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Ich sprech‘ Weinisch

,Spiele sind Snacks für‘s Gehirn‘ schrieb ein weiser Soziologe aus Amerika, als in den 90ern das Phänomen der Computerspiele die breiten Massen (und Büros) erreichten. Der Gehirn-Snack des 21. Jahrhunderts ist für mich facebook. Immer, wenn ich im Büro eine Arbeit erledigt habe, gönne ich mir zwei Minuten Zerstreuung mit den sozialen Medien. Leider reicht die Zeit selten um mit zu diskutieren. Das könnte ich dann am Wochenende, aber da sind die meisten Diskussionen schon gelaufen.

Also schreibe ich meine Beiträge hier ins Blog. Das hat den Vorteil, dass ich aktuelle Themen mit aktuellen Weinen verknüpfen kann – und die Beiträge bleiben mir erhalten und verschwinden nicht in den undurchsuchbaren Archiven facebooks. Einziger Nachteil ist, dass ich etwas spät bin mit meinen Thesen, sozusagen den kalten Kaffee noch mal aufwärme.

Vergangene Woche drehte sich viel um Sprache. Das Weinportal Wein Plus hatte zum ersten Mal seit langer Zeit von sich reden gemacht, indem es ein Konsensgespräch (denn so richtig gestritten wurde nicht) veröffentlichte, in dem sich Weinkritiker und -händler darauf einigten, dass Wein eine neue Sprache benötige, um die breite Masse zu erreichen.

Viel Richtiges und Wichtiges wurde dazu gesagt in diversen Weingruppen auf facebook und auch im Blog vom Würtz. Doch einen Aspekt habe ich so ein bisschen vermisst, der zwar hier und da angedeutet aber nie auf den Punkt gebracht wurde.

Sprache ist ein Kode, der von einer Gruppe von Personen zur Kommunikation genutzt werden kann, die gemein haben, dass sie den Kode beherrschen. Jede Weinsprache, egal ob alt oder neu, grenzt mithin jene aus, die sie nicht kennen. Wein den Massen näher bringen kann man  einzig, indem man die Sprache der Massen verwendet, in diesem Fall also Deutsch.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich glaube fest, dass Wein eine eigene Sprache verdient, zumindest da, wo allgemeines Deutsch nicht ausreicht. Für den einen bitzelt es auf der Zunge, für den anderen kratzt es, dann hat sich das Deutsch auch schon erschöpft – wo Weintrinker mit begriffen wie mineralisch, grün, phenolisch oder schlicht ,von (zuviel) Gährkohlensäure geprägt‘ für sehr unterschiedliche Formen des Bitzeln und Kratzens erhellende Formulierungen finden. Die häufig geäußerte Forderung, sich kurz zu fassen bei den Weinbeschreibungen, haut mit Fachvokabular vermutlich besser hin.

Aber es kommt auf einen Versuch an. Also beschreibe ich heute mal zwei Weine mit Worten, die jeder kennt und beschränke mich auch auf Aromen, die jeder identifizieren kann, der älter als 12 Jahre und schon einmal in einer Küche gewesen ist.

Wein 1. In der Nase ist der Wein intensiv, er wirkt regelrecht parfümiert oder duftig. Eine bestimmte Frucht lässt sich schwer benennen, vielleicht Birne. Vor allem riecht er nach Heu und ein wenig nach Nuss, außerdem blumig und zu einem erheblichen Teil nach Trauben (was bei Wein ja witzigerweise eher selten vorkommt). Im Mund ist der Wein viel leichter, als man dem Geruch nach vermutet hätte. Er schmeckt mild, hat keinen sehr intensiven Eigengeschmack und wirkt sehr leicht, auch weil er nur 11,5% Alkohol hat. Das ist ein Wein für warme Abende, den man auch zur Schorle verdünnen kann, wenngleich er dafür vielleicht zu gut ist. Er hat sehr wenig Säure, ist überhaupt nicht kratzig oder anstrengend. Der Geschmack erinnert mich sehr an den Saft von Dosenmandarinen, wenn man sich nur das Aroma vorstellt und jegliche Süße wegdenkt, denn der Wein ist absolut trocken. Der Nachhall dauert mittelmäßig lang. Ich finde den Wein sehr gut, weil er ausgesprochen süffig und sommertauglich ist, ohne banal zu sein – einfach und lecker. Eine echte Granate ist er, wenn man bedenkt, dass der Wein gerade einmal 5,20€ kostet.

Zwei mal gelesen und über drei Tage mit dem Wein verglichen, finde ich das Ergebnis dieser Beschreibung sehr nah an den Sinneseindrücken. Ich habe nicht dazu geschrieben, welcher Wein es war. Wer Lust hat zu raten, hinterlässt einen Kommentar. Irgendwann im Laufe der Woche kommt die Auflösung. Hier noch ein zweiter:

Wein 2. Steckt man die Nase ins Glas, dann riecht das, als beuge man sich in der Küche über eine Arbeitsplatte, auf der gerade jemand zweieinhalb Kilo rohes Rinderfilet zu Tournedos geschnitten hat. Ein Zweig Thymian und Rosmarin liegen auch schon bereit. Leider hat sich der Koch heftig in den Finger gechnitten, denn es riecht nach Blut. Frucht hingegen ist Mangelware. Wenn man sich ganz doll einbildet, da müsse auch Frucht zu erschnuppern sein, findet man vielleicht Himbeeren. Im Mund entsteht dann der Eindruck, man sei selber der Koch gewesen und stecke sich zwischendurch immer mal den blutenden Daumen in den Mund, aber das ist nur ein Aspekt. Es fällt zunächst auf, dass der Wein einiges an Säure besitzt, er ist nicht besonders dick und dieses schöne (oder furchtbare) pelzige Mundgefühl, dass der leckere Australier immer macht, das sucht man hier vergebens. Er wirkt kühl und frisch, wie ein Mentholbonbon (aber nicht so extrem), schneckt auch ein bisschen fruchtig süß (da ist tatsächlich Himbeere). Im Nachhall ist der Wein von der Säure geprägt und von einem leichten Kratzen. Der Wein hat 13% Alkohol aber das merkt man nicht. Er wirkt sehr lange nach und zieht die Säfte im Mund zusammen, so dass man immer mehr davon trinken möchte. Den findet man entweder schrecklich oder wird süchtig davon. Nennt mich Junkie!

Der erste Wein war eher einfach zu beschreiben. Beim zweiten musste ich zumindest auf Aromen zurück greifen, die ein Mensch ohne Weinerfahrung vermutlich nicht sofort assoziiert. Aber wenn der Wein für jemanden mit einer gewissen Trinkerfahrung doch so schmeckt? Man kann versuchen, das Wort ,Abseits‘ durch den Terminus ,Wenn der Schiri pfeift und die Frauen verstehen nicht warum‘ zu ersetzen (da geht sie hin, meine weibliche Leserschaft), aber würden sich dann mehr Damen für Fussball interessieren? Dazu müsste man das Abseits an sich abschaffen, was vermutlich den Fußball ruinierte. Was ich sagen will: Wir lieben doch komplexe Weine. Und solange diese so schmecken, wie sie schmecken, benötigt man ein wenig Vokabular, das zumindest nicht alltäglich ist. Dieses auf ein Minimum zu reduzieren, ist vornehme Pflicht jedes Weintrinkers, der sich öffentlich dazu äußert. Oder auf Deutsch: weniger wichtig machen, niemals Leute mit weniger Ahnung ausgrenzen, dann darf man Wein auch mineralisch nennen.

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Date Night

Ich bin kein Gastrokritiker und deswegen gibt es hier nur alle drei Jahre mal eine Notiz zu einem Restaurant. Man sollte also seine Restaurantauswahl nicht nach meinem Urteil ausrichten. Doch gestern habe ich etwas erlebt, was ich berichtenswert finde. Und Restaurants spielen eine Hauptrolle in diesem Stück, gemeinsam mit einem tollen Wein.

Ich war mit meiner sehr viel besseren Hälfte zu unserem wöchentlichen gemeinsamen Restaurantbesuch verabredet. Wir nennen das Date Night, weil wir es in unserem Leben verankert haben, während wir im englischsprachigen Ausland lebten. Gestern hatten wir uns dafür das Borchardt ausgesucht, ein eher edles Restaurant in Berlins Zentrum. Es ist für zwei Dinge legendär: sein Wiener Schnitzel (obwohl es eigentlich ein Französisches Restaurant ist) und seinen unfreundlichen Service.

Fünf Minuten nach der Zeit unserer Tischbestellung kamen wir an, um zu einem gerade leer geräumten Tisch geführt zu werden. Die Tische standen unendlich eng und der Lautstärkepegel zur Hauptspeisezeit war beeindruckend. Auf die Frage nach einem Aperitif antwortete ich ,Wir hätten gerne ein Glas Sekt‘, was der Kellner mit genau drei Worten beantwortete: ,Prosecco oder Champagner‘. Wir entschieden uns für den Champagner, der schnell gereicht und geizig dosiert war. Während wir uns zuprosteten, wurde der Tisch gedeckt, aufgrund der Enge, wurde meiner Frau das Besteck nur den halben Weg über den Tisch geschoben. Die umliegenden Tische wurden in Lichtgeschwindigkeit von leergegessenen Tellern befreit und alles machte den Eindruck, als ginge es in diesem Restaurant darum, die Tische möglichst oft pro Abend zu besetzen. Kurzum, das Borchardt eignet sich für ein Candlelight Dinner ungefähr so gut, wie eine Verkehrsinsel auf dem Potsdamer Platz.

Ein Blick auf die Weinkarte zeigte den Gutssilvaner vom Weingut Keller für 45 Euro, auch der Rest sah nach fünffachem Weingutspreis aus. Verzweiflung machte sich breit. Ein Blick in das Gesicht meiner Frau zeigte, auch sie war mittlerweile auf schlimmes gefasst. Da hatten wir beide den gleichen Einfall: Lass uns den Champagner bezahlen und ein anderes Restaurant aufsuchen.

Der unfreundliche Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Als meine Frau ihm unser Anliegen schilderte – er hatte sich für mich unerreichbar hinter meinem Rücken positioniert – fragte er, ob etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Als meine Frau diplomatisch antwortete, wir hätten Date Night und dies sei wohl doch nicht der beste Ort dafür, passierte erstaunliches. Der Kellner strahlte über das ganze Gesicht und gab freimütig zu, dafür hätte er vollstes Verständnis und meine Frau habe absolut recht. Er wurde die Freundlichkeit in Person, brachte Rechnung und Regenschirm und verabschiedete uns herzlich. Wäre ich Zyniker, müsste ich schlussfolgern, die Verachtung für diejenigen, die sich schlecht behandeln lassen und allerlei ertragen, nur um einmal im Borchardt gewesen zu sein, schlug um in Respekt für ernstzunehmende Gäste.

So gut kann Deutscher Spätburgunder seinWir zogen weiter in die Gendarmerie, ein zur Lutter&Wegner-Gruppe gehörendes gehobenes Restaurant mit einem beeindruckenden Speisesaal. Und da war – ich muss es so pauschal sagen – einfach alles besser. Der Service freundlich, der Abstand zum Tischnachbarn angemessen, die Beleuchtung und Lautstärke gedämpft, die Weinkarte vernünftig kalkuliert – und es gab Sekt. Das Essen war ausgezeichnet aber das soll es im Borchardt auch sein. Endgültig versöhnen konnte uns dann der gewählte Wein.

Jean Stodden, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2004, Ahr. Eine viertel Stunde Luft brauchte er lediglich, dann ging es rund. In der Nase ein bisschen Stall, viele Kräuter, wenig Schuhcreme und reichlich rohes Fleisch, dazu dezente Noten von Kirsche und dunklen Beeren. Am Gaumen ist der Pinot sehr saftig, voll, mit strammer Säure, viel Frucht (Kirsche und Himbeere), Rauch und Fleisch sowie einer straffen Mineralik. Der Abgang ist endlos, genau wie das Vergnügen. Ich fand ihn Weltklasse.

Und im Borchardt war ich jetz auch einmal.

Simple Genüsse (7)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Rudolf Sinß, Windesheimer Rosenberg, Spätburgunder trocken, 2005, Nahe. In der Nase ein wenig Vanille, Kirsche und die typisch deutsche Note, die ich so gerne in passenden Worte beschriebe (woran ich aber bekanntlich seit Jahren scheitere). Am Gaumen leicht, süffig, mit Himbeere, Erdbeere, noch etwas schmeckbarem Holzeinsatz, leichter Mineralik, kräftiger Säure und angenehm unauffälligen 13% Alkohol. Ziemlich schlank und genau in mein Beuteschema passend. Der Abgang könnte etwas länger sein aber sonst gibt es nichts zu meckern – leicht gekühlt auf der Terrasse zu trinken, wenn der Speisenplan Weißwein ausschließt.

Peter Lingen, Neuenahrer Schieferlay, Spätburgunder trocken, 2006, Ahr. In der Nase sehr fruchtig mit Himbeere, gekochter Erdbeere und etwas Kirsche, dazu eine leichte grüne Note, die ich so gerne mit Tomatenpflanze umschreibe (wer im eigenen Garten Tomatenpflanzen hat und nach der Arbeit an selbigen an seinen Fingern schnüffelt, weiß, was ich meine). Am Gaumen ist der Spätburgunder sehr voll und fruchtig, cremig bei nur wenig Tannin, schmeichlerisch und süß. Die vergleichsweise bescheidenen 13,5 Prozent Alkohol stechen etwas hervor, der Abgang ist mittellang. Mit 3,7 Gramm pro Liter hat der Wein viel Restzucker für einen Spätburgunder, mit 4,8 Promill verhältnismäßig wenig Säure. Trotzdem wirkt er nicht pummelig. Der Abgang ist mittellang, der Wein ein schöner Alltags-Spätburgunder.

Markus Molitor, Bernkasteler Lay, Riesling Spätlese trocken, 2005, Mosel. Ein großer Wurf von Molitor: die Nase, noch leicht von einem Spontistinker gestreift, ist herrlich würzig mit Muskat und sehr cremig mit Banane, Mango, Aloe Vera und Vanille. Am Gaumen ist der Wein ebenfalls cremig aber mit einigen Bittertönen und einer so heftigen Mineralik ausgestattet, dass sich ein spannender Kontrast ergibt. Die Säure ist Mild und in Würde gereift, der Wein nicht ganz trocken aber auch nicht aufgesetzt süß – da sind wiederum die Bitterstoffe vor. Aprikose Malz, bittere Orangenmarmelade und ein Hauch Karamell: mollig dunkle Aromen treffen auf belebende Mineralik und ergeben einen sehr langen Abgang, der von sehr gut eingebundenen 12,5% Alkohol nicht weiter gestört wird.

Es bleibt in der Familie

Die beiden ersten ernsthafte Flaschen meiner Weinkarriere waren ein Geschenk meines Vaters: ein Achat von Laible und eine trockene ‚S‘-Klasse vom Karthäuserhof. Eine würdigere Inauguration in die Rieslingwelt (um mal in das oberste Fach meines Fremdwörterregals zu greifen) kann ich mir kaum vorstellen. Eine anschließende Weinreise durch Baden und die Pfalz mit Besuchen bei Gütern wie Rebholz, Müller-Catoir oder den Schneiders in Endingen tat ein übriges: für mich ist mein Vater ein Weinpapst. Und wenn der Papst zu Besuch kommt, mache ich mir regelmäßig schon Tage vorher Gedanken, was es zu trinken geben soll.

Um die Angelegenheit zu verkomplizieren, gibt es noch eine (ansonsten ganz wunderbare) Stiefmutter mit Rieslingallergie. Beide gemeinsam teilen meine Liebe zum Spätburgunder, mit dem meine eigene Ehefrau wiederum gar nichts anfangen kann – das wäre sonst auch zu einfach! Die Weinliste für ein Familientreffen ist daher umfangreich; niemand soll einen Wein trinken müssen, bloß weil es eine Mehrheit dafür gibt, und was nicht gefällt, muss nicht aus Höflichkeit geleert werden. Es gibt reichlich Alternativweine und am Ende meist ausreichend angebrochene Flaschen, um die ganze nächste Woche damit zu bestreiten.

Neulich war es wieder einmal so weit und da ich meinen Vater eine Weile nicht gesehen hatte, sollte es besonders gut werden. Es wurde besonders gut; es blieb so wenig über wie lange nicht und ich muss gestehen: Ich hatte am nächsten Tag einen Kater, was mir sehr selten passiert. Doch wenn ich den Abend in einem Satz zusammenfassen sollte, lautete dieser: ‚Ich bereue nichts!‘ Dürfte es noch ein zweiter sein, lautete der: Es ist fantastisch, was für Weine Deutschland (mittlerweile) hervorbringt. Aber der Reihe nach…

Es ging mit einem Riesling los, da mein Vater, die Vorhut bildend, etwas vor der Zeit erschien.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling Grosses Gewächs, 2007, Nahe. ‚Eine zwar halbtrockene aber durchaus schöne Spätlese‘ war der erste, etwas abschätzige Kommentar meines Vaters. Wir nehmen bei der Weinbewertung kein Blatt vor den Mund, es bleibt schließlich in der Familie. Ich konnte nur zustimmen, doch das Urteil war vorschnell, denn wenn das Frühlingsplätzchen etwas Luft bekommt, verändert es seinen Charakter. In der Nase zunächst frisch, mit Limone und Aloe Vera sowie Hefe, wandelt sich der Wein binnen einer Stunde; er wird malzig, riecht nach Kemm’schen Kuchen und Pfirsich. Am Gaumen wirkt er zunächst süß, entwickelt dann ein schönes Spiel. Grapefruit und Limone mit einer geballten Portion Mineralik halten das Zuckerschwänzchen im Zaum. Ganz trocken wirkt er allerdings zu keiner Zeit. 12,5% Alkohol sind fein eingebunden. Der Abgang ist extrem lang und wiederum sehr mineralisch. Begeisterung kam auf.

Als meine Stiefmutter sich uns anschloss, leistete ich mir einen Schnitzer, den ich dem Winzer in die Schuhe schieben will: die Schreibschrift auf den Etiketten des Weingutes Rebholz sind im Dämmerlicht eines Weinkellers schlicht nicht zu entziffern. Ich dachte, ich hielte den 2007er in den Händen, es war jedoch, wie ich erst nach dem Öffnen bemerkte:

Ökonomierat Rebholz, ‚Im Sonnenschein‘, Weissburgunder Grosses Gewächs, 2009, Pfalz. Das war unfreiwilliger Babymord. Der Wein zeigt wenig von dem, was er einmal darbieten wird. In der Nase ein typischer Weissburgunder der feineren Art. Leicht buttrig mit Mandarine, Birne, Blüten, offenbart er aber auch schon reichlich Alkohol. Am Gaumen ist er sehr cremig, säurearm, etwas alkoholisch, sehr voll aber auch sehr mild. Es gibt das seltsame Wort monolithisch für Weine, die schon Dichte und Tiefe zeigen aber noch keine rechten Aromen preisgeben wollen. Wohlan: der Rebholz ist monolithisch. Ein 35-Euro-Irrtum, der andeutet, dass zum rechten Zeitpunkt geöffnete Flaschen einmal viel Vergnügen bringen werden.

Zum Abendessen gab es Kalbsschnitzel. Ich servierte einen Spätburgunder. Da dies ein schwieriges Unterfangen ist, hielt ich mich genau an meine in jahrelanger Probe erarbeitete, hier beschriebene Gebrauchsanweisung. Zufällig servierte ich sogar den gleichen Wein, den ich in jenem Protokoll beschrieb:

Markus Molitor, Brauneberger Mandelgraben, Spätburgunder *, 2005, Mosel. In der Nase eine typisch deutsche Note (was auch immer das sein mag), Himbeere, Dörrpflaume, Cassis, viel Holz und Rauch sowie Leder. Am Gaumen ist der Wein saftig, wenngleich mit strammer Säure, zeigt Kirsche, Pflaume, Litschi, Pfeffer, Rauch und Vanille – viele Aromen in einem komplexen Wein mit spürbarem Tannin und Mineralik. Der herbe Abgang ist richtig lang und der Wein (nach einer Stunde im Dekanter) eine echte Granate. Ich habe den Molitor‘schen Spätburgundern ob ihrer absurden Preisentwicklung mittlerweile abgeschworen. Dieser hier ist ein Argument, sich doch mal wieder überreden zu lassen.

Ich hatte auch an den ‚leckeren Italiener‘ gedacht, den ich für solche Situationen empfehle, schon weil meine Gattin ja auch etwas zu trinken brauchte.

Camigliano, Brunello di Montalcino, 1999, Toskana. In der Nase Kirsche und Pflaume, Zeder, Trüffel und erste Altersnoten. Am Gaumen viel Frucht, recht typisch und vollmundig: Mon Cherie. Der Alkohol (13,5%) ist bestens eingebunden, ebenso das Tannin. Das ist ein gleichzeitig fruchtiger und mineralischer Wein mit vielen Facetten, der richtig gut war. Es blieb genügend über, um ihn zwei weitere Tage zu verkosten und ich gewann den Eindruck: jetzt austrinken, besser wird er nicht mehr.

Vom Brunello blieb deshalb so viel übrig, weil sich die Familie um den Molitor scharte. Jener animierte einen solchen Trinkfluss, dass er noch vor dem Essen zur Neige ging. Das war nicht geplant und ich in Verlegenheit. Also ging ich in den Keller, wo ich eine Entscheidung treffen musste: schnelle Wahl oder Schnitzel kalt! Ich wollte das Restschnitzel gerne warm genießen und griff ins Luxusregal; da macht man nichts falsch. Was folgte war ein ganz großer Moment meines Weinlebens.

J.J. Adeneuer, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2005, Ahr. Direkt aus der frisch geöffneten Flasche ins Glas zeigte die Nase einen deutlichen Kräuterton, dazu Kirsche, Himbeere und Erdbeere, eine leichte Stallnote, Holz und Rauch. Am Gaumen war der Wein vieles auf einmal – cremig trotz kräftiger Säure, rauchig aber mit frischer Frucht von Zwetschge, sehr druckvoll aber nicht fett und mit heftiger Mineralik bei deutlich spürbarem Holzausbau. Dazu war er passenderweise staubtrocken. Der Abgang war endlos.

Das ist die Art von Wein, die einem den ganzen Abend neue Geschichten erzählen kann. Er hatte keine Gelegenheit, mit Luft sein Erscheinungsbild zu ändern, denn wir fielen über ihn her, wie Zombies über einen Horrorfilmstatisten. Ursprünglich geplante Dessertweine fielen aus, sie hätten den langen Abgang nur gestört.

Weinrallye #32: Pinot Noir

Iris bittet zur Weinrallye und wählt als Themenvorgabe ausgerechnet meine rote Lieblingssorte, den Spätburgunder. Also werde ich zum Wiederholungstäter und nehme ein zweites Mal an der Veranstaltung teil. Den generischen Beitrag zur Rebe, ‚Wie man Deutschen Spätburgunder überlebt‘, habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben – schade eigentlich. Als zweites Thema fällt mir nur etwas ungleich Banaleres ein: meine jüngsten Erfahrungen mit deutschen Spätburgundern. Die sind erstaunlich gut, seit in meinem Glas die Jahrgänge 2004 und 2005 den 2003er abgelöst haben. Und ich kenne sogar eine wissenschaftliche Begründung, warum das so ist – oder ich habe mir einen kolossalen Bären aufbinden lassen.

Es muss im Winter 2007 gewesen sein, als ich bei einer Weinmesse am Stand des Weingutes Adeneuer von der Ahr in eine Diskussion zwischen dem Winzer und zwei drei kostenden Besuchern verwickelt wurde. Neben allgemeinen Jahrgangscharakteristiken und dem üblichen Messegemurmel (GM-Bewertungen, VDP- und GG-Gemäkel usw.) wurde auch recht offen über die Haltbarkeit deutscher Pinots im Vergleich zu Gewächsen aus Burgund diskutiert. Dabei verblüffte einer der Adeneuer-Brüder die Anwesenden mit dem offenherzigen Eingeständnis, in den Jahren vor 2004 hätten etliche deutsche Pinotwinzer, darunter auch er selbst, den nötigen Schwefel für die abschließende Behandlung des Weines zu niedrig berechnet.

Zur Begründung erzählte er eine Geschichte von sogenannten Reduktonen, die im Rotwein enthalten sind und bei bestimmten Messverfahren freie schwefelige Säure vortäuschen. Im Ergebnis wird dann zu wenig geschwefelt, was Weine früh sehr zugänglich aber eben auch weniger haltbar und insgesamt störanfälliger macht. Wenn man es  genau wissen will, kann man über Google einiges dazu herausfinden, aber ehrlich gesagt will ich weder Weinbau studieren noch elektrometrische Titration betreiben. Ich glaube Herrn Adeneuer , dass ein öffentliches Eingeständnis eines eigenen Versäumnisses nicht erfunden war – warum auch?

Mehr Schwefel für besseren Pinot ist eine leicht zu merkende Faustformel. Nun ist aber nicht alles, was ich an positiven Begegnungen mit deutschem Spätburgunder aus den Jahren 2004 bis 2006 hatte, dem Schwefel zuzuschreiben. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Deutsche Winzer mittlerweile erfrischend ungezwungen mit der besten Rotweinsorte ihres Landes experimentieren. Eine Generation von Winzern, die Praktika und Hospitanzen in Frankreich, Südafrika und sonst wo auf der Welt vorzuweisen hat, sieht die Sache mit dem Spätburgunder einfach etwas weltoffener als die Altvorderen. Dazu kommt besseres Grundlagenwissen und (vielleicht?) die richtige Schwefeldosierung. Wie auch immer: das Ergebnis finde ich fantastisch. Darauf einen Adeneuer Spätburgunder.

J.J. Adeneuer, Walporzheimer Gärkammer, Spätburgunder QbA, 2006, Ahr. In der Nase typisch deutsche gekochte rote Beeren, dazu Tabak, Holz, Wacholder und eine ‚grüne Note‘. Die Nase ist auch ein wenig spritig (der Wein hat 14% Alkohol). Am Gaumen ist der Pinot Ahr-typisch straff ohne jegliches Alkoholproblem, mit kräftiger Säure, Aromen von Kirsche und gekochter Erdbeere. Dazu ist er kräuterwürzig, sehr mineralisch und zeigt schöne, das Bild vervollkommnende  Röstaromen. Der Abgang ist lang, wenngleich nicht sehr lang. Trotzdem hat der Wein diesen magischen ‚Klang‘, den mein Gaumen mit der Note 90 Punkte verbindet. Aber ich bin parteiisch, denn Pinot ist meine Lieblings-Rotwein-Sorte.

Danke, Iris…

Liebe auf den ersten Schluck

Meyer-Näkel, Spätburgunder ‚Blauschiefer‘, 2005, Ahr

Spätburgunder ‚Blauschiefer‘ 2005 von Meyer-Näkel

Ganz selten passiert es mir, dass ich einen Wein öffne, einen Probeschluck nehme und sofort denke: ‚Au Backe, da musst Du aufpassen, dass Du nicht die ganze Flasche an einem Abend trinkst‘. Dabei ist das keine Auszeichnung für einen exorbitant guten Wein, es ist auch keine extreme Form von Süffigkeit – manche Weine regen bei mir dermaßen  den Trinkfluss an, dass ich mich stark zurücknehmen muss.

Geschmacklich kommt dieser Kick aus der Gruppe von Eindrücken, die man gemeinhin mit ‚Mineralik‘ bezeichnet. Die Weine sind fast immer von einfacherer Konzentration – keine großen Gewächse. Passieren kann es bei Rieslingen und seltener Spätburgunder, manchmal sind es auch ganz andere Weine, die mich derart hypnotisieren. Vor einigen Jahren bin ich dem Drang einmal erlegen und habe in zweieinhalb Stunden eine Flasche eines trockenen Molitor-Kabinetts vertilgt, worauf der Abend gelaufen und ich für alle Zeit gewarnt war.

Gestern hatte ich eine jener Begegnungen der dritten Art. Wieder war es ein alles andere als konzentrierter Stoff. Auch kann er seine deutsche Herkunft nicht verleugnen. Aber ich fand ihn fein, fein, fein! Ein Extra-Glas ist es geworden, ansonsten hatte ich mich im Griff.

Meyer-Näkel, Spätburgunder ‚Blauschiefer‘, 2005, Ahr. In der Nase Kirsche, Holz, Erdbeere und etwas Liebstöckel. Am Gaumen ist der Wein schlank mit vergleichsweise dünner Textur. Erdbeere, Vanille, etwas Holz und eine sehr frische Säure. Die feine Mineralik ist am Gaumen ungemein zupackend und setzt sich im langen, vanilligen Abgang fort.

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