel gelernt.
STG: Klimek? War das nicht dieser attraktive Typ, den Du mir neulich bei unserem Essen im Grill von weitem gezeigt hast?
ST: Ja, genau der
STG: Interessant… Und, wie ist der so?
ST: Ein beeindruckender Mann. Irgendwie urwüchsig
STG: Aha, und sonst so?
ST: Naja, der hat schon enorm was drauf. Und das ist das Problem. Ich soll einen Gastbeitrag schreiben und könnte vielleicht sogar Maat werden aber ich glaube, ich krieg es nicht hin. Ich sitze hier und mir fällt einfach nix ein, was gut genug für die führende Weinplattform im Internet wäre.
STG: Und, willst Du ihm jetzt absagen?
ST: Muss ich wohl. Aber mir fällt nicht mal ein gescheiter Text für eine Absagemail ein.
STG: Ach, armer Schatz, ich helfe Dir. Gib mir doch mal die Handynummer vom Captain. Ich ruf ihn an und erklär ihm das und wenn er arg enttäuscht ist, dann treffe ich mich mit ihm und werde ihn schon irgendwie besänftigen.
ST: Ach Liebling. Das ist so süß von Dir. Was würde ich nur ohne Dich machen?

Vorhang

Schäumen mit einem N

‚Haben Sie irgendwas mit Wein zu tun?‘ lautet eine oft gestellte Frage, wenn ich mit mir unbekannten Menschen gemeinsam verkoste. Das mag daran liegen, dass ich immer öfter zu Veranstaltungen eingeladen werde, bei denen fast alle etwas mit Wein zu tun haben. Meine Antwort lautet wahrheitsgemäß ‚Nein‘. Doch unter meinen Weihnachtsgeschenken befand sich dieses Jahr eins, das mir erlaubt mich in Bezug zu Wein zu setzen, wenn ich einen ganz ganz großen Bogen Spanne. Und der geht so:

Meinen Nachnamen Bodmann verdanke ich der Tatsache, dass meine Vorfahren dereinst ihre Heimat verließen. Gemäß dem Prinzip ‚cuius regio, eius religio‘ standen sie vor der Wahl die Religion oder den Wohnort zu wechseln. Also zog es meine Ahnen vom badischen Dörfchen Bodman ins Niedersächsische Eichsfeld. Da einfache Menschen in ländlichen Regionen nicht zwingend Nachnamen hatten oder sich bei Umzug auch mal neue gaben, hießen meine Vorfahren fortan Bodmann. Das zweite ‚N‘ entstammt der Tatsache, dass auch Bodman bis 1884 mit zweien geschrieben wurde. Dann setzten die Grafen von und zu Bodman alle Hebel in Bewegung, um Bodman (Stammsitz ihres Geschlechts) in der Schreibweise ihrem eigenen Namen anzupassen – sie hatten das Doppel-N einige Jahrhunderte vorher abgelegt – und wir Exil-Bodmänner standen mit dem zweiten, dem Proleten-N, alleine da.

Dies wissend machte ich mich vor 15 Jahren auf meinen Ursprungsort zu erkunden. Bodman ist ein sterbenslangweiliges Dorf am Überlinger See, dem Nordzipfel des Bodensees. Ich fand kaum etwas Aufregendes vor, außer einer Gedenktafel, die anzeigte, dass im ‚Bodmaner Königsweingarten‘ Kaiser Karl der Dicke im Jahre 884 die ersten Burgunderreben anpflanzen ließ. Meine Vorfahren lebten also am Fuße des ersten dokumentierten Spätburgunderweinbergs Deutschlands. Da war sie, meine Verbindung zum Wein. Die Lage existiert immer noch, die Grafen von und zu Bodman gehören aber nicht gerade zu den hochdekorierten Betrieben deutschen Weinbaus. In jüngster Zeit produzieren sie nach Naturland-Regeln und die Weine sollen besser geworden sein. Ich werde im neuen Jahr einmal nachforschen.

Am Ortsausgang von Bodman fand ich ein Schild ‚Schlosskellerei‘. Das musste ich mir anschauen. Doch auch hier wurde ich enttäuscht. Die Schlosskellerei versprühte den Charme eines Getränkemarktes am Ortsausgang eines 1000-Seelen-Dorfes, was vorwiegend daran lag, dass sie genau das war: ein Getränkemarkt am Ortsausgang eines 1000-Seelen-Dorfes. (Der Fairness halber sei gesagt, dass ich nicht erfragte, ob sie eventuell umbaubedingt in diesem Zweckbau Unterschlupf gefunden hatte.) Im Sortiment fand ich aber etwas, was meine Aufmerksamkeit erregte. Französischen Sekt der Marke ‚Baron de Bodman‘. Der stammte von einem Haus, das bei seiner Gründung Unterstützung eines französisch verheirateten von und zu Bodmans erfahren hatte und dessen mit einem Cremant gedachte.  Da griff ich zu, nahm ein paar Flaschen mit und verschenkte sie an Familienmitglieder.

Baron de BodmanEines dieser Familienmitglieder griff das Thema voller Begeisterung auf, und bestellt seitdem fleißig in Süddeutschland französischen Sekt, um ihn als Mitbringsel im Freundeskreis zu verteilen. Der Spieß ist längst umgedreht: ich gehöre regelmäßig zu den Beschenkten. Mein Anspruch stieg über die Jahre, die Qualität des Sektes nicht und so habe ich die üblicherweise verabreichten Halbflaschen weiterverschenkt. Dieses Jahr gab es zu Weihnachten wieder ein Pülleken und da ich zuletzt so viel Schönes mit Schäumern erlebt habe, beschloss ich mein Glück noch mal zu versuchen. Ich war überrascht und recherchierte. 2007 investierte Eigner Bollinger kräftig in seinen Loire-Ableger Langlois-Chateau, den Baron de Bodman-Produzenten und das mag der Grund für die gestiegene Qualität sein. Mir jedenfalls hat er sehr ordentlich geschmeckt.

Langlois-Chateau, Baron de Bodman brut, Cremant de Loir (AC), o. J., Frankreich. In der Nase eher flach aber angenehm mit Aromen von Brotkruste und Quitte. Am Gaumen mittelfeine Perlage und sehr schönes Spiel, ziemlich trocken und schwach würzig, mit Aromen von Zitrus und Birne sowie etwas Malz. Der Abgang ist recht lang und der Cremant alles in allem sehr ordentlich.

Ihnen, liebe Leser, einen guten Rutsch. Mögen Sie Silvester was Feines zum Anstoßen finden, mindestens so gut wie ‚mein‘ Cremant.

Ihr

Felix Bodmann (mit dem zweiten, dem Proleten-N)

Der kälteste Weinberg Afrikas

Südafrika ist ein Weinland, dem ich mich seit Jahren widmen wollte, allein mir fehlte die Zeit. Ich war einmal dort und habe auch zwei Weingüter besucht, aber intensive Beschäftigung sieht anders aus. Nun hatte ich die Gelegenheit zwei ganze Tage Weine vom Kap zu probieren und ihre Macher zu interviewen. Ich war zu einer Fachmesse der Weinbauverbände von Südafrika, Chile und Argentinien in London eingeladen. Mein Fokus lag auf der Verkostung südafrikanischer Weine, da mir das vor der Reise vom südafrikanischen Verband zugesandte Material eine gute Vorbereitung ermöglichte – und eine solide Vorbereitung auch anhand des Südafrika-Weinführers ,Platter‘ erschien mir dringend erforderlich.

Die Bezeichnung der Weine Südafrikas ist erstaunlich uniform: viele Weingüter machen einen Sauvignon Blanc (=Stahltank), einen Sauvignon Blanc Reserve (=mit ein bisschen Holz), einen Chardonnay ,unoaked‘ (=Stahltank), ,Barrel Fermented‘ (Mischung aus altem und neuen Holz), ,Reserve‘ (=mehr Holz) und oben drüber einen ,Single Vineyard‘ (=richtig viel Holz). Ulkigerweise wird der Single Vineyard zwingend aus einer einzelnen Lage gelesen, der Name der Lage aber oft nicht erwähnt. Analog zum Chardonnay erscheint auch der Chenin Blanc in bis zu vier Variationen. Manche Weingüter machen dann noch eine weiße Cuvée aus den drei Rebsorten, die häufig einfach den Weingutsnamen mit dem Zusatz ,White‘ trägt. Dazu heißt jeder dritte Winzer Finlayson oder die Weingüter tragen Adjektive wie kleine oder groote im Namen. Erstmals konnte ich mir vorstellen, wie sich ein Ausländer beim Versuch die Mosel zu durchdringen vorkommen muss: Tausend Spätlesen aus irgendwelchen Sonnenuhren und die Winzer heißen entweder Thanisch (Witwe, Erben, Ludwig etc.) oder Prüm (J.J., Studert-, Christoffel-, S.A. etc.).

Chris Alheit: Ein Jungwinzer mit Vollenweider als Vorbild

Chris Alheit: Ein Jungwinzer mit Vollenweider als Vorbild

Dies war meine erste Weinmesse im Ausland und ich war gespannt, was mich erwarten würde. Beeindruckend war, dass die meisten Weingüter 10.000 Kilometer fern der Heimat durch ihre Gutsverwalter oder Kellermeister persönlich repräsentiert wurden (oft auch im Doppelpack). Da die Verkostung für Fachpublikum und nicht überlaufen war, konnte ich mich in Ruhe mit Menschen wie Ken Forrester vom gleichnamigen Weingut unterhalten, der mir einiges über Südafrika und seine Weinstile erzählen mochte. Spannend auch ein Gespräch mit Chris Alheit, einem jungen Winzer, der in seinem vor zwei Jahren gegründeten Weingut Erkenntnisse umsetzt, die er in seinem Jahr bei Daniel Vollenweider an der Mosel gesammelt hat. Es war überhaupt erfrischend zu erleben, wie etliche Winzer anfingen von der Mosel und ihren Rieslingen zu schwärmen, sobald sie hörten, dass ihr gegenüber aus Deutschland kam.

Eine Erkenntnis gewann ich schon nach wenigen Gesprächen: Winzerlatein ist auch für Südafrikaner keine Fremdsprache. Der meist gehörte Satz der Show war: ,unsere Weinberge sind besonders kühl‘ gefolgt von Erläuterungen, dass dies wahlweise der Frische, der Mineralik oder dem Säuregerüst zugute käme. Die Bemerkung kam so gebetsmühlenartig und wurde dermaßen betont, dass vor meinem geistigen Auge Legionen farbiger Erntehelfer in Rentierpullovern durch Stellenboschs Weingärten zogen. Dabei war ich selber schon einmal im Spätsommer vor Ort und konnte beobachten, wie die gnadenlose Sonne so manche Traube noch am Stock zu Marmelade verkocht.

Die Verkostung Dutzender Weine in kurzer Zeit ist eine Herausforderung, der ich mich mit gemischten Gefühlen stelle. Insbesondere die Weine aus der Sauvignon Blanc Traube im klassischen Neue-Welt-Stil mit aus dem Glas springenden Fruchtaromen, gepaart mit grün-grasiger-Frische schmecken für mich nach dem vierten Wein alle gleich. Auch der Chardonnay ,unoaked‘ bietet mir wenig Differenzierungsmöglichkeiten. Beim Holz haben die Südafrikaner keine Berührungsängste. Mein Bibergebiss kam bei den ,Reserves‘ vom Chardonnays und auch bei etlichen Chenin Blancs voll auf seine Kosten. Nicht selten ist das für zarter besaitete Gaumen aber deutlich zu viel Barrique.

The FMC: Spitzen-Chenin mit internationaler Fangemeinde

The FMC: Spitzen-Chenin mit internationaler Fangemeinde

Die spannendsten Weißweine der Show waren für mich allesamt Chenin Blancs. Diese Traube ist eine heimliche Liebe von mir, seit ich einmal einen gereiften Vouvray in Bestform erleben durfte. Chenin kann ganz trocken sein oder auch feinherb, mit gar keinem bis viel Holz, jung oder zehn Jahre gereift und – das kann er besser als der Riesling – er kann auch Holz und Restsüße miteinander kombinieren und dabei altern. Ein zehn Jahre alter halbtrockener Riesling mit 50% neuem Holz ist für mich eine Drohung, das Gleiche vom Chenin ist eine Offenbarung. Leider sind die Südafrikaner feige, was Restzucker angeht, die Weine sind fast alle sehr trocken. Einzig der bereits erwähnte Ken Forrester schenkte mir einen Wein mit 15 Gramm Restzucker und viel neuem Holz ein: Sein Premiumwein ,FMC‘ ist große Winzerkunst für einen, wie er mit breitem Grinsen zu Protokoll gibt, kleinen Käuferkreis. ,Wer ihn nicht versteht, der soll ihn nicht kaufen‘ lautet sein Credo.

Der trockene Chenin Blanc von Botanica ist für mich ein weiterer Ausnahmewein. 50% des Mostes sind im Stahltank ausgebaut und auf Klarheit und Frucht (ganz viel Limone) getrimmt, während die andere Hälfte in alten und neuen Fässern vergärt. Die Mischung ist nachher ein Best-of beider Weinstile, die so miteinander harmonieren, dass ich versucht war, die Probeflasche zu klauen.

Mit südafrikanischen Rotweinen tue ich mich schwerer. Pinotage erinnert mich zu sehr an Dornfelder, außer er kommt als so unglaublich guter Wein daher wie der Greywacke von Chamonix – die einen Teil der Trauben nach dem Ripasso-Verfahren ausbauen, weswegen der Wein auch nicht mehr sortentypisch schmeckt. Die mächtigen Höher-Schneller-Weiter-Bordeaux-Cuvées, die vor Kraft kaum laufen können, sind nichts für mich. Unglaublich elegant und im Alkohol vergleichsweise zurückhaltend sind hier die Weine von Vergelegen, auch Mullineux oder Tokara sah ich eher auf der eleganten Seite. Meine geliebten Spätburgunder gelingen in Teilen Südafrikas auch sehr gut, zum Beispiel im ,eiskalten‘ Elgin Tal, aus dem ich mit dem Rockview Ridge von Shannon Vineyards einen Vertreter mit nur 13% Alkohol und nobler Eleganz fand.

Vergelegen: Rot oder weiß, Eleganz auf breiter Front

Vergelegen: Rot oder weiß, Eleganz auf breiter Front

Experimentalweine, die Europa derzeit so beschäftigen, sind des Südafrikaners Sache nicht. Ein einziger ungeschwefelter Zurück-zu-den-Wurzeln-Wein schwappte mir ins Glas. ,Nudity‘ heißt der Syrah vielsagend und stammt von der Winery of Good Hope (aus deren Radford Dale Serie). Er vereint bei nur 13% Alkohol eine gewisse Wildheit mit viel Frucht und Eleganz. Die 1900 produzierten Flaschen reichen aber gerade einmal für den Inlandsbedarf und ein paar internationale Weinshows.

Das tolle an Südafrikas Weinszene ist, dass sie nur 500 Winzer zählt (auf einer Rebfläche von ähnlichem Ausmaß wie die Deutsche). Der Rest macht Fassweine. Da könnte man sich mit vertretbarem Aufwand zum Experten fortbilden, wenn die guten Winzer denn einen deutschen Importeur hätten. Doch leider ist genau dies das Problem: Die Hälfte der hier erwähnten Weine sind in Deutschland nicht erhältlich. What a shame!

Und hier geht es zum Bericht des mitgereisten Direttore Breitenfeld

#vcd13 – Tagebuch eines Vinocamps

Das Vinocamp Deutschland 2013 ist zu Ende und das Netz füllt sich mit Nachbetrachtungen. Wie so oft bin ich spät dran aber das hat sein Gutes: Ich konnte schon tolle Zusammenfassungen und persönliche Eindrücke lesen. Da fällt es mir leicht, in meinem Artikel nichts mehr zum Camp an sich, der Veranstaltungsform oder den Ergebnissen zu sagen. Ich verlinke lieber auf den Artikel von Carsten M. Stammen. Getreu dem Motto ,jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘ hat er auf einmalige Art seine Erlebnisse bei seinem ersten Vinocamp-Besuch aufgezeichnet. Und bei Nicola Neumann finden sich einige sehr schöne Fotos von der ,Unkonferenz‘. Ich beschränke mich hier auf meine persönlichen Höhepunkte und die Dinge, die ich gelernt habe.

Ich traf am Freitag Nachmittag im Rheingau ein, rechtzeitig um an der Weingutsführung und Verkostung im Wein- und Sektgut Barth teilzunehmen. Diese hat mir so viel Spass gebracht, dass ich darüber in den nächsten Tagen einen separaten Beitrag schreiben werde. Danach ging es zum traditionellen Get Together ins Weinbistro Altes Rathaus. Bei diesem lockeren Abend machte ich mir keine Notizen, kann mich aber gut an einige der probierten Weine erinnern. Wir erwarben einen Domaine de Trevallon 1995 um eine Bildungslücke meinerseits zu schließen, ansonsten wurde an diesem Abend traditionell viel von den Teilnehmern mitgebrachtes gegen moderates Korkgeld serviert, was insofern schade ist, als die sensationelle Weinkarte von Benjamin Gillert mehr Beachtung verdient hätte.

Da es den VDP-Betrieben nicht gestattet ist, ihre GGs (oder derzeit noch: GG-Anwärter) öffentlich vor dem 1. September zu zeigen, habe ich mir den Konsum von Bald-Grosse-Gewächsen aus dem Weingut Ress nur eingebildet. In meinen Träumen erschien mir ein sehr sauberer, mineralischer aber trotzdem leicht verständlicher Schlossberg. Sollte sich meine Vision bewahrheiten, dass das Gut dieses Jahr erstmals ein GG aus einer Hattenheimer Lage präsentiert, welches mit seiner fast rauchig-mineralischen und furztrocken-monolithischen Art (solche Worte erfindet man nur im Wahn) für ähnlich viele Diskussionen wie der letztjährige Rottland sorgen wird – dann sollte ich mich vielleicht als Orakel bei Astro TV bewerben.

Besser geht's nicht, nur anders...

Besser geht’s nicht, nur anders…

Der Samstag hielt für mich interessante Gespräche mit Menschen bereit, denen ich das Jahr über nur auf Facebook begegne. Die Zahl der Sessions, die ich besuchen konnte, war durch den Zeitverzug bei der kulinarischen Bordeaux-Probe etwas eingeschränkt. Diese Kombination einfacherer weißer und rosafarbener Weine aus dem Gebiet mit vor Ort zubereiteten Snacks (was für eine Untertreibung) aus der Sterneküche von Sascha Wolter war umwerfend. Die Erkenntnis, dass Bordeaux Weine – auch unter 25 Euro pro Flasche – für absolut jeden Anlass produziert, war für mich keine ganz neue, sie wurde mir aber noch nie so eindrucksvoll vermittelt. Ein ganz besonderes Erlebnis war dann der zweite Flight bei der sozialen Weinprobe ,Winzersekt‘ von Beate E. Wimmer. Den ersten Wein, Solters Brut Reserve habe ich im letzten Beitrag schon gewürdigt. Der zweite war der Reserve brut von der Sektkellerei Bardong. Weine des Jahrganges 1998, bei der Versektung zehn Jahre auf der Hefe liegen gelassen und nun noch ein wenig nach dem Degorgieren flaschengereift, was für ein Wahnsinnswein. Dieser Flight war Riesling Sekt in der besten aller Formen.

Die abendliche Party stand für mich im Zeichen des Wein Online Awards, worüber ich bereits geschrieben habe. Daneben gab es viele gute Schaumweine und anders als im Vorjahr beeindruckte mich vor allem die Disziplin der Teilnehmer. Da lag nirgendwo eine Schnapsleiche in einer Ecke (oder der aufmerksame Service hat sie einfach schneller entsorgt, als ich sie finden konnte).

Die sonntägliche Lehrprobe ,Schaumweine‘ mit Boris Maskow brachte für mich einen völlig überraschenden aber klaren Sieger: Bellavista Grand Cuvée 2006 von Franciacorta. Ebenfalls herausragend der Jour fixe von Immich Batterieberg, den habe ich allerdings schon mehrfach getrunken, weshalb der Überraschungseffekt ausblieb, mit dem sich der Franciacorta an die Spitze setzte – nicht das sinnvollste Kriterium aber hey, Sonntags um 10.00 Uhr morgens muss das mal erlaubt sein. Denn ungezwungen und ohne Allüren, das ist das Vinocamp Deutschland.

Ich freu mich schon aufs nächste Jahr.

Mein erster Award

Der deutsche Wein Online AwardImmer wenn ich denke, ich hätte es mit meinem Weinfimmel übertrieben und der Haussegen stünde auf dem Spiel, überrascht mich meine sehr viel bessere Hälfte mit einem kleinen symbolischen Akt der Absolution: sie schenkt mir meine erste (und bisher einzige) Flasche Roederer Cristal, sie kauft eine Lampe für die Küche, die man mit leeren Weinflaschen bestückt oder sie erwähnt beiläufig, bei einem Glas Wein auf der Terrasse ,Schatz, ich habe einen Text von Dir für den Wine Online Award eingereicht‘.

Der Wine Online Award ist ein von Dirk Würtz und Thomas Lippert initiierter Preis für den besten in sozialen Medien veröffentlichten Beitrag zum Thema Wein. Bei seiner diesjährigen Premiere war er für die Kategorien Text und Foto ausgeschrieben. Dirk und Thomas fungieren als Jury für die Vorauswahl, die endgültige Entscheidung treffen die Teilnehmer des Vinocamp per Stimmzettel.

Ich habe den Award gewonnen – mit einer Stimme Vorsprung. Das führte zu der lustigen Situation, dass beinahe jeder, der für mich gestimmt hatte, mich im Laufe des Abends der Verleihung darauf aufmerksam machte, dass ja wohl seine Stimme die entscheidende gewesen sei. Hier muss ich einmal widersprechen: Es war natürlich meine Stimme, die den Unterschied machte, denn als VCD-Teilnehmer war ich stimmberechtigt und habe mich in die Tradition Adenauers begeben 😉

Damit gerechnet hatte ich nicht, denn Helmut O. Knalls nominierter Text erschien mir als übermächtige Konkurrenz. Dass daneben mit Bernhard Fiedler ausgerechnet der Winzer im Teilnehmerfeld war, dessen großzügige Gabe meinen Artikel über Verschlussdiskussionen im Internet inspiriert und möglich gemacht hat, könnte man als Ironie des Schicksals betrachten, wenn man nicht wüsste, dass Bernhard Awards völlig Schnuppe sind. Auch Torsten Goffin, der vierte Nominierte, nahm die Sache ausgesprochen gelassen zur Kenntnis.

So darf ich mich bedanken, bei den Initiatoren für die Idee und Durchführung, den Mit-Campern für die Juryleistung, meiner Frau für die Toleranz und Unterstützung – und vor allem beim Sponsor Sopexa. Dass ein Unternehmen aus der Branche den Award mit Preisgeld ausstattet, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Dirk Würtz hat in einem Artikel die mit dieser Geste zum Ausdruck gebrachte Stimmung bestens zusammengefasst. Dort bitte lesen, alles was ich hier dazu schriebe, wäre nur Plagiat.

Gefeiert habe ich den Award vor Ort mit allen Anwesenden der Zeremonie mit diversen Schaumweinen, darunter Palmes d‘Or 2000 aus der Jeroboam (Dank an den Stifter, das Champagnerhaus Nicolas Feuillatte) und einem besonderen Sekt.

Solter Brut, Rheingau Riesling Sekt Reserve, 2007, Rheingau. Die Trauben stammen ausschließlich aus der Lage Rüdesheimer Berg Roseneck, was erst ab dem Folgejahrgang auf dem Etikett ausgewiesen werden wird. In der Nase betörend, weil er an einen gereiften Riesling erinnert, aber auch die Hefenoten eines guten Sektes nach traditioneller Methode bietet, dazu mit einem Hauch Petrol, der was magisches hat. Am Gaumen stoffig, weinig, ohne Breit zu wirken, auch weil die Perlage nach 60 Monaten Hefelager unglaublich fein ist. Das ist die gelungene Interpretation eines deutschen Rieslingsektes, kein Versuch einen Champagner zu imitieren. Es wäre dem Anlass nicht gerecht geworden, Aromen zu notieren, ich habe aber genug davon getrunken um schwören zu können, dass das ein Klasse-Sekt ist.

Hätte einen Award verdient…

Vorfreude auf Geisenheim

In etwas mehr als einer Woche ist es wieder Zeit für das Vinocamp. Zum dritten Mal treffen sich Menschen, die sich für Wein privat oder beruflich begeistern und die diese Begeisterung miteinander über die ,sozialen Medien‘ wie Blogs, Twitter, Facebook und so altmodische Einrichtungen wie Weinforen teilen. Zum zweiten Mal werde ich teilnehmen und da noch einige wenige Plätze frei sind, will ich die Werbetrommel rühren.

Was ein Barcamp ist, habe ich schon in der Rückschau zum letzten Camp beschrieben. Ob es noch eine zeitgemäße Organisationsform ist, ziehen die ersten in Zweifel, für einen dritten Durchgang wird es allemal gut sein. Die Themen, die es am 29. und 30.6. in der Fachhochschule Geisenheim auf die Agenda schaffen, werden so bunt wie die Teilnehmerschar. Wo Blogger auf Winzer treffen und sich Händler, PR-Manager und Verbandsfunktionäre dazu gesellen, besteht die Gefahr, dass alle auf einmal und fröhlich aneinander vorbei reden. Das Barcamp mit seinen ,Sessions‘ genannten Untergruppen stellt ein gutes Werkzeug zur Strukturierung zur Verfügung.

Viel wichtiger als die Ergebnisse einzelner Sessions ist meiner Meinung nach die Botschaft, die vom Camp insgesamt ausgeht. Die sozialen Medien sind für Wein ähnlich revolutionär wie für das Theater die ersten Inszenierungen, die Spiel und Handlung in den Zuschauerraum verlagerten, Logen mit einbezogen, dem Publikum den Eindruck vermittelten: ,Ich bin ein Teil der Aufführung‘. Dass bei diesem Paradigmenwechsel mal was schief geht, Amateure vorlaut werden oder die Einladung zur Teilhabe mit der Beförderung auf den Regiestuhl verwechseln, kritisieren nur die Protagonisten der alten Schule, die gerne auch heute noch als Hamlet in historischem Kostüm auf der Bühne stehen, mit dem Schädel in der Hand ,Wein oder nicht Wein‘ murmeln und dem Publikum die Tradition in den dunklen Saal schleudern wollen, um am Ende Ovationen entgegenzunehmen und Interaktion zu verweigern. Es sind erstaunlich viele ältere Winzer unter diesen Verweigerern, während die Medienschaffenden immer zahlreicher die neuen Umstände umarmen.

Neben der Vermengung von Profis und Laien, Produzenten und Konsumenten, Händlern und Kunden gefällt mir die Tatsache, dass man beim Vinocamp auch Menschen trifft, die Wein nur am Rande zum Thema haben: Foodblogger, Whiskeyfans und andere Genussmenschen. Von denen kann man einiges Lernen. Das hebt die Lebensqualität. Beispiel gefällig?

Bis vor kurzem war Pfeffer für mich etwas getrocknetes, das aus der Tüte kommt: Schwarz, bunt und seltener weiß – in Ausnahmen auch mal feucht und grün. Dass man aus Pfeffer eine Wissenschaft machen kann, war mir unbekannt. Und hätte es jemand erwähnt: linkes Ohr rein, rechtes Ohr raus. Dann traf ich auf dem Vinocamp Ehepaar Uhlenbusch, die Feinkosthändler. Und weil so ein netter Kontakt entstand, besuchten uns die Uhlenbuschs, als sie beruflich zur Grünen Woche mussten, im Gepäck ein Fresskorb und darin in Meersalz fermentierter ostasiatischer Pfeffer der Luxusklasse.

Eine Gebrauchsanweisung gab‘s mündlich dazu: Mit dem Messer fein hacken und nach dem Braten/Grillen über Fisch oder Fleisch geben. Ich habe es ausprobiert. Es ist unglaublich. Ich grille gern und viel und ich mariniere, beize, smoke, was das Zeug hält. Doch seit dem Besuch der Uhlenbuschs kommt immer auch ein ungewürztes Stückchen Fleisch auf den Grill. Das wird nur nach dem Garen gesalzen und mit frisch gehacktem, in Meersalz fermentierten Pfeffer bestreut. Geschmacksexplosion! Ich trinke dazu dann Spätburgunder. Diesen hier zum Beispiel.

R.&C. Schneider, Spätburgunder ,R‘, 2005, Baden. In der Nase Blut und Holz, nur wenig Frucht, etwas Lakritz. Am Gaumen sehnig, schlank, mit kräftiger Säure, reichlich Holz, feinem Tannin und schöner Mineralik, wieder nur wenig Frucht (Himbeere) rohem Fleisch und ziemlich viel Tiefgang. Der Abgang ist lang und harmonisch. Das ist ein feiner Wein, den man vermutlich ,burgundisch‘ nennen darf. Unter den vielen Schneider-Rotweinen, die ich schon trinken durfte, ist er nur durchschnitt, als Grill- und Pfefferbegleiter aber ein großes Vergnügen.

Das Vinocamp ist Bildungsurlaub mit interessanten Mitstreitern – immer auch für eine Anekdote gut. Es sind noch einige wenige Plätze frei: http://vinocamp-deutschland.net/

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