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Der Angstgegner

Jeder Liebhaber mit eigenem Weinkeller kennt diese Situation: da liegt ein Wein oft jahrelang in einem Regal, lacht den Besitzer an, der die Flasche immer wieder in die Hand nimmt und dann doch zurück legt. Anfangs ist ihm der Wein zu jung, dann ist er ihm zu lang gehegt, um ihn allein zu trinken, dann ist er so besonders, dass er mit ganz speziellen Weinfreunden geteilt werden muss und irgendwann wird er hastig der Notschlachtung zugeführt, denn er droht den Zenith der Reifung zu überschreiten.

So weit, so normal – in meinem Keller gibt es solche Flaschen auch. Und dann war da noch die Flasche, die ich immer wieder in die Hand nahm und aus einem ganz anderen Grund zurücklegte: Ich hatte Angst vor ihr. Das war keine irrationale Angst, sie hatte ihren Ursprung nicht in der Esoterik – keine Witze über Kellerleichen und Flaschengeister also, ich muss Sie enttäuschen. Der Zufall hatte sie mir in den Keller gespült und es war der Inhalt, den ich fürchtete.

Chateau Montus ist ein Klassiker der Weinwelt, kein Kultwein, sondern einer der vor allem auf Listen auftaucht, die der Weinfreak abarbeiten muss, wenn er sagen will: ‚Ich habe die wichtigsten Weine der Welt getrunken‘ – nicht die teuersten oder besten, sondern die markantesten. Er stammt aus dem Anbaugebiet Madiran und er besteht aus der Rebsorte Tannat. Viele sagen, er sei der beste Tannat, zumindest ist er der bekannteste.

Meine erste Begegnung mit der Rebsorte Tannat war gleichzeitig meine erste Begegnung mit einem Wein aus Uruguay. Das klingt verrückter als es ist, denn in Uruguay ist Tannat eine führende Rebsorte. Mehr als Tausend Hektar Rebland sind laut Wikipedia rund um Montevideo und am Rio de la Plata mit dieser Rebsorte bestockt, das sind zehn Prozent der Anbaufläche. Und die Südamerikaner machen aus dieser ohnehin tanninstärksten Rebsorte unseres Planeten einen echten Cowboy-Wein. Hui, war das ein Stoff, flüssiges Schmirgelpapier, allen anempfohlen, die ‚Kalinka’ einmal in Ivan Rebroffs Stimmlage singen wollen.

Chateau_Montus_Madiran

Also hatte ich gehörigen Respekt vor Tannat und legte die Flasche immer wieder zurück. Neulich habe ich sie mir endlich in einem Anfall großen Mutes geschnappt. Jetzt habe ich also einen weiteren der Weine getrunken, die ‚man‘ mal getrunken haben muss. Und ich habe gelernt. Tannat kann sehr fein sein, Tannat altert toll und gereifter Tannat ist nichts, wovor ich mich fürchten muss. Die nächste Flasche Montus lege ich mir ganz bewusst und freiwillig in den Keller, und wenn ich sie dann in die Hand nehme und doch wieder zurück lege, dann nur, weil er zu schade ist, um ihn alleine zu trinken.

Chateau Montus, 1999, Madiran, Frankreich. Auch nach bald 15 Jahren ist der Wein von beeindruckend tintiger Farbdichte. In der Nase grüßt Südfrankreich mit Leder und Schuhcreme, Lakritz und etwas Stall. Dazu gesellt sich Holz und (wenig) Frucht: Brombeere und Blaubeere. Am Gaumen ist der Montus aber erstaunlich fruchtig mit vielen dunklen Beeren, dazu Bleistift, sehr würzig, vollmundig, ganz feines Tannin, davon aber reichlich. Dank feiner Säure ist er trotzdem saftig. Nur 12,5 Prozent Alkohol machen das Vergnügen leicht. Der Abgang ist extrem lang, von Tannin getragen aber nicht austrocknend. Grandioser Wein, keine Minute zu früh geöffnet.

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Weinrallye 61: Syrah – oder: Mein erster Io

Syrah ist das Thema der heutigen Weinrallye und ich will nicht verhehlen, dass meine Teilnahme dem Zufall geschuldet ist. Der Wein war eh gerade dran. Das trifft sich gut.

Rallye61Der Umgang der Deutschen mit ihren Weinen treibt die Netzgemeinde um, seit Captain Cork ihn in einem Artikel thematisiert hat. Pauschale Aussagen über Völker finde ich problematisch, dazu habe ich zu viele Spanier getroffen, die gar nicht stolz waren, zu viele Engländer ohne Sommersprossen und zu viele Amerikaner mit Normalgewicht. Doch so ein paar herkunftsbedingte Macken sind nicht zu leugnen.

Stelle einem Deutschen ein Glas mit den Worten hin: ,Probier mal, das ist der beste Wein der Welt‘ – er wird den Rest des Abends damit verbringen, europäische Weine aufzulisten, die diesen Titel viel eher verdienen (und deutsche dabei peinlichst vermeiden, aber das ist heute nicht das Thema). Ein Franzose antwortete vermutlich (ohne vorher zu probieren): ,Danke, dass Du mir einen Wein aus meiner Heimat servierst‘ . Nur der Amerikaner (der normalgewichtige) würde antworten: ,Es ist eine Ehre, dass Du für mich den besten Wein der Welt aufmachst‘ – Respekt ist eine der Grundtugenden des kultivierten Teils der US-Bevölkerung. Die andere ist eine mit ,anything goes‘ ebenso vage wie zutreffend beschriebene Haltung. Also dächte mein amerikanischer Freund bei sich: ,Das kann ich auch‘. Tränken wir ein Fläschchen, würde er mir dieses auch mit gebührendem Respekt ins Gesicht sagen. Tränken wir drei, überredete er mich gar, das Projekt gemeinsam mit ihm anzugehen.

So oder ähnlich trug es sich wohl vor vielen Jahren zu, als Robert Mondavi, Ikone des US-Weinbaus, ein paar Pülleken Chateau Mouton Rothschild pichelte – nur dass nicht ich ihm diese servierte, sondern Baron Philippe de Rothschild himself. Das Ergebnis ist legendär. Die beiden taten sich zusammen und kreierten Opus One. Der Kalifornische Bordeaux-Blend gehört heute zu den großen Rotweinen der Welt.

Amerikaner glauben, dass man alles immer noch besser machen oder zumindest große Erfolge wiederholen kann. Also ergab es sich ein paar Jahre später, dass Mondavi das Rhone-Tal bereiste und die besten Syrah-Weine der Welt trank. Leider hatte er scheinbar niemanden, mit dem er drei Pülleken trinken konnte, denn als er zurück nach Kalifornien kam, gründete er zwar ein Weingut namens ,Io‘, welches künftig im Santa Barbara County einen Weltklasse-Syrah hervorbringen sollte, doch er tat dies alleine – und vielleicht deswegen mit nur mäßigem Erfolg. Der ,Io‘ landete alsbald in den Restekisten europäischer Weinhändler und wechselte für 30 Euro statt der erhofften höheren Beträge den Besitzer. Eine dieser Restflaschen hielt vor etlichen Jahren auch Einzug in meinen Keller.

Neulich hatte ich Besuch von einem Weinfreund mit Rotweinvorliebe und da bot sich die Gelegenheit, den ,Io‘ seiner Bestimmung zuzuführen. Ich servierte ihn blind und mein Gegenüber tippte zunächst auf einen gereiften Italiener. Mit dreißig Minuten Luft stellte sich dann echtes Südfrankreich-Feeling ein und wir waren überrascht. Ob der Vorgeschichte hatten wir höchstens Mittelmaß erwartet. Das Erlebnis war aber aller Ehren wert und für die tatsächlich bezahlten 30 Euro sogar ausgezeichnet.

Mondavi_IO_1999Io (Robert Mondavi), Io Red Wine, 1999, Santa Barbara County, Kalifornien. Der Wein besteht zu 80% aus Syrah, 11% aus Grenache und 9% aus Mourvedre. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen kalifornische Fruchtbombe, dann gereifter Italiener und schließlich Rhonetal-Kuhstall mit Kirsche, Pflaume, Eukalyptus und Zedernholz. Am Gaumen hübsch fruchtig mit Kirsche und Brombeere, dazu Lakritz und Holz. Das Tannin ist sehr fein, der Wein sehr voll und der Alkohol (14,5%) macht ordentlich Dampf ohne zu übertreiben. Der Abgang ist ausserordentlich lang und yummie (um die kalifornische Variante von lecker ins Spiel zu bringen). Schnäppchen!

Der Gipfel der Anmaßung

Seit ich ein Weinblog schreibe, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wohl zum Schreiben eines Weinblogs befähigt. Eigentlich ist es ziemlich anmaßend, sich öffentlich zu Wein äußern zu wollen, bloß weil man gern und regelmäßig welchen trinkt. Diesem Prinzip folgend, könnte man auch beim ZDF anrufen und einen Platz im literarischen Quartett einfordern, bloß weil man gerne liest.

Da das mit dem Weinbloggen mittlerweile niemanden mehr aufregt, dachte ich mir im Dezember, ich könnte Spannung in mein Leben bringen und genau das tun: unter die Literaturkritiker gehen mit keinerlei Qualifikation als meiner Fähigkeit zu lesen. Um die Hybris ein wenig weiter zu treiben, tat ich etwas, was ich bei Wein noch niemals getan habe: ich bestellte mir ein kostenloses Rezensionsexemplar mit dem Hinweis auf eine Besprechung in diesem Blog (meine Reichweite habe ich verschwiegen, hätte nur die Chancen tatsächlicher Bemusterung ruiniert). Dass ich die Bestellung überhaupt aufgeben konnte, lag daran, dass das fragliche Buch entfernt mit Wein zu tun hat. Es handelt sich um Carsten Sebastian Henns neuen Roman ,Gran Reserva‘ – einen Weinkrimi. Er spielt, wie Experten schon erraten haben, in der Rioja, Heimat des Gran Reserva.

Ich hatte mir das alles ganz einfach vorgestellt. Ich hole mir einen Gran Reserva aus dem Keller, lese den Krimi, mache mir ein paar Notizen und schreibe dann eine beschwingte Kritik. Aber es kam natürlich anders. Mein Kellerbuch verzeichnet im Kapitel Spanien ganze vier Weine und keiner ist ein Gran Reserva. Es war auch nur einer aus der Rioja da und an einem Abend würde ich den Wälzer niemals durchlesen. Also galt es, die Lektüre mit einer Annäherung an einen Gran Reserva zu beginnen. Ich wählte einen ziemlich alten Cabernet aus Kalifornien – ist ja fast das gleiche. Ähnlich kompetent mutete an, was ich mir als Notizen zum Krimi machte. Aber aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Also teile ich meinen Bericht in zwei Hälften. Dieser erste Teil schildert die Entstehung und Begleitumstände meiner Literaturkritik. Er ist nur für Eingeweihte, Stammleser, quasi eine vorweg genommene Entschuldigung, also bitte nicht bei facebook teilen oder gar twittern. Zum zweiten Teil, den ich hochseriös verfassen werde, sobald ich meine nervösen Zuckungen in den Griff kriege, werde ich den Link dann auch an den Verlag schicken, in der Hoffnung, dass die Printheinis keine Ahnung haben, wie man durch ein Blog navigiert oder schlicht zu beschäftigt sind, mehr als die Headline zu lesen. Soviel sei aber schon an dieser Stelle verraten: Ich habe Henns Weinkrimi sehr genossen, genau wie den kalifornischen Gran Reserva.

Hätte man auch mal abstauben können, bevor man ihn fotografiertRobert Mondavi, Oakville, Cabernet Sauvignon 1999, Napa Valley, Kalifornien. In der Nase   dominieren schwarze Johannisbeere und Holz, es riecht aber auch ein wenig nach einem Spaziergang im Viehstall. Am Gaumen ist der Wein sehr von süßer Frucht dominiert: Johannisbeere oder Cassis, wie man in der Weinwelt lieber sagt (warum eigentlich?). Dazu ein Eindruck von Bleistiftspäne und sehr feines Tannin, das nur ein bisschen schmirgelt. Der Wein ist zwar enorm fruchtig aber nicht übertrieben dick oder gar marmeladig, eher mit kühler Aromatik und feiner Note von Menthol. 14% Alkohol sind nicht einmal zu erahnen. Ich finde den Oakville sehr elegant und das Tannin verleiht ihm eine sehr noble Struktur. Der Abgang ist sehr lang und leicht adstringierend. So mag sogar ich Cabernet – ein ausgesprochen guter Wein.

Prickelnde Weltreise

Ich bin manchmal etwas bemüht nonkonformistisch und tue Dinge bloß deswegen nicht, weil alle anderen es gerade tun. Das ist ziemlich albern, denn die rennen ja ins Kino (kaufen ein Buch, eine CD) weil das Dargebotene besonders gut ist. Meist bringe ich mich also lediglich selbst um ein Vergnügen. Mit zehn Jahren Verspätung stelle ich dann fest, dass ‚Nevermind‘ epochal ist und unbedingt in meine CD-Sammlung gehört, dass ‚Das Parfüm‘ wirklich lesenswert und Titanic tatsächlich großes Unterhaltungskino ist. Beim Wein habe ich auch solche Anwandlungen. Aber ich arbeite an mir. Dieser Tage bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit ist, sich mal wieder der Mehrheit zu ergeben. Ich gebe mit Demut zu: Das Sekthaus Raumland ist tatsächlich eine Klasse für sich und  unbestritten Deutschlands Sekterzeuger Nummer 1.

Raumland, Cuvée Katharina, Brut, degorgiert 01/2010, Rheinhessen. In der Nase Birne, Melone und Hefe. Am Gaumen cremig mit mittelfeiner Perlage, angenehmen Spiel von Süße und Säure, viel Frucht: Birne, Melone, Pfirsich, Anananas – der Wein ist wunderbar fruchtig, leicht süßlich und klingt mineralisch aus. Der Alkohol von 12,5% ist unauffällig. Hervorragender Sekt.

Feierwasser aus drei Nationen

Bei Champagner ist die Sache etwas leichter. Ich habe kaum Ahnung davon, verlasse mich also gerne auf andere. Zum Glück habe ich ein paar Freaks im Bekanntenkreis, die mich mit Geheimtipps versorgen. Mit denen habe ich vor Jahren nach einer Probe einiger seltener und in Deutschland nicht erhältlicher Weine in einer Hauruck-Aktion eine ganze Euro-Palette Barnaut-Blubber nach Deutschland importiert – wenn das nicht nonkonformistisch ist. So langsam gehen meine Vorräte zur Neige und es ist an der Zeit, eine Verkostungsnotiz anzufertigen.

Barnaut, Grand Cru á Bouzy, Millésime brut, 1999, Champagne. In der Nase nur wenig Brioche, stattdessen ein herrlicher, durchdringender Bratapfelgeruch. Da denkt man sofort an Weihnachten. Trotz des relativen Alters ist die Nase noch frisch. Am Gaumen setzt sich dieses Spiel fort, der Champagner schmeckt auch zu einem erheblichen Teil nach Bratapfel, dazu eine resche Säure, sehr feine Perlage und deutliche Mineralik. Der Abgang ist sehr lang. Ein großartiger Champagner, der zwar süffig aber auch straff, mineralisch und nicht zu cremig ist.

Apropos süffig: das ist ein Begriff, der von vielen zu Recht als sinnfrei und für Weinbeschreibungen ungeeignet erachtet wird. Ich habe früher schon mal ausgeführt, dass solche Attribute meiner Meinung nach mehr über den Gemütszustand des Verkosters als über das Objekt der Begutachtung aussagen. Die Ausnahme stellt für mich Sekt/Champagner dar. Der sollte süffig sein, denn meist trinke ich ihn in größerer Runde mit Menschen, die nicht alle weinverrückt sind. Die wenigen Prickler, die nicht süffig waren – Dosage Zero Tropfen aus Frankreich, Sekte vom achtjährigen Hefelager und dergleichen – fand ich interessant aber nicht massenkompatibel. Das probiere ich gerne mal, bevorraten muss ich mich damit nicht. Zu diesen Einmal-Erfahrungen gehörte auch d’Arenbergs roter Sekt vom Syrah, meine bisher einzige Erfahrung mit Sekt aus Down Under. Diese Woche kam eine zweite dazu. Ob des niedrigen Alkohols und der exotischen Herkunft, musste der Nonkonformist in mir gleich ein paar Flaschen bunkern.

Banrock Station, Sparkling Chardonnay Pinot Noir Reserve, o.J., Southeastern Australia. In der Nase Birne, Pfirsich, Himbeere und nur wenig Hefe. Am Gaumen ist der Sekt cremig mit eher mauer Perlage (der einzige Makel), relativ trocken und mit milder Säure. Schöne Frucht von Pfirsich und Erdbeere machen den Wein leicht und süffig. Erstaunliche 12% Alkohol wiedersprechen dem Klischee, aus Australien kämen nur Alkoholbomben. Ein süffiger Crowd Pleaser wie man in seinem Heimatland wohl sagen würde. Genau das richtige für ein Glas Begrüßungssekt bei höheren Temperaturen.

Es bleibt in der Familie

Die beiden ersten ernsthafte Flaschen meiner Weinkarriere waren ein Geschenk meines Vaters: ein Achat von Laible und eine trockene ‚S‘-Klasse vom Karthäuserhof. Eine würdigere Inauguration in die Rieslingwelt (um mal in das oberste Fach meines Fremdwörterregals zu greifen) kann ich mir kaum vorstellen. Eine anschließende Weinreise durch Baden und die Pfalz mit Besuchen bei Gütern wie Rebholz, Müller-Catoir oder den Schneiders in Endingen tat ein übriges: für mich ist mein Vater ein Weinpapst. Und wenn der Papst zu Besuch kommt, mache ich mir regelmäßig schon Tage vorher Gedanken, was es zu trinken geben soll.

Um die Angelegenheit zu verkomplizieren, gibt es noch eine (ansonsten ganz wunderbare) Stiefmutter mit Rieslingallergie. Beide gemeinsam teilen meine Liebe zum Spätburgunder, mit dem meine eigene Ehefrau wiederum gar nichts anfangen kann – das wäre sonst auch zu einfach! Die Weinliste für ein Familientreffen ist daher umfangreich; niemand soll einen Wein trinken müssen, bloß weil es eine Mehrheit dafür gibt, und was nicht gefällt, muss nicht aus Höflichkeit geleert werden. Es gibt reichlich Alternativweine und am Ende meist ausreichend angebrochene Flaschen, um die ganze nächste Woche damit zu bestreiten.

Neulich war es wieder einmal so weit und da ich meinen Vater eine Weile nicht gesehen hatte, sollte es besonders gut werden. Es wurde besonders gut; es blieb so wenig über wie lange nicht und ich muss gestehen: Ich hatte am nächsten Tag einen Kater, was mir sehr selten passiert. Doch wenn ich den Abend in einem Satz zusammenfassen sollte, lautete dieser: ‚Ich bereue nichts!‘ Dürfte es noch ein zweiter sein, lautete der: Es ist fantastisch, was für Weine Deutschland (mittlerweile) hervorbringt. Aber der Reihe nach…

Es ging mit einem Riesling los, da mein Vater, die Vorhut bildend, etwas vor der Zeit erschien.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling Grosses Gewächs, 2007, Nahe. ‚Eine zwar halbtrockene aber durchaus schöne Spätlese‘ war der erste, etwas abschätzige Kommentar meines Vaters. Wir nehmen bei der Weinbewertung kein Blatt vor den Mund, es bleibt schließlich in der Familie. Ich konnte nur zustimmen, doch das Urteil war vorschnell, denn wenn das Frühlingsplätzchen etwas Luft bekommt, verändert es seinen Charakter. In der Nase zunächst frisch, mit Limone und Aloe Vera sowie Hefe, wandelt sich der Wein binnen einer Stunde; er wird malzig, riecht nach Kemm’schen Kuchen und Pfirsich. Am Gaumen wirkt er zunächst süß, entwickelt dann ein schönes Spiel. Grapefruit und Limone mit einer geballten Portion Mineralik halten das Zuckerschwänzchen im Zaum. Ganz trocken wirkt er allerdings zu keiner Zeit. 12,5% Alkohol sind fein eingebunden. Der Abgang ist extrem lang und wiederum sehr mineralisch. Begeisterung kam auf.

Als meine Stiefmutter sich uns anschloss, leistete ich mir einen Schnitzer, den ich dem Winzer in die Schuhe schieben will: die Schreibschrift auf den Etiketten des Weingutes Rebholz sind im Dämmerlicht eines Weinkellers schlicht nicht zu entziffern. Ich dachte, ich hielte den 2007er in den Händen, es war jedoch, wie ich erst nach dem Öffnen bemerkte:

Ökonomierat Rebholz, ‚Im Sonnenschein‘, Weissburgunder Grosses Gewächs, 2009, Pfalz. Das war unfreiwilliger Babymord. Der Wein zeigt wenig von dem, was er einmal darbieten wird. In der Nase ein typischer Weissburgunder der feineren Art. Leicht buttrig mit Mandarine, Birne, Blüten, offenbart er aber auch schon reichlich Alkohol. Am Gaumen ist er sehr cremig, säurearm, etwas alkoholisch, sehr voll aber auch sehr mild. Es gibt das seltsame Wort monolithisch für Weine, die schon Dichte und Tiefe zeigen aber noch keine rechten Aromen preisgeben wollen. Wohlan: der Rebholz ist monolithisch. Ein 35-Euro-Irrtum, der andeutet, dass zum rechten Zeitpunkt geöffnete Flaschen einmal viel Vergnügen bringen werden.

Zum Abendessen gab es Kalbsschnitzel. Ich servierte einen Spätburgunder. Da dies ein schwieriges Unterfangen ist, hielt ich mich genau an meine in jahrelanger Probe erarbeitete, hier beschriebene Gebrauchsanweisung. Zufällig servierte ich sogar den gleichen Wein, den ich in jenem Protokoll beschrieb:

Markus Molitor, Brauneberger Mandelgraben, Spätburgunder *, 2005, Mosel. In der Nase eine typisch deutsche Note (was auch immer das sein mag), Himbeere, Dörrpflaume, Cassis, viel Holz und Rauch sowie Leder. Am Gaumen ist der Wein saftig, wenngleich mit strammer Säure, zeigt Kirsche, Pflaume, Litschi, Pfeffer, Rauch und Vanille – viele Aromen in einem komplexen Wein mit spürbarem Tannin und Mineralik. Der herbe Abgang ist richtig lang und der Wein (nach einer Stunde im Dekanter) eine echte Granate. Ich habe den Molitor‘schen Spätburgundern ob ihrer absurden Preisentwicklung mittlerweile abgeschworen. Dieser hier ist ein Argument, sich doch mal wieder überreden zu lassen.

Ich hatte auch an den ‚leckeren Italiener‘ gedacht, den ich für solche Situationen empfehle, schon weil meine Gattin ja auch etwas zu trinken brauchte.

Camigliano, Brunello di Montalcino, 1999, Toskana. In der Nase Kirsche und Pflaume, Zeder, Trüffel und erste Altersnoten. Am Gaumen viel Frucht, recht typisch und vollmundig: Mon Cherie. Der Alkohol (13,5%) ist bestens eingebunden, ebenso das Tannin. Das ist ein gleichzeitig fruchtiger und mineralischer Wein mit vielen Facetten, der richtig gut war. Es blieb genügend über, um ihn zwei weitere Tage zu verkosten und ich gewann den Eindruck: jetzt austrinken, besser wird er nicht mehr.

Vom Brunello blieb deshalb so viel übrig, weil sich die Familie um den Molitor scharte. Jener animierte einen solchen Trinkfluss, dass er noch vor dem Essen zur Neige ging. Das war nicht geplant und ich in Verlegenheit. Also ging ich in den Keller, wo ich eine Entscheidung treffen musste: schnelle Wahl oder Schnitzel kalt! Ich wollte das Restschnitzel gerne warm genießen und griff ins Luxusregal; da macht man nichts falsch. Was folgte war ein ganz großer Moment meines Weinlebens.

J.J. Adeneuer, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2005, Ahr. Direkt aus der frisch geöffneten Flasche ins Glas zeigte die Nase einen deutlichen Kräuterton, dazu Kirsche, Himbeere und Erdbeere, eine leichte Stallnote, Holz und Rauch. Am Gaumen war der Wein vieles auf einmal – cremig trotz kräftiger Säure, rauchig aber mit frischer Frucht von Zwetschge, sehr druckvoll aber nicht fett und mit heftiger Mineralik bei deutlich spürbarem Holzausbau. Dazu war er passenderweise staubtrocken. Der Abgang war endlos.

Das ist die Art von Wein, die einem den ganzen Abend neue Geschichten erzählen kann. Er hatte keine Gelegenheit, mit Luft sein Erscheinungsbild zu ändern, denn wir fielen über ihn her, wie Zombies über einen Horrorfilmstatisten. Ursprünglich geplante Dessertweine fielen aus, sie hätten den langen Abgang nur gestört.

Wird Herbst da draußen – und im Glas…

So wie ich im Juli gelegentlich Spätburgunder trinke, mundet mir auch im Dezember Riesling, aber die Grundfarbe des Sommers ist Weiß, die des Winters Rot. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der ich gedanklich auf Rotwein umstelle.

Dieses Jahr habe ich meine Rotweinsaison mit Bordeaux eingeleitet. Leider waren gleich drei Versuche nötig, bis ich die Premiere gelungen fand. Denn der erste Wein, den ich mir schnappte war extrem anstrengend:

(Grand Vin du) Chateau Phélan Ségur, Cru Bourgeois, 1996, Saint Estèphe. Am ersten Tag war der Geruch, der dem Glas entströmte unerträglich, auch nach Stunden in der Karaffe: Pferdestall, Brett oder wie auch immer (hier findet sich ein schöner Artikel dazu). Auch am zweiten Tag wird das nicht viel besser. Darunter etwas Liebstöckel, Pflaume und Johannisbeere. Am Gaumen milde Säure, Kirsche mit mittlerem Druck. Schöne Struktur, eher elegant (12,5% Alkohol) aber immer von den stalligen Noten überlagert, die sogar am Gaumen Spuren hinterlassen. Perfekt integriertes, reifes Tannin, mineralischer Abgang. Es könnte ein eleganter Wein sein, wenn er nicht so penetrant stänke. 85 Punkte

Der zweite Versuch war besser, aber auch noch keine würdige Saisoneröffnung:

Chateau La Louvière (André Lurton), Grand Vin de Graves, 1999, Pessac-Léognan. In der Nase Kirsche, Leder und Zigarrenkiste, das alles von mittlerer Intensität. Am Gaumen mäßig druckvoll, wirkt der Wein fast ein bisschen müde. Vielleicht ist er schon ein oder zwei Jahre über seinen Zenit. Johannisbeere, grüne Paprika, relativ wenig Tannin und kaum mehr wahrnehmbares Holz treten in Erscheinung, entfalten aber zu wenig Druck. Um als elegant durchzugehen, müsste der La Louvière komplexer sein. Der Abgang ist mittellang. 13% Alkohol sind sehr gut integriert. Ein schöner Alltagswein und seriöser Essensbegleiter aber nicht mehr.

Also schoss ich mit Kanonen auf Spatzen. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht noch einen vernünftigen Wein ins Glas kriege:

Cos d’Estournel, 2eme Cru, 1997, Saint Estèphe. In der aristokratischen Nase Leder und Zeder, nur wenig Frucht (Kirsche, Cassis, Blaubeere) und dazu etwas Veilchen, Bordeaux trifft Morgon. Am Gaumen fruchtiger mit Kirsche und Johannisbeere, dazu Holz, Teer und Speck bei erstaunlich abgeschmolzenem Tannin. Die Säure ist auf dem Punkt, relativ volles Volumen, ohne dass der Wein dick wäre, 13% Alkohol treten nicht besonders zu Tage. Sehr harmonischer langer Abgang mit mineralischen Noten. Das ist ein stimmiges Gesamtpaket, und ich glaube nicht, dass weitere Flaschenreife den Wein verbessert. Vor fünf Jahren deutete eine erste Flasche großes Potential an, das hat sich teilweise bewahrheitet. An der magischen 90-Punkte-Hürde scheitert der Cos jedoch knapp.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Das Weingut Koehler-Ruprecht zeigt in vielerlei Hinsicht zwei Gesichter. Zum einen produziert es mit der Kallstadter Saumagen Auslese trocken ‚R‘ einen Wein, der gesucht und rar ist wie sonst nur Kellers G-Max, zum anderen sind die anderen Rieslinge des Hauses in der allgemeinen Wahrnehmung eher durchschnittlich. Markentechnisch fährt man zweigleisig: ‚normale‘ Weine segeln unter der Koehler-Ruprecht-Fahne und Barrique-Weine unter dem Label ‚Philippi‘. Bei letzterem werden die Weine mit einem oder auch mehreren R’s benamt, wenn sie besonders gut sind und besonders lange im Fass lagen. Das Weingut wird in Medien als Deutscher Pionier des Holzeinsatzes gefeiert, und in Internet-Weinforen artikulieren einzelne Kunden Zweifel an der Fasshygiene des Hauses. Ich kenne nicht genügend Weine des Gutes, um eine fundierte Meinung dazu zu entwickeln, finde aber, dass das eine bemerkenswerte Spanne von Lob und Tadel ist.

Eindeutig positiv zu bewerten ist in meinen Augen die Politik des Hauses, Weine solange reifen zu lassen, bis sie fertig sind. In der Hinsicht ist Kallstadt das Lynchburg des deutschen Weinbaus. Wer keinen Keller für die Lagerung hat, aber mal einen gereiften Spätburgunder oder Chardonnay trinken will, kann hier Weine ab Gut erwerben, die teilweise sieben Jahre gelagert sind – nicht, weil sie keiner kaufen wollte, sondern weil das Gut sie erst nach dieser Zeit zum Verkauf freigegeben hat. So wie dieser Wein, der (wenn ich es richtig erinnere) erst 2007 in den Handel kam.

Koehler-Ruprecht, Philippi Chardonnay ‚R‘, 1999, Deutscher Tafelwein Rhein (Pfalz). In der Nase erstaunlich frisch aber auch zurückhaltend. Chardonnay mit nicht zu intensivem Holzeinsatz ist die erste Assoziation, ohne dass einzelne Aromen besonders hervorträten. Am Gaumen setzt sich die Täuschung fort: 2007 hätte ich wohl in einer Blindprobe getippt. Der Wein ist nicht sehr fett und nicht sehr holzlastig. Stattdessen treten Säure und Mineralik in den Vordergrund. Das sonst so akzentuierte buttrige Aroma, die Haselnuss, das cremige Mundgefühl – alles Fehlanzeige. Man ist aber nie versucht, auf etwas anderes als Chardonnay zu tippen. Alkoholische Wärme fehlt ebenfalls, der Wein hat mit 13,5% Alkohol auch ein Prozent weniger als die meisten Vertreter dieser Kategorie. Der erste Wein, der sich mir vor allem darüber definiert, was er alles nicht ist – irgendwie surreal. Es ist in jedem Fall der mineralischste Chardonnay, den ich bisher getrunken habe.

Als Essensbegleiter zu Huhn mit Erdnusssoße macht der Wein eine exzellente Figur. Solo danach weitergenossen entwickelt sich ein schöner Trinkfluss. Das ist eine wundervolle Erfahrung um und bei 90 Punkten und ein Erkenntnisgewinn.

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