Archive for the ‘sonstige Rotweine’ Category

Der Angstgegner

Jeder Liebhaber mit eigenem Weinkeller kennt diese Situation: da liegt ein Wein oft jahrelang in einem Regal, lacht den Besitzer an, der die Flasche immer wieder in die Hand nimmt und dann doch zurück legt. Anfangs ist ihm der Wein zu jung, dann ist er ihm zu lang gehegt, um ihn allein zu trinken, dann ist er so besonders, dass er mit ganz speziellen Weinfreunden geteilt werden muss und irgendwann wird er hastig der Notschlachtung zugeführt, denn er droht den Zenith der Reifung zu überschreiten.

So weit, so normal – in meinem Keller gibt es solche Flaschen auch. Und dann war da noch die Flasche, die ich immer wieder in die Hand nahm und aus einem ganz anderen Grund zurücklegte: Ich hatte Angst vor ihr. Das war keine irrationale Angst, sie hatte ihren Ursprung nicht in der Esoterik – keine Witze über Kellerleichen und Flaschengeister also, ich muss Sie enttäuschen. Der Zufall hatte sie mir in den Keller gespült und es war der Inhalt, den ich fürchtete.

Chateau Montus ist ein Klassiker der Weinwelt, kein Kultwein, sondern einer der vor allem auf Listen auftaucht, die der Weinfreak abarbeiten muss, wenn er sagen will: ‚Ich habe die wichtigsten Weine der Welt getrunken‘ – nicht die teuersten oder besten, sondern die markantesten. Er stammt aus dem Anbaugebiet Madiran und er besteht aus der Rebsorte Tannat. Viele sagen, er sei der beste Tannat, zumindest ist er der bekannteste.

Meine erste Begegnung mit der Rebsorte Tannat war gleichzeitig meine erste Begegnung mit einem Wein aus Uruguay. Das klingt verrückter als es ist, denn in Uruguay ist Tannat eine führende Rebsorte. Mehr als Tausend Hektar Rebland sind laut Wikipedia rund um Montevideo und am Rio de la Plata mit dieser Rebsorte bestockt, das sind zehn Prozent der Anbaufläche. Und die Südamerikaner machen aus dieser ohnehin tanninstärksten Rebsorte unseres Planeten einen echten Cowboy-Wein. Hui, war das ein Stoff, flüssiges Schmirgelpapier, allen anempfohlen, die ‚Kalinka’ einmal in Ivan Rebroffs Stimmlage singen wollen.

Chateau_Montus_Madiran

Also hatte ich gehörigen Respekt vor Tannat und legte die Flasche immer wieder zurück. Neulich habe ich sie mir endlich in einem Anfall großen Mutes geschnappt. Jetzt habe ich also einen weiteren der Weine getrunken, die ‚man‘ mal getrunken haben muss. Und ich habe gelernt. Tannat kann sehr fein sein, Tannat altert toll und gereifter Tannat ist nichts, wovor ich mich fürchten muss. Die nächste Flasche Montus lege ich mir ganz bewusst und freiwillig in den Keller, und wenn ich sie dann in die Hand nehme und doch wieder zurück lege, dann nur, weil er zu schade ist, um ihn alleine zu trinken.

Chateau Montus, 1999, Madiran, Frankreich. Auch nach bald 15 Jahren ist der Wein von beeindruckend tintiger Farbdichte. In der Nase grüßt Südfrankreich mit Leder und Schuhcreme, Lakritz und etwas Stall. Dazu gesellt sich Holz und (wenig) Frucht: Brombeere und Blaubeere. Am Gaumen ist der Montus aber erstaunlich fruchtig mit vielen dunklen Beeren, dazu Bleistift, sehr würzig, vollmundig, ganz feines Tannin, davon aber reichlich. Dank feiner Säure ist er trotzdem saftig. Nur 12,5 Prozent Alkohol machen das Vergnügen leicht. Der Abgang ist extrem lang, von Tannin getragen aber nicht austrocknend. Grandioser Wein, keine Minute zu früh geöffnet.

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Knarzige Zeitreise

Neulich fiel mir beim Aufräumen eine Flasche in die Hände, die mich auf Zeitreise schickte. Zurück in das Jahr 2006 ging es. Eine Phase, in der ich schwer beschäftigt war meinen Weinkeller voll zu machen. Und dabei suchte ich nach Inspiration. Blogs gab es noch nicht (zumindest keine Weinblogs) und die Weinpresse beschäftigte sich zu 90 Prozent mit Schnäppchen für den Alltag oder teuersten Gewächsen, die Mittelschicht wurde vernachlässigt, fast wie in der Politik (Achtung, Ironie!). Ich kann diesen Aspekt des Alltags ganz banal zusammenfassen: früher war mitnichten alles besser. Heute fällt es viel leichter sich interessante Tipps und Anregungen zu holen auf der Suche nach Wein jenseits der ausgetretenen Pfade.

Eines bot die Zeit jedoch, was ich vermisse: Wein im Fernsehen. Gleich mehrere Formate widmeten sich meinem Lieblingsthema, zwar in der Nische und auf nachmittäglichen Sendeplätzen versteckt – aber dafür gab es schließlich VHS-Rekorder. (Für die jüngeren unter den Lesern: das war so was wie ein Festplattenreceiver, nur umständlicher.) Und so kam es, dass ich den Weinjournalisten Joel Payne auf seinen Reisen begleiten durfte. Mit einem Budget ausgestattet, von dem man als Blogger nur träumen kann, machte er das, was ich heute auch zu tun versuche: durch die Gegend fahren, spannende Winzer ohne wirkliche Marktrelevanz besuchen und unterhaltsame Geschichten darüber bringen, nur halt als Fernsehserie und nicht als Blog.

Eine seiner Reisen für die Serie ‚Weinprobe‘ führte ihn in das Roussillon, eine ziemlich zerbombte (mir fällt kein bessere Wort ein) Weingegend, die damals mehr Einnahmen durch EU-Rodungsprämien als durch Weinbau erzielte. Dort besuchte er eine sympathisch wirkende junge Frau, die einige heruntergekommene Weinberge erworben und wieder flott gemacht hatte. Sie kelterte ihren Wein in einer gemieteten Garage und erntete von den Alteingesessenen nichts als Kopfschütteln für ihr Projekt.

Wie Payne das schilderte und was die Winzerin zu erzählen hatte, war so unterhaltsam, dass ich unbedingt diesen Wein haben wollte. Ob seiner nicht vorhandenen Marktrelevanz kostete es mich einige Mühen und seinen satten monetären Aufschlag auf den empfohlenen Verkaufspreis ihn in meinen Besitz zu bringen. Drei Flaschen fand ich noch und zwei wurden bald ihrer Bestimmung zugeführt – selbstredend anlässlich des Besuchs anderer Weinfreunde, die diese Sendung auch gesehen hatten (es steckt ein Angeber in mir, ich geb‘ es zu).

Weil der Wein aber ganz schön knarzig war, hundert Jahre alte Carignan-Reben auf staubtrockenen Böden unter glühender Sonne ergeben nunmal knarzigen Wein, wenn man das Terroir ordentlich herausarbeitet, verschwand die letzte Flasche in einer Ecke. Da holte ich ihn dieser Tage wieder hervor. Dann googelte ich die Winzerin Marjorie Gallet und siehe da: ihr Abenteuer war anscheinend von Erfolg gekrönt. Der aufwändigen Website ist zu entnehmen, dass sie die Garage mittlerweile gegen ein veritables Weingutsgebäude eingetauscht hat. Und der Wein hat sich auch sehr positiv entwickelt.

Roc_Des_Anges_1903Dom. Roc des Anges, Carignan ‚1903‘, Vin de Table, 2003, (Roussillon), Frankreich. Am ersten Tag in der Nase Nelke, Nelke und nochmals Nelke. Bei 14,5% und Carignan bleibt ein bisschen Rumtopf nicht aus aber die Nelke ist extrem dominant. Am zweiten Tag ist die Nase weniger streng mit mehr Frucht (Blaubeere). Am Gaumen ist der Wein am ersten Tag noch sehr von strengen Tanninen geprägt, wir haben später was anderes aufgemacht und den Wein am zweiten Tag getrunken. Da ist er dann weicher, harmonischer, die Tannine sind immer noch präsent und frisch aber die Zunge wird nicht mehr gar so pelzig. Lecker ist er: Blaubeerjoghurt mit Schuss (was ich sehr mag), dazu reichlich ‚Grip‘ am Gaumen und im sehr langen Abgang. Diese Mischung aus Creme und Kratzen macht mir Spass, der vom Alkohol etwas eingedämmt wird. Mehr als ein Glas  an einem Abend muss nicht sein, das genoss ich aber außerordentlich.

Weinrallye #62 oder: Wein von den Hängen des Hades (2)

weinralle62Heute geht‘s bei der Weinrallye um Weine unter 5€. Die provokante Frage der betrunkenen Montage lautet: 5€, die Grenze des guten Geschmacks? Eigentlich ist diese Weinrallye für mich eine zum Auslassen, da ich die 5€-Debatte albern finde – doch da ich direkt nach meinem Artikel über die WineMeister App so die Möglichkeit habe diese einmal auszuprobieren, nehme ich gerne teil.

In meinem Keller gibt es keinen Wein für 5€. Das ist ein Fakt, kein politisches Statement. Wäre die Grenze 5,20 Euro gewesen, hätte ich mit einer Flasche aus dem eigenen Keller teilnehmen können. Wäre ich gezwungen 10 Lieblingsweine aus meinem Keller auszuwählen, kämen drei der 5-Euro-Grenze nahe: Fiedlers Chardonnay, Thanischs Weißburgunder und Steinmetz‘ Pinot Meunier. Danach würde es dann zweistellig. Ich kenne einige Erzeuger, die hervorragende Riesling Kabinett Weine für weniger als 5€ anbieten. Die sitzen meist in der Pfalz oder Rheinhessen und Kabinett trinke ich – ohne das vernünftig begründen zu können – nur von der Mosel. Meine bevorzugten Erzeuger dort wollen alle einen Euro mehr haben.

Als ich anfing mit der Weinliebhaberei, trank ich gern und regelmäßig italienische Rotweine. In Italien gibt es Erzeuger, die Weine für weniger als 5€ anbieten, die vom Gambero Rosso Führer gar zwei Gläser (von maximal drei möglichen) verliehen bekommen. Etliches habe ich probiert und bei vielen verstanden, warum sie hoch bewertet wurden. Ein Jahr meines Lebens habe ich in Südspanien gelebt, da würde die zentrale Frage dieser Rallye nur Kopfschütteln auslösen. Deswegen behaupte ich mit Vehemenz: es gibt sehr viele Weine unter 5€, die hohen Ansprüchen genügen und mindestens großartig schmecken.

Ich hab‘ nur leider gerade keinen da. Und das nächste Weinanbaugebiet ist 400 Kilometer weit weg. Also muss ich in den Supermarkt. Ich gehe zu Rewe. Den Weg zum nächsten Markt zeigt mir die WineMeister App. Sie befrage ich auch nach einem guten Tipp. Ich will Rotwein, denn aus Erfahrung behaupte ich, dass ein Weißwein unter 5€ aus dem Deutschen LEH höchstens gut trinkbar ist (bei Winzerweinen sieht das ganz anders aus, siehe oben). Chateau de Montrabech 2011 schlägt mein Smartphone vor, Corbieres. Südfrankreich. 2,99€. Der sei charakterstark, herb, solle eine Stunde dekantiert werden und bringt es dann auf dreieinhalb WineMeister-Gläser (von fünf möglichen). Das ist die höchste Bewertung aller Supermarktweine unter 5 Euro.

Ich will es wissen und öffne einen Referenzwein. Ich habe eh‘ einen Gast heute Abend. La Torre von der Domaine Gardies. 2003. 28 Euro. Fair geht anders. Aber mein Gast trinkt gerne Rotwein und hat nix mit Etiketten am Hut. Da werde ich eine ehrliche Antwort bekommen. Sie entscheidet sich für den Montrabech!

Ich entscheide mich zwar für den Gardies aber das Fazit ist ein positives. Die App hat mir einen sehr ordentlichen Wein empfohlen. Die Bewertung konnte ich nachvollziehen und der Wein ist ein perfekter Beweis, dass  ein guter Tropfen auch weniger als 5€ kosten kann.

Chateau de Montrabech, Corbieres AOC, 2011, Südfrankreich. In der Nase fruchtig, Kirsche, Himbeere, dazu Röstaromen, sehr sauber ohne den typischen Südfranzosenstinker. Am Gaumen etwas Vanille, mittleres Volumen und Dichte, fruchtig, nicht übermäßig viel aber recht feines Tannin. Der Abgang ist etwas kurz und es fehlt ein wenig an Tiefe. Aber das ist ein schöner Wein, den man mir blind auch als Zehn-Euro-Kandidaten hätte unterjubeln können.

Meine erste Ersatzflasche

Es gibt wenige Aspekte des Weingenusses, die ich so albern finde wie Korken – Diskussionen über Korken vielleicht. Im Zeitalter von Facebook werde ich regelmäßig Zeuge dieser Diskussion – merke: Einzahl, denn es ist immer die gleiche Diskussion. Ausgelöst wird sie zumeist durch die Statusmeldung eines verhinderten Genießers, der beklagt, dass sein gerade geöffneter edler Tropfen korkend als stinkende Brühe aus der Flasche läuft – Echtzeitjammern sozusagen – verbunden mit dem Ausruf: ,Dreckskork‘ (hier sind begrenzt Variationen möglich).

Im nächsten Schritt melden sich ein bis drei Unterstützer, die beifällig murmeln auch sie fänden es absurd, dass man ein Stück Baumrinde für die Genussmittelverwahrung verwende – in der Deluxe-Edition verbunden mit einem Hinweis auf die umweltfrevelhaften Dünge-, Pflanzenschutz- und Bleichmethoden der südeuropäischen Produzenten.

Mit der Präzision einer Sinuskurve folgt als nächstes die Gegenbewegung in Form eines Kommentars von einem Weinfreund, der bemerkt, er sei ja auch ein großer Fan des Schraubers, allerdings nur für die Basis bitte, denn Spitzenweine benötigten schließlich den  Sauerstoff zum reifen. Wie orbi auf urbi folgt darauf ein Hinweis, ein guter Korken sei absolut gasdicht, wie ,die Wissenschaft‘ hinlänglich belegt habe. Der ungebildete Gasdurchlasser trollt sich und macht Platz für einen kleinen Einwurf zu Glasverschlüssen, der mit dem Hinweis beiseite gewischt wird, dieser sei längst tot weil nicht in die USA exportierbar (,Ich sag nur: Produkthaftung! Ein Glassplitter in der Flasche und die Millionenklagen fliegen dem Produzenten nur so um die Ohren‘).

Auftritt der Plopper: Nun möchte jemand über die Romantik, das Ritual und sonstige positive Aspekte des ,Plopp‘ sprechen. Selbstredend ist dies nicht dem Vortragenden selbst wichtig, sondern dem ,Durchschnittskonsumenten‘. Er wird brutal umgegrätscht von einem Weinkellner in Ausbildung, der erklärt, ein guter Sommelier wisse das ,Plopp‘ zu vermeiden und in der gehobenen Gastronomie werde die Flasche eh nicht am Tisch geöffnet (was zugegeben am Thema vorbei geht, weil kaum jemand sich noch gehobene Gastronomie leisten kann).

Früher lief die Diskussion ab diesem Punkt langsam ins Leere, doch seit sich auf Facebook Konsumenten mit Produzenten verbrüdern, gewinnt die Diskussion an Komplexität: Auftritt eines Winzers, der ein Foaf-Tale zum besten gibt. Das ist eine Geschichte, die dem Freund eines Freundes passiert ist (friend of a friend, in der Forschung über ,urban legends‘ eben mit foaf abgekürzt, in meiner Generation auch als Spinne in der Yucca-Palme bekannt): Der Schrauber, falsch justierte Maschine, alles undicht, 60% Verlust, Riesenschaden, oje oje. Sollte der Foaferzähler gerade im Urlaub sein, springt ein freundlicher Kollege ein, der zu Protokoll gibt, er sei ja wieder zum Korken zurückgekehrt, weil sich Weine ,unter Schrauber einfach nicht so gut entwickeln‘. Kurzer Diskussionsstrang der Profis (und solcher, die sich dafür halten) unter sich. SO2-Spiegel dem Verschluss anpassen, Kohlensäure etc. pp – für mich heißt‘s hier immer Wecker stellen.

Dann kommt erneut ein Verbraucher und stellt die Frage, ob es denn überhaupt Erfahrungswerte mit Schraubern gebe, die zuverlässige Aussagen über das Reifeverhalten über Jahrzehnte…“PENFOLDS“ schreit die Gemeinde unisono. Das sollte mittlerweile jedes Kind wissen, dass dort noch Probeflaschen aus den 70ern auf die Verkostung warten, die mit Screwcap (jetzt wird‘s international) verschlossen sind. Aha, aber wie steht‘s mit Bordeaux? Ja, da wird jetzt auch schon verschraubt, meldet sich meist ein Händler zu Wort. Anschließend wieder ein Winzer: der bringt Egon Müller ins Spiel, denn es sei ja wohl vollkommen unvorstellbar, dass der seine TBAs verschraubt. Die Teilnehmer werden müde, man wird kompromissbereit, macht Vorschläge zur Güte: ,Wenn Du wirklich Pech mit dem Korken hast, dann bekommst Du die Flasche doch vom Händler oder Winzer ersetzt‘. Wenn noch Energie vorhanden ist, meldet sich einer der zahlreichen anwesenden Juristen und erklärt die mögliche Unwirksamkeit des Haftungsausschlusses bei Korkfehlern. Es folgt nur noch halbherzig ein verächtliches Schnauben, dass man ja wohl kaum nach 5 Jahren zum Händler zurückkehren könne oder dass der Winzer 600 Kilometer weit weg ist und es höchstens möglich wäre – da der Wein längst ausverkauft und der aktuelle Jahrgang viel teurer ist – die Rücküberweisung von 13 Euro zu verlangen, was irgendwie albern klänge. Das halten alle Parteien für ein würdiges Schlusswort.

Es ist alles gesagt, von allen!

Naja, fast alles: Ich bin ein Mann und als solcher für Technik zu begeistern – mehr noch als für Romantik. Und deswegen muss ich einmal widersprechen: ,Plopp‘ ist nett, irgendwie retro, aber das Öffnen eines Glasverschlusses: das ist High-Tech-Revolution. Meine erste mit Glasstopfen verschlossene Weinflasche war so aufregend wie mein erster Mietwagen mit schlüssellosem Zugangssystem. Faszinierend! Habe den ganzen Abend diese Flasche auf und zu gemacht. Ich glaube ganz fest, wenn man 1000 männlichen Verbrauchern – und das sind in Punkto Wein die Kaufentscheider – die Wahl zwischen Glasverschluss und Korken gibt um eine Dame zu beeindrucken, 983 werden den Glasverschluss wählen (und traurig sein, dass sich die Dame nicht stundenlang über dieses Hightech-Präzisionsinstrument unterhalten mag).

Großer Cab aus AustriaUnd einmal muss ich zustimmen. Ich habe noch nie bei einem Händler oder Winzer eine korkende Flasche reklamiert. Trotzdem habe ich mal eine ersetzt bekommen. Der Winzer hatte gelesen, dass ich seinen Wein aufgrund Korkfehlers nicht genießen konnte. Er hat mir einen neuen geschickt, was mich enorm gefreut hat – ich wusste von einer Probe, wie gut der ist. Am Wochenende habe ich ihn getrunken.

Grenzhof Fiedler, Cabernet Sauvignon, 2003, Burgenland, Österreich. In der Nase fruchtig und süß mit typischer Johannisbeere, nur mäßigem Holz und einer leckeren Toffee-Note.  Am Gaumen zeigt der Wein ganz feines Tannin, spürbare Mineralik und eine schöne Struktur: er ist körperreich aber nicht fett, fruchtig mit Johannis- aber vor allem Brombeere, dazu Kaffee, helle Schokolade und feines Holz. Mit und nach dem Essen wirkt er noch eine Spur süßer aber auch auf animierende Art adstringierend. Trotz des heißen Jahres kam der Wein mit nur 13,5 Prozent Alkohol in die Flasche, das unterstützt die Eleganz – ebenso wie der enorm lange Abgang.

Der Winzer erzählte mir beim Vinocamp, Cabernet sei seine Lieblingsrebsorte. Kann ich verstehen. Wenn ich solche Drogen anbauen würde, wäre ich auch gefährdet.

Weinrallye 61: Syrah – oder: Mein erster Io

Syrah ist das Thema der heutigen Weinrallye und ich will nicht verhehlen, dass meine Teilnahme dem Zufall geschuldet ist. Der Wein war eh gerade dran. Das trifft sich gut.

Rallye61Der Umgang der Deutschen mit ihren Weinen treibt die Netzgemeinde um, seit Captain Cork ihn in einem Artikel thematisiert hat. Pauschale Aussagen über Völker finde ich problematisch, dazu habe ich zu viele Spanier getroffen, die gar nicht stolz waren, zu viele Engländer ohne Sommersprossen und zu viele Amerikaner mit Normalgewicht. Doch so ein paar herkunftsbedingte Macken sind nicht zu leugnen.

Stelle einem Deutschen ein Glas mit den Worten hin: ,Probier mal, das ist der beste Wein der Welt‘ – er wird den Rest des Abends damit verbringen, europäische Weine aufzulisten, die diesen Titel viel eher verdienen (und deutsche dabei peinlichst vermeiden, aber das ist heute nicht das Thema). Ein Franzose antwortete vermutlich (ohne vorher zu probieren): ,Danke, dass Du mir einen Wein aus meiner Heimat servierst‘ . Nur der Amerikaner (der normalgewichtige) würde antworten: ,Es ist eine Ehre, dass Du für mich den besten Wein der Welt aufmachst‘ – Respekt ist eine der Grundtugenden des kultivierten Teils der US-Bevölkerung. Die andere ist eine mit ,anything goes‘ ebenso vage wie zutreffend beschriebene Haltung. Also dächte mein amerikanischer Freund bei sich: ,Das kann ich auch‘. Tränken wir ein Fläschchen, würde er mir dieses auch mit gebührendem Respekt ins Gesicht sagen. Tränken wir drei, überredete er mich gar, das Projekt gemeinsam mit ihm anzugehen.

So oder ähnlich trug es sich wohl vor vielen Jahren zu, als Robert Mondavi, Ikone des US-Weinbaus, ein paar Pülleken Chateau Mouton Rothschild pichelte – nur dass nicht ich ihm diese servierte, sondern Baron Philippe de Rothschild himself. Das Ergebnis ist legendär. Die beiden taten sich zusammen und kreierten Opus One. Der Kalifornische Bordeaux-Blend gehört heute zu den großen Rotweinen der Welt.

Amerikaner glauben, dass man alles immer noch besser machen oder zumindest große Erfolge wiederholen kann. Also ergab es sich ein paar Jahre später, dass Mondavi das Rhone-Tal bereiste und die besten Syrah-Weine der Welt trank. Leider hatte er scheinbar niemanden, mit dem er drei Pülleken trinken konnte, denn als er zurück nach Kalifornien kam, gründete er zwar ein Weingut namens ,Io‘, welches künftig im Santa Barbara County einen Weltklasse-Syrah hervorbringen sollte, doch er tat dies alleine – und vielleicht deswegen mit nur mäßigem Erfolg. Der ,Io‘ landete alsbald in den Restekisten europäischer Weinhändler und wechselte für 30 Euro statt der erhofften höheren Beträge den Besitzer. Eine dieser Restflaschen hielt vor etlichen Jahren auch Einzug in meinen Keller.

Neulich hatte ich Besuch von einem Weinfreund mit Rotweinvorliebe und da bot sich die Gelegenheit, den ,Io‘ seiner Bestimmung zuzuführen. Ich servierte ihn blind und mein Gegenüber tippte zunächst auf einen gereiften Italiener. Mit dreißig Minuten Luft stellte sich dann echtes Südfrankreich-Feeling ein und wir waren überrascht. Ob der Vorgeschichte hatten wir höchstens Mittelmaß erwartet. Das Erlebnis war aber aller Ehren wert und für die tatsächlich bezahlten 30 Euro sogar ausgezeichnet.

Mondavi_IO_1999Io (Robert Mondavi), Io Red Wine, 1999, Santa Barbara County, Kalifornien. Der Wein besteht zu 80% aus Syrah, 11% aus Grenache und 9% aus Mourvedre. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen kalifornische Fruchtbombe, dann gereifter Italiener und schließlich Rhonetal-Kuhstall mit Kirsche, Pflaume, Eukalyptus und Zedernholz. Am Gaumen hübsch fruchtig mit Kirsche und Brombeere, dazu Lakritz und Holz. Das Tannin ist sehr fein, der Wein sehr voll und der Alkohol (14,5%) macht ordentlich Dampf ohne zu übertreiben. Der Abgang ist ausserordentlich lang und yummie (um die kalifornische Variante von lecker ins Spiel zu bringen). Schnäppchen!

Gran Reserva

Carsten Sebastian Henn, stellvertretender Chefredakteur des Gault Millau, hat einen neuen Krimi geschrieben, einen Weinkrimi. Weinkrimis machen mir Angst, wie alle Themenkrimis (Golfkrimis, Kochkrimis etc.). Zu häufig erhoffen sich schwache Krimiautoren, dass sie nur die Hobby-Neigungen einer Zielgruppe in ihren Plot einbauen müssten, dann verzeihe ihnen die entzückte Hobbyistenschar dramaturgische Defizite. Dazu verkaufen sich solche Bücher prima als Geschenk, weil Weinfreunde (Golfspieler, Hobbyköche) meist als solche bekannt sind und Freunde diese Art von Krimi als ideales Geschenk betrachten.

Ich hatte also Manschetten, als ich ,Gran Reserva‘, so heißt Henns neuestes Werk, in Händen hielt. Sein Verlag Piper hatte mich freundlicherweise bemustert. Glücklicherweise ist Henn ein Krimiautor mit Weinfimmel, kein Weinautor, der zur Aufbesserung der Urlaubskasse schlechte Krimis schreibt. Die Handlung lebt nicht in erster Linie von Wein oder Geschichten rund um seine Produktion.

Die Story: Max ist Fotograf, erfolgreich aber gelangweilt, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und fest entschlossen, aus seinem Alltag auszubrechen. Er verlässt seine Heimatstadt Köln in Richtung Rioja, um bei einem alten Studienfreund unterzuschlüpfen. Dort angekommen trinkt er Wein, besucht die Bodegas Faustino, verliebt sich, stolpert zufällig über eine Leiche, hilft bei deren Beseitigung, trinkt mehr Wein, übersteht allerlei Irrungen und Wirrungen, trinkt noch mehr Wein, findet eine weitere Leiche, trinkt sehr viel Wein und sieht am Ende doch erstaunlich klar.
Wie bei jedem guten Krimi schadet es nur, vorher zu viel über die Handlung zu wissen. Also konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Fragen:

Ist das Buch spannend?
Durchaus. Es erzeugt vielleicht nicht die Art von Spannung, die einen vor dem Schlafengehen nachschauen lässt, ob die Haustür verschlossen ist, aber es ist ja auch ein klassischer Krimi, kein Thriller. Bis spät in die Nacht lesen will man allemal.

Sind die Charaktere gut gezeichnet?
Unbedingt. Bei den handelnden Personen kommt Henns Buch nicht ohne Klischees aus. Das stört aber nicht, denn es sind fröhliche Klischees: der Spanier ist ein Womanizer und Chaot, der Amerikaner bemisst den Wein in Dollar und Punkten, der alte Mann ist sentimental, die Frau emanzipiert und feurig, der Protagonist auf Sinnsuche.

Liest sich der Krimi flüssig?
Definitiv. Henn hat einen ausgesprochen angenehmen und gut zu lesenden Schreibstil: Klare Sprache, kurze Sätze, eine Portion Humor und Distanz zu seinen Helden. Beschreibungen von Land, Leuten und Weinen erzeugen Atmosphäre, ohne den Erzählfluss ins Stocken zu bringen.

Geht‘s denn arg viel um Wein?
Entwarnung. Jedem Kapitel ist ein kleiner Exkurs vorangestellt, der einen historischen Jahrgang der Rioja beschreibt. Der Bezug zur Handlung ist nicht ersichtlich aber die Zeit, die das Lesen in Anspruch nimmt, ist überschaubar. Der Rest des Textes kann des Autors Liebe zum Wein nicht verhehlen, so weinlastig, dass es nervt, wird es aber nie.

Wie schaut‘s mit dem Ende aus?
Durchwachsen. Die Königsdisziplin – Henn meistert sie, wenngleich nicht mit Bravour. Seine Herangehensweise ist Old School, Hommage an die British Crime Ladies, denn in der Schlussszene finden sich alle im Laufe der Handlung aufgetauchten Charaktere überraschend an einem Ort ein. Der Showdown erinnert derart an Agatha Christie oder Dorothy Sayers, dass ich dachte, jeden Moment kämen Hercule Poirot und Lord Peter Wimsey Arm in Arm hinter den Barriquefässern der Bodega hervor.  Die Handlung erfährt eine bodenständige Auflösung.

Bleiben Fragen offen?
Eine. Warum heißt es die Rioja? Genus feminin bei Landschaften ist so selten. Ich hatte mir erhofft, aus diesem Buch zu lernen, warum die Rioja weiblich ist. Die Herkunft (Rio Oja) wird zwar erklärt, aber das steht auch in Wikipedia

Da liegt zusammen, was zusammen gehört.Und was trinkt man dazu?
Rioja natürlich. Am besten Gran Reserva. Wenn man so was nicht hat, entweder eine Nummer kleiner oder größer. Ich hatte noch einen neumodischen Angeberwein aus der Rioja im Keller. Die Notiz ist etwas verkürzt, ich habe mich schließlich auf das Buch konzentriert.
Telmo Rodriguez, Altos de Lanzaga, 2003, Rioja, Spanien. In der Nase edel: der Wein riecht nach Kirsche, Zigarrenkiste, Alkohol und Lakritz. Am Gaumen begeistert er mit toller Struktur und herrlichen Aromen: Holz, Schokolade und Kirsche (und ja, das erinnert sehr an Mon Chéri), sehr feines Tannin, kräftige Säure (trotz des heißen Jahres). Der Abgang währt ewig. Ich bin hin und weg: wahnsinnig guter Wein!

Neben unterhaltsamer Lektüre war Henns Buch auch rechtzeitiger Anlass diesen Wein zu trinken, der wunderbar gereift und vielleicht jetzt auf dem Höhepunkt ist. ,Gran Reserva‘ hat sich also doppelt gelohnt.

Carsten Sebastian Henn, Gran Reserva, Piper, 2012, Deutschland. Im Antrunk feine Noten von Mord und Totschlag. Der komplexe Mittelbau ist voluminös, ohne fett zu sein, glänzt mit straffer Federführung und einem bunten Strauß an falschen Fährten. Der Abgang ist im besten Sinne klassisch, wenngleich den Fan rasanter Action die zarten Noten von Talkumpuder stören könnte – mich nicht, ich fand ihn lecker.

Der Gipfel der Anmaßung

Seit ich ein Weinblog schreibe, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wohl zum Schreiben eines Weinblogs befähigt. Eigentlich ist es ziemlich anmaßend, sich öffentlich zu Wein äußern zu wollen, bloß weil man gern und regelmäßig welchen trinkt. Diesem Prinzip folgend, könnte man auch beim ZDF anrufen und einen Platz im literarischen Quartett einfordern, bloß weil man gerne liest.

Da das mit dem Weinbloggen mittlerweile niemanden mehr aufregt, dachte ich mir im Dezember, ich könnte Spannung in mein Leben bringen und genau das tun: unter die Literaturkritiker gehen mit keinerlei Qualifikation als meiner Fähigkeit zu lesen. Um die Hybris ein wenig weiter zu treiben, tat ich etwas, was ich bei Wein noch niemals getan habe: ich bestellte mir ein kostenloses Rezensionsexemplar mit dem Hinweis auf eine Besprechung in diesem Blog (meine Reichweite habe ich verschwiegen, hätte nur die Chancen tatsächlicher Bemusterung ruiniert). Dass ich die Bestellung überhaupt aufgeben konnte, lag daran, dass das fragliche Buch entfernt mit Wein zu tun hat. Es handelt sich um Carsten Sebastian Henns neuen Roman ,Gran Reserva‘ – einen Weinkrimi. Er spielt, wie Experten schon erraten haben, in der Rioja, Heimat des Gran Reserva.

Ich hatte mir das alles ganz einfach vorgestellt. Ich hole mir einen Gran Reserva aus dem Keller, lese den Krimi, mache mir ein paar Notizen und schreibe dann eine beschwingte Kritik. Aber es kam natürlich anders. Mein Kellerbuch verzeichnet im Kapitel Spanien ganze vier Weine und keiner ist ein Gran Reserva. Es war auch nur einer aus der Rioja da und an einem Abend würde ich den Wälzer niemals durchlesen. Also galt es, die Lektüre mit einer Annäherung an einen Gran Reserva zu beginnen. Ich wählte einen ziemlich alten Cabernet aus Kalifornien – ist ja fast das gleiche. Ähnlich kompetent mutete an, was ich mir als Notizen zum Krimi machte. Aber aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Also teile ich meinen Bericht in zwei Hälften. Dieser erste Teil schildert die Entstehung und Begleitumstände meiner Literaturkritik. Er ist nur für Eingeweihte, Stammleser, quasi eine vorweg genommene Entschuldigung, also bitte nicht bei facebook teilen oder gar twittern. Zum zweiten Teil, den ich hochseriös verfassen werde, sobald ich meine nervösen Zuckungen in den Griff kriege, werde ich den Link dann auch an den Verlag schicken, in der Hoffnung, dass die Printheinis keine Ahnung haben, wie man durch ein Blog navigiert oder schlicht zu beschäftigt sind, mehr als die Headline zu lesen. Soviel sei aber schon an dieser Stelle verraten: Ich habe Henns Weinkrimi sehr genossen, genau wie den kalifornischen Gran Reserva.

Hätte man auch mal abstauben können, bevor man ihn fotografiertRobert Mondavi, Oakville, Cabernet Sauvignon 1999, Napa Valley, Kalifornien. In der Nase   dominieren schwarze Johannisbeere und Holz, es riecht aber auch ein wenig nach einem Spaziergang im Viehstall. Am Gaumen ist der Wein sehr von süßer Frucht dominiert: Johannisbeere oder Cassis, wie man in der Weinwelt lieber sagt (warum eigentlich?). Dazu ein Eindruck von Bleistiftspäne und sehr feines Tannin, das nur ein bisschen schmirgelt. Der Wein ist zwar enorm fruchtig aber nicht übertrieben dick oder gar marmeladig, eher mit kühler Aromatik und feiner Note von Menthol. 14% Alkohol sind nicht einmal zu erahnen. Ich finde den Oakville sehr elegant und das Tannin verleiht ihm eine sehr noble Struktur. Der Abgang ist sehr lang und leicht adstringierend. So mag sogar ich Cabernet – ein ausgesprochen guter Wein.

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