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Weinentdeckungsgesellschaft: Liebesheirat

Der neue Entdeckerwein ist da. Carsten Henn veröffentlicht einmal im Jahr einen Wein, der neue Erkenntnisse bringen soll. Diese Nochniedagewesenen sind immer ein besonderes Vergnügen. Wer mehr zum Projekt wissen will, der findet hier eine Erklärung, in der Weinliste finden sich unter W (wie Weinentdeckungsgesellschaft) alle bisherigen Entdeckerweine.

Dieses Jahr geht es um den Müller-Thurgau und den Versuch, den besten je produzierten auf die Flasche zu bringen. Wenn man Erbsen zählt, kann man bemängeln, dass es diese Idee schon gab. Der Weinkritiker Stuart Pigott hat bereits einen Müller-Thurgau (auch Rivaner genannt) mit der Sorgfalt eines Großen Gewächses ausgebaut. Den gab es nicht zu kaufen und ich habe ihn nie getrunken. Die ihn getrunken haben und mir davon berichten mochten, haben alle die Worte ‚Monster‘ und ‚Frankenstein‘ in den Mund genommen, wenn sie von Pigotts Rivaner sprachen. Das Experiment ist wohl nicht so erfolgreich gewesen.

Jetzt also die Entdeckungsgesellschaft in Kollaboration mit dem Weingut Huber: Viel Mühe haben sie sich gegeben aber den Rivaner Rivaner sein lassen – also keine extrem späte Ernte und Überreife. 40 Jahre alte Reben, im Ertrag reduziert und durch Traubenteilung noch ein paar Grad Öchsle mehr raus gekitzelt aber nicht in Rieslingdimensionen gepeitscht. Im September gelesen und in drei Partien ausgebaut. Ein neues Barrique war mit im Spiel, dazu ein gebrauchtes und ein Stahltank. Im Holz wurde der Müller-Thurgau wie ein dicker Chardonnay behandelt, mit Hefe aufrühren und allem, was dazu gehört. Im Stahltank durfte der Rivaner er selber sein, mit Säure und Kohlensäure. Huber und Henn haben auf Zucker verzichtet, sowohl beim Most wie auch beim Wein: nicht angereichert und durchgegoren auf vier Gramm Restzucker. Dann wurde vermählt und ein bisschen gedopt, mit einem Schuss Chardonnay und Muskateller.

Der Wein besitzt die Textur eines großen Weines aber nicht seine aromatische Tiefe. Landauf landab wird in den nächsten Wochen der Ruf erschallen: ‚Das ist Müller-Thurgau? So viel kann man aus dieser Rebsorte rausholen?‘ Doch ich vermute, keiner wird sagen: was für ein Schnäppchen. Oder anders gesagt: für einen Müller-Thurgau ist das ein Hammer, für einen 24-Euro-Wein nicht unbedingt. Dazu fehlt die Vielschichtigkeit. Da stößt das Experiment an seine Grenzen. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel für den Müller-Thurgau. Wie weit sie wachsen können, das wollte ich schon immer wissen und jetzt durfte ich es entdecken. Dafür ist die Weinentdeckungsgesellschaft da. Mission accomplished.

Weinentdeckungsgesellschaft_LiebesheiratWeingut Huber & Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft, ‚Liebesheirat’, Müller-Thurgau, 2012, Baden. Farbe ist für mich kein Qualitätskriterium, trotzdem finde ich die Farbe des Weines erwähnenswert, er ist fast farblos. Die Nase ist sehr angenehm: die duftige Blumigkeit des Müller-Thurgau ist da, die Muskatnote eher nicht, da ist das Holz vor, das aber auch nur dezent durchscheint., Frucht ist da aber nicht leicht zu benennen, Apfel, Birne, sucht Euch was aus, Kräuter tauchen auch noch auf. Am Gaumen unmittelbar nach dem Öffnen ein echter Rivaner, Leichtwein, süffig, schlotzig. Mit zwei Stunden Luft wird es sehr viel spannender, da kommt eine starke, süße Frucht durch, dazu Nuss, etwas Holz, Nougat. Schöne Textur und Mineralik/Phenolik, plus Gärkohlensäure, plus Frische, plus etwas Gerbstoff – das ergibt enorm viel Volumen im Mund, das weder von Alkohol, noch von Zucker stammt. Das ist hochspannend und gleichzeitig einfach zu trinken. Was auffällt ist der extrem lange Abgang.

Und weil in den letzten Jahren in den Kommentaren zu den WEG-Artikeln immer Fragen kamen, hier die Gebrauchsanweisung: Wer jetzt einen aufmachen will, sollte ihm zwei Stunden Luft gönnen, einfach ein kleines Glas nach dem Öffnen einschenken und probieren, den Rest für zwei Stunden zurück in den Kühlschrank. Ich habe die angebrochene Flasche mit auf Reisen genommen. Dabei wurde die gesamte Kohlensäure aus dem Wein geschüttelt. Das hat ihm gar nicht gut getan. Also verzichten Sie auf die Karaffe. Der Wein benötigt keine weitere Flaschenreife, sondern präsentiert sich jetzt so, wie er vermutlich gedacht ist. Wer nur eine Flasche hat, sollte sie nicht ewig liegen lassen.

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Barfuß in Berlin

Wie vor kurzem schon berichtet, hat sich meine Begeisterung für Weingutsbesuche merklich abgekühlt. Die Geschichten, die man hört, sind immer die gleichen und orientieren sich eher daran, was der Kunde hören will als an der tatsächlichen Entstehung des Weines der jeweiligen Produzenten – Ausnahmen bestätigen die Regel. Glücklicherweise lebe ich in Berlin und da gibt es reichlich Veranstaltungen, bei denen man in einem Rahmen auf Winzer trifft, der zu mehr Offenheit und echtem Informationsgehalt einlädt. Gleich zwei durfte ich letzte Woche besuchen. Als jeweils einziger geladener Amateur profitierte ich dabei von der Atmosphäre, die die ebenfalls geladenen Sommeliers und Weinhändler im Handumdrehen erzeugen, sobald sie unter sich sind. Das Gefühl mich bei einer Veranstaltung eingeschlichen zu haben, bei der ich eigentlich nix zu suchen habe, kann ich mittlerweile ganz gut unterdrücken.

Den Anfang machte eine kleine Soiree beim Berliner Weinenthusiasten Martin Zwick, bei der die Geschwister Melanie Stumpf-Kröger und Matthias Stumpf vom Weingut Bickel-Stumpf gleich 18 Weine aus verschiedenen Jahrgängen und Qualitätsstufen präsentierten – bis auf den Pinot-Sekt zum Start und den Fränkischen Gemischten Satz zum Abschluss samt und sonders aus der Silvaner-Traube gekeltert. Die kleine Runde von sieben Personen erlaubte intensive Gespräche und konzentriertes Kosten. Da durfte ich einiges lernen, etwa dass mir Silvaner vom Buntsandtsein deutlich besser gefällt als vom Muschelkalk. Die Unterschiede zwischen den Standorten waren über mehrere Jahrgänge so deutlich schmeckbar, dass ich glauben will, der Silvaner kann seine Herkunft ebenso gut abbilden wie der Riesling (dem man gemeinhin nachsagt, er könne das besser als irgendeine andere Rebe). Und eine Erkenntnis, an der ich schon lange nage, wird allmählich zur Gewissheit: Alles, was nicht Riesling oder Sauvignon Blanc ist, darf für mich gerne in ein Eichenfass gefüllt werden – nicht unbedingt ein kleines französisches aber irgendein leicht aromatisierendes bitte.

Die knackigen Guts- und Ortssilvaner der Geschwister finde ich zwar mehr (Muschelkalk) oder weniger (Buntsandtsein) begeisternd, die Lagenweine aus dem Kapellenberg (VDP Erste Lage) und Mönchshof (VDP Grosse Lage, also GG) mit ihren teils intensiven Eichenholzaromen sind für mich aber Weißweine zum Niederknien, insbesondere das 2012er GG. Die geringe Größe der Runde ermutigte mich wieder zum Reste-Schnorren, weswegen ich letzteren in der angebrochenen Flasche mit nach Hause nehmen durfte. Interessanterweise haben die Geschwister Stumpf mit ihrem Stil regelmäßig Probleme bei den sensorischen Prüfungen für das GG. Ich behaupte ja, wir Deutschen werden als Volk immer lockerer und liebenswürdiger, unsere Unart, jede Form von Eigenwilligkeit erst nach mehreren Jahren zu akzeptieren, sollten wir aber dringend noch ablegen.

Bickel-Stumpf in BerlinBleibt die Frage nach den Insiderinformationen: Manches, was besprochen wurde, verbuchte ich sofort in der Kategorie ,What happens in Vegas, stays in Vegas‘. Denn ein bisschen verstehe ich die Winzer, die in der Öffentlichkeit nur Geschichten vom perfekten Wein erzählen: die wahren Berichte von kleinen und großen Reparaturmaßnahmen verselbständigen sich im Zeitalter von Facebook zu leicht und mutieren zum veritablen Chemie-Unglück. Dass die Stumpfs vielfach auf Reinzuchthefen zurückgreifen, 2010 entsäuert haben oder bei nur 1000 produzierten GG-Flaschen den Ausstattungsrichtlinien des VDP nicht zu akzeptablen Kosten nachkommen können, sind sicher zitierfähige Anekdoten. Und dann gibt es da noch eine trinkbare: der Silvaner, der spontan vergoren aber leider nicht durchgehalten hat. Bei 12 Gramm Restzucker blieb er stehen. Also füllten ihn die Geschwister separat, nannten ihn ,Barfuß‘ und schickten Dirk Würtz eine Probeflasche. Der bekämpfte damit seinen Politfrust und machte eine schöne Geschichte für sein Blog draus. Die Stumpfs freuten sich über die positive Resonanz und ich über die Headline (ich schnorre nicht nur angebrochene Flaschen, sondern gelegentlich auch Überschriften). Der Barfuß festigte eine andere sich entwickelnde Erkenntnis bei mir: Halbtrocken und Holz geht auch – wenn ein Könner und/oder der Zufall am Werk ist.

Doch über allem schwebt der Mönchshof. Das ist große Kunst – ganz ohne Zufall.

Bickel-Stumpf, Mönchshof GG, Silvaner, 2012, Franken. In der Nase Eichenholz, Rauch, Quitte, Kräuter und Stroh. Am Gaumen zeigt der Wein Aromen von Nashi-Birne, ist würzig, kommt mit relativ viel Holz daher ohne buttrig zu sein. Der schönen Säure hat der Fass-Aufenthalt nicht geschadet. So erzeugt der Silvaner ein sehr volles aber nicht breites Mundgefühl mit Druck und Wucht aber trotzdem saftig. Etwas Gerbstoff, feine Mineralik, spürbarer aber passender Alkohol (13,5 %): das ist schon jetzt perfekte Balance, wenn man Holz mag und wenn nicht, deutet sich an, dass die Barrique-Noten nicht auf ewig die erste Geige spielen werden.

Ringelpietz mit Anfassen

Zu behaupten ich sei gestern zu einer Probe eingeladen gewesen, wäre die Untertreibung des Jahres. Ich war Gast bei einer Premiere und ich denke, das dargebotene Stück wird der Terroir-Diskussion neue Nahrung geben. ,Wurzelwerk‘ heißt es und die Einladung gab sich geheimnisvoll. Wer und was mich in der Berliner Weinbar Rutz erwarten würde, blieb unklar. 4 Winzer begrüßten schließlich die Gäste: Der aus meinem vorletzten Blogbeitrag bekannte Johannes Hasselbach (der mich über unser Wiedersehen im Argen gelassen hatte), seine Schwester Stefanie Jurtschitsch samt Gatte Alwin vom gleichnamigen Langenloiser Weingut aus dem Österreichischen Kamptal, sowie Max von Kunow, Saar-Star vom derzeit omnipräsenten Weingut von Hövel.

Die vier hatten Paul vom Weinblog ,drunkenmonday‘ als Moderator mitgebracht – ein Studienkollege von Ehepaar Jurtschitsch und Max von Kunow aus Geisenheimer Tagen. Dessen Lebenspartnerin Julia, Organisatorin der Veranstaltungsreihe Winevibes, hatte das Event auf die Beine gestellt. Sollte dem geneigten Leser der Verdacht kommen, im fünften Jahr meines Bloggerdaseins würde ich langsam von der Berliner Weinmafia adoptiert, ich wüsste kein Gegenargument …

So erfuhren wir erst einiges über die Protagonisten, den hartnäckigen Verfechter der Spontanvergärung von Kunow, der solange gegen Geisenheimer Windmühlen ritt, bis er den Spitznamen ,Sponti‘ verpasst bekam, die Hasselbach-Tochter, die das elterliche Weingut gegen das des Gatten tauschte, was ziemlich spontan den eigentlich branchenfremden Bruder ins Spiel brachte und über den Österreicher, der zwar wohlwollend aber unmissverständlich als das geschildert wurde, was Arbeitspsychologen eine ,Ideenschleuder‘ nennen.

Wurzelwerk Rieslinge aus Heiligenstein, Rothenberg und ScharzhofbergSodann wurde das Projekt vorgestellt: Die Winzer hatten Trauben getauscht und spontan vergorene Rieslinge produziert. Das klingt harmloser als es ist, denn die vier Winzer hatten im ständigen Kontakt Parzellen ausgesucht, von denen eine zeitgleiche Reife zu erwarten war, dann telefonisch den Lesetermin koordiniert – der mehrfach verschoben werden musste, weil es immer irgendwo regnete – und schließlich an einem Tag parallel gelesen, die Trauben nach Rheinhessen gefahren, je 500 Kilo getauscht und in die jeweiligen Keller verfrachtet – das alles während die Hauptlese in den Betrieben im vollen Gange war.

Um vergleichbare Bedingungen zu erhalten wurde allen Trauben 13 Stunden Maischestandzeit verordnet, zwei Drittel der Ware verbrachte diese bei Tempo 150 auf der Autobahn. Ein Gäransatz für den Notfall war ebenfalls im Gepäck, kam aber nicht zum Einsatz (das ist ein Gebinde mit angegorenem Traubenmost aus Spontangärung, der als Starthilfe zum Most geschüttet worden wäre, hätte dieser die Spontangärung verweigert). In der Folge versuchten die Winzer den Wein möglichst allein zu lassen. Kühlung war nicht nötig, da 300 Liter sich im Stahltank nicht so erwärmen, dass die Kellerkühle sie nicht von allein im erträglichen Temperaturbereich hält (Most erwärmt sich bei der Gärung und wird er zu warm, verliert der Wein an Aroma). Im Keller der Jurtschitschs wurden die Tanks später in die wärmste Ecke gerollt um die Gärung am Laufen zu halten, denn trocken sollten sie werden, die neun Weine (und wird der Most zu kalt, stellen die Hefen die Arbeit ein).

Individuelle Entscheidungen trafen die Winzer hinsichtlich des Zeitpunktes der Schwefelzugabe, bezüglich der Menge hatten sie eine Obergrenze vereinbart. So präsentierten uns die Winzer ihre neun Weine mit der Anmerkung, sie hätten alles in ihrer Macht stehende getan, um persönliche Vorlieben und Stilistik auszuschließen. Der Weinberg, die Trauben und der Keller seien die Faktoren, die die Weine kennzeichneten, die wir nun zu verkosten bekämen. Dann schenkten sie endlich ein.

Wie war das mit der Nadel im Heuhaufen...Scharzhofberg, Heiligenstein, Rothenberg, es gibt schlechtere Rieslinglagen – aber keine besseren. Dazu drei Betriebe, die mindestens als renommiert gelten: was würde uns erwarten? Wir erhielten alle neun Weine gleichzeitig und die Verkostung fand blind statt. Das erstaunliche: die Mehrzahl der Teilnehmer erkannte alle Weine korrekt. Dabei half, dass wir nur die Matrix erkennen mussten: waren die Weine zuerst nach Lage oder nach Keller sortiert und wie dann weiter? Mir erschienen Wein eins und vier sehr exotisch fruchtig zu duften, die Weine zwei, fünf und acht hatten eine Malz-Note im Abgang, die mir sehr vertraut erschien und die Weine sieben bis neun waren sehr verschlossen, würzig und andersartig. Wein fünf schmeckte für mich wie ein klassischer Rothenberg von Gunderloch – dieses mal allerdings diesseits meiner persönlichen Schmerzgrenze für ,erdige Noten‘ – und die ersten drei Weine zeigten die filigranste Mineralik. Daraus ließen sich Vermutungen ableiten: Die Aufstellung war nach Lagen sortiert, die erste war der Scharzhofberg, die letzte der Heiligenstein – für mich fremdartig – und die zweite der Rothenberg, weil er übrig blieb. Die Ordnung der Güter war jeweils zuerst der Saar-Keller (die exotische Frucht in der Nase), dann der Gunderloch (Malz und Karamell im Abgang) und dann der Kamptaler (weil er übrig war). So gelang mir die vollständige Zuordnung, obwohl ich nur einen einzigen der Weine kannte und erkannte.

Und was bedeutet das für die Theorie vom Terroir? Mindestens 50 Prozent der Indizien kamen aus dem Keller. Da waren offensichtlich nicht nur die importierten Hefen involviert. Wie sich die Aromen mit der Reife entwickeln, wie die Weine in ein paar Jahren schmecken und welchen Einfluss der Jahrgang auf die Balance von Keller und Berg hat – all das wollen die Winzer noch herausfinden. Deswegen geben sie nur 200 der 300 Liter in den Verkauf und werden das Projekt fortsetzen. So bunkern sie ausreichend Material um die nächsten zehn Jahre weitere Geschmackstests zu veranstalten.

Deklarationstechnisch bewegen sich die Wurzelwerk-Weine auf TetraPak-Niveau: ,Europäischer Wein‘ steht als Herkunftsangabe auf dem Etikett, die Lagennamen sind verfremdet und die Rebsorte fehlt, schließlich ist es nur so möglich Trauben über EU-Grenzen zu bewegen. Preislich bewegen sie sich hingegen auf oberstem GG-Niveau: 300 Euro kostet die dekorative Holzkiste mit neun 0,5l-Flaschen. Qualitativ liegen sie ziemlich weit vorn: von den neun probierten Weinen fand ich einen groß (Scharzhofberg aus dem Jurtschitsch-Keller), vier ausgesprochen gut und nur einen schwach (Rothenberg aus dem von-Hövel-Gewölbe). Aber aus der Konstellation geht schon hervor: das ist nur eine Momentaufnahme. Der Preis rechtfertigt sich eher über das zu erwartende Verkostungsspektakel im interessierten Kreis. Zum Wegsüppeln ist der Wein nicht gemacht, eher für Weinkreise, die zusammenlegen und sich Stoff für eine spannende Lehrprobe besorgen.

Ich füge jedem Artikel eine Weinbeschreibung an und schreibe nur über Weine, die ich in Ruhe getrunken habe. So ein Glück, denn das sicherte mir am Ende der Probe eine fast volle, angebrochene Flasche ,to-go‘. Es war Wein Nummer 8, einer von den ausgesprochen guten.

Gunderloch, ,Der Heilige Stein‘ Fass No 8/9, 2012, Europäischer Wein. In der Nase noch ganz jung – eine Woche nach der Füllung dominieren Hefe und Jungweinaromen wie Banane die Nase. Dazu riecht er duftig-blumig. Am Gaumen ist der Riesling mittelmäßig trocken, zeigt eine schöne Säure, ist aber auch etwas cremig und füllig wie es vom langen Hefelager zu erwarten ist. 12,5% Alkohol sind unauffällig. Klassische Rieslingaromen wie Aprikose und mürber Apfel dominieren, Sahnekaramell und eine schöne Würze bringen aber das gewisse Etwas. Der sehr lange Abgang ist leicht malzig, süß und sehr mineralisch.

Wer einmal die neun Wurzelwerk-Weine nebeneinander verkostet hat, wird nie wieder davon reden, dass Spontanvergärung die Vergärung mit ,weinbergseigenen‘ Hefen sei. Stattdessen wünscht er jedem Jungwinzer, der den elterlichen Betrieb auf Sponti umstellen will, eine wohlmeinende Kellerflora. Für das Wurzelwerk kann ich derweil resümieren: Jede Traube kriegt den Keller, den sie verdient.

Und das gab es zu trinken:

Der Scharzhofberg alias DER SCHATZ-BERG

1/9: Von Hövel 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Saar

2/9: Gunderloch 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Rheinhessen

3/9: Jurtschitsch 2012er “Der Schatz-Berg” (Scharzhofberg), Kamptal / Österreich

Der Rothenberg alias DER ROTE BERG

4/9: Von Hövel 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Saar

5/9: Gunderloch 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Rheinhessen

6/9: Jurtschitsch 2012er “Der Rote Berg” (Rothenberg), Kamptal / Österreich

Der Heiligenstein alias DER HEILIGE STEIN

7/9: Von Hövel 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Saar

8/9: Gunderloch 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Rheinhessen

9/9: Jurtschitsch 2012er “Der Heilige Stein” (Heiligenstein), Kamptal / Österreich

Sommer der Liebe

Die Berliner Sektion des Drunkenmonday Weinblogs hatte neulich zu einer Probe geladen, die für mich ein absolutes Novum werden sollte: erstmals fand ich eine Verkostung großartig, bei der mich die Mehrzahl der Weine eher nicht vom Hocker haute. Der Grund war der ebenfalls anwesende Winzer, denn der berichtete in einer Offenheit von seinem (Quer-)Einstieg in das elterliche Weingut, die ich vermutlich kein zweites Mal erleben werde.

Johannes Hasselbach ist der Junior im Weingut Gunderloch. Dieses gehört zu den international bekanntesten Deutschen Weingütern. Der Hausherr unseres Probenraumes, Billy Wagner von der Weinbar ,Rutz‘, wusste zu berichten, dass ausländische Riesling-Fans, die sein Haus besuchen, in der Regel vier deutsche Weingüter kennen: Robert Weil, Egon Müller, J.J. Prüm und eben Gunderloch. Grund dafür ist, dass Johannes‘ Vater dereinst mit einer Beerenauslese drei mal hintereinander 100 Punkte in der Zeitschrift Wine Spectator für aufeinanderfolgende Jahrgänge des gleichen Weines erzielte – eine Leistung, die nicht einmal Güter wie Petrus oder d‘Yquem erbringen konnten. In der Rekord-affinen angelsächsischen Welt taugt das zur Legendenbildung.

Doch vom Export edelsüßer Spitzen allein kann kein Weingut leben. VDP-Betriebe wie Gunderloch werden mehr und mehr an ihren trockenen Weinen gemessen – allen voran den GGs. Mehr trocken, mehr Inland, das sind die Herausforderungen und da hat Gunderloch noch Hausaufgaben zu erledigen, wie Hasselbach Jr. ganz offen einräumte. Die Jahrgänge 2005 und 2007 bescherten Gunderloch in der Vorzeigelage Nackenheim Rothenberg schwierige Weine mit Spuren von Sonnenbrand und Trockenstress, das ergab ein ziemlich geteiltes Echo in der hiesigen Rieslingszene.

Ich habe ein Problem mit den trockenen Gunderloch‘schen Rothenberg-Weinen. Die sind in der Aromatik und vor allem im Abgang allesamt von einer Note dominiert, die der Winzer ,erdige Töne‘ nannte, bei mir immer die Assoziation von braun auslösen und von manchen Weinbeschreibern als ,rauchige Mineralik‘ bezeichnet werden. Während ich das in kleinen Dosen sehr schätze, spielen die Rothenberg-Rieslinge die Karte so fulminant, dass es mir zu viel ist. Bei Gunderlochs Pettenthal GG ist dieses Aroma nie ein Problem. Ich habe bekanntlich einen Durchschnittsgaumen und so ist es denkbar, dass auch andere ihre Probleme mit den Weinen haben. Johannes Hasselbach jedenfalls startete vor zwei Jahren Experimente in alle Richtungen, um Veränderungen im Weingut zu erzielen. Das fängt bei der Bewirtschaftung der Weinberge an und geht nahtlos bis in den Keller.

Die Art wie er davon berichtet, auch von Fehlschlägen und Fragen, auf die er einfach keine Antwort findet, ist imponierend ungeschminkt. Kostprobe gefällig? ,Ich habe Parzellen im Portfolio, die liegen nah am Rhein, der jeden morgen Nebel in den Weinberg schwemmt, wenn ich die Traubenzone vollständig entblättere, bekommen die Trauben ob der totalen Südausrichtung einen Sonnenbrand, tue ich es nicht, habe ich sehr früh alles mit Botrytis infiziert. Also entblättere ich teilweise und spritze Botrytizide, obwohl ich es nicht möchte. Die Weingärten sehen nicht so schön aus, wie meine ökologisch bewirtschafteten und ich fühle mich damit unwohl, aber ich habe halt noch keine andere Lösung gefunden.‘ Solche Sätze kriege ich selten zu hören und wenn, dann nur mit der Maßgabe, das sei vertraulich und bitte nicht für mein Blog bestimmt.

Gärbehälter Marke Eigenbau

Gärbehälter Marke Eigenbau: Sammelbecken für Blumenkinder

Noch spannender aber sind die Geschichten über gelungene Veränderungen. Da ist zum einen der Riesling ,Als wär‘s ein Stück von mir‘ – benannt nach einem Zitat Zuckmayers, des bekanntesten Sohnes Nackenheims – der mit seiner mittleren Dichte und schönen Struktur eine perfekte Balance zwischen Spritzigkeit und Anspruch präsentiert. Und da kamen zwei Experimentalweine auf den Tisch mit dem simplen Namen ,Riesling im Weinberg vergoren‘. 2011 startete Hasselbach einen Versuch: wie würde wohl ein Riesling schmecken, der den elterlichen Keller nie zu Gesicht bekommt (beziehungsweise erst als fertiger Wein). Im ersten Anlauf ging es schief, da der vor Ort im Weinberg angesetzte Most nicht durchgären wollte und später ins warme Büro des Juniors umziehen musste. Doch im zweiten Jahr rüstete Hasselbach auf. Er baute sich einen isolierten Gärbehälter, zweigte bei diversen Lesegängen Trauben ab und bereitete einen Wein vollständig im Weinberg, vergoren wirklich nur mit weinbergseigenen Hefen, durchgegoren ohne jeden Einfluss der Kellerflora – sogar die mobile Presse beschaffte er aus anderer Quelle. Jeden Morgen, wenn die Sonne kam, wurde das Gärgefäß frei gelegt, um Wärme zu tanken und für die Nacht dann mit Thermofolie wieder abgedeckt. Das Ergebnis ist verblüffend, denn der Wein zeigt keinerlei malzige Noten, ist duftig-blumig wie man es von keinem anderen Gunderloch-Wein kennt.

Wichtiges Einstellungskriterium für Praktikanten: Fußhygiene

Wichtiges Einstellungskriterium für Praktikanten: Fußhygiene

Das wirft Fragen zur Theorie vom Terroir auf. Um sie zu beantworten benötigt man sicher mehr als einen Wein. Aber spekulieren kann man ein wenig. Die Kellerflora des Weingutes allein kann die erdigen Töne nicht erzeugen, dann müssten auch die Weine aus der Lage Pettenthal davon gekennzeichnet sein. Doch sind die meisten Weinaromen schon als gebundene Rohstoffe in der Traube enthalten. Die Hefen lösen sie in der Gärung aus, danach ermöglicht der im Wein anwesende Alkohol zusätzliche Aromabildung durch sogenannte Veresterung. Es wäre also denkbar, dass die Weinbergshefen – nennen wir sie mal ,Blumenkinder‘ – im Most die duftigen Aromen abspalten, während die Kellerhefen – bezeichnen wir sie völlig wertneutral mal als ,Orks‘ – die dunklen Aromen freisetzen. Den Rohstoff für beide Ausprägungen hat die Traube der Lage Rothenberg zu verdanken. Welches wäre dann der ,wahre‘ Terroirwein?

Wäre ich Winzer, würde ich den Keller kärchern, den Orks den Garaus machen und so lange Moste im Weinberg angären und dann ins Gewölbe verlagern, bis die Blumenkinder ihn vollständig erobert haben. Aber vielleicht werden aus Blumenkindern Orks, wenn man sie in den Keller sperrt? Fragen über Fragen! Zum Glück muss ich sie nicht beantworten. Ich muss nur Wein trinken. Experimentalwein. Von Blumenkindern.

Quelle: WG Gunderloch (alle Fotos)

Quelle: WG Gunderloch (alle Fotos)

Gunderloch, Riesling ,Im Weinberg vergoren‘, 2012, Rheinhessen. In der Nase duftig wie eine Blumenwiese aber nicht opulent, dazu wenig Frucht (ein Hauch Grapefruit) und ein bisschen Aloe Vera. Am Gaumen ist der Wein furztrocken, schmeckt ein bisschen nach Grapefruit und ganz viel Kreide, von erdigen Tönen keine Spur. Ich habe schon mehrfach sehr trockene, spontanvergorene Weine in so jungem Stadium und dann später gereift getrunken und war manches Mal überrascht, wie viel Frucht da noch kommen kann, insofern mag ich das nicht ausschließen. Aber der Wein hat eine gewisse Strenge und Ernsthaftigkeit, die er sich vermutlich erhalten wird. Das macht ihn nicht einfach zu trinken aber zu einer echten Erfahrung. Die Leichtigkeit der Aromen bildet dazu einen schönen Kontrast zur Straffheit am Gaumen und als Essenbegleiter ist er großartig. Um den Trinkfluss geht es bei dem Wein letztlich weniger, sondern um das Experiment und das ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Der guten Ordnung halber: Der Riesling war eine freundliche Spende von Johannes Hasselbach, der mir einen halben Liter frisch abzapfte, damit ich ihn zuhause in Ruhe über mehrere Tage probieren kann. Von ihm stammen auch die Fotos.  Der Wein ist nicht käuflich zu erwerben. Wer beim Weingutsbesuch ganz lieb fragt, darf ihn vermutlich mal probieren.

Süße Probe

Ich war zu einer Weinprobe eingeladen – einer besonderen Weinprobe. Martin aus Berlin veranstaltet regelmäßig epische Weinschlachten mit über 30 zueinander passenden Weinen. Die bekanntesten sind sein Berlin Riesling Cup der Grossen Gewächse und sein Berlin Gutsriesling Cup. Dieses Jahr gab es erstmals einen Berlin Kabinett Cup, der den feinherben und fruchtsüßen Leichtweinen gewidmet war, die ein bisschen PR dringend nötig haben, werden sie in ihrem Heimatland doch immer noch belächelt, obwohl sie ein seltenes Alleinstellungsmerkmal der hiesigen Weinkultur sind.

Ein gutes Dutzend Teilnehmer fanden sich zur Blindprobe ein, darunter überwiegend Profis vom Weinhändler bis zum Chefredakteur der Vinum. Das nötigte mir Respekt ab. Mit lauten Kommentaren hielt ich mich in dieser Runde zurück. Da ich zwischen zwei Teilnehmern aus der ebenfalls vertretenen Enthusiastenfraktion saß, hatte ich aber angenehme Tischgespräche und regen Austausch zum jeweiligen Glasinhalt.

Ich habe schon vielfach geschrieben, dass ich Proben für sehr eingeschränkt aussagekräftig halte. Fünf Minuten mit fünf Zentilitern sind bestenfalls eine Momentaufnahme. Deswegen veröffentliche ich auf meinem Blog auch keine Probenberichte. Dazu verkleben 33 restsüße Weine den Gaumen derart, dass die gleiche Probe zwei Tage später mit umgekehrter Reihenfolge vermutlich andere Ergebnisse hervorbringt. Die vielfach geäußerte Meinung, solche Wettstreite hätten keinerlei Aussagekraft mag ich aber nicht teilen. Es gibt Weine, da wird es still im Raum. Da wissen alle, das ist Klassestoff im Glas. Die würden auch bei einer Wiederholung strahlen. Diese Weine gewinnen zu Recht. Sie mögen in drei Monaten oder zwei Jahren zehn Plätze weiter hinten liegen – aber nicht, weil sie schlechter geworden sind, sondern weil andere Weine sie überholt haben. Denn es gibt auch Weine, die ich unruhig und unsauber fand, nur um nach dem Aufdecken zu wissen, dass nicht der Wein, sondern der Verkoster (ich) schwach war. Molitor hatte Fassproben zur Verfügung gestellt, die ich großteils schwierig fand. Nun kenne ich alle Molitorkabinette der letzten 8 Jahre und weiß, da kommt noch was. Und mit dem Wissen um die Herkunft, konnte ich mir sogar vorstellen, was da noch kommt. Nach dem Aufdecken dürfen aber die Bewertungen nicht mehr verändert werden. Dass Herr Molitor bei dieser Probe nicht besser abgeschnitten hat, ist meine Schuld.

Ich würde das Ergebnis der Verkostung so zusammenfassen: was dort gewonnen hat, war Spitzenwein, den zu besorgen sich lohnt. Was verloren hat, muss noch lange nicht schlecht sein. Wenn man diese Gebrauchsanweisung befolgt, sind Juryverkostungen ein sinnvolles Instrument der Sortimentsplanung für den eigenen Keller. Lustiges aus der Kategorie ,Blindproben machen demütig‘ gab es auch. Da war dieser Wein, der so herrlich strahlte und dessen noch bessere Bewertung vielleicht daran scheiterte, dass einer der Anwesenden laut die Meinung äußerte, dieser Wein sei auf frühe Fröhlichkeit getrimmt und in zwei Jahren spätestens am Ende. Nach dem Aufdecken stellte sich heraus, es war ein Scharzhofberger Kabinett von Egon Müller, dem Produzenten, der gar nichts trimmt und dessen Weine zu den langlebigsten der Weißweinwelt zählen. Oder die Diskussion um einen Petrolton, den jemand ins Reich der Unmöglichkeit verwies, weil so junge Weine keinen Petrolton haben könnten. Aufgedeckt wurde ein J.J. Prüm, der einzige 2009er im Feld. Es gab auch Momente, bei denen einige ihr Können aufblitzen ließen, blind den Schäfer-Fröhlich aus 33 Weinen erkannten oder treffend das Anbaugebiet bestimmten. Das wichtigste aber: es war kein Wettstreit der Verkoster, es ging nur um den Wein.

Als ich nach der Probe daheim ankam, stellte ich fest, dass meine Frau während meiner Abwesenheit etwas höchst vergnügliches getan hatte: einen fruchtsüßen Kabinett getrunken. Es war der Ockfener Bockstein 2011 vom St. Urbanshof, dessen 2012er Variante zu den Gewinnern des Abends gehört hatte. Sie hatte mir noch etwas übrig gelassen. Am nächsten Tag gönnte ich mir ein Glas davon.

St. Urbanshof, Ockfener Bockstein Riesling Kabinett, 2011, Mosel. In der Nase sehr sauber, blumig, mit Aloe Vera und Aprikose. Am Gaumen Melone, Pfirsich und Maracuja, dazu auch eine Spröde etwas gerbstoffige Note. Das Spiel ist nicht so faszinierend wie beim 2012er. Der Wein hat vermutlich weniger Säure. Er ist aber auch nich pappsüß, sondern zeigt schon, wohin die Reise geht: in wenigen Jahren ist das ein formidabler Essensbegleiter mit geschmacklich dezenter Restsüße, feiner Frucht und unerhörter Leichtigkeit.

Anders als für einige meiner Mitstreiter bei der Probe, sind Restsüße Kabinette für mich keine Weine für 30 Grad im Schatten, sondern der schnellste Weg zum perfekten Essensgebleiter. Wo ich bei der fruchtsüßen Spätlese zehn und mehr Jahre warten muss, bis sie diesen tollen Mix aus Würze, Frucht und Spiel bei nur dezenter Süße bringt, der sie so einzigartig macht, kriege ich das beim Kabinett schon nach der Hälfte der Zeit (und erfreulicherweise auch zum halben Preis).

Bleiben die zentralen Botschaften: ,Kauft mehr Kabinett‘ und ,Danke für die Einladung‘…

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