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Weinrallye 61: Syrah – oder: Mein erster Io

Syrah ist das Thema der heutigen Weinrallye und ich will nicht verhehlen, dass meine Teilnahme dem Zufall geschuldet ist. Der Wein war eh gerade dran. Das trifft sich gut.

Rallye61Der Umgang der Deutschen mit ihren Weinen treibt die Netzgemeinde um, seit Captain Cork ihn in einem Artikel thematisiert hat. Pauschale Aussagen über Völker finde ich problematisch, dazu habe ich zu viele Spanier getroffen, die gar nicht stolz waren, zu viele Engländer ohne Sommersprossen und zu viele Amerikaner mit Normalgewicht. Doch so ein paar herkunftsbedingte Macken sind nicht zu leugnen.

Stelle einem Deutschen ein Glas mit den Worten hin: ,Probier mal, das ist der beste Wein der Welt‘ – er wird den Rest des Abends damit verbringen, europäische Weine aufzulisten, die diesen Titel viel eher verdienen (und deutsche dabei peinlichst vermeiden, aber das ist heute nicht das Thema). Ein Franzose antwortete vermutlich (ohne vorher zu probieren): ,Danke, dass Du mir einen Wein aus meiner Heimat servierst‘ . Nur der Amerikaner (der normalgewichtige) würde antworten: ,Es ist eine Ehre, dass Du für mich den besten Wein der Welt aufmachst‘ – Respekt ist eine der Grundtugenden des kultivierten Teils der US-Bevölkerung. Die andere ist eine mit ,anything goes‘ ebenso vage wie zutreffend beschriebene Haltung. Also dächte mein amerikanischer Freund bei sich: ,Das kann ich auch‘. Tränken wir ein Fläschchen, würde er mir dieses auch mit gebührendem Respekt ins Gesicht sagen. Tränken wir drei, überredete er mich gar, das Projekt gemeinsam mit ihm anzugehen.

So oder ähnlich trug es sich wohl vor vielen Jahren zu, als Robert Mondavi, Ikone des US-Weinbaus, ein paar Pülleken Chateau Mouton Rothschild pichelte – nur dass nicht ich ihm diese servierte, sondern Baron Philippe de Rothschild himself. Das Ergebnis ist legendär. Die beiden taten sich zusammen und kreierten Opus One. Der Kalifornische Bordeaux-Blend gehört heute zu den großen Rotweinen der Welt.

Amerikaner glauben, dass man alles immer noch besser machen oder zumindest große Erfolge wiederholen kann. Also ergab es sich ein paar Jahre später, dass Mondavi das Rhone-Tal bereiste und die besten Syrah-Weine der Welt trank. Leider hatte er scheinbar niemanden, mit dem er drei Pülleken trinken konnte, denn als er zurück nach Kalifornien kam, gründete er zwar ein Weingut namens ,Io‘, welches künftig im Santa Barbara County einen Weltklasse-Syrah hervorbringen sollte, doch er tat dies alleine – und vielleicht deswegen mit nur mäßigem Erfolg. Der ,Io‘ landete alsbald in den Restekisten europäischer Weinhändler und wechselte für 30 Euro statt der erhofften höheren Beträge den Besitzer. Eine dieser Restflaschen hielt vor etlichen Jahren auch Einzug in meinen Keller.

Neulich hatte ich Besuch von einem Weinfreund mit Rotweinvorliebe und da bot sich die Gelegenheit, den ,Io‘ seiner Bestimmung zuzuführen. Ich servierte ihn blind und mein Gegenüber tippte zunächst auf einen gereiften Italiener. Mit dreißig Minuten Luft stellte sich dann echtes Südfrankreich-Feeling ein und wir waren überrascht. Ob der Vorgeschichte hatten wir höchstens Mittelmaß erwartet. Das Erlebnis war aber aller Ehren wert und für die tatsächlich bezahlten 30 Euro sogar ausgezeichnet.

Mondavi_IO_1999Io (Robert Mondavi), Io Red Wine, 1999, Santa Barbara County, Kalifornien. Der Wein besteht zu 80% aus Syrah, 11% aus Grenache und 9% aus Mourvedre. In der Nase unmittelbar nach dem Öffnen kalifornische Fruchtbombe, dann gereifter Italiener und schließlich Rhonetal-Kuhstall mit Kirsche, Pflaume, Eukalyptus und Zedernholz. Am Gaumen hübsch fruchtig mit Kirsche und Brombeere, dazu Lakritz und Holz. Das Tannin ist sehr fein, der Wein sehr voll und der Alkohol (14,5%) macht ordentlich Dampf ohne zu übertreiben. Der Abgang ist ausserordentlich lang und yummie (um die kalifornische Variante von lecker ins Spiel zu bringen). Schnäppchen!

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Der Gipfel der Anmaßung

Seit ich ein Weinblog schreibe, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wohl zum Schreiben eines Weinblogs befähigt. Eigentlich ist es ziemlich anmaßend, sich öffentlich zu Wein äußern zu wollen, bloß weil man gern und regelmäßig welchen trinkt. Diesem Prinzip folgend, könnte man auch beim ZDF anrufen und einen Platz im literarischen Quartett einfordern, bloß weil man gerne liest.

Da das mit dem Weinbloggen mittlerweile niemanden mehr aufregt, dachte ich mir im Dezember, ich könnte Spannung in mein Leben bringen und genau das tun: unter die Literaturkritiker gehen mit keinerlei Qualifikation als meiner Fähigkeit zu lesen. Um die Hybris ein wenig weiter zu treiben, tat ich etwas, was ich bei Wein noch niemals getan habe: ich bestellte mir ein kostenloses Rezensionsexemplar mit dem Hinweis auf eine Besprechung in diesem Blog (meine Reichweite habe ich verschwiegen, hätte nur die Chancen tatsächlicher Bemusterung ruiniert). Dass ich die Bestellung überhaupt aufgeben konnte, lag daran, dass das fragliche Buch entfernt mit Wein zu tun hat. Es handelt sich um Carsten Sebastian Henns neuen Roman ,Gran Reserva‘ – einen Weinkrimi. Er spielt, wie Experten schon erraten haben, in der Rioja, Heimat des Gran Reserva.

Ich hatte mir das alles ganz einfach vorgestellt. Ich hole mir einen Gran Reserva aus dem Keller, lese den Krimi, mache mir ein paar Notizen und schreibe dann eine beschwingte Kritik. Aber es kam natürlich anders. Mein Kellerbuch verzeichnet im Kapitel Spanien ganze vier Weine und keiner ist ein Gran Reserva. Es war auch nur einer aus der Rioja da und an einem Abend würde ich den Wälzer niemals durchlesen. Also galt es, die Lektüre mit einer Annäherung an einen Gran Reserva zu beginnen. Ich wählte einen ziemlich alten Cabernet aus Kalifornien – ist ja fast das gleiche. Ähnlich kompetent mutete an, was ich mir als Notizen zum Krimi machte. Aber aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Also teile ich meinen Bericht in zwei Hälften. Dieser erste Teil schildert die Entstehung und Begleitumstände meiner Literaturkritik. Er ist nur für Eingeweihte, Stammleser, quasi eine vorweg genommene Entschuldigung, also bitte nicht bei facebook teilen oder gar twittern. Zum zweiten Teil, den ich hochseriös verfassen werde, sobald ich meine nervösen Zuckungen in den Griff kriege, werde ich den Link dann auch an den Verlag schicken, in der Hoffnung, dass die Printheinis keine Ahnung haben, wie man durch ein Blog navigiert oder schlicht zu beschäftigt sind, mehr als die Headline zu lesen. Soviel sei aber schon an dieser Stelle verraten: Ich habe Henns Weinkrimi sehr genossen, genau wie den kalifornischen Gran Reserva.

Hätte man auch mal abstauben können, bevor man ihn fotografiertRobert Mondavi, Oakville, Cabernet Sauvignon 1999, Napa Valley, Kalifornien. In der Nase   dominieren schwarze Johannisbeere und Holz, es riecht aber auch ein wenig nach einem Spaziergang im Viehstall. Am Gaumen ist der Wein sehr von süßer Frucht dominiert: Johannisbeere oder Cassis, wie man in der Weinwelt lieber sagt (warum eigentlich?). Dazu ein Eindruck von Bleistiftspäne und sehr feines Tannin, das nur ein bisschen schmirgelt. Der Wein ist zwar enorm fruchtig aber nicht übertrieben dick oder gar marmeladig, eher mit kühler Aromatik und feiner Note von Menthol. 14% Alkohol sind nicht einmal zu erahnen. Ich finde den Oakville sehr elegant und das Tannin verleiht ihm eine sehr noble Struktur. Der Abgang ist sehr lang und leicht adstringierend. So mag sogar ich Cabernet – ein ausgesprochen guter Wein.

Bibergipfel

In der Gastronomie dominiert noch der Jahrgang 2010, daheim traue ich mich zunehmend an die 2007er heran – für mich als Rieslingtrinker herrschen säurereiche Zeiten. Kein Wunder, dass mein Magen mir da immer öfter zuruft: ,Mach mal cremig, Digger‘ (mein Magen und ich pflegen einen recht formlosen Umgang). Und cremige Weine sind in meinem Keller vor allem im Holzfass ausgebaute Weissweine aus Burgundersorten. Drei davon gab es in den letzten Wochen, die mich richtig glücklich gemacht haben.

Strahlender WeißburgunderDönnhoff, Weissburgunder -S-, 2007, Nahe. In der Nase wunderbar, typisch, Mandarine, Haselnuss, Holz, Nougat, cremig aber nicht zu breit oder fett. Am Gaumen mit kräftiger Säure, spürbarem Holz, schöner Frucht (Ananas, Mandarine), etwas Mineralik. Ein Weissburgunder mit viel Tiefgang, der dank der Säure straff wirkt, obwohl er reichlich Holz mitbringt. Der Abgang ist ausgesprochen lang. Stärker als 2006 aber nicht so grandios wie 2005, der allerdings auch seinesgleichen suchte. In der diesjährigen Preisliste taucht bei Dönnhoff erstmals ein Chardonnay auf neben einfachem und S-Klasse Grau- und Weissburgunder sowie dem tollen Doppelstück.. Ich hab bestellt und bin gespannt. Dönnhoff wird für mich mehr und mehr zu Deutschlands weißem Burgunderpapst, was irgendwie albern klingt, ist er doch schon Rieslingguru und kommt auch noch von der Nahe.

Schloss Proschwitz, Weißburgunder ,Drei Musketiere‘, 2005, Sachsen. Hier ist der Burgunder für mich schon eher zuhause. Aber die Herkunft gibt keinen Bonuspunkt, den gebe ich der Nase: Der Wein riecht nach Nutella und ich mag Nutella! Zusätzlich findet sich Räucherkammer, blonder Tabak, Aprikose und Birne – süß, schön aber ganz schön zugeholzt. Am Gaumen gefällt eine feine aber spürbare Säure, Aromen von Haselnuss, Mandarine, Birne, Toffee – und ganz schön viel Holz. Der Weissburgunder ist mächtig aber nicht brandig. Der Kellermeister hat der Versuchung widerstanden, den Wein aufzupumpen und so sind 13% Alkohol bestens eingebunden. Überhaupt ist in diesem Wein alles ganz wunderbar integriert und gereift. Der Abgang ist cremig, wahnsinnig lang und betont Toffee und Sahnekaramell – furchtbar lecker.

Arrowood, Grand Archer, Chardonnay, 2000, Sonoma County, Kalifornien. Ein wenig skeptisch bin ich bei den deutschen Burgundern hinsichtlich der Alterungsfähigkeit. Was ich bisher an zehn und mehr Jahre alten Weinen getrunken habe, war eher unter dem Gesichtspunkt ,für sein Alter‘ als guter Wein zu bezeichnen. Doch ähnliches hat man wohl auch mal den Kaliforniern nachgesagt, als die den Franzosen Konkurrenz machten. So lauten zumindest die Geschichten, die die Altvorderen mir überlieferten. Dieser hier ist was die Alterungsfähigkeit anbelangt längst in einer olympischen Klasse unterwegs. In der Nase Holz, Haselnuss, Aloe Vera und Quitte. Der Wein duftet noch sehr frisch wenngleich nicht mehr jugendlich. Auch am Gaumen geht‘s dynamisch zur Sache, Die Säure ist spritzig, der Wein aber vor allem cremig (!), der Alkohol liegt bei moderaten 13,5 %, was der kräftige Kalifornier locker wegsteckt. Sortentypische Aromen in harmonischem Zusammenspiel: Mandarine, Melone, Pistazie und Rauch. Der Wein hat eine kräftige Portion Holz abbekommen aber die hat er mittlerweile bestens verdaut. Der Abgang ist lang und ein wenig mineralisch. Ich finde den Wein genial und glaube, dass er noch etliche Jahre durchhalten wird. Eine Flasche habe ich noch und werde berichten, spätestens, wenn mein Magen mir beim Genuss der 2008er Rieslinge in ein paar Jahren ein ,Mach mal cremig, Digger‘ zuruft.

Eine amerikanische Komponente

Als nach Weihnachten die Preise purzelten, nutzte ich die Tage zwischen den Jahren, um meinen Kleiderschrank zu füllen. Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, dass einige der Textilhersteller, deren Erzeugnisse mir besonders lieb sind, ihre guten Sachen leider nie in den Schlussverkauf schicken. Andere Labels hingegen schmeißen die gesamte aktuelle Kollektion massiv reduziert auf den Markt, sobald die Prozentschilder aufgehängt werden. Es sind vor allem die amerikanischen Freizeitlabels wie Polo und Hilfiger, die diese Strategie zu befolgen scheinen. Die mag ich, sie sind mir zum Normalpreis aber zu teuer – weswegen Schlussverkauf für mich meist eine amerikanische Komponente hat.
Das lässt sich auf Wein übertragen, denn da gibt es bei den Sonderposten auch immer Amerikaner der gehobenen Kategorie und so haben mein Kleiderschrank und mein Weinkeller eines gemein: während die deutschen Produkte darin fast alle zum Listenpreis den Besitzer wechselten, sind die amerikanischen samt und sonders im ‚Schlussverkauf‘ erworben. Das mindert die Enttäuschung, wenn sich die Erwartung an die Qualität nicht erfüllt und verdoppelt die Freude über die Highlights. Dabei gilt, nüchtern betrachtet, vermutlich für den Wein wie die Klamotten: Schnäppchen sind die reduzierten Teile auch noch nicht, sondern einfach bei einem adäquaten Preis angekommen. Passend zum Schlussverkauf gab es zwei Weine.

Der Optimus, eine Cuvée mit Syrah, Cabernet und Petit Verdot

Mächtiger Kalifornier: der Optimus ist ein Fruchtpaket

Stephan Vineyards/ L’Aventure, Optimus, 2004, Paso Robles, Kalifornien. Eine Rotweincuvée aus Syrah (57%), Cabernet Sauvignon (35%) und Petit Verdot (8%). In der Nase viel Beerenfrucht und Pflaume, Bleistiftspäne und Zedernholz, Menthol und Alkohol. Am Gaumen ist dieser Wein erstaunlich ätherisch und kühl, bei 14,9% Alkohol hatte ich ein alkoholisches Brennen befürchtet. Ein dicker Brummer (oder Blockbuster, wie man in seiner Heimat sagen würde) ist er trotzdem: opulente Frucht (Brom-, Blau- und Johannisbeere), trifft auf viel griffiges Tannin, feine Mineralik und Noten von Teer, die auch im wahnsinnig langen Abgang im Gleichschritt mit der Frucht marschieren. Gefällt mir ausgesprochen gut – wenngleich ich so einen Wein nicht öfter als einmal pro Monat trinken möchte.
Robert Mondavi, Chardonnay ‚Carneros‘, 1997, Kalifornien. In der Nase und am Gaumen zeigt sich keine Spur von Alter, obwohl der Wein 14 Jahre auf dem Buckel hat. Die Nase immer noch mit Holz, dazu verführerische Ananas und Haselnuss. Am Gaumen bietet sich ein raumgreifendes Vergnügen, wuchtig, cremig und vollmundig – erfreulicherweise jedoch nicht aufgrund überbordenden Alkohols. 13,5% passen zu diesem massiven Chardonnay, der viel süße Frucht (Ananas, Pfirsich) mit einer strammen Säure vermählt. Er zeigt sich dabei holzbetont, würzig und sehr komplex, im sehr langen Abgang auch etwas mineralisch. Für Menschen mit Biebergebiss (also zum Beispiel mich) ist das ein großer Weißwein.

Füllwein (12) – Pinot Edition

Mein (Wein-)Leben besteht nicht nur aus Großen Gewächsen sondern auch aus Alltagsweinen. Einige davon sind erwähnenswert, über andere decke ich den Mantel des Schweigens. Hier ein paar Kurznotizen zu Weinen, die ich jüngst getrunken und auf die eine oder andere Weise für erwähnenswert befunden habe.

Im März trinke ich in normalen Jahren schon wieder Weisswein. Der ausserordentlich lange Winter führte bei mir zu erheblich mehr Spätburgundernotizen. Daher hier gleich drei Pinots.

Reinhold und Cornelia Schneider, Spätburgunder -C-, 2004, Baden. Der Wein duftet vergleichsweise zurückhaltend nach Himbeere und Leder. Am Gaumen ist er von mittlerer Dichte und entfaltet maßvollen Druck: Kirsche, Erdbeere, etwas Holz und Vanille, gereifte aber präsente Tannine. Der Abgang ist eher kühl (im Sinne von Menthol) und 14% Alkohol voll integriert. Summa summarum ein hervorragender Spätburgunder mit spannender Struktur und einiger Finesse.

Robert Mondavi, Pinot Noir Private Selection, 2004, Central Coast California, USA. Mit dieser leicht schweißig-laktisch-sauerkrautigen Nase geht der Mondavi kinderleicht als Deutscher Spätburgunder durch. Dahinter erahnt man noch ein bisschen Himbeere, aber auch das kommt hierzulande vor. Am Gaumen ist der Wein hervorragend balanciert: saftig, beerig (Erd- und Himbeere), mit spürbarer Säure, gereiftem Tannin, Spuren von Holz und einem insgesamt süffigen Charakter bei voll integrierten 13,5% Alkohol. Langer Abgang, großes Vergnügen.

Ludwig Thanisch & Sohn, Spätburgunder unfiltriert, 2007, Mosel. Als der Wein jung war fand ich ihn schauderhaft, weil dünn, völlig überholzt (obwohl der Wein in überwiegend gebrauchten Barriques ausgebaut wurde) und mit stechender Säure – was für ein Irrtum. In der Nase immer noch recht viel Holz, etwas Erd- und Himbeere, leichte Noten von Leder und Zigarrenkiste. Am Gaumen ist die Säure zurückgetreten und der Wein ist ein bisschen cremig geworden. Er ist mineralisch, von eher schlanker aber nicht dünner Struktur, süffig ohne banal zu sein und am Gaumen überhaupt nicht vom Holz dominiert. Der Abgang ist sehr lang, fruchtig und mineralisch. Nicht so gut wie der 2006er des Gutes aber auf Augenhöhe mit 2004 und 2005.

Flüssiges Feindbild

Joel Peterson sieht auf Fotos wie ein echter Cowboy aus, dabei ist er eigentlich Sohn eines Chemikers und selber auch einer. Zumindest war er es mal, denn schon seit Mitte der 1970er ist Peterson Winzer. Sein Weingut Ravenswood gehört mittlerweile zum Konzern Constellation Brands und ist eher das, was man hierzulande eine Kellerei nennt, denn Peterson verarbeitet vor allem zugekaufte Trauben – er ist immer noch Chefönologe des Unternehmens.

Das Ravenswood sich konsequent der Produktion von kräftigen Fruchtbomben verschrieben hat, stellte das Unternehmen von Anfang an klar, indem es sich den Slogan ‚No Wimpy Wines‘ (Keine schlaffen Weine) verpasste. Auftritt und Anspruch Petersons bedienen das Übersee-Klischee von den artifiziellen Industrieweinen schon sehr ordentlich. Um alle Unklarheiten zu vermeiden ist Peterson aber auch einer der ganz wenigen Winemaker (ehrlich gesagt: der einzige, den ich kenne, aber ich bin kein Experte), der offensiv mit ‚neuen önologischen Methoden‘ an die Öffentlichkeit geht. Das ist bei Ravenswood vor allem gezielte Mikrooxidation und der Einsatz von Eichenholz-Chips. Die Einstiegsserie ‚Vintners Blend‘ wird mit Chips produziert. Getreu dem amerikanischen Motto: es ist immer begrüßenswert, Kosten zu senken und den Profit zu erhöhen, wenn dabei keine Arbeitsplätze vernichtet und Verbraucher gefährdet werden, macht Ravenswood aus dem Einsatz dieser Methoden kein Geheimnis und erlaubt es auch, die Produktionsanlagen zu filmen. Zu sehen waren sie vor einiger Zeit in einer Dokumentation auf ARTE.

Wie der Zufall es wollte, konnte ich mir vor einigen Jahren einen bereits länger gelagerten Wein dieser Einstiegsserie bei einer Kellerauflösung besorgen. Ich wollte unbedingt wissen, wie ein gechipster Wein altert und ließ ihn noch in meinem Keller weiter reifen. Dieser Tage war es dann soweit.

Ravenswood, Vintners Blend, Zinfandel, 1999, Kalifornien. In der ziemlich alkoholischen Nase findet sich viel Heidelbeere und Pflaume sowie ein Hauch Leder. Mit etwas Luft gesellt sich eine Paprikanote dazu und die Blaubeere dominiert. Am Gaumen ist der Wein mittelkräftig bei mittlerem Volumen und eher dünner Textur mit einer frischen Säure. Insgesamt dominieren die Fruchtaromen, Tannin oder Holzwürze sind allenfalls noch zu erahnen. Da wo ich bei einem Wein dieses Alters Reifearomen erwarten würde, klafft ein Loch. Das ist etwas eindimensional und müde. Die 13,35% Alkohol treten nicht weiter in Erscheinung. Der Abgang ist mittellang. Für einen Basiswein, der im Zielmarkt zehn Dollar kostet und eigentlich nicht zehn Jahre gelagert werden soll, ist das ein sehr ordentlicher Auftritt.

Der Lernerfolg war bescheiden. Ich glaube nicht, dass ein Wein aus dem großen Fuderfass – die Chips sollen bei diesem Wein keine Barrique-Intensität erzeugen – sich unbedingt anders entwickelt hätte. Weit weg von früheren Erfahrungen mit überlagerten einfachen Spätburgundern war das nicht.

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