Posts Tagged ‘Emrich-Schönleber’

Mein erster A. de. L.

Legenden gehören zum Wein wie Butter auf’s Brot. Wenn Sie dieser Satz stutzig macht, Sie Verfechter von Margarine oder der Meinung sind, zwischen Wurst und Backware gehöre gar nichts, dann sind wir mitten beim Thema. Denn die Frage, ob man legendäre Weine – für entsprechend legendäre Preise – benötigt, lässt sich auch ganz schnöde mit ‚Nö‘ beantworten.

Ich persönlich genehmige mir einen moderaten Butterkonsum. Und ich bin für Weinlegenden und legendäre Weine anfällig – ebenfalls in Maßen. Daher schlummern in meinem Keller ein paar Flaschen Wein aus der Kategorie ‚ultrapremium‘ oder ‚Icon Wines‘ wie die denglische Bezeichnung lautet. Es handelt sich bis auf ganz wenige Ausnahmen um deutsche Icon Wines und wenn Ihnen jetzt die spöttische Bemerkung auf der Zunge liegt ‚deutsch‘ und ‚Icon‘ sei ja wohl ein Widerspruch in sich, dann sind wir uns zwar ein zweites Mal uneins, Sie aber noch lange kein schlechter Mensch.

Wenn Sie einmal – mir zuliebe, ist schließlich mein Blog – für eine Sekunde dem Konzept ‚deutscher Icon Wine‘ folgen mögen (sonst hören Sie einfach auf zu lesen), dann können Sie sich vorstellen, wie viel Freude es mir macht, eine solche Ikone ihrer Bestimmung zuzuführen. Dieser Tage war das gleich zwei mal der Fall.

Der erste Wein findet sich erst nächste Woche in einem Beitrag. Er ist moderat bepreist, geschmacklich speziell (weil halbtrocken) und daher einer kleinen Zielgruppe vorbehalten. Sein Preis ist kein Exklusivitätsmerkmal. Das sieht beim zweiten etwas anders aus.

Das Weingut Emrich-Schönleber gehört zu den besten Deutschlands, sein Großes Gewächs aus dem Monzinger Halenberg zählt Jahr für Jahr zu den aufregendsten trockenen Rieslingen. Seit 2005 lege ich mir regelmäßig die Weine des Gutes in den Keller, Halenberg und Frühlingsplätzchen sind die einzigen GGs aus dem Jahrgang 2010, die Einzug ins Gewölbe fanden. Wie aufregend fand ich es da, als ich 2009 einen Brief aus dem Weingut bekam, in dem die Schönlebers einen neuen Wein ankündigten, der noch oberhalb der bisherigen trockenen Spitze angesiedelt sein sollte.

Auf der Lay hieß ein Teil des heutigen Halenbergs vor der Reform deutscher Lagennamen im Jahr 1971. Es ist eine Parzelle, deren Boden sich vom Rest des Halenbergs unterscheiden soll. Mit dem Jahrgang 2008 entschlossen sich die Winzer (das Gut wird von Vater und Sohn bewirtschaftet) die Weine der älteren Reben dieser Parzelle wieder separat auszubauen. Dabei wollen Sie besonderen Aufwand betreiben, den Weinberg noch aufwändiger als andere Parzellen pflegen und nur das beste Lesematerial für ihren Wein verwenden. Wie viel davon Marketing ist und wie viel Realität: ich kann es aus der Ferne nicht beurteilen – immerhin: in schwächeren Jahren wie 2010 wird der Wein nicht produziert.

Der A. de. L. darf nicht ‚Auf der Lay‘ heißen, weil die ehemaligen Weinlagen auf Etiketten Tabu sind. (Diese Vorschrift steht kurz vor der Abschaffung.) Also behalfen sich Schönlebers mit dem Kunstgriff Abkürzung. Um die Exklusivität zu steigern erscheint der Wein nur in Magnumflaschen (und davon nur 180 Stück) sowie einer Hand voll Doppelmagnums und diese kann der geneigte Weinfreund nicht bestellen, er muss sie ersteigern. Also steigerte ich. Mit etwas unter 140 Euro pro Magnum erzielte der Wein einen Preis deutlich über den Großen Gewächsen war aber – umgerechnet auf die Normalflasche – immer noch zweistellig. Meine Liebe zu Icon Wines endet, wenn es dreistellig wird. Also war alles gut.

A.de.L.2009Da ich mir eine Magnum nicht zum Abendbrot aufmache, sind die Gelegenheiten für diese Weine rar. Als ich jetzt ein Essen für zwölf gab, erschien mir der A. d. L. ein guter Aperitif. Ich entschied mich für den 2009er aus Gründen, die ich im Blog schon einmal thematisiert habe.

Emrich-Schönleber, Riesling trocken ‚A de L‘, 2009, Nahe. In der Nase angeschlagener Feuerstein und Apfel, fruchtig, würzig aber nicht außergewöhnlich. Am Gaumen erscheint der Wein erst fröhlich und harmlos: Apfel und viel Zitrus, doch dann kommt eine tiefe, rauchige Note, die spannend ist und der Riesling wirkt enorm dicht und kompakt. Das Mundgefühl ist sehr fest, wahnsinnig phenolisch/mineralisch und man ist versucht den Wein wie ein Stück Fleisch zu kauen, wenn das nicht so albern aussähe. Der lange Nachhall kitzelt den Schlund mit feinen Gerbstoffen und einem Hauch Kreide. Der Jahrgang meldet sich auch zu Wort: über allem liegt zunächst der Eindruck vorzeitiger Reife, als tränke man parallel einen zweiten, alten Wein. Doch das belüftet sich nach zwei Stunden weg. Danach hat der A. de. L. etwas kristallines, ist schwer zu fassen, animierend und eine tolle Erfahrung.

Es klingt ein bisschen komisch aber man meint,den Aufwand schmecken zu können, den die Winzer mit dem Wein betrieben haben. War vermutlich Ultrapremiumaufwand.

Advertisements

Riesling für die Lampe

Neulich stolperte ich über einen Artikel von Jens Priewe, dem Kopf hinter der Webseite ,Weinkenner.de‘. Es handelt sich um einen schon älteren Beitrag zur Debatte darüber, ob die Deutschen ihrem Wein genügend Achtung entgegen bringen. Leider werden solche Diskussionen fast ausschließlich auf Facebook geführt und wer seine Artikel dort nicht verlinkt (wie Herr Priewe), der findet kaum statt. Also dauerte es auch bei mir eine Weile und war letztlich dem Zufall geschuldet, dass ich dieses lesenswerte Stück im Netz fand. Eine Anekdote fand ich besonders bemerkenswert, weswegen ich mir erlaube, sie vollständig zu zitieren:

Vor ein paar Wochen organisierte ich für eine Gruppe von Rechtsanwälten eine Weinprobe mit deutschen Rieslingen. Die Herren gaben zu, noch wenig von Wein zu verstehen. Aber sie waren bereit zu lernen. Ich setzte ihnen also blind acht Weine vor: zwei Gutsweine, zwei Ortsweine, zwei Terroirweine, zwei Große Gewächse. Alles Jahrgang 2011 und von renommierten VDP-Erzeugern. Was schmeckte den Herren am besten? Die Gutsweine. Was am wenigsten? Die Großen Gewächse.

Im Folgenden führt Priewe aus, dass den Deutschen der Genuss an geschmacklichen Vergnügen abginge. Andere Völker hätten den Wunsch nach Genuss in der DNA, während wir eher technikbegeistert seien.

Richtig gute Artikel inspirieren ihre Leser – zu was auch immer. Dieser inspirierte mich in den folgenden Tagen eher einfache Weine zu trinken. Da ich geschmacklich etwas trainiert sein mag, erwartete ich mir keinerlei Erkenntnisse, die die Thesen von Jens Priewe unterstützen oder widerlegen könnten, ich fand es einfach nur mal wieder spannend, ein wenig kleinere Gewächse zu trinken.

Da ich keine Gutsrieslinge in Griffweite hatte, kamen die Rieslinge ,Tonschiefer‘ und ,Mineral‘ von den Weingütern Dönnhoff und Emrich-Schönleber ins Glas. Die sind für manche schon Festtagsweine und teurer als die meisten trockenen Spätlesen deutscher Nicht-VDP-Erzeuger. Trotzdem fand ich, dass sie deutlich simpler als ein durchschnittliches GG sind.

Tonschiefer_MineralEmrich-Schönleber, Riesling trocken ,Mineral‘, 2011, Nahe. In der Nase frisch und etwas säuerlich, grüner Apfel, etwas Aprikose und leicht blumig. Am Gaumen eine für diesen Jahrgang krasse Säure, ein kleiner Bitterton, sehr viel grüner Apfel bei mittlerem Volumen. 13% Alkohol fallen nicht weiter auf. Der Abgang ist mitellang, der Wein nicht wahnsinnig spannend (vielleicht etwas zu jung) aber sehr ordentlich.

Dönnhoff, Riesling trocken ,Tonschiefer‘, 2009, Nahe. In der Nase Aprikose und mürber Apfel sowie etwas verbranntes Gummi. Am Gaumen saftig, mit milder Säure, fruchtig süß mit Aromen von Mandarine, Ananas und Aprikose, ordentlichem Spiel. Er ist mineralisch, zeigt würzige Reife und einen relativ langen Abgang. Das ist der bessere der beiden Weine, der mir sehr viel Spass macht.

Und dann kam doch noch eine Erkenntnis, die sich vielleicht auf die Anwälte übertragen lässt. Beide Weine entwickeln einen deutlich höheren Trinkfluss als die GGs aus gleichem Hause. Und vielleicht ist der Deutsche, der die Dinge ja gern gründlich tut, der Meinung, wenn ich schon mal Alkohol trinke, dann trinke ich auch ordentlich Alkohol, lasse das Auto stehen und erlebe einen ,fröhlichen‘ Abend. Und dazu sind diese Weine viel besser als die GGs aus gleichem Hause geeignet. Ich schaffe auch kaum eine halbe Flasche eines Halenberg an einem Abend. Als Weinfreak habe ich aber vielleicht nicht die Einstellung, dass nur die Weine gute Weine sind, mit denen man sich ordentlich die Lampe anzünden kann…

Simple Genüsse (10)

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Notizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für besonders befunden habe.

Saubere Pfälzer Spätlese trockenMüller-Catoir, Haardter Bürgergarten, Riesling Spätlese trocken, 2007, Pfalz. In der Nase präsentiert sich ein klassischer Pfälzer Riesling: Apfel, Zitrus und Aprikose mit etwas Malz und Aloe Vera. Am Gaumen findet sich vieles davon wieder: zunächst dominieren Zitrus und Apfel, später kommt Aprikose dazu bevor es nach einigen Stunden in Richtung Grapefgruit geht. Dazu ist der Wein leicht malzig und wirkt sehr trocken, dicht und voll. Der Wein ist eher barock, 13,5% Alkohol sind aber vernünftig integriert. Pfälzer Kraft trifft im ziemlich langen Abgang auf eine feine Mineralik. Macht viel Spass und ein bisschen satt.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling trocken, 2009, Nahe. In der Nase ein leichter Stinker aber auch frische Zitrusaromen, dazu etwas Aloe Vera. Am Gaumen kräftige Säure, einige Gerbstoffe, Aromen von Zitrus und Grapefruit, leichte Mineralik, ziemlich trocken und mit festem Kern. Schönleber, Haag und Dönnhof sind für mich Erzeuger, deren Lagenweine aus den besten Gemarkungen so gut sind, dass ich eigentlich kein Großes Gewächs mehr benötige. Zu dieser Regel gibt es Ausnahmen – wie diese. Für mich ist der Wein straff und gut aber keine Sensation – derzeit deutlich eindimensionaler als ich es erwartet hatte.

Max Ferd. Richter, Mülheimer Helenenkloster, Riesling Spätlese, 2007, Mosel. Die Nase ist wunderschön, denn zum üblichen Riesling-Mix (siehe oben) und etwas jugendlicher Hefe kommt bei diesem Wein noch Melone, Mango und Papaya. Das riecht herrlich süß und geht am Gaumen gleich so weiter. Süß und saftig wirkt der Wein, mit einer ordentlichen Säure, tropischen Fruchtaromen, vibrierender Frische, die auch von etwas Kohlensäure herrührt. Der Abgang ist sehr lang und süß. Dem Wein fehlt es an Mineralik aber für mich muss nicht jeder Riesling mineralisch schmecken. 8,5% Alkohol passen sehr gut zu dieser hervorragenden fruchtsüßen Spätlese.

 

Es bleibt in der Familie

Die beiden ersten ernsthafte Flaschen meiner Weinkarriere waren ein Geschenk meines Vaters: ein Achat von Laible und eine trockene ‚S‘-Klasse vom Karthäuserhof. Eine würdigere Inauguration in die Rieslingwelt (um mal in das oberste Fach meines Fremdwörterregals zu greifen) kann ich mir kaum vorstellen. Eine anschließende Weinreise durch Baden und die Pfalz mit Besuchen bei Gütern wie Rebholz, Müller-Catoir oder den Schneiders in Endingen tat ein übriges: für mich ist mein Vater ein Weinpapst. Und wenn der Papst zu Besuch kommt, mache ich mir regelmäßig schon Tage vorher Gedanken, was es zu trinken geben soll.

Um die Angelegenheit zu verkomplizieren, gibt es noch eine (ansonsten ganz wunderbare) Stiefmutter mit Rieslingallergie. Beide gemeinsam teilen meine Liebe zum Spätburgunder, mit dem meine eigene Ehefrau wiederum gar nichts anfangen kann – das wäre sonst auch zu einfach! Die Weinliste für ein Familientreffen ist daher umfangreich; niemand soll einen Wein trinken müssen, bloß weil es eine Mehrheit dafür gibt, und was nicht gefällt, muss nicht aus Höflichkeit geleert werden. Es gibt reichlich Alternativweine und am Ende meist ausreichend angebrochene Flaschen, um die ganze nächste Woche damit zu bestreiten.

Neulich war es wieder einmal so weit und da ich meinen Vater eine Weile nicht gesehen hatte, sollte es besonders gut werden. Es wurde besonders gut; es blieb so wenig über wie lange nicht und ich muss gestehen: Ich hatte am nächsten Tag einen Kater, was mir sehr selten passiert. Doch wenn ich den Abend in einem Satz zusammenfassen sollte, lautete dieser: ‚Ich bereue nichts!‘ Dürfte es noch ein zweiter sein, lautete der: Es ist fantastisch, was für Weine Deutschland (mittlerweile) hervorbringt. Aber der Reihe nach…

Es ging mit einem Riesling los, da mein Vater, die Vorhut bildend, etwas vor der Zeit erschien.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen, Riesling Grosses Gewächs, 2007, Nahe. ‚Eine zwar halbtrockene aber durchaus schöne Spätlese‘ war der erste, etwas abschätzige Kommentar meines Vaters. Wir nehmen bei der Weinbewertung kein Blatt vor den Mund, es bleibt schließlich in der Familie. Ich konnte nur zustimmen, doch das Urteil war vorschnell, denn wenn das Frühlingsplätzchen etwas Luft bekommt, verändert es seinen Charakter. In der Nase zunächst frisch, mit Limone und Aloe Vera sowie Hefe, wandelt sich der Wein binnen einer Stunde; er wird malzig, riecht nach Kemm’schen Kuchen und Pfirsich. Am Gaumen wirkt er zunächst süß, entwickelt dann ein schönes Spiel. Grapefruit und Limone mit einer geballten Portion Mineralik halten das Zuckerschwänzchen im Zaum. Ganz trocken wirkt er allerdings zu keiner Zeit. 12,5% Alkohol sind fein eingebunden. Der Abgang ist extrem lang und wiederum sehr mineralisch. Begeisterung kam auf.

Als meine Stiefmutter sich uns anschloss, leistete ich mir einen Schnitzer, den ich dem Winzer in die Schuhe schieben will: die Schreibschrift auf den Etiketten des Weingutes Rebholz sind im Dämmerlicht eines Weinkellers schlicht nicht zu entziffern. Ich dachte, ich hielte den 2007er in den Händen, es war jedoch, wie ich erst nach dem Öffnen bemerkte:

Ökonomierat Rebholz, ‚Im Sonnenschein‘, Weissburgunder Grosses Gewächs, 2009, Pfalz. Das war unfreiwilliger Babymord. Der Wein zeigt wenig von dem, was er einmal darbieten wird. In der Nase ein typischer Weissburgunder der feineren Art. Leicht buttrig mit Mandarine, Birne, Blüten, offenbart er aber auch schon reichlich Alkohol. Am Gaumen ist er sehr cremig, säurearm, etwas alkoholisch, sehr voll aber auch sehr mild. Es gibt das seltsame Wort monolithisch für Weine, die schon Dichte und Tiefe zeigen aber noch keine rechten Aromen preisgeben wollen. Wohlan: der Rebholz ist monolithisch. Ein 35-Euro-Irrtum, der andeutet, dass zum rechten Zeitpunkt geöffnete Flaschen einmal viel Vergnügen bringen werden.

Zum Abendessen gab es Kalbsschnitzel. Ich servierte einen Spätburgunder. Da dies ein schwieriges Unterfangen ist, hielt ich mich genau an meine in jahrelanger Probe erarbeitete, hier beschriebene Gebrauchsanweisung. Zufällig servierte ich sogar den gleichen Wein, den ich in jenem Protokoll beschrieb:

Markus Molitor, Brauneberger Mandelgraben, Spätburgunder *, 2005, Mosel. In der Nase eine typisch deutsche Note (was auch immer das sein mag), Himbeere, Dörrpflaume, Cassis, viel Holz und Rauch sowie Leder. Am Gaumen ist der Wein saftig, wenngleich mit strammer Säure, zeigt Kirsche, Pflaume, Litschi, Pfeffer, Rauch und Vanille – viele Aromen in einem komplexen Wein mit spürbarem Tannin und Mineralik. Der herbe Abgang ist richtig lang und der Wein (nach einer Stunde im Dekanter) eine echte Granate. Ich habe den Molitor‘schen Spätburgundern ob ihrer absurden Preisentwicklung mittlerweile abgeschworen. Dieser hier ist ein Argument, sich doch mal wieder überreden zu lassen.

Ich hatte auch an den ‚leckeren Italiener‘ gedacht, den ich für solche Situationen empfehle, schon weil meine Gattin ja auch etwas zu trinken brauchte.

Camigliano, Brunello di Montalcino, 1999, Toskana. In der Nase Kirsche und Pflaume, Zeder, Trüffel und erste Altersnoten. Am Gaumen viel Frucht, recht typisch und vollmundig: Mon Cherie. Der Alkohol (13,5%) ist bestens eingebunden, ebenso das Tannin. Das ist ein gleichzeitig fruchtiger und mineralischer Wein mit vielen Facetten, der richtig gut war. Es blieb genügend über, um ihn zwei weitere Tage zu verkosten und ich gewann den Eindruck: jetzt austrinken, besser wird er nicht mehr.

Vom Brunello blieb deshalb so viel übrig, weil sich die Familie um den Molitor scharte. Jener animierte einen solchen Trinkfluss, dass er noch vor dem Essen zur Neige ging. Das war nicht geplant und ich in Verlegenheit. Also ging ich in den Keller, wo ich eine Entscheidung treffen musste: schnelle Wahl oder Schnitzel kalt! Ich wollte das Restschnitzel gerne warm genießen und griff ins Luxusregal; da macht man nichts falsch. Was folgte war ein ganz großer Moment meines Weinlebens.

J.J. Adeneuer, Ahrweiler Rosenthal, Spätburgunder Grosses Gewächs, 2005, Ahr. Direkt aus der frisch geöffneten Flasche ins Glas zeigte die Nase einen deutlichen Kräuterton, dazu Kirsche, Himbeere und Erdbeere, eine leichte Stallnote, Holz und Rauch. Am Gaumen war der Wein vieles auf einmal – cremig trotz kräftiger Säure, rauchig aber mit frischer Frucht von Zwetschge, sehr druckvoll aber nicht fett und mit heftiger Mineralik bei deutlich spürbarem Holzausbau. Dazu war er passenderweise staubtrocken. Der Abgang war endlos.

Das ist die Art von Wein, die einem den ganzen Abend neue Geschichten erzählen kann. Er hatte keine Gelegenheit, mit Luft sein Erscheinungsbild zu ändern, denn wir fielen über ihn her, wie Zombies über einen Horrorfilmstatisten. Ursprünglich geplante Dessertweine fielen aus, sie hätten den langen Abgang nur gestört.

Rantrinken (1)

Sieben Wochen war ich von richtig guten Weinen abgeschnitten. Sieben Wochen hatte ich keine Veranlassung, einen Stift zur Hand zu nehmen und Notizen zu einem Wein anzufertigen. Also hieß es ‚ranrobben‘ an die alten Tätigkeiten. Mal gemütlich auf der Terrasse einen schönen Weißburgunder trinken, ohne Notizen zu machen; als ersten Riesling etwas Mittelgewichtiges wählen; einen Spätburgunder der einfacheren Art probieren.

Ein Ergebnis vorweg: Verkostungsnotizen schreiben sich anders, wenn man einen Wein am Durchschnitt aller je getrunkenen guten Weine einer Sorte misst. Und auf das reduziert sich meine Vorstellung: schlägt der Wein die Saiten an, die in meinem Gedächtnis und Herzen wohlklingend mit dieser Rebsorte verbunden sind? Sieben Wochen Abstinenz reichen, um ‚den Cache zu leeren‘ – um ein Bild aus der PC-Welt zu verwenden. Ich vergleiche nicht mehr mit dem Wein gleichen Anbaugebietes von vor drei Tagen, gleichen Jahrgangs von letzter Woche oder gleichen Winzers von letztem Monat. Natürlich bleibt vieles im Gedächtnis und abrufbar, aber es fließt anders in die Bewertung.

Also will ich dieses Blog mit einem flüchtigen Eindruck wiederbeleben, nicht mit einer fertigen Verkostungsnotiz. Zu den ersten Weinen aus eigenem Keller, die ich heuer trinken durfte zählte ein Grauburgunder ‚S‘ aus dem Jahr 2007 von Emrich-Schönleber. Gut gekühlt war er, wir tranken ihn zwanglos auf der Terrasse als Aperitif. Ich empfand ihn von den Aromen her als sehr sortentypisch, dazu mit einer schönen Säure ausgestattet, die ihm eine ordentliche Struktur verlieh. Der Wein war schmelzig, vom Alkohol her zurückhaltend, im Abgang lang. Ein hervorragender Wein, der alle Mittrinker sehr erfreute. Ich war zwar glücklich, wieder in diesen Sphären genießen zu können, konnte aber nicht umhin, zwei Schwachpunkte im Wein auszumachen. Die Weine, die meinen persönlichen Maßstab in dieser Kategorie bilden, sind etwas holzgeprägt und trockener. Es ist wunderbar, ein Blog über Luxusprobleme schreiben zu dürfen.

Kadavergehorsam

Es ist eine boshafte aber zutreffende Weisheit, dass in der Menschheitsgeschichte von deutschem Boden keine einzige Revolution ausging, da das Betreten der Rasenflächen vor den Palästen schon immer verboten war. Auch in mir findet sich dieses Gehorsamsgen, wie ich jüngst beim Gang in den Weinkeller wieder feststellen musste. In die Hände fiel mir ein ‚Grosses Gewächs‘ aus dem Monzinger Frühlingsplätzchen. Über diesen Wein sagen seine Erzeuger vom Weingut Emrich-Schönleber, dass er deutlich mehr Zeit zum Reifen und Erlangen seiner wahren Größe brauche als das Gewächs aus dem Halenberg. Da habe ich Frühlingsplätzchen aus allen Jahren seit 2005 in Normal- und Magnumflaschen und noch niemals eine geöffnet, weil Herr Schönleber das so sagt. Hände an der Hosennaht – so mag der Winzer seine Kunden.

Als ich also erstmals den Korkenzieher an ein 2005er Frühlingsplätzchen setzte, war der Schock groß: mächtig gereift war das, was da ins Glas schwappte. Den hätte ich mal früher aufmachen sollen, so mein erster Gedanke. Ich wollte gerade meinen verlängerten Rücken zum Biss freigeben, da setzte eine Entwicklung ein, die nicht unmöglich aber doch selten ist: mit etwas Luft schüttelte der Riesling den Muff aus den Klamotten und wurde quasi stündlich jünger.

Emrich-Schönleber, Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling Grosses Gewächs, 2005, Nahe. In der Nase zeigen sich erst kräftige Reifenoten, andererseits wirkt das Frühlingsplätzchen trotzdem wie ein zarter Wein: Grapefruit, getrocknete Kräuter, Aloe Vera und die immer dezenter werdenden Alterstöne ergeben eine gelungene Mixtur. Am Gaumen ist der Wein recht ähnlich: Zitrusaromen und eine kalkige Mineralik, ein leicht parfümierter Geschmack treffen auf sich zurückziehenden Altersmuff. Nach einigen Stunden ist es ein ziemlich trockener, komplexer und fein gereifter Wein mit einem sehr langen mineralischen Abgang und milder Säure, der seine 13% Alkohol angenehm maskiert. Großes Kino jenseits von 90 Punkten aber ich ärgere mich trotzdem, dass ich den Wein nie jung getrunken habe.

Wenn Montage freitags betrunken sind

Die Kollegen vom fabelhaften Weinblog ‚Drunkenmonday‘ hatten zu einem spektakulären Tasting geladen. Da es sich bei diesem um einen kleinen Wettkampf der beiden Weingüter mit Besitz in der Lecker-Lage Monzinger Halenberg handelte und ich, wie man als regelmäßiger Leser dieses Blogs kaum übersehen kann, ein großer Fan dieser Lage bin, erhielt ich eine Einladung, sozusagen als temporärer Gastmontag. Leider habe ich es nicht geschafft, obwohl der Termin ausnahmsweise an einem Freitag stattfand. Aber den Probenbericht von Carsten habe ich mit Begeisterung gelesen und möchte selbiges auch jedem meiner Leser ans Herz legen. Hier findet man ihn.

Ich hätte getippt, dass Emrich-Schönlebers 2007er der Wein des Abends wird, aber es waren die Jahrgänge 2005 und 2004 von Schönleber sowie der 2004er von Schäfer-Fröhlich (den ich noch nie im Glas hatte). Mann, was wäre ich gerne dabei gewesen. Ich tröste mich mit einem ganz neuen Jahrgang, dem 2009er von Emrich-Schönleber. Das ist ein Wein, der mich sehr an den 2005er erinnert, als der ungefähr die gleiche Zeit auf dem Buckel hatte. Deswegen traue ich mich zu prophezeien, dass er dereinst auch mal 94 Punkte oder ähnliches bekommen wird – von betrunkenen Montagen und von mir.

Emrich-Schönleber, Monzinger Halenberg Riesling Grosses Gewächs, 2009, Nahe. In der Nase sehr klassisch mit viel Aprikose, leichter Kräuterwürze und Muskat (was ich sehr ähnlich in einem alten Notizbuch als Anmerkung zur Nase des 05ers fand). Am Gaumen ist er vielleicht einen Tick süßer als der 05er damals, allerdings immer noch recht trocken, sehr mineralisch und außerordentlich kompakt (man könnte auch ‚massiv‘ sagen), Aprikose und Pistazie treffen auf eine vergleichsweise milde Säure. 13% Alkohol sind nicht dominant. Der Abgang ist sehr mineralisch und sehr lang. Ich finde der Wein macht jetzt schon wahnsinnig viel Spaß, auch wenn er sich bestimmt noch ‚auffächern‘ und viel mehr Aromen freisetzen wird. Grandioses Jungweinerlebnis.

%d Bloggern gefällt das: