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Harte Zahlen – weiche Zahlen

Die folgende Erläuterung hat nichts mit Wein zu tun. Sie bezieht sich auf Dirk Würtz’ Artikel über die aktuellen Auflagenzahlen der Weinpresse und eine lebhafte Diskussion, die sich darum auf den verschiedenen sozialen Kanälen entwickelt hat. Da ich beruflich mit Absatzförderung befasst bin, wurde ich gebeten, einige klärende Anmerkungen zum Thema, wie läuft der Entscheidungsprozess in der Anzeigenschaltung, welche Reichweitendaten sind relevant und wie werden sie erhoben und ausgewertet, zu liefern. Da Facebook mangelhafte Such- und Archivfunktionen bietet, publiziere ich hier, wo der Text auch später leicht gefunden wird. Wer den Schnutentunker liest, weil er sich für Wein interessiert, der komme bitte nächste Woche wieder.

Die Zahl der gedruckten, verkauften, abonnierten und verschenkten Hefte deutscher Print-Medien wird von der Interessengemeinschaft für die Verbreitung von Werbeträgern (kurz IVW) gemessen. Die Zahlen der Weinmedien sind seit Jahren rückläufig. Die tatsächlich verkaufte Auflage einiger Medien nähert sich dem vierstelligen Bereich. Daraus lässt sich auf einen Niedergang schließen, trotzdem sollte man die richtigen Zahlen für die Analyse heranziehen.

Anzeigenkampagnen werden in Deutschland meist von zwei Dienstleistern für den Werbetreibenden erarbeitet. Die Werbeagentur (auch Kreativagentur genannt) konzipiert den Inhalt und die Gestaltung, die Media-Agentur sucht die idealen Umfelder für die Schaltung der Motive, verhandelt die Preise und übernimmt die Auswertung der Ergebnisse. Media-Agenturen haben einige Parameter, mit denen sie planen: Reichweite, Relevanz und Preis. Gehen wir sie einmal der Reihe nach durch.

Die Reichweite ist die Zahl der Menschen, die ein Anzeigenmotiv tatsächlich zu sehen bekommen, beziehungsweise die beste Näherung daran. Sie wird aufgrund von Daten einer Media-Analyse, der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG MA, die Studie heißt MA) berechnet. Die AG MA führt jedes Quartal Interviews mit einer Zahl von Menschen, die mindestens den Anforderungen an einen Zensus entspricht. Dabei werden Fragen zur Mediennutzung gestellt. Tuen wir für die Sekunde mal so, als gehörte ich zu den Interviewten.

Ich habe keine Weinzeitschrift abonniert und kaufe auch keine. Meine letzte Vinum habe ich bei einer Messe geschenkt bekommen, einen Falstaff besitze ich nicht. Wenn ich aber Donnerstags einen Absacker im Rutz nehme, an ‚unserem‘ Tisch hinten in der Ecke, und meine Frau geht sich kurz die Nase pudern, dann drehe ich mich um und greife in die Obstschale auf dem Tresen – da liegt die Vinum. Und wenn ich zum Plausch bei Planet Wein am Gendarmenmarkt weile und die freundliche Inhaberin Anja muss einen Kunden verarzten, dann liegt in der rechten Ecke der mittleren Fensterbank der Falstaff.

Während meines MA-Interviews werden mir Kärtchen mit den Logos von Medien gezeigt und Fragen zu meinem Nutzungsverhalten gestellt. Also sehe ich die Karte mit dem Vinum Logo und erkläre wahrheitsgemäß, wann ich das letzte Mal in dieser Zeitschrift gelesen habe. Je nachdem wie es sich damit verhält, lande ich entweder im sogenannten Weitesten Leserkreis (WLK), der Zahl von Menschen, die mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten das Magazin gelesen haben oder gar in den Lesern der letzten Ausgabe. Auf diese Art werden der LWK und die Leser pro Ausgabe (LpA) ermittelt und ergeben zusammen die Reichweite des Mediums. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Exemplar gekauft, geliehen oder geklaut war und das ist auch gut so. Ich nehme an, dass sowohl die Vinum im Rutz als auch der Falstaff bei Planet Wein entweder ein Freiabo oder ein sogenannter Sonderverkauf sind. Das ist für den Mediaplaner irrelevant.

Für die detaillierte Mediaplanung möchte die Agentur aber noch etwas über mich persönlich (abstrakt) wissen. Also gibt es drei sogenannte Markt-Media-Studien, die die MA-Zahlen in Bezug zu Leserprofilen setzen: die Typologie der Wünsche (TdW) von Burda, die Verbraucheranalyse (VA) von Springer und Bauer sowie die Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA) vom gleichnamigen Institut. Sollte ich als Studienobjekt von einer dieser Organisationen ausgewählt werden, so stellen sie mir Fragen über meine Soziodemographie, meine Interessen und mein aktuelles und geplantes Konsumverhalten. So ergeben sich für die Leserschaft der einzelnen Medien Interessenwerte, der sogenannte Affinitätsindex. Dieser sagt aus, wie sich das Interesse der Leserschaft über alle Leser gemittelt im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung darstellt. Ein Affinitätsindex von 400 beim Thema Wein bedeutet also, dass die Leserschaft des untersuchten Mediums eine viermal so große Liebe zu Wein pflegt wie der Durchschnittsdeutsche.

Aus diesen Daten lassen sich die entscheidenden Reichweiten- und Preisinformationen ableiten. Machen wir mal eine Beispielrechnung. Alle Annahmen sind erfunden. Gesetzt den Fall, der Spiegel hat 2 Millionen LpA und eine ganzseitige Anzeige kostet 100.000 Euro. Dann beträgt die Kenngröße Tausend-Kontakt-Preis (TKP) 50 Euro (100 TEUR/2 MM Kontakte = 50 pro Tausend). nehmen wir ferner an, die Auto Motor & Sport (AMS) hat eine Leserzahl von 500.000, ruft für die Anzeige aber 50.000 Euro auf, so verlangt sie einen TKP von 100 Euro. Da wäre ja zu heiß gebadet, wer in der AMS eine Anzeige schaltet? Jein. Es kommt der Effektiv-TKP ins Spiel: Die Leser der AMS haben eine sehr viel höhere Affinität zu Autos. Angenommen, die AWA ergibt, jeder fünfte Spiegel-Leser plant in den nächsten 18 Monaten einen Autokauf, bei der AMS sei es jeder zweite. Dann beläuft sich der Effektiv-TKP in der Zielgruppe der ‚Auto-Kaufentscheider Zeithorizont 18 Monate‘ beim Spiegel auf 250 Euro (100 TEUR geteilt durch 500.000 autointeressierte Leser), bei der AMS nur auf 200 Euro, denn hier sind die sogenannten Streuverluste niedriger, also Kontakte mit Menschen, die sich nicht für das beworbene Produkt interessieren. Deswegen bewirbt man Nutella nicht in der Men’s Health und Chanel nicht im Kicker.

Die Markt-Media-Studien fördern übrigens nicht nur Offensichtliches zutage, sondern auch vieles auf den ersten Blick nicht selbstverständliche. Wer Single Highland Malt Whiskey bewerben will, der geht in die P.M. – warum weiß nur die Software. Denn eine solche nutzen die meisten Media-Agenturen. Sie bietet den Vorteil, dass sie auch komplexe Zusammenhänge berechnen kann und die Frage beantwortet, die noch offen ist: Wenn die AMS für Mercedes doch so viel günstiger ist, als der Spiegel, wieso buchen die nicht nur AMS? Und hier geht es um den Werbedruck, die Kontaktzahl insgesamt und die absolute Reichweite. In Deutschland sind zu jeder Zeit 5 Millionen Menschen mit der Frage beschäftigt, welches Auto sie sich denn in den nächsten 18 Monaten kaufen sollen. Da hilft die AMS mit 250.000 relevanten Lesern nur bedingt. Mercedes muss breiter streuen, um schnell in der gesamten Zielgruppe anzukommen. Dabei bildet die Software dann Rangreihen und berechnet auch die Überschneidungen in der Leserzahl einzelner Medien.

Online funktioniert das Ganze analog: Die MA heißt hier AGOF und ist Mitglied in der AG MA, der WLK heißt WNK (Weitester Nutzerkreis) und die Daten werden mit der technischen Messung verknüpft, die ebenfalls von der IVW kommen.

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Aye Aye und Goodbye, Captain!

Anmerkung: Manfred Klimek beendet zum Ende des Monats die Chefredaktion der Plattform Captain Cork und hatte sich von allen Deutschen Weinbloggern zum Abschied Gastbeiträge gewünscht. Das Folgende hätte meiner sein sollen. Dass er nicht bei CC erscheint, liegt nicht daran, dass Klimek den Text nicht mochte, es hat mit den Modalitäten seines Abschieds zu tun. Also erscheint er jetzt hier.

Looos, schreib!

Ein Drama in vier Akten und (k)ein Gastbeitrag

1. Akt: Am Schiff. Die letzte Planungskonferenz mit dem scheidenden Captain läuft

Captain: Wisst Ihr schon, wie es weiter geht, wenn ich Euch verlasse?
Zahlmeister: Als erstes schaffen wir diese dämlichen Punkte wieder ab
Captain: Wie bitte? Keine Punkte? Das wird das Schiff nicht überleben!
Der Erste: Und ob. Die neue Bewertungsskala ist ganz einfach. Es gibt drei Arten von Weinen: die schlechten, die guten und die bei Captain Cork erwähnten. Die Besprechung in der führenden deutschen Internetplattform ist für einen Wein eh’ das größte Lob.
Captain: So ein Dreck. geht alles den Bach runter hier, steht nicht mal ordentlicher Wein auf dem Tisch. Dabei muss ich vorglühen, gehe heute noch in Grill, Kingsize, Grand, Katz und Cookies, (Er steht auf und schaut in den Kühlschrank)Was haben wir da? Ah, ein Wein von mir, der Looos. Seht Leute, das ist ein großer Wein.
Der Zahlmeister: Nein, das ist höchstens ein guter Wein, denn er wurde nie bei Captain Cork besprochen.
Captain: Aber das könnt Ihr dann ja machen, wenn ich weg bin
Linkslotse: Niemals, das sähe immer noch nach Vetternwirtschaft aus.
Captain: Dann mach ich das halt. So als letzten Artikel.
Zahlmeister: Nix da, Du redigierst noch die Gastbeiträge Deiner Claqueure und dann ist Schluss hier. Und Schluss ist jetzt auch mit dieser Redaktionskonferenz. Ich muss los.

Alle stehen auf und verlassen das Schiff. Einzig der Captain bleibt zurück, tigert auf und ab und trinkt in hastigen Schlucken seinen Wein.

Captain: Hagel und Granaten, keinen Respekt mehr diese Maate. Denen werde ich es zeigen. Dieser Wein ist groß und deswegen muss er bei Captain Cork besprochen werden. Aber ich habe nur diese Gastbeiträge. Er bleibt stehen, schlägt sich gegen die Stirn. Heureka! Gastbeiträge. Ich lasse einen Gastautor den Looos besprechen. Das ist es. Wen nehme ich denn da? Warte: Vahlefeld? Zu verkopft, Elflein? Der kann nur Riesling. Würtz? Zu inflationär begeistert. Ich brauche jemand neues. Jemanden, den ich formen kann. Ha, ich weiß.
Er greift zum Telefon

Vorhang

2. Akt: Eine Wohnung in Weißensee, die Küche, der Schnutentunker, ein Mann in den besten Jahren, kniet auf dem Küchenfußboden mit einem Glas Rotwein in der Hand und scheint zu beten.

Schnutentunker (ST): Lieber Gott, danke dass es so was gibt, danke, dass der Winzer so viel Talent und der Herr Schulz soviel Geld hat, Danke, dass … (Das Telefon klingelt, der Schnutentunker erhebt sich und greift zum Hörer) Ja, Hallo … Wer? … Klimek? … Der Klimek? … Captain Cork?
Sir, ja Sir, es ist mir eine große Ehre. … Was? … Ja, ich bin still und höre zu.
Man hat mein Blog an Bord wohlwollend zur Kenntnis genommen?
Gastbeitrag? (Sichtlich bewegt ringt der Schnutentunker um Fassung.) Ja, ich bin noch dran. … Selbstverständlich folge ich der Einladung. … An Bord, ja. Morgen. Ich werde da sein. … Pünktlich.

Vorhang

3. Akt: Die Kombüse am Schiff. Der Captain hängt sichtlich verkatert am Tisch, der Schnutentunker stocksteif und nervös mit den Händen spielend ihm gegenüber, vor sich ein aufgeklapptes Notebook.

Captain: Also Schnuti, direkt zur Sache. Wir suchen neue Maate und Du bist ein Kandidat. Dein Blog ist nett. Nicht perfekt aber ein Rohdiamant. Der Schliff fehlt noch aber ich bin ja jetzt da.
ST: Vielen Dank, Captain, ich weiss gar nicht, wie ich Ihnen…
Captain: Jaja, nicht heulen. Hier, nimm mal einen Schluck von diesem Klassewein und fang an zu beschreiben

Beide halten ihre Nase in ihr Weinglas, riechen, probieren und gurgeln ausführlich

ST: Also das ist wirklich eine schöne Nase, hat was dezent pfeffriges…
Captain: DEZENT? Bist Du deppert, das ist doch kein dezenter Wein, das ist urwüchsig, ein Wein wie ein Kerl, ein Echter Baum von einem Mann
ST: Männer, Bäume aber sollte man nicht…
Captain: Journalismus, Schnuti, das ist Journalismus. Muss ich Dir jetzt den Journalismus erklären?
ST: Ich dachte, Journalismus hat was mit Fakten zu tun …
Captain: MEINUNGSJOURNALISMUS, Schnuti, geht das in Deinen Schädel rein?
ST: Ja, sorry Captain, es ist nur so: Fünf Zentiliter Probeschluck und fünf Minuten, ich schreibe ja immer in meinem Blog, dass das nicht reicht, um wirklich hinter das Geheimnis eines Weins zu kommen.
Captain: Aber das ist Captain Cork, das ist kein Blog und wenn Du in fünf Minuten nix Gescheites über einen Wein rausfindest, dann bist Du kein guter Verkoster. Glücklicherweise bin ich ein sehr guter Verkoster. Also helfe ich Dir. Ich verkoste, Du notierst.
ST: Das ist wirklich sehr freundlich, dass Sie mich so unterstützen.
Captain: Jaja, Schluss mit dem Gewinsel. Also schreib (der Captain springt auf, tigert durch den Raum, riecht, probiert und diktiert) In der Nase kräftig und eindringlich, sauber, frisch geschnittenes Gras, gelbfruchtig, nasser Aschenbecher …
ST: Nasser Aschenbecher? Das ist doch kein Vokabular der Weinsprache!
Captain: Sprache ist lebendig, sie entwickelt sich. Was hat Goethe gemacht, wenn ihm ein Wort fehlte? Er hat eines erfunden. Was macht der Captain, wenn ein Wort in der Weinsprache fehlt? Er fügt es hinzu.
ST: Aber Goethe war ein berühmter Dichter.
Captain: Und ich bin ein berühmter Fotograf. Fotografen verdienen eh’ mehr als Dichter. Goethe hat in sechs Monaten Italien nicht so viel auf seine Kredtitkartenrechnung geschafft, wie ich in drei Tagen Paris! Und jetzt schreib. Am Gaumen dicker Extrakt, mineralische Würze, fantastisches Mundgefühl und so weiter und so fort, Du kannst das dann zuhause auffüllen.
ST: Soll ich nicht noch etwas zum Anlass schreiben, zu dem er am besten passt, also vielleicht Terrassenwein oder Kamin…
Captain: Sag’ mal Bürschchen, liest Du eigentlich meine Texte nicht?
ST: Also, wenn ich ehrlich bin nicht so regelmäßig.
Captain: Das sagen alle, aber wenn ich mir die Millionen von Klicks anschaue, dann weiss ich – ach, vergiss es. Wir müssen zum Schluss kommen
ST: Na gut, aber wir sollten eine Bezugsquelle angeben, oder?
Captain: Das ist ein Österreichischer Wein, das ist nicht so, wie bei Euch Piefkes. Unsere großen Weine der Heimat sind selbstverständlich schnell ausverkauft. Naja, aber ich kenne ein zwei Händler, die würden vielleicht noch was aus der privaten Schatzkammer rausrücken. Also schreib: Weinunion, Weinart, Weingallerie, Fräulein Brösels Weinerwachen.
So, genug gearbeitet. Das schreibst Du jetzt daheim alles zusammen. Hier, (er gibt ihm eine Flasche Wein) nimmst Du noch einen zweiten Wein mit und besprichst den dann, wie wir es geübt haben. Das ist ganz was wildes.
ST: (liest das Etikett) Fattoria Kappa, nie gehört.
Captain: Was? Naja, ahnungsloser Enthusiast halt. Das Weingut ist der neue Stern in der Toskana, gehört einem berühmten Fotografen.
ST: Und Sie sagen, das ist ein wilder Wein? So mit Amphore?
Captain: Nix Amphore, wild hab’ ich gesagt, nicht Scheissdreck. Aber jetzt raus, ich habe noch Termine

Vorhang

4. Akt: Die Küche in Weissensee. Der Schnutentunker sitzt heftig schwitzend mit dem Notebook am Tisch. Auftritt der Schnutentunkergattin (STG).

STG: Hallo Schatz, wie war Dein Tag?
ST: Aufregend. Ich war bei Manfred Klimek, dem Captain. Wir haben Wein getrunken und ich habe sehr viel gelernt.
STG: Klimek? War das nicht dieser attraktive Typ, den Du mir neulich bei unserem Essen im Grill von weitem gezeigt hast?
ST: Ja, genau der
STG: Interessant… Und, wie ist der so?
ST: Ein beeindruckender Mann. Irgendwie urwüchsig
STG: Aha, und sonst so?
ST: Naja, der hat schon enorm was drauf. Und das ist das Problem. Ich soll einen Gastbeitrag schreiben und könnte vielleicht sogar Maat werden aber ich glaube, ich krieg es nicht hin. Ich sitze hier und mir fällt einfach nix ein, was gut genug für die führende Weinplattform im Internet wäre.
STG: Und, willst Du ihm jetzt absagen?
ST: Muss ich wohl. Aber mir fällt nicht mal ein gescheiter Text für eine Absagemail ein.
STG: Ach, armer Schatz, ich helfe Dir. Gib mir doch mal die Handynummer vom Captain. Ich ruf ihn an und erklär ihm das und wenn er arg enttäuscht ist, dann treffe ich mich mit ihm und werde ihn schon irgendwie besänftigen.
ST: Ach Liebling. Das ist so süß von Dir. Was würde ich nur ohne Dich machen?

Vorhang

#vcd13 – Tagebuch eines Vinocamps

Das Vinocamp Deutschland 2013 ist zu Ende und das Netz füllt sich mit Nachbetrachtungen. Wie so oft bin ich spät dran aber das hat sein Gutes: Ich konnte schon tolle Zusammenfassungen und persönliche Eindrücke lesen. Da fällt es mir leicht, in meinem Artikel nichts mehr zum Camp an sich, der Veranstaltungsform oder den Ergebnissen zu sagen. Ich verlinke lieber auf den Artikel von Carsten M. Stammen. Getreu dem Motto ,jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘ hat er auf einmalige Art seine Erlebnisse bei seinem ersten Vinocamp-Besuch aufgezeichnet. Und bei Nicola Neumann finden sich einige sehr schöne Fotos von der ,Unkonferenz‘. Ich beschränke mich hier auf meine persönlichen Höhepunkte und die Dinge, die ich gelernt habe.

Ich traf am Freitag Nachmittag im Rheingau ein, rechtzeitig um an der Weingutsführung und Verkostung im Wein- und Sektgut Barth teilzunehmen. Diese hat mir so viel Spass gebracht, dass ich darüber in den nächsten Tagen einen separaten Beitrag schreiben werde. Danach ging es zum traditionellen Get Together ins Weinbistro Altes Rathaus. Bei diesem lockeren Abend machte ich mir keine Notizen, kann mich aber gut an einige der probierten Weine erinnern. Wir erwarben einen Domaine de Trevallon 1995 um eine Bildungslücke meinerseits zu schließen, ansonsten wurde an diesem Abend traditionell viel von den Teilnehmern mitgebrachtes gegen moderates Korkgeld serviert, was insofern schade ist, als die sensationelle Weinkarte von Benjamin Gillert mehr Beachtung verdient hätte.

Da es den VDP-Betrieben nicht gestattet ist, ihre GGs (oder derzeit noch: GG-Anwärter) öffentlich vor dem 1. September zu zeigen, habe ich mir den Konsum von Bald-Grosse-Gewächsen aus dem Weingut Ress nur eingebildet. In meinen Träumen erschien mir ein sehr sauberer, mineralischer aber trotzdem leicht verständlicher Schlossberg. Sollte sich meine Vision bewahrheiten, dass das Gut dieses Jahr erstmals ein GG aus einer Hattenheimer Lage präsentiert, welches mit seiner fast rauchig-mineralischen und furztrocken-monolithischen Art (solche Worte erfindet man nur im Wahn) für ähnlich viele Diskussionen wie der letztjährige Rottland sorgen wird – dann sollte ich mich vielleicht als Orakel bei Astro TV bewerben.

Besser geht's nicht, nur anders...

Besser geht’s nicht, nur anders…

Der Samstag hielt für mich interessante Gespräche mit Menschen bereit, denen ich das Jahr über nur auf Facebook begegne. Die Zahl der Sessions, die ich besuchen konnte, war durch den Zeitverzug bei der kulinarischen Bordeaux-Probe etwas eingeschränkt. Diese Kombination einfacherer weißer und rosafarbener Weine aus dem Gebiet mit vor Ort zubereiteten Snacks (was für eine Untertreibung) aus der Sterneküche von Sascha Wolter war umwerfend. Die Erkenntnis, dass Bordeaux Weine – auch unter 25 Euro pro Flasche – für absolut jeden Anlass produziert, war für mich keine ganz neue, sie wurde mir aber noch nie so eindrucksvoll vermittelt. Ein ganz besonderes Erlebnis war dann der zweite Flight bei der sozialen Weinprobe ,Winzersekt‘ von Beate E. Wimmer. Den ersten Wein, Solters Brut Reserve habe ich im letzten Beitrag schon gewürdigt. Der zweite war der Reserve brut von der Sektkellerei Bardong. Weine des Jahrganges 1998, bei der Versektung zehn Jahre auf der Hefe liegen gelassen und nun noch ein wenig nach dem Degorgieren flaschengereift, was für ein Wahnsinnswein. Dieser Flight war Riesling Sekt in der besten aller Formen.

Die abendliche Party stand für mich im Zeichen des Wein Online Awards, worüber ich bereits geschrieben habe. Daneben gab es viele gute Schaumweine und anders als im Vorjahr beeindruckte mich vor allem die Disziplin der Teilnehmer. Da lag nirgendwo eine Schnapsleiche in einer Ecke (oder der aufmerksame Service hat sie einfach schneller entsorgt, als ich sie finden konnte).

Die sonntägliche Lehrprobe ,Schaumweine‘ mit Boris Maskow brachte für mich einen völlig überraschenden aber klaren Sieger: Bellavista Grand Cuvée 2006 von Franciacorta. Ebenfalls herausragend der Jour fixe von Immich Batterieberg, den habe ich allerdings schon mehrfach getrunken, weshalb der Überraschungseffekt ausblieb, mit dem sich der Franciacorta an die Spitze setzte – nicht das sinnvollste Kriterium aber hey, Sonntags um 10.00 Uhr morgens muss das mal erlaubt sein. Denn ungezwungen und ohne Allüren, das ist das Vinocamp Deutschland.

Ich freu mich schon aufs nächste Jahr.

Mein erster Award

Der deutsche Wein Online AwardImmer wenn ich denke, ich hätte es mit meinem Weinfimmel übertrieben und der Haussegen stünde auf dem Spiel, überrascht mich meine sehr viel bessere Hälfte mit einem kleinen symbolischen Akt der Absolution: sie schenkt mir meine erste (und bisher einzige) Flasche Roederer Cristal, sie kauft eine Lampe für die Küche, die man mit leeren Weinflaschen bestückt oder sie erwähnt beiläufig, bei einem Glas Wein auf der Terrasse ,Schatz, ich habe einen Text von Dir für den Wine Online Award eingereicht‘.

Der Wine Online Award ist ein von Dirk Würtz und Thomas Lippert initiierter Preis für den besten in sozialen Medien veröffentlichten Beitrag zum Thema Wein. Bei seiner diesjährigen Premiere war er für die Kategorien Text und Foto ausgeschrieben. Dirk und Thomas fungieren als Jury für die Vorauswahl, die endgültige Entscheidung treffen die Teilnehmer des Vinocamp per Stimmzettel.

Ich habe den Award gewonnen – mit einer Stimme Vorsprung. Das führte zu der lustigen Situation, dass beinahe jeder, der für mich gestimmt hatte, mich im Laufe des Abends der Verleihung darauf aufmerksam machte, dass ja wohl seine Stimme die entscheidende gewesen sei. Hier muss ich einmal widersprechen: Es war natürlich meine Stimme, die den Unterschied machte, denn als VCD-Teilnehmer war ich stimmberechtigt und habe mich in die Tradition Adenauers begeben 😉

Damit gerechnet hatte ich nicht, denn Helmut O. Knalls nominierter Text erschien mir als übermächtige Konkurrenz. Dass daneben mit Bernhard Fiedler ausgerechnet der Winzer im Teilnehmerfeld war, dessen großzügige Gabe meinen Artikel über Verschlussdiskussionen im Internet inspiriert und möglich gemacht hat, könnte man als Ironie des Schicksals betrachten, wenn man nicht wüsste, dass Bernhard Awards völlig Schnuppe sind. Auch Torsten Goffin, der vierte Nominierte, nahm die Sache ausgesprochen gelassen zur Kenntnis.

So darf ich mich bedanken, bei den Initiatoren für die Idee und Durchführung, den Mit-Campern für die Juryleistung, meiner Frau für die Toleranz und Unterstützung – und vor allem beim Sponsor Sopexa. Dass ein Unternehmen aus der Branche den Award mit Preisgeld ausstattet, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Dirk Würtz hat in einem Artikel die mit dieser Geste zum Ausdruck gebrachte Stimmung bestens zusammengefasst. Dort bitte lesen, alles was ich hier dazu schriebe, wäre nur Plagiat.

Gefeiert habe ich den Award vor Ort mit allen Anwesenden der Zeremonie mit diversen Schaumweinen, darunter Palmes d‘Or 2000 aus der Jeroboam (Dank an den Stifter, das Champagnerhaus Nicolas Feuillatte) und einem besonderen Sekt.

Solter Brut, Rheingau Riesling Sekt Reserve, 2007, Rheingau. Die Trauben stammen ausschließlich aus der Lage Rüdesheimer Berg Roseneck, was erst ab dem Folgejahrgang auf dem Etikett ausgewiesen werden wird. In der Nase betörend, weil er an einen gereiften Riesling erinnert, aber auch die Hefenoten eines guten Sektes nach traditioneller Methode bietet, dazu mit einem Hauch Petrol, der was magisches hat. Am Gaumen stoffig, weinig, ohne Breit zu wirken, auch weil die Perlage nach 60 Monaten Hefelager unglaublich fein ist. Das ist die gelungene Interpretation eines deutschen Rieslingsektes, kein Versuch einen Champagner zu imitieren. Es wäre dem Anlass nicht gerecht geworden, Aromen zu notieren, ich habe aber genug davon getrunken um schwören zu können, dass das ein Klasse-Sekt ist.

Hätte einen Award verdient…

Riesling für die Lampe

Neulich stolperte ich über einen Artikel von Jens Priewe, dem Kopf hinter der Webseite ,Weinkenner.de‘. Es handelt sich um einen schon älteren Beitrag zur Debatte darüber, ob die Deutschen ihrem Wein genügend Achtung entgegen bringen. Leider werden solche Diskussionen fast ausschließlich auf Facebook geführt und wer seine Artikel dort nicht verlinkt (wie Herr Priewe), der findet kaum statt. Also dauerte es auch bei mir eine Weile und war letztlich dem Zufall geschuldet, dass ich dieses lesenswerte Stück im Netz fand. Eine Anekdote fand ich besonders bemerkenswert, weswegen ich mir erlaube, sie vollständig zu zitieren:

Vor ein paar Wochen organisierte ich für eine Gruppe von Rechtsanwälten eine Weinprobe mit deutschen Rieslingen. Die Herren gaben zu, noch wenig von Wein zu verstehen. Aber sie waren bereit zu lernen. Ich setzte ihnen also blind acht Weine vor: zwei Gutsweine, zwei Ortsweine, zwei Terroirweine, zwei Große Gewächse. Alles Jahrgang 2011 und von renommierten VDP-Erzeugern. Was schmeckte den Herren am besten? Die Gutsweine. Was am wenigsten? Die Großen Gewächse.

Im Folgenden führt Priewe aus, dass den Deutschen der Genuss an geschmacklichen Vergnügen abginge. Andere Völker hätten den Wunsch nach Genuss in der DNA, während wir eher technikbegeistert seien.

Richtig gute Artikel inspirieren ihre Leser – zu was auch immer. Dieser inspirierte mich in den folgenden Tagen eher einfache Weine zu trinken. Da ich geschmacklich etwas trainiert sein mag, erwartete ich mir keinerlei Erkenntnisse, die die Thesen von Jens Priewe unterstützen oder widerlegen könnten, ich fand es einfach nur mal wieder spannend, ein wenig kleinere Gewächse zu trinken.

Da ich keine Gutsrieslinge in Griffweite hatte, kamen die Rieslinge ,Tonschiefer‘ und ,Mineral‘ von den Weingütern Dönnhoff und Emrich-Schönleber ins Glas. Die sind für manche schon Festtagsweine und teurer als die meisten trockenen Spätlesen deutscher Nicht-VDP-Erzeuger. Trotzdem fand ich, dass sie deutlich simpler als ein durchschnittliches GG sind.

Tonschiefer_MineralEmrich-Schönleber, Riesling trocken ,Mineral‘, 2011, Nahe. In der Nase frisch und etwas säuerlich, grüner Apfel, etwas Aprikose und leicht blumig. Am Gaumen eine für diesen Jahrgang krasse Säure, ein kleiner Bitterton, sehr viel grüner Apfel bei mittlerem Volumen. 13% Alkohol fallen nicht weiter auf. Der Abgang ist mitellang, der Wein nicht wahnsinnig spannend (vielleicht etwas zu jung) aber sehr ordentlich.

Dönnhoff, Riesling trocken ,Tonschiefer‘, 2009, Nahe. In der Nase Aprikose und mürber Apfel sowie etwas verbranntes Gummi. Am Gaumen saftig, mit milder Säure, fruchtig süß mit Aromen von Mandarine, Ananas und Aprikose, ordentlichem Spiel. Er ist mineralisch, zeigt würzige Reife und einen relativ langen Abgang. Das ist der bessere der beiden Weine, der mir sehr viel Spass macht.

Und dann kam doch noch eine Erkenntnis, die sich vielleicht auf die Anwälte übertragen lässt. Beide Weine entwickeln einen deutlich höheren Trinkfluss als die GGs aus gleichem Hause. Und vielleicht ist der Deutsche, der die Dinge ja gern gründlich tut, der Meinung, wenn ich schon mal Alkohol trinke, dann trinke ich auch ordentlich Alkohol, lasse das Auto stehen und erlebe einen ,fröhlichen‘ Abend. Und dazu sind diese Weine viel besser als die GGs aus gleichem Hause geeignet. Ich schaffe auch kaum eine halbe Flasche eines Halenberg an einem Abend. Als Weinfreak habe ich aber vielleicht nicht die Einstellung, dass nur die Weine gute Weine sind, mit denen man sich ordentlich die Lampe anzünden kann…

Wein von den Hängen des Hades

Ich erhalte regelmäßig E-Mails, in denen irgendjemand findet, sein Produkt, sein Shop oder seine Website sei genau das richtige für meine Zielgruppe und ich sollte doch unbedingt darüber im Schnutentunker schreiben.  Ich finde diese Art der Akquisition legitim, handelt es sich doch bei den beworbenen Themen um Weinthemen und mein Blog handelt von Wein. Was nicht passt wird ignoriert, also fast alles.

Vor einigen Wochen erhielt ich eine solche Mail von der Firma Winemeister. Die publiziert einen Supermarktweinführer als Smartphone-App, also eine Art digitaler ,Super Schoppen Shopper‘. Dieses Produkt passt nicht zu meinem Blog, trotzdem entschied ich mich darüber zu schreiben, denn bei Winemeister handelt es sich um ein Startup aus Berlin Mitte. Da ich selber bei einem Startup in Berlin Mitte arbeite, war ich neugierig, wer wohl hinter diesem steckt. Ich schrieb zurück: ,Ich berichte gerne über Winemeister, wenn ihr mir was über die Menschen dahinter erzählt‘. Dieser Artikel ist also meiner Neugier geschuldet und keine bezahlte Redaktion, verdeckte PR oder sonstiges (wenngleich Eike die Pizza bezahlt hat).

Denn auf eine Pizza traf ich mich schließlich mit Jan Eike Thole, 25 Jahre alt und Gründer von Winemeister. Zwei Mitstreiter hat er gewonnen: seinen Bruder Henning, der für die Technik verantwortlich zeichnet, sowie Jan Konetzki, für Weinbewertung zuständig und im Hauptberuf Sommelier im Restaurant ,Gordon Ramsey‘ in London. Eike ist kein Weinexperte. Nach dem Jurastudium bedrohte das Leben ihn mit dem Anwaltsberuf und so suchte er fieberhaft nach einem Ausweg. Diverse digitale Ideen hatte er schon hin und her gewälzt als er eines Tages bei Rewe in Mitte stand und eine Flasche Wein zum Abend suchte. Er war überfordert und er stellte fest, dass keine der vielen Apps auf seinem Smartphone ihn in dieser Situation zu unterstützen vermochte. Er kaufte sich ein Buch, Cordula Eichs ,Super Schoppen Shopper‘. ,Da las ich dann über den Sekt Auerbach Halbtrocken den „kann Lothar Matthäus auf seiner nächsten Hochzeit ausschenken, der arme…“. Das kann man lustig finden, ich wollte aber etwas über Wein lernen‘ schildert Eike seine für ihn unbefriedigende Erfahrung mit dem Führer.

So entwickelte er die Idee für die Winemeister App. Ein Sommelier testet und bewertet die Supermarktweine der Republik. Die Weine werden nach Anlass, Geschmack oder Preis sortiert. In die App integriert bietet die Video-Weinschule einen Start in die Welt echten Weingenusses und dazu kann der Nutzer direktes Feedback in Form von eigenen Bewertungen einstellen. Den Weg zum nächsten Händler bietet die App dank GPS und Maps-Integration gleich mit. Zwei Haken hat die Sache noch. Da ist der Anspruch des Sommeliers: Der arbeitet in einem Drei-Sterne-Restaurant. Die besten Weine der deutschen LEH-Landschaft entlocken ihm gerade mal eine Bewertung von dreieinhalb Gläsern auf einer Skala von Null bis Fünf. Dem Weinfreak mag das einleuchten, der Normalnutzer wundert sich. Das Umschwenken auf eine Preis-Leistungs-Skala, die höhere Bewertungen zulässt, hat das Team diskutiert aber verworfen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Geschäftsmodell. Woran soll das Team mit einer kostenlosen App verdienen? Bisher bietet die Winemeister App einen integrierten Weinshop. Da finden sich Weine, die richtig Spaß machen. Dass beim Nutzer der Eindruck entstehen könnte, die Supermarktweine werden absichtlich ab- um das Shopsortiment aufzuwerten, bestätigt Eike freimütig. Der wahre Grund sei jedoch, dass man sich aus dem Sortiment eines Großhändlers durch Verkostungen einfach richtig guten Stoff ins Angebot geholt habe.

Auf ein Glas Wein mit Gründer Eike

Auf ein Glas Wein mit Gründer Eike

Die App erschien am 12. Januar und hat schnell 10.000 Downloads erzielt. Ein erstes Update erscheint Ende des Monats. 500 Bewertungen von Weinen aus dem Sortiment von Aldi, Rewe, Kaufland und dergleichen bot die App zum Start, mittlerweile sind es 650. Jedes zweite Wochenende fliegt Jan aus London ein und probiert sich durch das, was Eike eingekauft hat, denn alle Weine werden gekauft, wirtschaftliche Verflechtungen mit dem Handel bestehen nicht. Ziel ist es irgendwann alles probiert zu haben, was die deutschen Supermärkte bereit halten. Auch die Expansion nach England ist in Arbeit. Das Team von Winemeister finanziert sich den Traum von der eigenen Firma noch ohne externes Kapital. Das schafft kurze Entscheidungswege.

Ich gehöre nicht zur Zielgruppe der App, weswegen ich mich mit Prognosen zum Erfolg des Unterfangens zurückhalte. Den Bruch im Geschäftsmodell halte ich für ein Problem, doch im Gespräch deutet Gründer Eike an, dass das letzte Wort bezüglich möglicher Umsatzströme noch nicht gesprochen ist. Einen Beitrag zur Hebung der Weinkultur vermag ich zu erkennen. Nicht zuletzt aufgrund der Weine im Sortiment des Shops. Dieser hier gehört dazu (nicht gesponsert, sondern meinem eigenen Keller entnommen):

St. Urbanshof, Wiltinger Alte Reben, Riesling Kabinett feinherb, 2011, Mosel. In der Nase ist der Wein sehr blumig, dazu Eisbonbon und Banane – angenehm. Am Gaumen ist er trotz noch extrem viel Kohlensäure leicht dropsig. Mit drei Tagen Luft bessert sich das Bild: Pistazie, Mandarine, sehr schönes Spiel, angenehme Süße, leichter Gerbstoff im langen Abgang und unauffällige 10,5% Alkohol ergeben einen sehr feinen, wenngleich viel zu jung getrunkenen Moselriesling.

Die Winemeister App bei iTunes

Und bei Google play

Sechster in Absurdistan

Ich bin Mitglied diverser Weingruppen auf Facebook. Eine davon (sie heißt ,Hauptsache Wein‘ und jeder kann sich dort anmelden) beschäftigt sich besonders gerne mit Themen rund um Weinmedien und Weinkritik. Obwohl selten neue Argumente kommen, scheint das Thema niemals langweilig zu werden, wer eigentlich wann über welchen Wein schreiben darf und wie die schriftliche Auseinandersetzung mit Rebensaft auszusehen hat, damit sie ernst zu nehmen ist. Ein weiteres Dauerthema ist die Frage danach, wer unter den Weinschreibern welche Relevanz aufweist, mithin meinungsbildend, einflussreich oder gar führend ist.

Das Problem mit der Relevanz ist, dass sie die Summe von Reichweite und Kompetenz darstellt. Also kann man denjenigen, die über vermeintlich hohe Reichweite verfügen, immer noch die Kompetenz absprechen. Die Kompetenz wiederum ist gar nicht messbar, es sei denn, man würde eine Art Wissens- und Sensorikwettstreit für Weinkritiker veranstalten und alle zur Teilnahme bewegen. Die Internetseite Wein-Plus hat dieser Tage versucht, ihre Kompetenz und Bedeutung anhand diverser Zahlen in einer Tabelle darzustellen, doch das führte eher zu Hohn und Spott – vor allem in der Facebook-Gruppe ,Hauptsache Wein‘.

Die Debatte mutet absurd an: erwachsene Männer (es sind ausschließlich Männer) diskutieren darüber, wer der qualifiziertere Verkoster, seriösere Journalist, bedeutendere Meinungsbildner oder einfach tollere Hecht ist. Sich darüber lustig zu machen fällt leicht, wird aber den handelnden Personen nicht gerecht; es geht um berufliche Existenzen und Bescheidenheit ist zwar sympathisch, führt aber zu Mindereinnahmen.

Das Problem ist nicht nur  mangelnde Transparenz, wer wirklich welche Leserzahlen hat, es ist auch die schiere Anzahl der funkenden Amateure. Die sind so zahlreich, dass das Grundrauschen einen Pegel erreicht hat, bei dem die Signale der Profis darin untergehen. Wenn das Titelbild der neuen Vinum auf Facebook genau so oft kommentiert und geteilt wird, wie das Foto vom Abendschoppen eines Hobbybloggers, entsteht schnell der Eindruck letzterer schwämme im gleichen Teich – als Hecht und nicht als Karpfen –, selbst wenn er gar nicht den Anspruch hat.

Das Phänomen zu verstärken gelingt einer Firma namens eBuzzing, die ein Ranking der einflussreichsten Weinblogs veröffentlicht. Ohne Einsicht in individuelle Zugriffszahlen zieht es die Zahl der Likes und Kommentare, Follower, Retweets und Backlinks zu Rate um zu bestimmen, wer in Sachen Wein Bedeutendes publiziert. Jetzt wurde das Wein-Ranking mit den Gastro- und Kochblogs zusammengeführt. Das Ergebnis zeigt, wie absurd diese Stocherei im Nebel wirklich ist. Mein Blog rangiert als sechstbestes Weinblog unter den Top-20 der einflussreichsten Essen- und Trinken-Blogs des deutschsprachigen Raums. Das ist totaler Quatsch.

Zum Vergleich: auf Platz 37, weit hinter mir, rangiert Astrid, die sich mit ihrem Blog ,Arthurs Tochter kocht‘ eine veritable Existenz aufgebaut und sogar ein erfolgreiches Buch darüber geschrieben hat. Sie dürfte in der Stunde so viele Leser haben wie ich im ganzen Monat. Auf Platz 80 gar findet sich Bernhard Fiedlers preisgekröntes Blog. Er ist ein so weithin geachteter Experte, dass er mit einem provokanten Satz eine größere Diskussion in der Weinwelt anzetteln könnte als ich mit einer zehnteiligen Artikelserie.

Zugriffszahlen

Meine Leserzahlen findet man in obigem Screenshot: 50 am Tag und rund 1200 (dedupliziert) im Monat. Daraus Rückschlüsse auf die professionelle Weinberichterstattung im Internet zu ziehen, wäre so unsinnig, wie meinen heutigen Wein repräsentativ für die Leistung seines Ursprungsweingutes zu nennen.

vanVolxem_Kupp_2004Van Volxem, Riesling ,Kupp‘, 2004, Mosel. In der Nase grüßen tropische Früchte: Ananas, Melone und Mandarine. Außerdem zeigt der Wein eine würdige Würze, die das Alter aufs beste repräsentiert. Die Erwartungen sind groß aber leider kann der Wein sie am Gaumen nicht alle erfüllen. Es fehlt an Säure. Das war vor sieben Jahren so, das war vor vier Jahren so und es ist auch heute noch ein Manko. Die Süße ist zwar nicht pappig aber sie dominiert den Wein eine Spur zu sehr – kaum Säure und nur wenig Mineralik puffern nicht ausreichend, um brillantes Spiel zu produzieren. Ein kleines Bitterl im Abgang hebt den Wein immerhin in die Liga anspruchsvoller Weine, Aromen von Aprikose und Melone runden das Vergnügen ab. Der Abgang ist ziemlich lang – ein netter Wein für Freunde gereifter, feinherber Rieslinge aber kein großer Wurf.

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