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An der Heizdeckenfront

Letztes Wochenende habe ich mich mal wieder aus dem Elfenbeinturm getraut und die Berliner Weinmesse besucht. Das ist an sich nichts Besonderes, habe ich das doch auch im Vorjahr getan – allein: diesmal habe ich etwas gewagt, was ich schon längst hätte machen sollen, ich habe Wein verkauft. Genau genommen half ich einem befreundeten Winzer beim Dienst an Stand und Kunde. Doch bevor ich mich am Samstag zur nachmittäglichen Rush Hour in die Schlacht warf, genoss ich die Veranstaltung am Freitag noch als Besucher.

Die Berliner Weinmesse ist eine Massenveranstaltung mit fast 25.000 Besuchern an drei Tagen. Mehrere Hundert Winzer stellen aus – Spitzenwinzer machen sich rar. Da aber in Deutschlands zweiter und dritter Liga hervorragender Wein gekeltert wird, lohnt sich der Besuch auch für den anspruchsvollen Weinfreund. Immerhin stößt man auf einige alte Bekannte wie etwa das von mir seit dem letzen Jahr so geschätzte Sekthaus Solter und Entdeckungen lassen sich ebenfalls machen. Eine besondere Freude war mir die Verkostung der Kollektion des mir bis dato nicht geläufigen Weinguts Loersch aus Leiwen. Das war ein richtig großer Wurf, was der Winzer präsentierte – und da man uns die Freude offensichtlich ansah gab es zum Abschluss noch einen hervorragenden Eiswein und eine fast außerirdische Trockenbeerenauslese zu naschen. Diesen Betrieb sollte man wohl im Auge behalten.

Und dann kam der Samstag. Da stand ich also hinterm Stand des Weinguts Ludwig Thanisch und Sohn und sah die Massen anbranden. Die gezeigten 2012er Riesling Spätlesen aus dem Lieser Niederberg Helden (trocken, feinherb, fruchtsüsß) waren mir bestens vertraut, ebenso wie die Auslese aus der Brauneberger Juffer. Also gab es noch einen Crashkurs  von Winzer Jörg Thanisch zu den gezeigten Weinen des Jahrgangs 2013 (Rivaner, Spätburgunder Rosé, Weißburgunder und Basisriesling ‚1648‘), dann ging es los.

Es ist ein grundsätzliches Problem vieler Weinmessen, dass das Geschäftsmodell Missverständnisse auslöst. Die Winzer bezahlen eine Ausstellergebühr um Zugang zu Konsumenten zu erhalten, die Wein kaufen wollen. Die Besucher zahlen Eintritt um Zugang zu Winzern zu erhalten, die kostenlos Wein ausschenken. Dass sie auch welchen kaufen sollen, steht nirgends geschrieben. Also mischen sich im Publikum diejenigen, die sich durch Sortimente probieren und die wohlschmeckendsten Weine für daheim erwerben wollen mit solchen, die sich für kleines Geld mal ordentlich die Lampe anzünden. Die Winzer versuchen letzteren zu entgehen und erstere zu umwerben, dazu kommen in Berlin eher selten echte Weinfreaks, die zwar viel Ahnung haben und für gute Gespräche sorgen, leider aber sehr selektiv und in kleinen Mengen kaufen.

Meine Aufgabe wurde mir schnell klar: Den Interessierten möglichst rasch ein paar Weine ins Glas füllen, auf dass sie sich mit dem Produkt beschäftigen, den Kegelclubs die kalte Schulter zeigen, ohne allzu unhöflich zu wirken, weil das die Interessierten, die ja direkt daneben stehen, irritieren könnte. Dann waren da noch die Informierten, die mir als Weinenthusiast ja eigentlich die meiste Freude machten. Als ich mit dem ersten ins Gespräch kam, bat mich mein ‚Chef für einen Nachmittag‘ doch solche Diskussionen zu vermeiden, das koste über Gebühr Zeit und bringe nichts.

Also galt es die Informationstiefe dem Publikum und Geschäftszweck anzupassen, der Rivaner – knochentrocken aber trotzdem fruchtig und für einen Müller-Thurgau ganz schön gut – wurde zum ‚Spargelwein‘, der Rosé – mit zehn Gramm Restzucker zwar halbtrocken aber keinesfalls limonadig – firmierte als ‚fruchtiger Sommerwein für die heißen Tage‘, der Basisriesling gab den ‚leckeren Alltagswein‘: wenn ich in meinem Blog so schriebe wie ich Samstag geredet habe, ich hätte binnen kürzester Zeit keine Leser mehr – oder zehnmal so viele …

Viel könnte man noch schreiben, über die verschiedenen Arten von Messebesuchern, aber das hat Bernhard Fiedler vor Jahren schon mustergültig getan, (wenngleich die Berliner eher simpler sind als die von Bernhard geschilderten Typen). Also verweise ich auf seinen Artikel und merke lediglich noch an, dass ich mich zwar für einen guten Verkäufer halte, dieses Talent sich jedoch nicht auf Wein und Endverbraucher erstreckt. Ich habe keine Kosten verursacht, die ich hätte wieder einspielen müssen, viel mehr als ein paar Euro war ich aber nicht wert. Den harten Tag beschloss ich mit einem Gläschen Wein. Von welchem Weingut der war, dürfte den werten Leser kaum verblüffen.

Thanisch_Alte_Reben_2008Thanisch (Ludwig Thanisch & Sohn), Riesling ‚Alte Reben‘ (Lieserer Niederberg Helden), 2008, Mosel. In der Nase relativ schwer: Aprikose, mürber Apfel, Aloe Vera, leicht süßlich. Am Gaumen deutlich halbtrocken aber das ist nicht nur Zucker, sondern eine Mischung aus Restzucker und viel Frucht (vor allem Apfel), leicht cremiges Mundgefühl, erste – noch zarte – würzige Alterstöne, stoffig, viel Druck der aber von einer kräftigen Säure und dezent spürbaren 11,5 Prozent Alkohol in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Klassisches Rieslinggefühl stellt sich ein, einerseits wie ein Pfälzer Dickschiff, andererseits wie ein mineralisch-filigranes Moselchen. Der lange Abgang ist sehr saftig. Wird mir als schickes Cool-Climate-Schiefer-Geschoss in Erinnerung bleiben, dass zwei Stilistiken vereint, die selten so angenehm zueinander finden.

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Wachwechsel

Mit Höchstgeschwindigkeit nähere ich mich einem Tag des Schreckens. Ich kann ihn kommen sehen. Ich könnte noch abbremsen, kriege aber den Fuß nicht vom Gas. Sehenden Auges fahre ich gegen die Wand. Anfang des Jahres bemerkte ich die Probleme erstmals aber ich habe nichts dagegen unternommen: Meine 2007er Rieslinge gehen zur Neige. Ich verdränge die Bedrohung, trinke einfach weiter, tauche immer tiefer in die Regale, um noch was zu finden und stoße immer seltener auf Beute.

Klingt nach Drama, ist ein Drama. Ich habe diesen Jahrgang geliebt. Trockene und halbtrockene Kabinette und Spätlesen meine ich: wie gut oder schlecht die Großen Gewächse sind, kann ich nicht sagen, davon habe ich noch nicht so viel getrunken. Meine Mängelanzeige bezieht sich auch nur auf die mittelgewichtigen Rieslinge. Die GGs teste ich derzeit gelegentlich an und habe nicht den Eindruck, dass sie schon alles zeigen, was sie können – vielleicht nächstes Jahr.

2007 ist bestimmt kein Überjahrgang. Eine Sache aber macht ihn für mich besonders. Seit ich dieses Blog schreibe, trinke ich 2007er Rieslinge der mittleren Qualität; im Juni 2009 machten die schon Spaß und seither präsentieren sich Zwei-Sterne-Weine von Laible aus Baden, trockene Spätlesen von Thanisch von der Mosel oder ‚PC‘ Lagenweine von Bürklin-Wolf aus der Pfalz einheitlich zugänglich. Nach zwei Jahren der Reife halten sich die Weine seit mittlerweile vier Jahren in einem wunderbaren Schwebezustand aus Frische und Reife, zeigen eine akzentuierte Säure, die niemals beißend ist und machen einfach Freude.

Damit halten sie sich nicht an die Theorie, nach der Rieslinge in immer gleichen Mustern reifen und in bestimmten Jahren quasi ungenießbar sind, weswegen man sie dann bitte niemals öffnen soll. Der Regeln gibt es viele. Gehört habe ich schon: nicht im dritten Jahr, nicht im verflixten vierten, sechsten, siebten oder achten – und in den ersten beiden sowieso nicht.

Und jetzt? Ich kann versuchen mich zu trösten: der Winter naht, Zeit für Rotwein. Aber ich trinke auch bei Minusgraden Riesling. Ersatz muss her. Ich habe probiert. Bei den ganz leichten 2008ern stellt sich jetzt Wonne ein. So wie bei diesem hier:

Thanisch (Ludwig & Sohn), Riesling Kabinett trocken, 2008, Mosel. In der Nase sehr klar, nur ein Hauch Reifenoten; es dominieren die üblichen Verdächtigen: Aprikose, Aloe Vera, tropische Früchte und Malz. Am Gaumen schlank im besten Sinne, kräftige Säure, die aber nichts spitzes oder anstrengendes hat, im Gegenteil, trotz der Säure leicht cremiges Mundgefühl, schmeckt sehr trocken, leicht und beschwingt, im recht langen Abgang mit schöner kreidiger Phenolik/Mineralik, 11% Alkohol sind völlig unauffällig.

Thanisch_Molitor_Riesling

2009er sind viel reifer. Ich werde also 2009 vorziehen und in den kommenden Monaten vereinzelt 2008er einsprenkeln, wenn ich es etwas knackiger haben möchte. 2007 werde ich in liebevoller Erinnerung halten, als den Jahrgang des verlässlichen Vergnügens und der tiefen Erkenntnis: alle Regeln, die in der Weinszene kursieren, wann man einen Riesling zu trinken hat, sind Quatsch.

Zum Abschied ein leises Servus:

Molitor, Graacher Domprobst, Riesling kabinett (tr.), 2007, Mosel. In der Nase volle Frucht: Aprikose und mürber Apfel, dazu Karamell und eine schöne Reifenote. Am Gaumen spürbare, harmonische Säure, etwas mehr Restzucker als nötig, was dem Wein einerseits Schmelz verleiht, andererseits eine Fülle, die man von einem Kabinett kaum erwartet. Aber Molitors Einschätzungen der verschiedenen Prädikate ist eh nicht vergleichbar mit der anderer Erzeuger. Die satte Frucht mit Aprikose und Grapefruit dominiert, etwas Malz und ein leichter Bitterton ergänzen gut. Der Abgang ist lang, schmelzig und eher wenig mineralisch. Unkompliziert und lecker – seit Jahren schon…

Nicht berühmt und trotzdem klasse

Dass in Deutschland großartige Rieslinge erzeugt werden, ist kein Geheimnis – auch wenn der angebliche Weltruhm unserer trockenen Gewächse meiner Meinung nach eher Wunsch als Realität ist. Weinfreaks und Insider außerhalb Deutschlands haben durchaus mitbekommen, was sich hierzulande in den letzten fünfzehn Jahren in Punkto trocken getan hat und Markenweine deutscher Winzer sind mir in der Gastronomie europäischer Großstädte begegnet – aber Weltruhm sieht anders aus.

Erstaunt (und als halbherziger Patriot sogar ein bisschen enttäuscht) bin ich, dass kaum jemand im Ausland wahrnimmt, dass in Deutschland einige der großartigsten Grauburgunder erzeugt werden – und das obwohl auf der Welt doch endlos Pinot Grigio getrunken wird. Zwei Erklärungen kommen mir in den Sinn. Entweder es liegt daran, dass Pinot Gris/Grigio/Grauburgunder vor allem von Menschen auf Vernissagen gesüppelt wird, die kein tieferes Interesse an Wein haben (sich stattdessen auf die Bilder konzentrieren) oder der Grund ist, dass diese Rebsorte einfach keine vollends großen Weine hervorzubringen vermag. Ersteres ist ein Klischee und letzteres nur meine Meinung aber hey, ich bin hier der Hausherr!

Meine Lieblingskaiserstühler vom Weingut Schneider in Endingen gehören für mich zu den allerbesten Produzenten grauen Burgunders, den sie – alter Tradition verhaftet – Ruländer nennen. Was mir bei den Schneiders gefällt, ist ihre individuelle Herangehensweise an jeden Jahrgang. Das fängt damit an, dass es nicht jedes Jahr die gleichen Weine gibt. Ob es Kabinett, Spätlese und Auslese aus den einzelnen Lagen gibt, scheint hier erst nach Ernte und Begutachtung der Moste entschieden zu werden. Auch die Intensität des Holzeinsatzes wird meiner Meinung nach sehr gekonnt der jeweiligen Alkoholgradation und Stilistik angepasst. Das Ergebnis ist immer mindestens gehobener Mainstream und manchmal Weltklasse. Wohlgemerkt Weltklasse nicht Weltruhm, denn Weltruhm sieht (leider) anders aus.

Die schlanke Variante eines anspruchsvollen GrauburgundersR.&C. Schneider, Ruländer Spätlese trocken *** -R-, 2008, Baden. In der Nase sehr fruchtig mit viel Birne und Quitte, dazu etwas Pistazie. Am Gaumen ist der Wein schmelzig mit sehr viel süßer Frucht, vor allem Mandarine und Quitte. Dazu ist er leicht nussig. 13% Alkohol sind hervorragend integriert, Holznoten kommen der feinen Frucht nicht in die Quere. Die Säure ist spürbar aber fein – das passt. Der Abgang ist sehr lang. Großartiger Grauburgunder.

R.&C. Schneider, Ruländer Auslese *** -R-, 2004, Baden. In der Nase dominieren Holz, Birne, Honigmelone, Vanille. Am Gaumen ist der Grauburgunder zunächst süß im positiven Sinne: süße Frucht, alkoholische Süße, vanillige Süße vom Holzausbau aber keine pappige Süße von Restzucker. Die Säure ist wahrnehmbar aber nicht sehr prägnant, der Wein cremig. Mit zunehmendem Luftkontakt zeigt sich eine mineralische Note, die Süße tritt in den Hintergrund, der Alkohol ist erstaunlich gut eingebunden, wenngleich 14,5% bei einem Weißwein meiner Erfahrung nach immer eine tragende Rolle spielen, so auch hier. Frucht ist auch am Gaumen reichlich vorhanden in Form von Birne und Grapefruit. Eine ganz leichte würzige Note deutet an, dass der Wein älter als zwei Jahre ist, auf beinahe acht hätte ich blind jedoch nie getippt. Der Abgang ist sehr lang und von Mineralik getragen. Unter allen Weißweinen, die ich bisher getrunken habe, ist das ein sehr guter, unter den Grauburgundern ein Riese.

Simple Genüsse (9)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Markus Molitor, Erdener Treppchen, Riesling Kabinett trocken, 2007, Mosel. In der Nase immer noch ein rechter Spontistinker dazu Apfel und Waldmeister. Am Gaumen cremig, die Säure ist erstaunlich mild. Aromen von Sahne, Grapefruit und Erdbeere vermengen sich mit leichter Mineralik und dezenten Gerbstoffen. Der Wein ist nicht besonders trocken, das Spiel verhalten, der Alkohol mit 11,5% erfreulich unauffällig. Den Abgang fand ich extrem lang und wiederum cremig, aufgepeppt von etwas Mineralik. Mit Luft verliert der sehr ansprechende Kabinett die Spannung und wird am zweiten Tag ein wenig banal. Am ersten fand ich ihn hervorragend.

Kees-Kieren, Graacher Himmelreich, Riesling Spätlese *, 2009, Mosel. Der Wein ist noch sehr jung, was sich vor allem auf die Nase auswirkt, denn neben jeder Menge süßer Frucht, Litschi, Erd- und Himbeere sowie Mandarine zeigt sich ein leichter Stinker und Hefe. Am Gaumen ist der Wein cremig, sehr süß und dick aber glücklicherweise auch mit straffer Säure – das ergibt ein tolles Spiel. Die Fruchtaromen sind komplex und vielleicht nicht jedermanns Sache, neben Mandarine findet sich da eine Beerenaromatik, die meine Frau zum spontanen Ausruf ‚Campino!‘ veranlasste – stimmt: Erdbeer-Joghurt-Campino trifft‘s am besten. Dazu satte Mineralik und ein sehr langer Abgang. Die Spätlese hat einen wichtigen Preis gewonnen. Ich habe mir nicht gemerkt welchen, verstehe aber warum. Ich finde den Wein grandios.

Manz, Riesling Spätlese trocken

Riesling, wie er im Buche steht

Manz, Riesling Spätlese ‚Am Turm‘, 2007, Rheinhessen. Man nehme ein allgemeines Weinbuch und lese die Beschreibung des Rieslings. Da steht in der Regel etwas über Aromen von Aprikose und Zitrus, vibrierende Säure und (bei entsprechender Herkunft) spürbare Mineralik – und genau solche archetypischen Rieslinge macht das Weingut Manz meiner Meinung und Erfahrung nach. Beim ‚Am Turm‘ kommt Zitrus als Grapefruit daher, was nichts Ungewöhnliches ist. 13% Alkohol verleihen dem Wein etwas mehr Druck, ohne ihn zu fett oder scharf zu machen und 4 Jahre Lagerung fügen etwas Würze und Tiefe hinzu. Jung war dieser Riesling‘ ein Spaßwein, jetzt ist er einfach ein archetypischer trockener deutscher Riesling der mittleren Gewichtsklasse. Mir macht er Freude, auch wenn er etwas wenig Ecken und Kanten hat.

R. & C. Schneider, Weißer Burgunder Spätlese ‚Trio‘, 2008, Baden. Lieblingsweingut (oder so ähnlich), Lieblingswein (einer von mehreren) und ein ordentlicher Jahrgang – da kann nix schiefgehen. Der 2008er ist klarer und straffer als beispielsweise der 2006er und im Keller wurde ihm dazu passend weniger Holz anerzogen. Mandarine, Birne, Quitte und Apfel sowie nur etwas Holz in der Nase, am Gaumen eher saftig als cremig, wunderbar klar und mitteldick, überzeugt der Wein mit einem harmonischen Mix aus Frucht, Säure und nur etwas Holz bei unauffälligen 13% Alkohol. Der Abgang ist sehr lang und dank leichter Gerbstoffe animierend. Passt alles bestens zusammen!

Simple Genüsse (3) – Olé!

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe. Dieses Mal stammen alle drei aus Spanien.

Descendientes de J. Palacios, Petalos, 2008 DO Bierzo, Spanien. In der Nase Blaubeere, Brombeere und eine grüne Note (an Tomatenpflanzen erinnernd). Am Gaumen zeigt der Wein mittleres Volumen, recht sperriges Tannin, das sich mit etwas Belüftung zähmen lässt, schöne Blaubeerfrucht und eine leichte Mineralik. 14% Alkohol und der Barrique-Ausbau integrieren sich sehr gut. Als Essensbegleiter glänzt der Tinto Mencia (so der Name der Rebsorte, aus der der Petalos gekeltert wird), weil er zwar wuchtig aber nicht überkonzentriert wirkt. Ein wundervoller Rotwein, den diverse Weinführer, wie ich finde zu Recht, regelmäßig mit Punkten überschütten.

Casa de Mein, Viña Mein, 2008, Ribeiro, Spanien. Die im Barrique vergorene Cuvèe aus fünf autochtonen Rebsorten erinnert mich in der Nase an Chardonnay (wenngleich ich alles andere als ein Chardonnay-Experte bin): Florale Noten, Birne, Molke, Toast und Holz. Am Gaumen ist der Wein stark vom Barrique-Ausbau geprägt, ohne überholzt zu sein. Weich, schmelzig, buttrig und mit Aromen von Pistazie und Aprikose, schmeichelt der sehr trockene Wein mit nur 12% Alkohol. Sehr langer Abgang. Das ist ein Wein mit dem gewissen etwas, das bei mir den 90-Punkte-Reflex auslöst.

Finca Museum, Museum Real Reserva, 2004, DO Cigales, Spanien. In Sevilla für 35€ auf der Speisekarte eines ordentlichen Restaurants gefunden, einen Abend mit meiner besseren Hälfte dran festgehalten und nebenbei im Kopf ein paar Notizen formuliert (ich erwähnte schon mal, dass meine Frau sehr tolerant mit meinem Weinfimmel umgeht?). Der Wein riecht nach Kirsche und Marzipan, am Gaumen sehr schön strukturiert, 14% Alkohol, Tannin und Holzausbau sind gut integriert, Kirscharoma auch hier, gepaart mit Pflaume. Leicht mineralisch im langen Abgang, sehr weich trotz spürbarer Säure. Dieser Tinta del Pais, wie der Tempranillo in Cigales heißt, braucht sich vor der Konkurrenz aus den bekannteren Gebieten Spaniens nicht zu verstecken. Klassewein, wenngleich ich als Nebenberufsöko das massive, metallene Etikett eine echte Umweltsünde finde.

Versorgungslücke

Drei Dinge benötigt man für ein Weinblog: eine Blog-Plattform, wie sie das Web kostenlos bereithält; ein wenig Zeit, zwei oder drei Stunden pro Woche lassen sich immer erübrigen; geeignete Weine – und damit habe ich derzeit ein Problem. Ich bin von meinem Weinkeller abgeschnitten. Nichts zu trinken, nichts zu schreiben, lautet die kurze Formel, auf die ich mein Bloggerdasein derzeit reduzieren kann. Die wenigen trinkbaren Weine, die mir begegnen, konsumiere ich in der Gastronomie, wo ich mir noch nie gerne Notizen gemacht habe.

Welch Schauer: Black Tower

Mein örtlicher Supermarkt bietet das gesamte Gruselkabinett Deutscher Großkellereien feil: Blue Nun, Piesporter Michelsberg, Bereich Bernkastel, Liebfraumilch und – den kannte ich noch nicht – einen Pinot Grigio betitelten halbtrockenen Grauburgunder, den nicht mal eine zweifelhafte Großlage schmückt, sondern die größte Zierde Deutschen Weinschaffens, die Marke ‚Black Tower‘. So diene denn mein Opfergang der allgemeinen Belustigung, ich gebe mich jedoch nur hin, weil ich gleichzeitig kundtue: Dieses Blog macht zirka acht Wochen Pause, bis ich wieder in der Nähe trinkbarer Deutscher Weine bin.

Reh-Kendermann (Abf.), Black Tower Pinot Grigio, Deutscher Tafelwein Rhein, 2008. In der Nase sortentypisch aber flach, Apfel, Birne, leicht buttrig. Am Gaumen cremig und buttrig aber da der Wein halbtrocken ist, wirkt das etwas klebrig. Im mittellangen Abgang taucht Säure auf, die den Wein über die Schwelle der Trinkbarkeit heben würde, wenn nicht die ganze Zeit ein ranziger Bei- und Nachgeschmack empfindlich störte. Der Alkohol ist zurückhaltend, es sind auch nur 9,5% vorhanden. Nicht wirklich trinkbar.

Bruders Blubber

Wenn man im Freundeskreis erst einmal im Verdacht steht, ein Weinkenner zu sein, dann ist man regelmäßig auch Versuchskaninchen. Weniger sachkundige Freunde führen einem begeistert ihre superleckeren aber erstaunlich günstigen Entdeckungen vor und schauen einen mit großen Augen an: ‚Und, ist das nicht ein superTropfen?‘ lautet die gespannt Frage, der man sich gegenüber sieht, während der Probeschluck des derzeitigen Hausweins über den Gaumen rollt. Manchmal ist der gereichte Wein wirklich passabel, manchmal eine Katastrophe und selten gibt es richtig tollen Stoff. Ich bin ein höflicher Mensch und finde diese Weine immer ausnahmslos gut. Koste es, was es wolle.

Nicht nur aus diesem Grunde bin ich relativ gut darin, meiner Umwelt mit meinem Weinfimmel nicht auf die Nerven zu gehen. Mein unmittelbarer Freundeskreis ist nur teilweise über den Inhalt meines Kellers informiert. Über meine Bloggerei rede ich so gut wie gar nicht. Höchstens zwei oder drei private Kontakte lesen meinen Schnutentunker. Umso erstaunter war ich, als mir mein Bruder kürzlich erzählte, er lese hier gelegentlich mit.

Mein Bruder ist gemessen am Durchschnittsdeutschen ein Weinkenner: Er kauft seinen Wein im Fachhandel und gibt auch zweistellige Beträge für eine Flasche aus. Auf einer gemeinsamen Reise durch das Moseltal lernte er die Vorzüge nicht-trockenen Rieslings kennen, ansonsten bezeichnet er sich selbst als ‚Fruchtbomben-Trinker‘ mit einem Faible für Rotweine aus der neuen Welt. Gerne ruft er mich gelegentlich an, wenn er einen tollen Wein im Glas hat und fragt mich: ‚Kennst Du eigentlich XYZ?‘ und dann kommt ein spanischer oder englischer Weinname, der mich ratlos lässt, da das eher nicht meine Baustelle ist. Mit Probeschlucken bei den viel zu seltenen Besuchen hält er sich zurück.

Neulich allerdings rief er an, um mich nach einem Weingut zu fragen, von dem er gerade einen sensationellen Sekt im Glas habe. Und dann kam ein Name, der mir mehr sagen hätte sollen als bloß: ‚Hmm, Mosel, glaube ich.‘ Es war das Weingut F.J.Regnery und der Sekt hatte es ihm wahrhaft angetan. So sehr, dass er mir den unbedingt vorführen wollte. Er brachte eine Flasche zum Anstoßen zum 2. Weihnachtstag mit und war sich seiner Sache so sicher, dass eine weitere als Geschenk für mich bestimmt war. Glücklicherweise fand ich diesen Sekt nicht koste-es-was-es-wolle-gut sondern ganz ohne Bruderbonus großartig. So großartig, dass ich meine als Geschenk erhaltene Flasche zu Silvester aufziehen werde.

Da alle Anwesenden von meinem Fimmel wussten, hatte ich keine Scheu, mir Notizen zu machen.

F.J.Regnery, Spätburgunder Sekt ‚Blanc de Noir‘ brut (Klüsserather Bruderschaft), 2008, Mosel. In der Nase die typische Brioche-Note von der Flaschengärung, dazu Himbeere und eine angenehm würzige Note (Liebstöckel etc.). Am Gaumen feine Perlage, relativ cremiges Mundgefühl, voll aber auch sehr saftig mit schönem Spiel. Neben fruchtigen Noten von Erd- und Himbeere punktet der Sekt mit einem feinen würzigen Ton: leicht malzig, leicht toastig (mir drängt sich das Bild einer schönen Brotkruste auf), der auch im sehr langen Abgang mitklingt. Ein ganz toller Sekt.

 

Guten Rutsch ins neue Jahr.

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