Posts Tagged ‘2004’

Und plötzlich Experte…

Als Blogger erhalte ich häufig Anfragen für Gastbeiträge oder Interviews, die sich bei genauerem Hinsehen leider nur als mehr oder weniger geschickter Versuch kostenloser PR oder Linkbuilding heraus stellen. Es dauerte daher ein bisschen, bis ich Begriff, was die Absenderin wollte, als ich neulich eine E-Mail von einer Agentur erhielt. Die suchte nämlich ernsthaft einen Interviewpartner zum Thema Wein. Das Medium der Veröffentlichung sollte das Unternehmensblog von Tchibo sein. Ob ich mir vorstellen könne, in der Kategorie ‚Auf einen Kaffee mit …‘ Rede und Antwort zum Thema Wein zu stehen.

Ich halte mich normalerweise bedeckt, wenn es um die Frage geht, wie klein oder groß mein Weinwissen ist. Für die Kaffeekönige sollte es wohl reichen, so mein spontaner Gedanke. Also sagte ich zu. Die Fragen, die dann kamen, hatten etwas beruhigend geerdetes. Da ist es wieder, das wahre Leben. Die Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation von Tchibo (mit Sicherheit überdurchschnittlich intelligente und genussaffine Menschen) zeigten mir, dass ich mich mittlerweile in einer eigenen kleinen Welt bewege, so sehr ich auch versuche es zu vermeiden.

Zur Feier meines ersten Interviews zog ich einen besondere Wein auf. Einen von denen,  die jahrelang im Keller liegen und eines besonderen Anlasses harren und die ich im letzten Beitrag als Deutsche Icon Wines verdenglischt habe. Es handelte sich um einen ‚Fährfels‘ Riesling aus dem Jahr 2004. Der Fährfels ist eine zerklüftete Steinformation in Trittenheim an der Mosel, inmitten der Trittenheimer Apotheke gelegen. Er wurde nie flurbereinigt und sieht nicht wie ein typischer Weingarten aus, eher als habe jemand den Azubi zum Pflanzen in den Hang geschickt und vergessen ihm zu sagen, wo der Weinberg zu Ende ist. Auf winzigen Terrassen stehen eine Hand voll Reben. Sie sind wurzelecht, über hundert Jahre alt und erbringen alle zusammen rund 1000 Flaschen Wein. Den baut das Weingut Cüsserath-Weiler zu einem feinherben Spitzenriesling aus und liefert danach die Hälfte der Flaschen im Weingut Clüsserath-Eifel ab – Erbengemeinschaft Mosel-style.

Der Wein zeigt seine ganze Pracht erst mit etlichen Jahren Flaschenreife. Ein Freund servierte mir vor 7 Jahren den gleichen Wein ohne Belüftung als Jungspund – belanglos. Doch bei dieser Flasche ging die Sonne auf.

Cluesserath_Faehrfels2004Clüsserath-Weiler & Clüsserath-Eifel, Riesling ‚Fährfels‘, 2004, Mosel. Der Wein riecht leicht süßlich, nach Aprikose und Muskat und dabei sehr cremig, keinerlei Alterstöne, nicht sehr intensiv, sehr harmonisch aber nicht spektakulär. Am Gaumen wirkt er ebenfalls leicht cremig, deutet Säure nur an, obwohl er wohl einiges davon hat – das spürt man aber eher, als dass man es schmeckt. Für einen feinherben Riesling schmeckt er ziemlich trocken, erzeugt ein volles Mundgefühl, ist leicht kreidig, hat eine tolle Phenolik/Mineralik und präsentiert sich mit fantastischer Tiefe. Aromen von mürbem Apfel, Aprikose und Malz harmonieren mit einem leichten Bitterton und einer feinen Reifenote, die sich nach zwei Stunden an der Luft einstellt. Was den Wein ausmacht, ist nicht irgendein Aromenfeuerwerk, sondern die Balance zwischen Tiefe und Leichtigkeit, zwischen lecker und Intellekt. Der Abgang ist sehr lang und der Alkohol völlig unauffällig.

Wer lesen will, was ich zum Thema Wein und Kaffee zu Protokoll gegeben habe, findet hier das Interview.

Advertisements

Sechster in Absurdistan

Ich bin Mitglied diverser Weingruppen auf Facebook. Eine davon (sie heißt ,Hauptsache Wein‘ und jeder kann sich dort anmelden) beschäftigt sich besonders gerne mit Themen rund um Weinmedien und Weinkritik. Obwohl selten neue Argumente kommen, scheint das Thema niemals langweilig zu werden, wer eigentlich wann über welchen Wein schreiben darf und wie die schriftliche Auseinandersetzung mit Rebensaft auszusehen hat, damit sie ernst zu nehmen ist. Ein weiteres Dauerthema ist die Frage danach, wer unter den Weinschreibern welche Relevanz aufweist, mithin meinungsbildend, einflussreich oder gar führend ist.

Das Problem mit der Relevanz ist, dass sie die Summe von Reichweite und Kompetenz darstellt. Also kann man denjenigen, die über vermeintlich hohe Reichweite verfügen, immer noch die Kompetenz absprechen. Die Kompetenz wiederum ist gar nicht messbar, es sei denn, man würde eine Art Wissens- und Sensorikwettstreit für Weinkritiker veranstalten und alle zur Teilnahme bewegen. Die Internetseite Wein-Plus hat dieser Tage versucht, ihre Kompetenz und Bedeutung anhand diverser Zahlen in einer Tabelle darzustellen, doch das führte eher zu Hohn und Spott – vor allem in der Facebook-Gruppe ,Hauptsache Wein‘.

Die Debatte mutet absurd an: erwachsene Männer (es sind ausschließlich Männer) diskutieren darüber, wer der qualifiziertere Verkoster, seriösere Journalist, bedeutendere Meinungsbildner oder einfach tollere Hecht ist. Sich darüber lustig zu machen fällt leicht, wird aber den handelnden Personen nicht gerecht; es geht um berufliche Existenzen und Bescheidenheit ist zwar sympathisch, führt aber zu Mindereinnahmen.

Das Problem ist nicht nur  mangelnde Transparenz, wer wirklich welche Leserzahlen hat, es ist auch die schiere Anzahl der funkenden Amateure. Die sind so zahlreich, dass das Grundrauschen einen Pegel erreicht hat, bei dem die Signale der Profis darin untergehen. Wenn das Titelbild der neuen Vinum auf Facebook genau so oft kommentiert und geteilt wird, wie das Foto vom Abendschoppen eines Hobbybloggers, entsteht schnell der Eindruck letzterer schwämme im gleichen Teich – als Hecht und nicht als Karpfen –, selbst wenn er gar nicht den Anspruch hat.

Das Phänomen zu verstärken gelingt einer Firma namens eBuzzing, die ein Ranking der einflussreichsten Weinblogs veröffentlicht. Ohne Einsicht in individuelle Zugriffszahlen zieht es die Zahl der Likes und Kommentare, Follower, Retweets und Backlinks zu Rate um zu bestimmen, wer in Sachen Wein Bedeutendes publiziert. Jetzt wurde das Wein-Ranking mit den Gastro- und Kochblogs zusammengeführt. Das Ergebnis zeigt, wie absurd diese Stocherei im Nebel wirklich ist. Mein Blog rangiert als sechstbestes Weinblog unter den Top-20 der einflussreichsten Essen- und Trinken-Blogs des deutschsprachigen Raums. Das ist totaler Quatsch.

Zum Vergleich: auf Platz 37, weit hinter mir, rangiert Astrid, die sich mit ihrem Blog ,Arthurs Tochter kocht‘ eine veritable Existenz aufgebaut und sogar ein erfolgreiches Buch darüber geschrieben hat. Sie dürfte in der Stunde so viele Leser haben wie ich im ganzen Monat. Auf Platz 80 gar findet sich Bernhard Fiedlers preisgekröntes Blog. Er ist ein so weithin geachteter Experte, dass er mit einem provokanten Satz eine größere Diskussion in der Weinwelt anzetteln könnte als ich mit einer zehnteiligen Artikelserie.

Zugriffszahlen

Meine Leserzahlen findet man in obigem Screenshot: 50 am Tag und rund 1200 (dedupliziert) im Monat. Daraus Rückschlüsse auf die professionelle Weinberichterstattung im Internet zu ziehen, wäre so unsinnig, wie meinen heutigen Wein repräsentativ für die Leistung seines Ursprungsweingutes zu nennen.

vanVolxem_Kupp_2004Van Volxem, Riesling ,Kupp‘, 2004, Mosel. In der Nase grüßen tropische Früchte: Ananas, Melone und Mandarine. Außerdem zeigt der Wein eine würdige Würze, die das Alter aufs beste repräsentiert. Die Erwartungen sind groß aber leider kann der Wein sie am Gaumen nicht alle erfüllen. Es fehlt an Säure. Das war vor sieben Jahren so, das war vor vier Jahren so und es ist auch heute noch ein Manko. Die Süße ist zwar nicht pappig aber sie dominiert den Wein eine Spur zu sehr – kaum Säure und nur wenig Mineralik puffern nicht ausreichend, um brillantes Spiel zu produzieren. Ein kleines Bitterl im Abgang hebt den Wein immerhin in die Liga anspruchsvoller Weine, Aromen von Aprikose und Melone runden das Vergnügen ab. Der Abgang ist ziemlich lang – ein netter Wein für Freunde gereifter, feinherber Rieslinge aber kein großer Wurf.

Date Night

Ich bin kein Gastrokritiker und deswegen gibt es hier nur alle drei Jahre mal eine Notiz zu einem Restaurant. Man sollte also seine Restaurantauswahl nicht nach meinem Urteil ausrichten. Doch gestern habe ich etwas erlebt, was ich berichtenswert finde. Und Restaurants spielen eine Hauptrolle in diesem Stück, gemeinsam mit einem tollen Wein.

Ich war mit meiner sehr viel besseren Hälfte zu unserem wöchentlichen gemeinsamen Restaurantbesuch verabredet. Wir nennen das Date Night, weil wir es in unserem Leben verankert haben, während wir im englischsprachigen Ausland lebten. Gestern hatten wir uns dafür das Borchardt ausgesucht, ein eher edles Restaurant in Berlins Zentrum. Es ist für zwei Dinge legendär: sein Wiener Schnitzel (obwohl es eigentlich ein Französisches Restaurant ist) und seinen unfreundlichen Service.

Fünf Minuten nach der Zeit unserer Tischbestellung kamen wir an, um zu einem gerade leer geräumten Tisch geführt zu werden. Die Tische standen unendlich eng und der Lautstärkepegel zur Hauptspeisezeit war beeindruckend. Auf die Frage nach einem Aperitif antwortete ich ,Wir hätten gerne ein Glas Sekt‘, was der Kellner mit genau drei Worten beantwortete: ,Prosecco oder Champagner‘. Wir entschieden uns für den Champagner, der schnell gereicht und geizig dosiert war. Während wir uns zuprosteten, wurde der Tisch gedeckt, aufgrund der Enge, wurde meiner Frau das Besteck nur den halben Weg über den Tisch geschoben. Die umliegenden Tische wurden in Lichtgeschwindigkeit von leergegessenen Tellern befreit und alles machte den Eindruck, als ginge es in diesem Restaurant darum, die Tische möglichst oft pro Abend zu besetzen. Kurzum, das Borchardt eignet sich für ein Candlelight Dinner ungefähr so gut, wie eine Verkehrsinsel auf dem Potsdamer Platz.

Ein Blick auf die Weinkarte zeigte den Gutssilvaner vom Weingut Keller für 45 Euro, auch der Rest sah nach fünffachem Weingutspreis aus. Verzweiflung machte sich breit. Ein Blick in das Gesicht meiner Frau zeigte, auch sie war mittlerweile auf schlimmes gefasst. Da hatten wir beide den gleichen Einfall: Lass uns den Champagner bezahlen und ein anderes Restaurant aufsuchen.

Der unfreundliche Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Als meine Frau ihm unser Anliegen schilderte – er hatte sich für mich unerreichbar hinter meinem Rücken positioniert – fragte er, ob etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Als meine Frau diplomatisch antwortete, wir hätten Date Night und dies sei wohl doch nicht der beste Ort dafür, passierte erstaunliches. Der Kellner strahlte über das ganze Gesicht und gab freimütig zu, dafür hätte er vollstes Verständnis und meine Frau habe absolut recht. Er wurde die Freundlichkeit in Person, brachte Rechnung und Regenschirm und verabschiedete uns herzlich. Wäre ich Zyniker, müsste ich schlussfolgern, die Verachtung für diejenigen, die sich schlecht behandeln lassen und allerlei ertragen, nur um einmal im Borchardt gewesen zu sein, schlug um in Respekt für ernstzunehmende Gäste.

So gut kann Deutscher Spätburgunder seinWir zogen weiter in die Gendarmerie, ein zur Lutter&Wegner-Gruppe gehörendes gehobenes Restaurant mit einem beeindruckenden Speisesaal. Und da war – ich muss es so pauschal sagen – einfach alles besser. Der Service freundlich, der Abstand zum Tischnachbarn angemessen, die Beleuchtung und Lautstärke gedämpft, die Weinkarte vernünftig kalkuliert – und es gab Sekt. Das Essen war ausgezeichnet aber das soll es im Borchardt auch sein. Endgültig versöhnen konnte uns dann der gewählte Wein.

Jean Stodden, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2004, Ahr. Eine viertel Stunde Luft brauchte er lediglich, dann ging es rund. In der Nase ein bisschen Stall, viele Kräuter, wenig Schuhcreme und reichlich rohes Fleisch, dazu dezente Noten von Kirsche und dunklen Beeren. Am Gaumen ist der Pinot sehr saftig, voll, mit strammer Säure, viel Frucht (Kirsche und Himbeere), Rauch und Fleisch sowie einer straffen Mineralik. Der Abgang ist endlos, genau wie das Vergnügen. Ich fand ihn Weltklasse.

Und im Borchardt war ich jetz auch einmal.

Nicht berühmt und trotzdem klasse

Dass in Deutschland großartige Rieslinge erzeugt werden, ist kein Geheimnis – auch wenn der angebliche Weltruhm unserer trockenen Gewächse meiner Meinung nach eher Wunsch als Realität ist. Weinfreaks und Insider außerhalb Deutschlands haben durchaus mitbekommen, was sich hierzulande in den letzten fünfzehn Jahren in Punkto trocken getan hat und Markenweine deutscher Winzer sind mir in der Gastronomie europäischer Großstädte begegnet – aber Weltruhm sieht anders aus.

Erstaunt (und als halbherziger Patriot sogar ein bisschen enttäuscht) bin ich, dass kaum jemand im Ausland wahrnimmt, dass in Deutschland einige der großartigsten Grauburgunder erzeugt werden – und das obwohl auf der Welt doch endlos Pinot Grigio getrunken wird. Zwei Erklärungen kommen mir in den Sinn. Entweder es liegt daran, dass Pinot Gris/Grigio/Grauburgunder vor allem von Menschen auf Vernissagen gesüppelt wird, die kein tieferes Interesse an Wein haben (sich stattdessen auf die Bilder konzentrieren) oder der Grund ist, dass diese Rebsorte einfach keine vollends großen Weine hervorzubringen vermag. Ersteres ist ein Klischee und letzteres nur meine Meinung aber hey, ich bin hier der Hausherr!

Meine Lieblingskaiserstühler vom Weingut Schneider in Endingen gehören für mich zu den allerbesten Produzenten grauen Burgunders, den sie – alter Tradition verhaftet – Ruländer nennen. Was mir bei den Schneiders gefällt, ist ihre individuelle Herangehensweise an jeden Jahrgang. Das fängt damit an, dass es nicht jedes Jahr die gleichen Weine gibt. Ob es Kabinett, Spätlese und Auslese aus den einzelnen Lagen gibt, scheint hier erst nach Ernte und Begutachtung der Moste entschieden zu werden. Auch die Intensität des Holzeinsatzes wird meiner Meinung nach sehr gekonnt der jeweiligen Alkoholgradation und Stilistik angepasst. Das Ergebnis ist immer mindestens gehobener Mainstream und manchmal Weltklasse. Wohlgemerkt Weltklasse nicht Weltruhm, denn Weltruhm sieht (leider) anders aus.

Die schlanke Variante eines anspruchsvollen GrauburgundersR.&C. Schneider, Ruländer Spätlese trocken *** -R-, 2008, Baden. In der Nase sehr fruchtig mit viel Birne und Quitte, dazu etwas Pistazie. Am Gaumen ist der Wein schmelzig mit sehr viel süßer Frucht, vor allem Mandarine und Quitte. Dazu ist er leicht nussig. 13% Alkohol sind hervorragend integriert, Holznoten kommen der feinen Frucht nicht in die Quere. Die Säure ist spürbar aber fein – das passt. Der Abgang ist sehr lang. Großartiger Grauburgunder.

R.&C. Schneider, Ruländer Auslese *** -R-, 2004, Baden. In der Nase dominieren Holz, Birne, Honigmelone, Vanille. Am Gaumen ist der Grauburgunder zunächst süß im positiven Sinne: süße Frucht, alkoholische Süße, vanillige Süße vom Holzausbau aber keine pappige Süße von Restzucker. Die Säure ist wahrnehmbar aber nicht sehr prägnant, der Wein cremig. Mit zunehmendem Luftkontakt zeigt sich eine mineralische Note, die Süße tritt in den Hintergrund, der Alkohol ist erstaunlich gut eingebunden, wenngleich 14,5% bei einem Weißwein meiner Erfahrung nach immer eine tragende Rolle spielen, so auch hier. Frucht ist auch am Gaumen reichlich vorhanden in Form von Birne und Grapefruit. Eine ganz leichte würzige Note deutet an, dass der Wein älter als zwei Jahre ist, auf beinahe acht hätte ich blind jedoch nie getippt. Der Abgang ist sehr lang und von Mineralik getragen. Unter allen Weißweinen, die ich bisher getrunken habe, ist das ein sehr guter, unter den Grauburgundern ein Riese.

Rätselwein? Rätsel Wein!

Wer sich viel mit Wein beschäftigt und Freunde sein eigen nennt, die dieses Hobby teilen, der kennt die Situation: Man bekommt ein Glas Wein vorgesetzt mit nichts als der Bemerkung: ‚Sag mal was dazu…‘ Rebsortenraten/Jahrgangslotto ist ein wunderbares Gesellschaftsspiel, es birgt aber Tücken. Je öfter man richtig liegt oder der Wahrheit nahe kommt, desto größer ist die Gefahr des Hochmuts. Denn wie lautet der kürzeste Weinverkosterwitz? ‚Jetzt kann ich’s‘.

Ich bilde keine Ausnahme, wenn es um gelegentliche Hybris geht. Auch ich bilde mir regelmäßig ein, jetzt müsste ich beispielsweise wissen, wie ein Wein riecht und schmeckt, der auf Schiefer gewachsen ist, oder die letzten zehn Jahrgänge bei trockenen Rieslingen erkennen können. Doch dem ist nicht so. Genau genommen, bin ich mir nicht einmal sicher, ob es wirklich eine objektiv erkennbare Schiefermineralik gibt. Gelöste Mineralien, die sich von denen eines auf Kalkstein gewachsenen Rieslings unterschieden, sind bekanntlich nicht im Wein, schon gar keine riechbaren. Das tröstet mich, angesichts der folgenden beiden Weine.

Thanisch (Ludwig Thanisch & Sohn), Riesling ‚Alte Reben‘ (Lieserer Niederberg Helden), 2007, Mosel. In der Nase ganz zart: blumig, duftig, etwas herb mit Stachelbeere, Orangeat – das erinnert mich sehr an einen Sauvignon Blanc. Am Gaumen Aprikose und Orangenschale, viel Gerbstoff und reichlich Restzucker, soweit so normal. Aber dann kam diese kalkige Mineralik, wie ich sie von so vielen Weinen aus Rheinhessen und der Pfalz kenne. Das passte zwar gut zum Wein aber schlecht zu meinem Weltbild. Der Riesling wirkt trotz sehr milder Säure bei allem Zucker nicht übermäßig breit, sondern tief, verschlossen und so, als habe er reichlich Potential, sich mit weiterer Flaschenreife zu echter Größe aufzuschwingen – dann vielleicht ja auch mit Schiefermineralik.

Heymann-Löwenstein, Uhlen 'Roth Lay'

Heymann-Löwenstein, Uhlen R, Riesling 1. Lage, 2004, Mosel. Keine ganz typische Löwenstein-Nase, denn der Wein riecht nach Grapefruit, Erd- und Himbeere sowie Marzipan, klar, frisch und gleichzeitig süß, ohne jede Spur von Malz, Karamell oder anderen Tönen die Löwensteins spät gelesene, konzentrierte Wuchtbrummen oft begleiten. Am Gaumen zunächst sehr süß aber mit 45 Minuten Luft ändert sich das Bild und die Süße tritt in den Hintergrund. Die Säure ist zwar mild und einiges an Restzucker vorhanden, dank einer leicht kalkigen Mineralik (da war sie wieder!) befindet sich der Wein aber in schöner Balance und bietet ein anregendes Spiel von Süße und Säure. Etwas Aprikose, ein Hauch Mandarine und würzige Noten, die der fortschreitenden Reife entspringen, machen den Uhlen-R zu einem gleichzeitig fruchtigem und ernsthaften Wein. Der Abgang ist ausgesprochen lang. Er verträgt immer noch einige Stunden Belüftung und hält bestimmt noch etliche Jahre.

Apropos Reife: Feinherbe und liebliche Weine büßen mit dem Alter ihre Süße langsam mehr oder weniger deutlich ein. Das hilft bei der Bestimmung des Jahrgangs – soweit meine Erkenntnis aus Beobachtung. Den Löwenstein habe ich prompt fünf Jahre zu jung geschätzt. Allerdings ist das nicht unbedingt ein Gegenbeweis: Ich habe seit Dezember 2005 in gleichmäßigen Abständen 7 Flaschen ‚Uhlen R‘ aus 2004 getrunken und möchte behaupten, dass dies der Benjamin Button unter den Rieslingen ist. Er wird mit jedem Jahr Flaschenreife süßer und das ist mir bei keinem anderen halbtrockenen Riesling bisher begegnet.

Der Spielverderber

Wie im letzten Artikel beschrieben, gibt es durchaus spannende Weine aus exotischen Rebsorten in Deutschland. Trotzdem stellt sich mir die Frage, ob die Pflanzung von Syrah, Cabernet und Merlot in hiesigen Hängen diesen eigentlich eine neue Terroirdimension eröffnet. Entlocken deutsche Winzer den Reben irgendwann etwas, was sie nirgendwo anders zeigen?

Wenn nicht – und zumindest bei den roten Sorten ist mir selten ein Wein begegnet, den ich als einzigartig und auf positive Weise deutsch bezeichnen wollte – dann hielte nur der Preis als Kaufargument her. Wie schlägt sich also ein deutscher Syrah im Vergleich zu einem ähnlich bepreisten Wein aus einem klassischen Heimatland der jeweiligen Rebsorte. Ich habe wenige Vergleichsweine, insbesondere wenn es um reinsortigen Merlot geht, sieht es in meinem Keller zappenduster aus. Immerhin einen höherwertigen Syrah habe ich gefunden, der auf den Cent so viel kostet wie der Gestad. Ich hatte ihn vor anderthalb Jahren schon mal getrunken, da war er noch nicht ganz trinkreif. Das ist jetzt anders und der Wein relativiert die Begeisterung für exotische Deutsche erheblich.

Südafrika wie es besser nicht schmecken kann

Glen Carlou, Syrah 2004, Wine of Origin, Paarl, Südafrika. In der ausladenden Nase Brombeere, Johannisbeere, blonder Tabak, Lakritz und Menthol. Am Gaumen ist der Glen Carlou supersaftig mit viel Johannisbeere und Kirsche, ganz feinem, reifen Tannin, süßer Frucht und schöner Säure. Er wirkt kühl, 14,5% Alkohol sind erstaunlich gut versteckt; eine leichte Mineralik und etwas Lakritz runden das Bild ab. Dabei ist der Syrah druckvoll aber nicht breit, das Holz mittlerweile sehr dezent. Der Abgang währt ewig.

Es ist nicht ganz fair, Südafrikas Wein des Jahres 2006 als Vergleich heranzuziehen, aber wenn ich doch keinen anderen habe… Immerhin in einer Hinsicht ist dieser Weltklassewein gegen die deutsche Konkurrenz machtlos: bei der CO2-Bilanz. Doch bei so viel Wonne im Glas, werde ich zum Umweltsünder.

Eine amerikanische Komponente

Als nach Weihnachten die Preise purzelten, nutzte ich die Tage zwischen den Jahren, um meinen Kleiderschrank zu füllen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass einige der Textilhersteller, deren Erzeugnisse mir besonders lieb sind, ihre guten Sachen leider nie in den Schlussverkauf schicken. Andere Labels hingegen schmeißen die gesamte aktuelle Kollektion massiv reduziert auf den Markt, sobald die Prozentschilder aufgehängt werden. Es sind vor allem die amerikanischen Freizeitlabels wie Polo und Hilfiger, die diese Strategie zu befolgen scheinen. Die mag ich, sie sind mir zum Normalpreis aber zu teuer – weswegen Schlussverkauf für mich meist eine amerikanische Komponente hat.
Das lässt sich auf Wein übertragen, denn da gibt es bei den Sonderposten auch immer Amerikaner der gehobenen Kategorie und so haben mein Kleiderschrank und mein Weinkeller eines gemein: während die deutschen Produkte darin fast alle zum Listenpreis den Besitzer wechselten, sind die amerikanischen samt und sonders im ‚Schlussverkauf‘ erworben. Das mindert die Enttäuschung, wenn sich die Erwartung an die Qualität nicht erfüllt und verdoppelt die Freude über die Highlights. Dabei gilt, nüchtern betrachtet, vermutlich für den Wein wie die Klamotten: Schnäppchen sind die reduzierten Teile auch noch nicht, sondern einfach bei einem adäquaten Preis angekommen. Passend zum Schlussverkauf gab es zwei Weine.

Der Optimus, eine Cuvée mit Syrah, Cabernet und Petit Verdot

Mächtiger Kalifornier: der Optimus ist ein Fruchtpaket

Stephan Vineyards/ L’Aventure, Optimus, 2004, Paso Robles, Kalifornien. Eine Rotweincuvée aus Syrah (57%), Cabernet Sauvignon (35%) und Petit Verdot (8%). In der Nase viel Beerenfrucht und Pflaume, Bleistiftspäne und Zedernholz, Menthol und Alkohol. Am Gaumen ist dieser Wein erstaunlich ätherisch und kühl, bei 14,9% Alkohol hatte ich ein alkoholisches Brennen befürchtet. Ein dicker Brummer (oder Blockbuster, wie man in seiner Heimat sagen würde) ist er trotzdem: opulente Frucht (Brom-, Blau- und Johannisbeere), trifft auf viel griffiges Tannin, feine Mineralik und Noten von Teer, die auch im wahnsinnig langen Abgang im Gleichschritt mit der Frucht marschieren. Gefällt mir ausgesprochen gut – wenngleich ich so einen Wein nicht öfter als einmal pro Monat trinken möchte.
Robert Mondavi, Chardonnay ‚Carneros‘, 1997, Kalifornien. In der Nase und am Gaumen zeigt sich keine Spur von Alter, obwohl der Wein 14 Jahre auf dem Buckel hat. Die Nase immer noch mit Holz, dazu verführerische Ananas und Haselnuss. Am Gaumen bietet sich ein raumgreifendes Vergnügen, wuchtig, cremig und vollmundig – erfreulicherweise jedoch nicht aufgrund überbordenden Alkohols. 13,5% passen zu diesem massiven Chardonnay, der viel süße Frucht (Ananas, Pfirsich) mit einer strammen Säure vermählt. Er zeigt sich dabei holzbetont, würzig und sehr komplex, im sehr langen Abgang auch etwas mineralisch. Für Menschen mit Biebergebiss (also zum Beispiel mich) ist das ein großer Weißwein.

%d Bloggern gefällt das: