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Weinrallye No. 68 – die perfekte Weinkarte

Christoph verwandelt sein Blog ‚Originalverkorkt‘ heute in die Aktionsplattform zur 68. Weinrallye und bittet um Antworten auf die Frage: ‚Wie sieht Eure perfekte Weinkarte aus?‘ Das ist ein weites Feld und ich liebe weite Felder. Also legen wir los. Die perfekte Weinkarte deckt jedes Anbaugebiet nach drei Kriterien ab: Jugend, Grandezza und Klassik. Von der Mosel könnte man also Knebel für die Jugend, Molitor für die Grandezza und Thanisch (Ludwig & Sohn, keine Witwen und Waisen) für den klassischen Stil und hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis nehmen. Aus der Pfalz… Haha, Felix schreibt eine Weinkarte? Klar, und der Mond besteht aus Käsekuchen.

Ich bin aus Hamburg und in Hamburg sieht die ideale Weinkarte tatsächlich so aus. Aus jedem Dorf ’n Köter, möglichst prominent, dazu ein paar Newcomer oder wiedererstarkte Traditionsbetriebe, vor ein paar Jahren waren das Winter, Kranz und Schloss Lieser, heute sind es Wechsler, Bickel-Stumpf oder Ress. Letztere geben der Karte einen Hauch von Avantgarde und bedienen die Klientel mit dem kleineren Budget.

Gegen diese telefonbuchdicken Weinkarten, die sich wie das Who-is-Who der Weinwelt lesen ist nichts einzuwenden. Ich bin nur nicht der richtige Gast dafür, da ich, was Deutschen Wein angeht, auf lauter Positionen treffe, die ich auch daheim im Keller habe.

Nun lebe ich seit anderthalb Jahren in Berlin. Irgendjemand stellte vor ein paar Tagen bei Facebook die Frage zur Diskussion, ob Berlin Deutschlands Weinhauptstadt sei und es gab allen ernstes ein paar Zweifler (die München gern zu selbiger küren wollten). Man hätte auch darüber diskutieren können, ob der Papst katholisch ist – die Frage ist ähnlich knifflig zu beantworten. Berlin, Deutschlands Weinhauptstadt, hat einige Weinkarten im Angebot, die dem Hamburger Konzept vollständig zuwider laufen und gerade deswegen so gut sind. Meine erste Begegnung mit einer solchen hatte ich im Restaurant Reinstoff. Ivo Ebert serviert ausschließlich Weine aus Spanien und Deutschland. Wer sich nun fragt, ob man ohne Frankreich eine Weinkarte von Klasse zusammenstellen kann: das Reinstoff hat mittlerweile zwei Michelin-Sterne. Die teilweise wilden Spanier, die Ebert auch glasweise ausschenkt, heben so manches Gericht in höchste Höhen. Dass Molitor zum Repertoire gehört, versteht sich von selbst…

Und dann saß ich neulich in meiner Lieblingsweinbar, dem Rutz, als mir der Sommelier ein Glas zum probieren hinstellte. ‚Hier, die Flasche hat ein Gast gerade mit wenig schmeichelhaften Worten zurückgehen lassen.‘ Es handelte sich um einen weißen der Domaine de l’Horizon. Sommelier Billy Wagner hatte den Wein als Speisenbegleiter vorgeschlagen, der Gast fand ihn schaurig und verlangte ‚Chardonnay aus dem Barrique, von irgendwoher‘. Das schöne an meiner Lieblingsweinbar ist, sie verkaufen keine Weine, die von irgendwoher kommen oder schmecken, als könnten sie von irgendwoher kommen. Ich finde die Karte im Rutz fast grandios (es fehlt halt Molitor), besagter Gast sah das vermutlich anders und wünschte sich in dem Augenblick bestimmt nach Hamburg. So gibt es sie nicht, die ideale Weinkarte. Es gibt nur gute Weinkarten und für jede gute Weinkarte den idealen Gast.

Was wäre denn, wenn man das Hamburger mit dem Berliner Modell vermählte? Dann wäre die Karte dick wie zwei Telefonbücher und der ganze Pfiff raus (aber jede Menge Molitor drin). Wenn ich eine Weinkarte in die Finger kriege, versuche ich ein Konzept zu erkennen. In Berlin erkenne ich es regelmäßig. Berliner Weinkarten sind wie Frankfurter Zeitungen: dahinter steckt immer ein kluger Kopf – nur bitte nicht meiner. Ich genieße lieber die wilden Spanier in Rutz und Reinstoff oder trinke zuhause Weine, die schmecken, als kämen sie von irgendwoher. Die können auch richtig gut sein, so wie dieser:

Nicht von irgendwoher, sondern aus dem eigenen KellerWittmann, Chardonnay -S-, 2005, Rheinhessen. Der Wein riecht nicht, er duftet: ziemlich frisch aber auch typisch für einen gereiften Chardonnay. Da ist etwas Butter, Haselnuss und Karamell, aber auch Ananas und Mandarine. Am Gaumen verfügt der Wein über schöne Säure und ein paar Gerbstoffe, das raut ihn etwas auf und bildet einen schönen Kontrast zur cremigen Buttrigkeit der Rebsorte und des Barrique-Ausbaus, der Vanille zum Aromenspektrum beisteuert. Der Chardonnay ist konzentriert und hat 14% Alkohol ohne dick zu sein oder gar schwer. Diese Balance aus Frische, Gewicht und Reife macht ihn zu einem faszinierendem Wein. Der Abgang ist sehr lang und mir eine Spur zu süß, sonst wäre ich restlos geplättet.

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Eine amerikanische Komponente

Als nach Weihnachten die Preise purzelten, nutzte ich die Tage zwischen den Jahren, um meinen Kleiderschrank zu füllen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass einige der Textilhersteller, deren Erzeugnisse mir besonders lieb sind, ihre guten Sachen leider nie in den Schlussverkauf schicken. Andere Labels hingegen schmeißen die gesamte aktuelle Kollektion massiv reduziert auf den Markt, sobald die Prozentschilder aufgehängt werden. Es sind vor allem die amerikanischen Freizeitlabels wie Polo und Hilfiger, die diese Strategie zu befolgen scheinen. Die mag ich, sie sind mir zum Normalpreis aber zu teuer – weswegen Schlussverkauf für mich meist eine amerikanische Komponente hat.
Das lässt sich auf Wein übertragen, denn da gibt es bei den Sonderposten auch immer Amerikaner der gehobenen Kategorie und so haben mein Kleiderschrank und mein Weinkeller eines gemein: während die deutschen Produkte darin fast alle zum Listenpreis den Besitzer wechselten, sind die amerikanischen samt und sonders im ‚Schlussverkauf‘ erworben. Das mindert die Enttäuschung, wenn sich die Erwartung an die Qualität nicht erfüllt und verdoppelt die Freude über die Highlights. Dabei gilt, nüchtern betrachtet, vermutlich für den Wein wie die Klamotten: Schnäppchen sind die reduzierten Teile auch noch nicht, sondern einfach bei einem adäquaten Preis angekommen. Passend zum Schlussverkauf gab es zwei Weine.

Der Optimus, eine Cuvée mit Syrah, Cabernet und Petit Verdot

Mächtiger Kalifornier: der Optimus ist ein Fruchtpaket

Stephan Vineyards/ L’Aventure, Optimus, 2004, Paso Robles, Kalifornien. Eine Rotweincuvée aus Syrah (57%), Cabernet Sauvignon (35%) und Petit Verdot (8%). In der Nase viel Beerenfrucht und Pflaume, Bleistiftspäne und Zedernholz, Menthol und Alkohol. Am Gaumen ist dieser Wein erstaunlich ätherisch und kühl, bei 14,9% Alkohol hatte ich ein alkoholisches Brennen befürchtet. Ein dicker Brummer (oder Blockbuster, wie man in seiner Heimat sagen würde) ist er trotzdem: opulente Frucht (Brom-, Blau- und Johannisbeere), trifft auf viel griffiges Tannin, feine Mineralik und Noten von Teer, die auch im wahnsinnig langen Abgang im Gleichschritt mit der Frucht marschieren. Gefällt mir ausgesprochen gut – wenngleich ich so einen Wein nicht öfter als einmal pro Monat trinken möchte.
Robert Mondavi, Chardonnay ‚Carneros‘, 1997, Kalifornien. In der Nase und am Gaumen zeigt sich keine Spur von Alter, obwohl der Wein 14 Jahre auf dem Buckel hat. Die Nase immer noch mit Holz, dazu verführerische Ananas und Haselnuss. Am Gaumen bietet sich ein raumgreifendes Vergnügen, wuchtig, cremig und vollmundig – erfreulicherweise jedoch nicht aufgrund überbordenden Alkohols. 13,5% passen zu diesem massiven Chardonnay, der viel süße Frucht (Ananas, Pfirsich) mit einer strammen Säure vermählt. Er zeigt sich dabei holzbetont, würzig und sehr komplex, im sehr langen Abgang auch etwas mineralisch. Für Menschen mit Biebergebiss (also zum Beispiel mich) ist das ein großer Weißwein.

Altersmilde

Zugegeben, die Überschrift könnte als Provokation verstanden werden ob des grantelnden älteren Herren, an den ich heute zufällig geraten bin. Tatsächlich geht es aber gar nicht um Spinner und Blogs sondern um Veränderungen in meinem Wesen und die Headline kam mir in den Sinn, als ich am Sonntag den Wein öffnete, um den es hier geht.

Ich werde älter und damit einhergehend auch weniger konsequent in meinen Abneigungen. Meine Antipathie gegenüber dem FC Bayern gerät genauso ins Wanken wie meine strikte ABC-Trinkerschaft. ABC, was mein Lieblingsanglizismus ist und „Anything But Chardonnay“ heißt, war für mich immer tugendhafter Ausdruck des Riesling-Patriotismus. Weißburgunder – darf mal sein, Chardonnay? – schleich Dich!

Und nun das: So geschätzte drei bis vier Flaschen Chardonnay pro Jahr sind es mittlerweile, die sich in mein Glas verirren.  Die Mischung aus recht kräftigem Säuregerüst, buttrigem Schmelz, feinen Holznoten und satter Mundfülle schmeckt mir zu manchen Speisen halt doch besser als Grau- oder Weissburgunder.

Ich rede von besternten oder mit einem -S- auf dem Etikett versehenen, Barrique-ausgebauten Brummern aus deutschen Landen. Die gibt es von immer mehr ernstzunehmenden Winzern und verglichen mit deren Riesling Großgewächsen sind sie sogar recht preisgünstig. Aktuell viel Spass macht mir der Jahrgang 2002, denn auch die einheimischen Chardonnays vertragen ein paar Jahre Flaschenreife. Seit Sonntag in bester Form präsentiert sich Wagner Stempel, 2002 Chardonnay ‚S‘, Rheinhessen, 14% Alk. In der Nase Butter, Haselnuss und Quitte mit riechbar viel Alkohol, der am Gaumen aber nicht störend in Erscheinung tritt. Im Mund nussig, sehr stoffige Textur, cremig aber mit akzentuierter Säure und etwas Muskat. Das Holz ist sehr gut eingebunden aber noch schmeckbar mit einer Toast-Note vertreten. Der Abgang ist ausgesprochen lang. Der Wein kratzt für mich an den 90 Punkten. Eigentlich hätte er sie verdient.

Aber ganz so alt bin ich dann doch noch nicht!

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