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Wein vom trüben Wasser

Einen Tag nach dem Treffen mit den Geschwistern aus Franken bot sich mir ein absolutes Kontrastprogramm. Moët Hennessy Deutschland hatte mich eingeladen, im Rahmen eines Dinners im Berliner Restaurant ,The Grand‘ die aktuellen Weine der Cloudy Bay Winery zu trinken (Spucknäpfe waren keine da, was bei dem edlen Essen auch unangebracht gewesen wäre). Grund für die Einladung war eine Bemerkung, die ich vor gut vier Jahren hier im Blog über den Sauvignon Blanc von Cloudy Bay machte. Ich geb‘s zu: ich fühle mich geschmeichelt, wenn jemand so gründlich in meinem Blog stöbert und konnte gar nicht anders als teilzunehmen – zumal mit Nick Lane auch der Kellermeister des Gutes anwesend war. In einer kleinen Runde von nur 8 Personen bot sich ausreichend Gelegenheit die Weine und ihre Entstehung zu diskutieren.

Nick Lane, der Jet-Lag und der Icon Wine

Nick Lane, der Jet-Lag und der Icon Wine

Es war mein erstes Gespräch mit einem Winemaker, der Angestellter eines börsennotierten Unternehmens ist (Cloudy Bay gehört dem Luxuskonzern LVMH) und die Besonderheiten einer solchen Konversation bekam ich gleich in den ersten Minuten serviert. Auf die Frage, wie viele Flaschen vom Cloudy Bay Sauvignon Blanc produziert würden, antwortete mir Lane, dass dürfe er leider nicht sagen. Etwas verlegen ergänzte die PR-Dame von Moët Henessy, dass alle Auskünfte zu umsatzrelevanten Kennzahlen ausschließlich über die Abteilung für Finanzmarktkommunikation im Mutterhaus liefen und außerhalb der offiziellen Börsenverlautbarungen keine Angaben zu den Flaschenzahlen bei Cloudy Bay, Moët, Krug, Newton, d‘Yquem etc. gemacht würden. Das kann ja heiter werden, dachte ich bei mir, doch es sollte die einzige merkwürdige Situation des Abends bleiben. Schon bei meiner nächsten Frage, welche Jahrgänge von Cloudy Bay er selber derzeit trinke, entgegnete mir Lane mit entwaffnender Offenheit, dass er immer entweder den aktuellen Jahrgang trinke oder sechs bis sieben Jahre alte Sauvignons, derzeit den 2006er. ,Zwei oder drei Jahre alter Cloudy Bay kann ein ziemlich sperriges Getränk sein, dass wenig Vergnügen bereitet‘, fügte er mit einem Augenzwinkern an. Schönreden geht anders.

Die Kellerei verfügt über 200 Hektar, zur Hälfte mit Sauvignon Blanc bestockt, sowie Lieferverträge mit externen Traubenerzeugern. Das Neuseeländische Weinrecht gestattet es, Trauben aus dem gesamten Anbaugebiet Marlborough zu verwenden, welches etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist. Und vermutlich sind es eine Menge Trauben, die das Weingut zukauft: Der Cloudy Bay Sauvignon Blanc steht in jedem zweiten Duty Free Shop der Welt. Darüber kann man lästern,  auch über den etwas uniformen Geschmack, denn wie die Basisprodukte der Schwesterunternehmen Moët & Chandon oder Veuve Clicquot stellt der Wein sein eigenes Geschmacksbild über Jahrgangseinflüsse. Ich mag aber nicht lästern, denn es ist ein sehr angenehmer Geschmack und den in solchen Mengen auf die Flasche zu bringen ist eine Leistung. Von Vorteil sei das konstante Klima, erklärt Lane, denn es sei kein wolkenverhangener Himmel, dem die Cloudy Bay ihren Namen verdankt, sondern die Tatsache, dass das Wasser in der Bucht trübe ist – sie bildet das Mündungsdelta des Wairau-Flusses.

Zu den Produkten des Weingutes zählt eine breite Palette von Weinen. Die Mehrzahl, etwa der Gewürztraminer, Riesling oder Grauburgunder vermarktet das Gut lokal, in den Export gehen zwei Sauvignon Blancs, der Chardonnay und der Pinot Noir. Diese gab es auch als Begleitung zum Menü.

Der einfache Sauvignon Blanc ist ein faszinierendes Produkt. Er ist Neuseelands berühmtester Wein, hat das Land fast im Alleingang auf die Landkarte der wichtigen Weinnationen gehievt, ist vermutlich der einzige Icon-Wine der Welt, den es für weniger als 20 Euro zu kaufen gibt und hat ein Geschmacksbild, das sich auch dem absoluten Weinanfänger erschließt. Damit erweist er der ,Sache‘ Wein einen wichtigen Dienst. Auch wenn Profis zurecht anmerken, dass man bessere Sauvignon Blancs aus Neuseeland für weniger Geld findet, wenn man sich nur ein bisschen Mühe gibt: das kann nicht das einzige Kriterium für ein Urteil sein. Auch einfacher Veuve Clicquot ist vielen halb so teuren Winzerchampagnern unterlegen, bleibt aber ein leckeres Getränk, dass den Weltruf des Champagner eher prägt als das exzellente Erzeugnis eines kleinen Zwei-Hektar-Betriebes.

Wie die erwähnten Champagner ist der Sauvignon Blanc ein technisches Produkt. ,Wir ernten mit dem Vollernter, meist nachts und frühmorgens, vergären im Stahltank mit Reinzuchthefen und Temperaturkontrolle‘, beschreibt Lane den Entstehungsprozess. ,Wir haben mit Maischestandzeit experimentiert aber der Sauvignon hat nicht so viele Gerbstoffe, dass es einen großen Unterschied macht. Der etwas ruppige Umgang, den der Vollernter mit den Trauben pflegt, bringt genau so viel Gerbstoffe in den Most, wie wir sehen wollen‘. Das klingt nach Winzerlatein, doch durfte ich in den letzten Tagen anlässlich der katastrophalen Lage in Deutschlands Weinbaugebieten auf Facebook Diskussionen um den Vollernter verfolgen, die ein differenziertes Bild dieser ,Teufelsmaschine‘ gezeichnet haben. Vielleicht ist es also einfach die Wahrheit, zumal die empfindlicheren Rebsorten auf dem Gut allesamt von Hand geerntet werden.

Das Bessere ist der Feind des Guten und so war es mit meiner Begeisterung für den Sauvignon Blanc vorbei, als der zweite Wein des Abends ins Glas kam: der ,Te Koko‘ entsteht aus dem gleichen Most wie der Cloudy Bay, reift aber rund zwei Jahre in gebrauchten Barriques, wobei bis zu zehn Prozent neue Fässer dabei sein können. Das Mundgefühl dieses Weines ist unglaublich charmant, die Kräuter des Cloudy Bay sind hier mit zartem Schmelz überzogen, dass es eine Wonne ist. Ich bin – wie erst letzte Woche beschrieben – kein Fan von Sauvignon Blanc im Barrique, aber so, wie das ganze hier zusammenfindet, ist es Kunst.

Cloudy Bay und sein Bruder, mein neuer Freund

Cloudy Bay und sein Bruder, mein neuer Freund

Die nächsten beiden Weine, der Chardonnay und der Pinot Noir, sind eigenständige Interpretationen der Rebsorten, die nicht versuchen, burgundisch zu sein. Der Chardonnay kommt mit deutlichem Holz und viel Schmelz ins Glas, zeigt aber die Eleganz des kühlen Klimas. Letzteres gilt auch für den im Holzeinsatz zurückhaltenderen Pinot, den ich gerne mal in eine Probe Deutscher Spätburgunder schmuggeln würde. Ich denke, er würde nicht als Exot identifiziert. Zum Dessert gab es einen Wein, der noch einmal die Sonne aufgehen ließ. Die Noble Late Harvest 2007 vom Riesling ist eine Beerenauslese mit einer Aromatik, die vermuten ließe, die Cloudy Bay wäre keine Meeresbucht, sondern eine Moselschleife: Edelsüßer Riesling mit vibrierender Säure und ohne das Neue-Welt-Aroma von verbranntem Gummi.

Im vornehmen ,The Grand‘ traute ich mich nicht eine angebrochene Flasche zu schnorren. Das Fazit dieses mal also ohne detaillierte Verkostungsnotiz: Cloudy Bay macht sehr gute bis großartige Weine. Der berühmteste, der einfache Sauvignon Blanc, ist dabei der schwächste, was aber Jammern auf hohem Niveau ist, denn für Preise zwischen 20 und 26,50 Euro bietet das Weingut eine hervorragende Qualität. Der Te Koko ist für mich was Genuss und Preis-Leistungsverhältnis angeht ein grandioser Wein.

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Sag beim Wichteln leise Servus

Wichtel_RallyeEin guter Blogartikel zeichnet sich dadurch aus, dass er sich auf ein Thema fokussiert und dieses mit angemessener Tiefe behandelt. Insofern ist die Jahresendausgabe der Weinrallye eine Herausforderung. Thomas Lippert vom Winzerblog ist der Gastgeber und Weinwichteln das Programm. Damit gilt es, mindestens zwei Themen zu behandeln: den Wein, den man einem Teilnehmer geschickt und jenen, den man selbst erhalten hat. Das ist schwierig, bieten sich doch so viele Dinge an, über die man schreiben könnte.

Ich erhielt einen Wein von Dimitri, der bei Hawesko das Blog ,Winelog‘ betreut. Da könnte ich darüber schreiben, dass ich dieses Jahr nun zum zweiten Mal einen Wein von einem Händler geschenkt bekomme. Ich könnte darüber philosophieren, warum beide Händler mir Châteauneuf Du Pape schickten. Ich sollte dann aber betonen, dass dieser hier zu 85% aus Grenache besteht, was mich neugierig macht.  Zu Hawesko fiele mir auch viel ein. Wie vermutlich jeder, der seine Weinliebe im letzten Jahrzehnt entdeckte, war auch ich einmal Kunde dort. Legendäre Hausmessen luden zum Probenmarathon ein. Die anschließende Bestellung führte zum Dauerbombardement mit Werbepost. Dürfte man negativ über den Stifter sprechen? Ich lasse es lieber. Ich könnte ja diplomatisch meiner Meinung Ausdruck verleihen, dass große Unternehmensgruppen wie Hawesko der Weinkultur sehr zuträglich sind, selbst wenn man als interessierter Laie mit zunehmendem Sachverstand ultimativ dem Post-Hawesko-Zustand entgegenwächst. Ich könnte auch einfach zur Sache kommen:

Domaine Saint Préfert, Châteauneuf Du Pape, 2010, Südfrankreich. Chateauneuf_du_PapeEin sehr junger Wein, der sicher noch viele Jahre vor sich hat (also andere Flaschen, meine ich, nicht diese, die ist jetzt leer). In der Nase nach dem Öffnen erst ganz profan: Blaubeerjoghurt mit `nem Schnaps drin. Mit etwas Luft dann weniger alkoholisch und etwas facettenreicher. Am Gaumen sehr fruchtig mit Blaubeere, Brombeere, ein bisschen Rumtopf, aber auch Menthol, recht viel feines Tannin, nur wenig Holz. 14,5% Alkohol tauchen immer mal wieder auf, ohne dass es gar zu spritig wird. Der Wein wirkt elegant, gehaltvoll und (jaja…) lecker. Der Abgang ist nur mittellang, trotzdem: toller Wein für faires Geld.

Mein Wein ging nach Österreich. Ich könnte also getreu dem Motto ,Tue Gutes und rede darüber…‘ erwähnen, dass ich freiwillig ein extradickes Porto gestemmt habe. Ich müsste dann dem Eindruck entgegenwirken, das beim Wein wieder eingespart zu haben, was leicht wäre: Eine Spätburgunder Auslese vom Weingut Günther Steinmetz aus Brauneberg habe ich verschickt. Der wurde gerade neulich in der Facebook-Weingruppe meines ,Opfers‘ besprochen und drängte sich also auf – naja, preisgünstig ist er auch noch. Empfänger war Peter Ladinig. Da sollte ich dann darüber schreiben, dass Peter ein Sommelier ist, der derzeit auf allen sozialen Kanälen Vollgas gibt. Ich könnte schreiben, wie hübsch ich den Namen seines Blogs finde (,The Institute of Drinks‘) aber eigentlich sollte ich über etwas ganz anderes schreiben: ich fühle mich jung und meistens trinke ich mit Menschen Wein, die (viel) älter sind als ich. So biege ich mir zumindest die Welt zurecht. Doch letzte Woche rief Peter über Facebook um Hilfe bei der Suche nach einem Wein aus dem Jahrgang 1969, weil das das Geburtsjahr seiner Mutter sei. Es ist auch mein Geburtsjahr. Illusion geraubt. Die Zeit hält nicht inne – aber ich, jetzt, um zu seufzen.

Nun könnte ich Schluss machen, wenn nicht das eigentliche Thema dieses Artikels noch ausstünde. Das Winzerblog schließt seine Pforten. Und darüber sollte ich dringend schreiben. Denn ich könnte davon erzählen, dass Thomas Lippert der erste Leser dieses Blogs war und auch der erste Kommentator. Ich könnte auch von meiner ersten Begegnung mit ihm schreiben. Die war auf dem Hamburger Weinsalon von Mario Scheuermann, denn Thomas und Scheuermann haben durchaus mal miteinander geredet. Ich könnte auch von meiner zweiten Begegnung mit ihm schreiben, bei der Geburtstagsfeier unseres gemeinsamen Freundes Guido, bei der Thomas um 30 Kilo leichter war (was auch damit zu tun hatte, dass er mittlerweile nicht mehr mit Mario Scheuermann redete) oder über die dritte beim Vinocamp (die mit Mario Scheuermann überhaupt nichts zu tun hat). Ich könnte darüber schreiben, wie sehr ich das Ende des Winzerblogs bedaure – aber das wäre gelogen!

Legenden beim Siechen zuzuschauen, ist nicht schön. Und das Winzerblog fristete ein Schattendasein. Jetzt zieht Thomas den Stecker und richtet seine Energie auf etwas neues. Das ist gut. Denn wenn man die kleinen Abschweifungen ausknipst und sich ganz auf etwas fokussiert, dann kann tolles entstehen.

Ich sprech‘ da aus Erfahrung…

Käufliche Liebe (2)

Es gibt Geschichten, die sind so unwahrscheinlich, dass sie wahr sein müssen. Es war genau ein Tag vergangen seit dem Erscheinen meines Artikels über den ersten Wein, den ich je in einer Verlosung gewonnen hatte, da erhielt ich die Nachricht, die Glücksfee sei mir schon wieder gewogen gewesen. Gleich ein ganzes Weinpaket sollte den Postweg zu mir antreten. Das klingt, als habe da jemand die Verlosung manipuliert, um Weine an einen Blogger zu schicken, der tatsächlich drüber schreibt.

Das war auch dem Überbringer der Botschaft klar. Also schrieb mir Ralf Kaiser, der die facebook-Seite von ,Weine der Loire‘ betreut fast peinlich berührt, dies sei wirklich nur ein Gewinn und niemand erwarte, dass ich etwas darüber schriebe – und Zufall sei es sowieso. Wer das Vergnügen hatte, Ralf einmal kennenzulernen – so wie ich beim Vinocamp 2012 –, hat keine Veranlassung an der Wahrheit seiner Worte zu zweifeln.

Drei Flaschen von der Loire sollten es also sein und ich durfte sogar Wünsche äußern. Das tat ich nach kurzer Überlegung.

Denk ich an die Loire, fällt mir zuerst Sauvignon Blanc ein (habe ich schon erwähnt, dass ich ein ziemlich durchschnittlicher Weinkonsument bin?). Der gefällt mir manchmal gut und manchmal (wenn er richtig kratzt) nicht ganz so gut. Wollte ich also nicht. Dann fällt mir Muscadet-Sèvre et Maine ein, dem ich wünsche, die EU erlasse dereinst eine Verordnung, dass man zu Austern nichts anderes trinken darf. Den liebe ich, habe aber noch ein paar Flaschen – und Austernzeit war auch gerade nicht. Als nächstes denke ich an die Cabernet Francs, die Freaks die Tränen in die Augen treiben ob ihrer Finesse bei gleichzeitig kleinem Preis – bin kein Freak und trinke rot fast nur noch Pinot. Den wollte ich auch nicht. Natürlich habe ich auch schon Erfahrungen mit den Cremants aus der Gegend gemacht (wir erinnern uns: Durchschnittskonsument). Das wäre doch mal spannend. Und zu guter letzt fällt mir Vouvray ein. Davon habe ich genau einmal in meinem Leben eine Flasche getrunken und die war so spannend, dass ich immer mehr über diese Weine wissen wollte. Das sollte es auch sein. Also orderte ich ,Vouvray und Blubber bitte‘.

Es kam ein Paket, und schon das Auspacken geriet zur Fortbildung. Eine Flasche Vouvray sec und zwei Flaschen Blubber – aus Vouvray. Ich dachte, es gäbe schäumend nur den Cremant de Loire, es gibt tatsächlich aber eine Breite Palette an Sekten aus Vouvray.

Ich fing mit einem Sekt an.

Dom. Sylvain Goudron, Vouvray Brut, Appellation Vouvray Controlée, ohne Jahrgang, Loire/Frankreich. In der Nase viel Zitrusfrucht, wenig Hefe, etwas Quitte und Muskat. Am Gaumen ist das ein ganz gefährlicher Stoff, denn er strotzt von süßer Frucht: Birne, Quitte,  Orange, dazu Muskat. Die Perlage ist nicht besonders fein, der Wein sehr voll, 12,5% Alkohol treten nicht weiter in Erscheinung. Spritzige Säure, stoffige Konsistenz, leicht minerlischer, mittellanger Abgang – das ist ,easy drinking‘ mit Anspruch. Zum hineinlegen!

Mein erster Vouvray-Sekt war ein voller Erfolg. Also probierte ich es einige Zeit später mit dem Stillwein. Er ist – wie auch die Sekte – aus der Rebsorte Chenin Blanc. Hier an der Loire gibt es den trocken, nicht so trocken (demi-sec) und süß. Der erste Vouvray, den ich vor Jahren trank, war ein demi-sec mit vier oder fünf Jahren auf dem Buckel. Der Stoff kann reifen! Das fühlt sich ein bisschen an wie Weine von der Mosel, nur ganz anders.

Dieser Vertreter war ein junger Hüpfer aus der sec-Klasse.

Zwei von schicken drei...Benoit Gautier/Domaine de la Chataigneraie, Argilex de Gautier, Vouvray sec AOC, 2010, Loire/Frankreich. In der Nase Quitte, etwas Vanille, Zimt (alles zusammen erinnert an Bratapfel), leicht kräutrig, etwas Holz (obwohl er laut Internet nicht im Fass war). Am Gaumen ist der Wein ziemlich voll, süß (bei 2 Gramm Restzucker), schmeckt nach Birne, ist leicht alkoholisch (bei eigentlich vertretbaren 13% Alkohol), zeigt ordentliche Säure, ist aber auch etwas cremig. Er schmeckt rauchig, ist im Abgang mineralisch und lang. Das ist ein sehr guter Wein mit einem überragenden Preis-Leistungsverhältnis, der im Handel wohl um 6€ kostet.

Apropos PLV: das ist ein spannender Aspekt dieses Paketes, keiner der Weine kostet mehr als zehn Euro. Der andere spannende Aspekt ist die enorme Fruchtigkeit und Süße, die der Chenin Blanc zustande bringt, ohne dafür Restzucker zu brauchen. Darauf noch einen Blubber:

Ch. Moncontour, Vouvray Brut, Appellation Vouvray Controlée, ohne Jahrgang, Loire/Frankreich. In der Nase Zitrus, Quitte und Hefe, Am Gaumen ist der Sekt ziemlich trocken aber sehr fruchtig mit Birne und Mandarine. Er ist leicht cremig, gleichzeitig voll und frisch und sehr lang, besticht mit tollem Spiel und sammelt Minuspunkte mit der etwas groben Perlage. Insgesamt aber ein sehr guter Sekt für weniger als zehn Euro.

Nun habe ich also das zweite Mal über Weine geschrieben, die ein Händler oder Produzent mir geschenkt hat, obwohl ich das doch nie nie tun wollte. Das lag sicher auch am Engagement der Bloggerkollegen für die Veranstalter der Verlosung. Mein Fazit hat damit aber nichts zu tun, das ist allein der Qualität der Weine geschuldet:

Trinkt mehr Weine von der Loire!

Exportschlager

Zu Zeiten zweier Deutscher Staaten gehörte ich zu der Gruppe Westdeutscher, die keinerlei Ostverwandschaft hatte. Meine einzige Informationsquelle über die sozialistische Lebensrealität (neben Radio und Fernsehen) war mein Klassenlehrer, der Schwiegereltern ‚drüben‘ hatte. Jedes Mal wenn diese, als Rentner Reisefreiheit genießend, ihn besucht hatten, versorgte er uns anschließend mit Anekdoten, denen wir schon deswegen gespannt lauschten, weil sie uns Deutschunterricht ersparten. Eines Tages erzählte er eine Geschichte, wie seine Schwiegereltern Wandfliesen zur Verschönerung ihres Badezimmers bestellt hatten und nach 8 Monaten Wartezeit auf eine Palette blaue Kacheln lediglich eine halbe Palette gelbe Kacheln geliefert bekamen. Nach erneutem Antrag und entsprechender Wartezeit kam dann noch einmal eine halbe Palette grüner Kacheln dazu.

Also ging man bei ihrem nächsten West-Besuch gemeinsam in einen Fliesenmarkt, um das Problem durch den Erwerb einer ausreichenden Menge passender Kacheln zu lösen. Reihe um Reihe schritt die Familie das Sortiment ab, doch die beiden Ruheständler murmelten die ganze Zeit nur, wie teuer das doch alles sei – bis ein sichtlich genervter Verkäufer sie indigniert wissen ließ: ‚Also wenn ihnen sogar diese günstigen Kacheln noch zu teuer sind, dann müssen wir da rüber gehen, da steht der billige Schrott aus der DDR!‘

Was das mit Wein zu tun hat? Vor kurzem hatte ich einige Arbeitskollegen zu einer kleinen Party eingeladen. Diesen blieb mein Weinvorrat nicht verborgen und ein junger Kollege aus Rumänien berichtete seinen Eltern in der Heimat von einem netten Abend und meinem für ihn beeindruckenden Weinvorrat. Die Eltern wollten ihrem Sohn (und mir) etwas Gutes tun und nahmen bei ihrem bald darauf erfolgtem Besuch extra zwei Flaschen besten rumänischen Weins mit auf eine 2500 Kilometer lange Autofahrt, auf dass er sie mir bei unserer nächsten Begegnung als Geschenk überreiche. Ich finde es wahnsinnig nett, wenn Menschen sich so viel Mühe machen, um mir eine Freude zu bereiten und konnte mein rumänisches Testtrinken kaum erwarten.

Wenn es um Weinpräsente geht, ignoriere ich meine Kinderstube regelmäßig und bemühe Tante Google, um mehr über Herkunft und – mea culpa – Preis des geschenkten zu erfahren. Und da kam mir die alte Geschichte meines Klassenlehrers in Erinnerung. Denn diese mit Holographie-Aufklebern als echt zertifizierten Ergebnisse rumänische Weinbaus kann man auch in Deutschland erwerben: als Bückware in Spätaussiedlermärkten für zwei Euro neunundneunzig.

Zwar müssen Rumänen für die Weine nicht mehr Schlange stehen, meinem Fairnessgefühl versetzte diese Erkenntnis trotzdem einen heftigen Tritt. Es ist mir daher ein Vergnügen, (zumindest ein bisschen) etwas zur Ehrenrettung des rumänischen Weines beizutragen.

Jidvei, Dry Muscat, demi-sec, 2010, Rumänien. In der Nase zeigt sich ein typischer Muskat, sehr blumig und mit Zitronenschale. Am Gaumen überrascht mich der Wein mit seiner trockenen Art, unter demi-sec hatte ich mir einen zumindest leicht süßen Vertreter vorgestellt. Der Wein ist etwas laktisch, was ganz gut mit der strengen Säure harmoniert. Aromen von Marzipan und Mandarine treffen auf einen leichten, angenehmen Bitterton. Leider ist der Abgang etwas kurz und der Wein insgesamt ein wenig muffig. Aber ein Glas als leichter (12% Alkohol) Aperitif gefällt mir gut. Zu mehr reicht es vielleicht auch aufgrund der Rebsorte nicht. Meine zurückhaltende Einstellung zu Muskat habe ich bereits beschrieben.

Recas, Feteasca Neagra/Merlot, halbtrocken, 2010, Rumänien.Eine Cuvée aus Merlot und der berühmt-berüchtigten Schwarzen Mädchentraube. Der Wein ist in der Nase von grünen Noten dominiert (Tomatenpflanze), als ob das Lesegut nicht nur aus reifen Trauben bestand, darunter scheinen Pflaume und Kirsche durch. Am Gaumen gefällt er mir deutlich besser: Rote Beeren, ordentliche Säure, sehr saftig und eher trocken – das rumänische Weingesetz scheint sehr streng in Bezug auf den Zuckergehalt zu sein, in Deutschland ginge sowas sicher als trockener Wein durch. Das Tannin ist leicht rau, der Alkohol (13%) spürbar aber nicht dominant, insgesamt gefällt der Wein durch eine gute Struktur von Frucht, Säure und Tannin. Der Abgang ist leider nur mittellang. Ein vorsichtshalber bereitgehaltener Spätburgunder kommt an diesem Abend nicht zum Einsatz – ein sehr akzeptabler Wein.

Die Entdeckung der Arbeit

Dieser Tage brachte mir die Post den dritten Entdeckerwein ins Haus. Wer noch nicht weiß, was es mit Carsten Henns Weinentdeckungsgesellschaft auf sich hat, der findet hier und hier Erklärungen.

Ein Rosé sollte es dieses Jahr werden, verkürzt gesagt der anspruchsvollste Rosé, den je ein deutsches Weingut produziert hat. Die Beckers aus Schweigen stellten das Rohmaterial: Cabernet, Portugieser sowie allerlei Spätburgunder, darunter ein Saftabzug (was das ist, findet man hier) vom Kammerberg GG. Die Partien wurden einzeln vergoren, teils im Stahltank, teils in Barriques und nach der Cuvéetierung unfiltriert gefüllt, was eine Trübung solchen Ausmaßes hervorrief, dass der Wein gar nicht erst zur Qualitätsweinprüfung angestellt wurde (er hätte sie nicht bestanden). Er ist jetzt also kein QbA oder Prädikatswein, sondern schlicht ein ‚Deutscher Wein‘. Sein Name lautet ‚ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé‘ – eine Anspielung auf eine Zeile aus einem Gedicht von Gertrude Stein.

Ein spannender aber divenhafter Rosé

Wie in den Vorjahren, probierte ich den Wein, bevor ich den Beipackzettel las und beobachtete dann die folgenden Tage seine Entwicklung. Der erste, unwissende Schluck war einfach nur grausam. ‚Au weia, das wird der erste Flop der Entdeckungsgesellschaft‘, war mein spontaner Gedanke. Soviel Säure war nie in einem deutschen Rosé, da bin ich mir sicher. Doch Carsten und Stefanie Henn warnen ausdrücklich, der Rosé brauche derzeit Luft. Und deren Einfluss veränderte den Wein sehr positiv. Zehn Stunden in der Karaffe sollten Probierwillige den Wein mindestens belüften.

Friedrich Becker (und Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft), ‚EinRosé ist ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé‘, 2010, Deutscher Wein (Pfalz). In der Nase Hefe, Säure, etwas Holz, verhalten kräutrig und mit etwas Himbeere. Am Gaumen dominieren heftige 9,6 Promill Säure, etwas aufgefangen von einem dezenten Holzton, cremiger Konsistenz und 6,9 Gramm Restzucker pro Liter. Die hefige Fülle steht dem Rosé gut zu Gesicht, geschmacklich überrascht er mit einer Mischung aus Speck und Rauch, Pink Grapefruit und Zitrus sowie einer leichten Brausebonbon-Note. Unter der Hefe und der enormen Säure scheint etwas Mineralik durch, der Alkohol von 12,5% tritt nicht weiter in Erscheinung. Der Abgang ist sehr lang, der Wein fordert die Sinne, ist ob seiner kantigen Säure aber derzeit kein Trinkwein, sondern eher ein interessantes Studienobjekt.

Der Wein will mit viel Liebe und Aufwand entdeckt und erarbeitet werden. Er ist eine Diva wie Brigitte Bardot. Als Gunter Sachs die Französin einst erobern wollte, kreiste er im Hubschrauber über ihrem Anwesen und ließ Blumen regnen. Es waren Rosen, Rosen, Rosen, Rosen. Sie schmolz dahin, beide flogen nach Las Vegas und heirateten. Die Ehe hielt drei Jahre. Dieser Rosé hält länger.

Verdächtiges Verhalten

Die erste Station meines Berufslebens war im positiven Sinne ein Irrenhaus. Lauter junge Leute, überwiegend mit technischem Hintergrund aber deutlich extrovertierter als der durchschnittliche ‚Nerd‘, arbeiteten mit viel Elan an spannenden Zeitschriften. Eines Morgens jedoch kam ich ins Büro, um einen entsetzten Kollegenkreis vorzufinden. An Arbeit war nicht zu denken. Stattdessen diskutierte die Runde über einen Zettel, welcher an jenem Morgen an der Spülmaschine klebte: ‚Liebe Leute, es sollte jedem klar sein, dass Klobürsten nicht in die Geschirrspülmaschine gehören.‘

Ekel und Fassungslosigkeit bestimmten die allgemeine Diskussion, bis endlich am Nachmittag einer der Unternehmensältesten, studierter Philosoph mit Ironie im Blut und Schalk im Nacken, kundtat, er habe den Zettel aufgehängt, jedoch nicht, weil er ein Corpus Delicti in der Spülmaschine vorgefunden hätte, sondern als erkenntnistheoretisches Experiment. Er wollte wissen, ob die Botschaft auf seinem Zettel im Rezipienten zwangsweise die Gewissheit hervorrufen würde, jemand habe eine Klobürste maschinengespült. Genau genommen stand das schließlich nicht auf seinem Zettel.

Was das mit Wein zu tun hat? In letzter Zeit bin ich gleich mehrfach über Artikel in Weinblogs, Diskussionen auf facebook und Berichte zu einer Session auf dem Vinocamp Deutschland gestoßen, die alle zum Inhalt hatten, dass sich Weinblogger, die Artikel aufgrund von wirtschaftlichen Verbindungen zum Produzenten des besprochenen Weines erstellten, doch bitte auch in diesen Artikeln dazu bekennen sollten. In zugehörigen Kommentaren wurde verschiedentlich um konkrete Beispiele ersucht. Die jedoch konnte keiner benennen.

Ist der gesponserte Weinblogartikel am Ende das Wein-Web-Äquivalent der Klobürste im Geschirrspüler? Fast alle privaten Weinblogs, die ich verfolge, beschäftigen sich mit Weinen, die man nicht mehr kaufen kann. Die meisten erwähnen keine Verkaufspreise oder geben Bezugsquellen an, und die Aufforderung zum Kauf eines Weines lese ich selten.

Thanischs 2010er Spätlese feinherb

Verdächtige Glasgravur: Sponsorenvertrag oder Verkostungsdiebstahl?

Ich finde, es wird Zeit, sich verdächtig zu machen. Gerade habe ich einen Wein im Glas, den es noch zu kaufen gibt. Er stammt vom Weingut Thanisch an der Mosel (großartiger Erzeuger) aus der Lage Lieserer Niederberg Helden (was für ein Filetstück!) und kostet keine zehn Euro (fast geschenkt!!). Es ist die feinherbe Spätlese, die ich in feinherbem Deutsch mal als ‚Signature Wein‘ (muss man getrunken haben!!!) bezeichnen möchte. Auch in diesem Jahr setzt der Wein Maßstäbe in seiner Kategorie. Also: kaufen, kaufen, kaufen!!!!

Thanisch (Ludwig Thanisch & Sohn), Lieserer Niederberg Helden, Riesling Spätlese feinherb, 2010, Mosel. In der Nase ein typischer junger Thanisch: Eisbonbon, Litschi, Hefe, Blüten und Apfelshampoo. Obwohl spontan vergoren, wirkt der Wein immens klar. Am Gaumen ist er erstaunlich cremig, was ein Glück ist, denn wenn er bei dieser heftigen Säure stahlig schmeckte, wäre das des Guten zu viel. Er verfügt über reichlich Restzucker, schmeckt aber nicht wie Hühnchen süß-sauer, weil er einige Gerbstoffe und eine kräftige Mineralik mitbringt (allerdings erst mit einer Stunde Luft, vorher finde ich ihn limonadig). Das Mundgefühl wird von einer stoffigen Hefetextur dominiert, gepaart mit Aromen von Grapefruit und Elstar Apfel. Der Abgang ist sehr von der Säure dominiert. Das darf man wohl rassig nennen. Ein wunderbar klassischer Moselriesling.

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