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Die Entdeckung der Arbeit

Dieser Tage brachte mir die Post den dritten Entdeckerwein ins Haus. Wer noch nicht weiß, was es mit Carsten Henns Weinentdeckungsgesellschaft auf sich hat, der findet hier und hier Erklärungen.

Ein Rosé sollte es dieses Jahr werden, verkürzt gesagt der anspruchsvollste Rosé, den je ein deutsches Weingut produziert hat. Die Beckers aus Schweigen stellten das Rohmaterial: Cabernet, Portugieser sowie allerlei Spätburgunder, darunter ein Saftabzug (was das ist, findet man hier) vom Kammerberg GG. Die Partien wurden einzeln vergoren, teils im Stahltank, teils in Barriques und nach der Cuvéetierung unfiltriert gefüllt, was eine Trübung solchen Ausmaßes hervorrief, dass der Wein gar nicht erst zur Qualitätsweinprüfung angestellt wurde (er hätte sie nicht bestanden). Er ist jetzt also kein QbA oder Prädikatswein, sondern schlicht ein ‚Deutscher Wein‘. Sein Name lautet ‚ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé‘ – eine Anspielung auf eine Zeile aus einem Gedicht von Gertrude Stein.

Ein spannender aber divenhafter Rosé

Wie in den Vorjahren, probierte ich den Wein, bevor ich den Beipackzettel las und beobachtete dann die folgenden Tage seine Entwicklung. Der erste, unwissende Schluck war einfach nur grausam. ‚Au weia, das wird der erste Flop der Entdeckungsgesellschaft‘, war mein spontaner Gedanke. Soviel Säure war nie in einem deutschen Rosé, da bin ich mir sicher. Doch Carsten und Stefanie Henn warnen ausdrücklich, der Rosé brauche derzeit Luft. Und deren Einfluss veränderte den Wein sehr positiv. Zehn Stunden in der Karaffe sollten Probierwillige den Wein mindestens belüften.

Friedrich Becker (und Deutsche Wein-Entdeckungs-Gesellschaft), ‚EinRosé ist ein Rosé ist ein Rosé ist ein Rosé‘, 2010, Deutscher Wein (Pfalz). In der Nase Hefe, Säure, etwas Holz, verhalten kräutrig und mit etwas Himbeere. Am Gaumen dominieren heftige 9,6 Promill Säure, etwas aufgefangen von einem dezenten Holzton, cremiger Konsistenz und 6,9 Gramm Restzucker pro Liter. Die hefige Fülle steht dem Rosé gut zu Gesicht, geschmacklich überrascht er mit einer Mischung aus Speck und Rauch, Pink Grapefruit und Zitrus sowie einer leichten Brausebonbon-Note. Unter der Hefe und der enormen Säure scheint etwas Mineralik durch, der Alkohol von 12,5% tritt nicht weiter in Erscheinung. Der Abgang ist sehr lang, der Wein fordert die Sinne, ist ob seiner kantigen Säure aber derzeit kein Trinkwein, sondern eher ein interessantes Studienobjekt.

Der Wein will mit viel Liebe und Aufwand entdeckt und erarbeitet werden. Er ist eine Diva wie Brigitte Bardot. Als Gunter Sachs die Französin einst erobern wollte, kreiste er im Hubschrauber über ihrem Anwesen und ließ Blumen regnen. Es waren Rosen, Rosen, Rosen, Rosen. Sie schmolz dahin, beide flogen nach Las Vegas und heirateten. Die Ehe hielt drei Jahre. Dieser Rosé hält länger.

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B wie Brot&Butter

Das Thema dieser Ausgabe der Weinrallye, vom Weinreich-Blog ausgetragen, ist für mich eigentlich eines zum Pausieren: In meinem Keller finden sich vermutlich so viele Brot-und-Butter-Weine wie Trachtenjanker in der Technodisko. Ich bin bei den Winzern eher für die Wurst zuständig.

Von einigen Moselwinzern wie Jörg Thanisch oder Stefan Steinmetz habe ich das ganze Sortiment im Keller. Doch sind das klassische Kollektionen: Kabinett, Spätlese, Auslese. Da müsste ich den Brot-und-Butter-Wein erst recherchieren. Ich stelle mir das spannend vor. Anruf im Weingut: Guten Tag Herr Thanisch, können wir kurz über den Deckungsbeitrag Ihres Kabinetts sprechen, ich möchte da was im Internet veröffentlichen…

Also bleibt wieder nur der Spätburgunder, bei dem ich mich ja erst kürzlich als Liebhaber des Einfachen geoutet habe. Im Rotwein-Kellerbuch fand ich denn auch den geeigneten Kandidaten: den Spätburgunder ‚B‘, weithin verfügbarer, gehobener Einstiegswein von Pinot-Papst Friedrich Becker. Dass er ‚B‘ heißt, wie Becker oder Burgunder, hatte ich immer als etwas plump empfunden. Aber jetzt hab sogar ich es begriffen: das ‚B‘ steht in Wahrheit natürlich für Brot und Butter. Ich Dummerchen…

Friedrich Becker, Spätburgunder ‚B‘, 2007, Pfalz. In der Nase ist der Wein sehr Deutsch (auch wenn ein Teil der Trauben aus Frankreich stammt): Holz, Kirsche, Pflaume, gekochte Beeren und Rauch. Ein Jahr lag der Wein in kleinen Holzfässern aber ich möchte wetten, dass das weitgehend als Nachmieter geschah, denn am Gaumen halten sich Frucht und Holz die Balance. Es sind durchaus ein paar dunkle Teer-Aromen vorhanden (nicht dass ich schon mal in Teer gebissen hätte, aber wer je einen ‚dunklen‘ Spätburgunder oder Barolo getrunken hat, erahnt, was ich meine) aber es steht dem einiges an Frucht gegenüber: Kirsche und Himbeere, gepaart mit einer feinen Säure. Der Abgang ist lang. Mineralisch fand ich den Wein eher nicht aber Hey, das ist auch nur der Brot-und-Butter-Wein. Dafür ist der ‚B‘ schon ziemlich großes Kino.

Mein erster Pinot Noir

‚Ohje, Opa erzählt vom Krieg!‘ mag manch Leser jetzt denken. Will der uns wirklich von seiner ersten Flasche Spätburgunder berichten? Vermutlich war’s ein Untertürkheimer Bratschenberg Spätburgunder lieblich von der Tankstelle und ein Picknick mit einem hübschen Mädchen an einem lauen Sommerabend und… HALT. Dies ist kein Blog für Altherrenphantasien und ich will auch gar nicht von meiner ersten Flasche Spätburgunder schreiben. Berichten muss ich von meiner ersten Begegnung mit Friedrich Beckers ‚Pinot Noir‘ Tafelwein, jenem fast mythisch verklärtem Wunderstoff, der sieben Mal in Folge vom Gault Millau zum besten Spätburgunder Deutschlands gekürt wurde, jenem 90-Euro-Geschoss, dass vielen als Keimzelle des Deutschen Pinot-Booms gilt.

Der ‚Pinot Noir‘ von Becker wird als Tafelwein gefüllt – seit jeher. Ursprünglich war das wohl eine Notwendigkeit, weil die Verwendung von Barrique-Fässern beim Ausbau deutscher Weine einige Zeit nicht den Segen der Weinkontrolle fand und die Füllung als Tafelwein eine Möglichkeit darstellt, die Weinkontrolle zu umgehen – aber das ist kein gesichertes Wissen, sondern Hörensagen. Mittlerweile gäbe es keine Probleme mit der Behörde, aber vielleicht genießt Herr Becker eine stille Rache, indem er den Weinkontrolleuren einfach diesen Zauberstoff vorenthält: Keine Prüfung, keine Musterproben.

Den ‚Pinot Noir‘ zu bekommen ist kein schwieriges Unterfangen. Ganz ohne Subskription erhält man ihn bequem auch Wochen und Monate nach Erscheinen noch bei vielen Händlern. Ich kaufte meine Flasche bei Erscheinen irgendwann 2007 und genoss seitdem die Vorfreude. Letzte Woche feierte ich die zwischenzeitliche Wiederkehr des Sommers mit diesem Wein zu einem Grillabend mit Lamm, Geflügel, Tomatensalat und einem ordentlichen Weißbrot – 22 Grad Lufttemperatur und den Wein bei 17 Grad serviert, lediglich eine Stunde im Dekanter, zwei Mitstreiter mussten blind mittrinken und waren vor Verzückung gelähmt. Ich war zwar wissend, konnte mich aber auch nicht mehr bewegen: ohne wenn und aber mein bisher größtes Rotweinerlebnis.

Becker, ‚Pinot Noir‘, Deutscher Tafelwein Rhein, 2005, (Pfalz). Die Nase ist wahnsinnig intensiv und sehr typisch. Auch wenn der Schwerpunkt auf rohem Fleisch (Tartar) und Kirschfrucht liegt, ist der Wein in der Nase weich und sehr anziehend (ich versuche, die bescheuerte Phrase ‚die Nase ist wahnsinnig sexy‘ zu umschiffen). Am Gaumen ist der Wein von einer geradezu kristallinen Struktur. Alles ist an seinem Platz: straffe Säure, moderates Tannin, dezent in Erscheinung tretender Holzausbau, wieder diese recht animalischen Aromen von rohem Fleisch, satte Kirschfrucht, Bleistift, rote Beeren. Der Nachhall ist vielschichtig, komplex, ultralang. Und wieder fällt mir nur ein Wort ein, dass ich gewöhnlich vermeide: präzise. Dieser Wein ist so präzise, dass ich glatt die Scheu verliere, das Wort zu benutzen. 100 Punkte.

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