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Harte Zahlen – weiche Zahlen

Die folgende Erläuterung hat nichts mit Wein zu tun. Sie bezieht sich auf Dirk Würtz’ Artikel über die aktuellen Auflagenzahlen der Weinpresse und eine lebhafte Diskussion, die sich darum auf den verschiedenen sozialen Kanälen entwickelt hat. Da ich beruflich mit Absatzförderung befasst bin, wurde ich gebeten, einige klärende Anmerkungen zum Thema, wie läuft der Entscheidungsprozess in der Anzeigenschaltung, welche Reichweitendaten sind relevant und wie werden sie erhoben und ausgewertet, zu liefern. Da Facebook mangelhafte Such- und Archivfunktionen bietet, publiziere ich hier, wo der Text auch später leicht gefunden wird. Wer den Schnutentunker liest, weil er sich für Wein interessiert, der komme bitte nächste Woche wieder.

Die Zahl der gedruckten, verkauften, abonnierten und verschenkten Hefte deutscher Print-Medien wird von der Interessengemeinschaft für die Verbreitung von Werbeträgern (kurz IVW) gemessen. Die Zahlen der Weinmedien sind seit Jahren rückläufig. Die tatsächlich verkaufte Auflage einiger Medien nähert sich dem vierstelligen Bereich. Daraus lässt sich auf einen Niedergang schließen, trotzdem sollte man die richtigen Zahlen für die Analyse heranziehen.

Anzeigenkampagnen werden in Deutschland meist von zwei Dienstleistern für den Werbetreibenden erarbeitet. Die Werbeagentur (auch Kreativagentur genannt) konzipiert den Inhalt und die Gestaltung, die Media-Agentur sucht die idealen Umfelder für die Schaltung der Motive, verhandelt die Preise und übernimmt die Auswertung der Ergebnisse. Media-Agenturen haben einige Parameter, mit denen sie planen: Reichweite, Relevanz und Preis. Gehen wir sie einmal der Reihe nach durch.

Die Reichweite ist die Zahl der Menschen, die ein Anzeigenmotiv tatsächlich zu sehen bekommen, beziehungsweise die beste Näherung daran. Sie wird aufgrund von Daten einer Media-Analyse, der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (AG MA, die Studie heißt MA) berechnet. Die AG MA führt jedes Quartal Interviews mit einer Zahl von Menschen, die mindestens den Anforderungen an einen Zensus entspricht. Dabei werden Fragen zur Mediennutzung gestellt. Tuen wir für die Sekunde mal so, als gehörte ich zu den Interviewten.

Ich habe keine Weinzeitschrift abonniert und kaufe auch keine. Meine letzte Vinum habe ich bei einer Messe geschenkt bekommen, einen Falstaff besitze ich nicht. Wenn ich aber Donnerstags einen Absacker im Rutz nehme, an ‚unserem‘ Tisch hinten in der Ecke, und meine Frau geht sich kurz die Nase pudern, dann drehe ich mich um und greife in die Obstschale auf dem Tresen – da liegt die Vinum. Und wenn ich zum Plausch bei Planet Wein am Gendarmenmarkt weile und die freundliche Inhaberin Anja muss einen Kunden verarzten, dann liegt in der rechten Ecke der mittleren Fensterbank der Falstaff.

Während meines MA-Interviews werden mir Kärtchen mit den Logos von Medien gezeigt und Fragen zu meinem Nutzungsverhalten gestellt. Also sehe ich die Karte mit dem Vinum Logo und erkläre wahrheitsgemäß, wann ich das letzte Mal in dieser Zeitschrift gelesen habe. Je nachdem wie es sich damit verhält, lande ich entweder im sogenannten Weitesten Leserkreis (WLK), der Zahl von Menschen, die mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten das Magazin gelesen haben oder gar in den Lesern der letzten Ausgabe. Auf diese Art werden der LWK und die Leser pro Ausgabe (LpA) ermittelt und ergeben zusammen die Reichweite des Mediums. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Exemplar gekauft, geliehen oder geklaut war und das ist auch gut so. Ich nehme an, dass sowohl die Vinum im Rutz als auch der Falstaff bei Planet Wein entweder ein Freiabo oder ein sogenannter Sonderverkauf sind. Das ist für den Mediaplaner irrelevant.

Für die detaillierte Mediaplanung möchte die Agentur aber noch etwas über mich persönlich (abstrakt) wissen. Also gibt es drei sogenannte Markt-Media-Studien, die die MA-Zahlen in Bezug zu Leserprofilen setzen: die Typologie der Wünsche (TdW) von Burda, die Verbraucheranalyse (VA) von Springer und Bauer sowie die Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA) vom gleichnamigen Institut. Sollte ich als Studienobjekt von einer dieser Organisationen ausgewählt werden, so stellen sie mir Fragen über meine Soziodemographie, meine Interessen und mein aktuelles und geplantes Konsumverhalten. So ergeben sich für die Leserschaft der einzelnen Medien Interessenwerte, der sogenannte Affinitätsindex. Dieser sagt aus, wie sich das Interesse der Leserschaft über alle Leser gemittelt im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung darstellt. Ein Affinitätsindex von 400 beim Thema Wein bedeutet also, dass die Leserschaft des untersuchten Mediums eine viermal so große Liebe zu Wein pflegt wie der Durchschnittsdeutsche.

Aus diesen Daten lassen sich die entscheidenden Reichweiten- und Preisinformationen ableiten. Machen wir mal eine Beispielrechnung. Alle Annahmen sind erfunden. Gesetzt den Fall, der Spiegel hat 2 Millionen LpA und eine ganzseitige Anzeige kostet 100.000 Euro. Dann beträgt die Kenngröße Tausend-Kontakt-Preis (TKP) 50 Euro (100 TEUR/2 MM Kontakte = 50 pro Tausend). nehmen wir ferner an, die Auto Motor & Sport (AMS) hat eine Leserzahl von 500.000, ruft für die Anzeige aber 50.000 Euro auf, so verlangt sie einen TKP von 100 Euro. Da wäre ja zu heiß gebadet, wer in der AMS eine Anzeige schaltet? Jein. Es kommt der Effektiv-TKP ins Spiel: Die Leser der AMS haben eine sehr viel höhere Affinität zu Autos. Angenommen, die AWA ergibt, jeder fünfte Spiegel-Leser plant in den nächsten 18 Monaten einen Autokauf, bei der AMS sei es jeder zweite. Dann beläuft sich der Effektiv-TKP in der Zielgruppe der ‚Auto-Kaufentscheider Zeithorizont 18 Monate‘ beim Spiegel auf 250 Euro (100 TEUR geteilt durch 500.000 autointeressierte Leser), bei der AMS nur auf 200 Euro, denn hier sind die sogenannten Streuverluste niedriger, also Kontakte mit Menschen, die sich nicht für das beworbene Produkt interessieren. Deswegen bewirbt man Nutella nicht in der Men’s Health und Chanel nicht im Kicker.

Die Markt-Media-Studien fördern übrigens nicht nur Offensichtliches zutage, sondern auch vieles auf den ersten Blick nicht selbstverständliche. Wer Single Highland Malt Whiskey bewerben will, der geht in die P.M. – warum weiß nur die Software. Denn eine solche nutzen die meisten Media-Agenturen. Sie bietet den Vorteil, dass sie auch komplexe Zusammenhänge berechnen kann und die Frage beantwortet, die noch offen ist: Wenn die AMS für Mercedes doch so viel günstiger ist, als der Spiegel, wieso buchen die nicht nur AMS? Und hier geht es um den Werbedruck, die Kontaktzahl insgesamt und die absolute Reichweite. In Deutschland sind zu jeder Zeit 5 Millionen Menschen mit der Frage beschäftigt, welches Auto sie sich denn in den nächsten 18 Monaten kaufen sollen. Da hilft die AMS mit 250.000 relevanten Lesern nur bedingt. Mercedes muss breiter streuen, um schnell in der gesamten Zielgruppe anzukommen. Dabei bildet die Software dann Rangreihen und berechnet auch die Überschneidungen in der Leserzahl einzelner Medien.

Online funktioniert das Ganze analog: Die MA heißt hier AGOF und ist Mitglied in der AG MA, der WLK heißt WNK (Weitester Nutzerkreis) und die Daten werden mit der technischen Messung verknüpft, die ebenfalls von der IVW kommen.

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Aye Aye und Goodbye, Captain!

Anmerkung: Manfred Klimek beendet zum Ende des Monats die Chefredaktion der Plattform Captain Cork und hatte sich von allen Deutschen Weinbloggern zum Abschied Gastbeiträge gewünscht. Das Folgende hätte meiner sein sollen. Dass er nicht bei CC erscheint, liegt nicht daran, dass Klimek den Text nicht mochte, es hat mit den Modalitäten seines Abschieds zu tun. Also erscheint er jetzt hier.

Looos, schreib!

Ein Drama in vier Akten und (k)ein Gastbeitrag

1. Akt: Am Schiff. Die letzte Planungskonferenz mit dem scheidenden Captain läuft

Captain: Wisst Ihr schon, wie es weiter geht, wenn ich Euch verlasse?
Zahlmeister: Als erstes schaffen wir diese dämlichen Punkte wieder ab
Captain: Wie bitte? Keine Punkte? Das wird das Schiff nicht überleben!
Der Erste: Und ob. Die neue Bewertungsskala ist ganz einfach. Es gibt drei Arten von Weinen: die schlechten, die guten und die bei Captain Cork erwähnten. Die Besprechung in der führenden deutschen Internetplattform ist für einen Wein eh’ das größte Lob.
Captain: So ein Dreck. geht alles den Bach runter hier, steht nicht mal ordentlicher Wein auf dem Tisch. Dabei muss ich vorglühen, gehe heute noch in Grill, Kingsize, Grand, Katz und Cookies, (Er steht auf und schaut in den Kühlschrank)Was haben wir da? Ah, ein Wein von mir, der Looos. Seht Leute, das ist ein großer Wein.
Der Zahlmeister: Nein, das ist höchstens ein guter Wein, denn er wurde nie bei Captain Cork besprochen.
Captain: Aber das könnt Ihr dann ja machen, wenn ich weg bin
Linkslotse: Niemals, das sähe immer noch nach Vetternwirtschaft aus.
Captain: Dann mach ich das halt. So als letzten Artikel.
Zahlmeister: Nix da, Du redigierst noch die Gastbeiträge Deiner Claqueure und dann ist Schluss hier. Und Schluss ist jetzt auch mit dieser Redaktionskonferenz. Ich muss los.

Alle stehen auf und verlassen das Schiff. Einzig der Captain bleibt zurück, tigert auf und ab und trinkt in hastigen Schlucken seinen Wein.

Captain: Hagel und Granaten, keinen Respekt mehr diese Maate. Denen werde ich es zeigen. Dieser Wein ist groß und deswegen muss er bei Captain Cork besprochen werden. Aber ich habe nur diese Gastbeiträge. Er bleibt stehen, schlägt sich gegen die Stirn. Heureka! Gastbeiträge. Ich lasse einen Gastautor den Looos besprechen. Das ist es. Wen nehme ich denn da? Warte: Vahlefeld? Zu verkopft, Elflein? Der kann nur Riesling. Würtz? Zu inflationär begeistert. Ich brauche jemand neues. Jemanden, den ich formen kann. Ha, ich weiß.
Er greift zum Telefon

Vorhang

2. Akt: Eine Wohnung in Weißensee, die Küche, der Schnutentunker, ein Mann in den besten Jahren, kniet auf dem Küchenfußboden mit einem Glas Rotwein in der Hand und scheint zu beten.

Schnutentunker (ST): Lieber Gott, danke dass es so was gibt, danke, dass der Winzer so viel Talent und der Herr Schulz soviel Geld hat, Danke, dass … (Das Telefon klingelt, der Schnutentunker erhebt sich und greift zum Hörer) Ja, Hallo … Wer? … Klimek? … Der Klimek? … Captain Cork?
Sir, ja Sir, es ist mir eine große Ehre. … Was? … Ja, ich bin still und höre zu.
Man hat mein Blog an Bord wohlwollend zur Kenntnis genommen?
Gastbeitrag? (Sichtlich bewegt ringt der Schnutentunker um Fassung.) Ja, ich bin noch dran. … Selbstverständlich folge ich der Einladung. … An Bord, ja. Morgen. Ich werde da sein. … Pünktlich.

Vorhang

3. Akt: Die Kombüse am Schiff. Der Captain hängt sichtlich verkatert am Tisch, der Schnutentunker stocksteif und nervös mit den Händen spielend ihm gegenüber, vor sich ein aufgeklapptes Notebook.

Captain: Also Schnuti, direkt zur Sache. Wir suchen neue Maate und Du bist ein Kandidat. Dein Blog ist nett. Nicht perfekt aber ein Rohdiamant. Der Schliff fehlt noch aber ich bin ja jetzt da.
ST: Vielen Dank, Captain, ich weiss gar nicht, wie ich Ihnen…
Captain: Jaja, nicht heulen. Hier, nimm mal einen Schluck von diesem Klassewein und fang an zu beschreiben

Beide halten ihre Nase in ihr Weinglas, riechen, probieren und gurgeln ausführlich

ST: Also das ist wirklich eine schöne Nase, hat was dezent pfeffriges…
Captain: DEZENT? Bist Du deppert, das ist doch kein dezenter Wein, das ist urwüchsig, ein Wein wie ein Kerl, ein Echter Baum von einem Mann
ST: Männer, Bäume aber sollte man nicht…
Captain: Journalismus, Schnuti, das ist Journalismus. Muss ich Dir jetzt den Journalismus erklären?
ST: Ich dachte, Journalismus hat was mit Fakten zu tun …
Captain: MEINUNGSJOURNALISMUS, Schnuti, geht das in Deinen Schädel rein?
ST: Ja, sorry Captain, es ist nur so: Fünf Zentiliter Probeschluck und fünf Minuten, ich schreibe ja immer in meinem Blog, dass das nicht reicht, um wirklich hinter das Geheimnis eines Weins zu kommen.
Captain: Aber das ist Captain Cork, das ist kein Blog und wenn Du in fünf Minuten nix Gescheites über einen Wein rausfindest, dann bist Du kein guter Verkoster. Glücklicherweise bin ich ein sehr guter Verkoster. Also helfe ich Dir. Ich verkoste, Du notierst.
ST: Das ist wirklich sehr freundlich, dass Sie mich so unterstützen.
Captain: Jaja, Schluss mit dem Gewinsel. Also schreib (der Captain springt auf, tigert durch den Raum, riecht, probiert und diktiert) In der Nase kräftig und eindringlich, sauber, frisch geschnittenes Gras, gelbfruchtig, nasser Aschenbecher …
ST: Nasser Aschenbecher? Das ist doch kein Vokabular der Weinsprache!
Captain: Sprache ist lebendig, sie entwickelt sich. Was hat Goethe gemacht, wenn ihm ein Wort fehlte? Er hat eines erfunden. Was macht der Captain, wenn ein Wort in der Weinsprache fehlt? Er fügt es hinzu.
ST: Aber Goethe war ein berühmter Dichter.
Captain: Und ich bin ein berühmter Fotograf. Fotografen verdienen eh’ mehr als Dichter. Goethe hat in sechs Monaten Italien nicht so viel auf seine Kredtitkartenrechnung geschafft, wie ich in drei Tagen Paris! Und jetzt schreib. Am Gaumen dicker Extrakt, mineralische Würze, fantastisches Mundgefühl und so weiter und so fort, Du kannst das dann zuhause auffüllen.
ST: Soll ich nicht noch etwas zum Anlass schreiben, zu dem er am besten passt, also vielleicht Terrassenwein oder Kamin…
Captain: Sag’ mal Bürschchen, liest Du eigentlich meine Texte nicht?
ST: Also, wenn ich ehrlich bin nicht so regelmäßig.
Captain: Das sagen alle, aber wenn ich mir die Millionen von Klicks anschaue, dann weiss ich – ach, vergiss es. Wir müssen zum Schluss kommen
ST: Na gut, aber wir sollten eine Bezugsquelle angeben, oder?
Captain: Das ist ein Österreichischer Wein, das ist nicht so, wie bei Euch Piefkes. Unsere großen Weine der Heimat sind selbstverständlich schnell ausverkauft. Naja, aber ich kenne ein zwei Händler, die würden vielleicht noch was aus der privaten Schatzkammer rausrücken. Also schreib: Weinunion, Weinart, Weingallerie, Fräulein Brösels Weinerwachen.
So, genug gearbeitet. Das schreibst Du jetzt daheim alles zusammen. Hier, (er gibt ihm eine Flasche Wein) nimmst Du noch einen zweiten Wein mit und besprichst den dann, wie wir es geübt haben. Das ist ganz was wildes.
ST: (liest das Etikett) Fattoria Kappa, nie gehört.
Captain: Was? Naja, ahnungsloser Enthusiast halt. Das Weingut ist der neue Stern in der Toskana, gehört einem berühmten Fotografen.
ST: Und Sie sagen, das ist ein wilder Wein? So mit Amphore?
Captain: Nix Amphore, wild hab’ ich gesagt, nicht Scheissdreck. Aber jetzt raus, ich habe noch Termine

Vorhang

4. Akt: Die Küche in Weissensee. Der Schnutentunker sitzt heftig schwitzend mit dem Notebook am Tisch. Auftritt der Schnutentunkergattin (STG).

STG: Hallo Schatz, wie war Dein Tag?
ST: Aufregend. Ich war bei Manfred Klimek, dem Captain. Wir haben Wein getrunken und ich habe sehr viel gelernt.
STG: Klimek? War das nicht dieser attraktive Typ, den Du mir neulich bei unserem Essen im Grill von weitem gezeigt hast?
ST: Ja, genau der
STG: Interessant… Und, wie ist der so?
ST: Ein beeindruckender Mann. Irgendwie urwüchsig
STG: Aha, und sonst so?
ST: Naja, der hat schon enorm was drauf. Und das ist das Problem. Ich soll einen Gastbeitrag schreiben und könnte vielleicht sogar Maat werden aber ich glaube, ich krieg es nicht hin. Ich sitze hier und mir fällt einfach nix ein, was gut genug für die führende Weinplattform im Internet wäre.
STG: Und, willst Du ihm jetzt absagen?
ST: Muss ich wohl. Aber mir fällt nicht mal ein gescheiter Text für eine Absagemail ein.
STG: Ach, armer Schatz, ich helfe Dir. Gib mir doch mal die Handynummer vom Captain. Ich ruf ihn an und erklär ihm das und wenn er arg enttäuscht ist, dann treffe ich mich mit ihm und werde ihn schon irgendwie besänftigen.
ST: Ach Liebling. Das ist so süß von Dir. Was würde ich nur ohne Dich machen?

Vorhang

Schäumen mit einem N

‚Haben Sie irgendwas mit Wein zu tun?‘ lautet eine oft gestellte Frage, wenn ich mit mir unbekannten Menschen gemeinsam verkoste. Das mag daran liegen, dass ich immer öfter zu Veranstaltungen eingeladen werde, bei denen fast alle etwas mit Wein zu tun haben. Meine Antwort lautet wahrheitsgemäß ‚Nein‘. Doch unter meinen Weihnachtsgeschenken befand sich dieses Jahr eins, das mir erlaubt mich in Bezug zu Wein zu setzen, wenn ich einen ganz ganz großen Bogen Spanne. Und der geht so:

Meinen Nachnamen Bodmann verdanke ich der Tatsache, dass meine Vorfahren dereinst ihre Heimat verließen. Gemäß dem Prinzip ‚cuius regio, eius religio‘ standen sie vor der Wahl die Religion oder den Wohnort zu wechseln. Also zog es meine Ahnen vom badischen Dörfchen Bodman ins Niedersächsische Eichsfeld. Da einfache Menschen in ländlichen Regionen nicht zwingend Nachnamen hatten oder sich bei Umzug auch mal neue gaben, hießen meine Vorfahren fortan Bodmann. Das zweite ‚N‘ entstammt der Tatsache, dass auch Bodman bis 1884 mit zweien geschrieben wurde. Dann setzten die Grafen von und zu Bodman alle Hebel in Bewegung, um Bodman (Stammsitz ihres Geschlechts) in der Schreibweise ihrem eigenen Namen anzupassen – sie hatten das Doppel-N einige Jahrhunderte vorher abgelegt – und wir Exil-Bodmänner standen mit dem zweiten, dem Proleten-N, alleine da.

Dies wissend machte ich mich vor 15 Jahren auf meinen Ursprungsort zu erkunden. Bodman ist ein sterbenslangweiliges Dorf am Überlinger See, dem Nordzipfel des Bodensees. Ich fand kaum etwas Aufregendes vor, außer einer Gedenktafel, die anzeigte, dass im ‚Bodmaner Königsweingarten‘ Kaiser Karl der Dicke im Jahre 884 die ersten Burgunderreben anpflanzen ließ. Meine Vorfahren lebten also am Fuße des ersten dokumentierten Spätburgunderweinbergs Deutschlands. Da war sie, meine Verbindung zum Wein. Die Lage existiert immer noch, die Grafen von und zu Bodman gehören aber nicht gerade zu den hochdekorierten Betrieben deutschen Weinbaus. In jüngster Zeit produzieren sie nach Naturland-Regeln und die Weine sollen besser geworden sein. Ich werde im neuen Jahr einmal nachforschen.

Am Ortsausgang von Bodman fand ich ein Schild ‚Schlosskellerei‘. Das musste ich mir anschauen. Doch auch hier wurde ich enttäuscht. Die Schlosskellerei versprühte den Charme eines Getränkemarktes am Ortsausgang eines 1000-Seelen-Dorfes, was vorwiegend daran lag, dass sie genau das war: ein Getränkemarkt am Ortsausgang eines 1000-Seelen-Dorfes. (Der Fairness halber sei gesagt, dass ich nicht erfragte, ob sie eventuell umbaubedingt in diesem Zweckbau Unterschlupf gefunden hatte.) Im Sortiment fand ich aber etwas, was meine Aufmerksamkeit erregte. Französischen Sekt der Marke ‚Baron de Bodman‘. Der stammte von einem Haus, das bei seiner Gründung Unterstützung eines französisch verheirateten von und zu Bodmans erfahren hatte und dessen mit einem Cremant gedachte.  Da griff ich zu, nahm ein paar Flaschen mit und verschenkte sie an Familienmitglieder.

Baron de BodmanEines dieser Familienmitglieder griff das Thema voller Begeisterung auf, und bestellt seitdem fleißig in Süddeutschland französischen Sekt, um ihn als Mitbringsel im Freundeskreis zu verteilen. Der Spieß ist längst umgedreht: ich gehöre regelmäßig zu den Beschenkten. Mein Anspruch stieg über die Jahre, die Qualität des Sektes nicht und so habe ich die üblicherweise verabreichten Halbflaschen weiterverschenkt. Dieses Jahr gab es zu Weihnachten wieder ein Pülleken und da ich zuletzt so viel Schönes mit Schäumern erlebt habe, beschloss ich mein Glück noch mal zu versuchen. Ich war überrascht und recherchierte. 2007 investierte Eigner Bollinger kräftig in seinen Loire-Ableger Langlois-Chateau, den Baron de Bodman-Produzenten und das mag der Grund für die gestiegene Qualität sein. Mir jedenfalls hat er sehr ordentlich geschmeckt.

Langlois-Chateau, Baron de Bodman brut, Cremant de Loir (AC), o. J., Frankreich. In der Nase eher flach aber angenehm mit Aromen von Brotkruste und Quitte. Am Gaumen mittelfeine Perlage und sehr schönes Spiel, ziemlich trocken und schwach würzig, mit Aromen von Zitrus und Birne sowie etwas Malz. Der Abgang ist recht lang und der Cremant alles in allem sehr ordentlich.

Ihnen, liebe Leser, einen guten Rutsch. Mögen Sie Silvester was Feines zum Anstoßen finden, mindestens so gut wie ‚mein‘ Cremant.

Ihr

Felix Bodmann (mit dem zweiten, dem Proleten-N)

Meine erste Ersatzflasche

Es gibt wenige Aspekte des Weingenusses, die ich so albern finde wie Korken – Diskussionen über Korken vielleicht. Im Zeitalter von Facebook werde ich regelmäßig Zeuge dieser Diskussion – merke: Einzahl, denn es ist immer die gleiche Diskussion. Ausgelöst wird sie zumeist durch die Statusmeldung eines verhinderten Genießers, der beklagt, dass sein gerade geöffneter edler Tropfen korkend als stinkende Brühe aus der Flasche läuft – Echtzeitjammern sozusagen – verbunden mit dem Ausruf: ,Dreckskork‘ (hier sind begrenzt Variationen möglich).

Im nächsten Schritt melden sich ein bis drei Unterstützer, die beifällig murmeln auch sie fänden es absurd, dass man ein Stück Baumrinde für die Genussmittelverwahrung verwende – in der Deluxe-Edition verbunden mit einem Hinweis auf die umweltfrevelhaften Dünge-, Pflanzenschutz- und Bleichmethoden der südeuropäischen Produzenten.

Mit der Präzision einer Sinuskurve folgt als nächstes die Gegenbewegung in Form eines Kommentars von einem Weinfreund, der bemerkt, er sei ja auch ein großer Fan des Schraubers, allerdings nur für die Basis bitte, denn Spitzenweine benötigten schließlich den  Sauerstoff zum reifen. Wie orbi auf urbi folgt darauf ein Hinweis, ein guter Korken sei absolut gasdicht, wie ,die Wissenschaft‘ hinlänglich belegt habe. Der ungebildete Gasdurchlasser trollt sich und macht Platz für einen kleinen Einwurf zu Glasverschlüssen, der mit dem Hinweis beiseite gewischt wird, dieser sei längst tot weil nicht in die USA exportierbar (,Ich sag nur: Produkthaftung! Ein Glassplitter in der Flasche und die Millionenklagen fliegen dem Produzenten nur so um die Ohren‘).

Auftritt der Plopper: Nun möchte jemand über die Romantik, das Ritual und sonstige positive Aspekte des ,Plopp‘ sprechen. Selbstredend ist dies nicht dem Vortragenden selbst wichtig, sondern dem ,Durchschnittskonsumenten‘. Er wird brutal umgegrätscht von einem Weinkellner in Ausbildung, der erklärt, ein guter Sommelier wisse das ,Plopp‘ zu vermeiden und in der gehobenen Gastronomie werde die Flasche eh nicht am Tisch geöffnet (was zugegeben am Thema vorbei geht, weil kaum jemand sich noch gehobene Gastronomie leisten kann).

Früher lief die Diskussion ab diesem Punkt langsam ins Leere, doch seit sich auf Facebook Konsumenten mit Produzenten verbrüdern, gewinnt die Diskussion an Komplexität: Auftritt eines Winzers, der ein Foaf-Tale zum besten gibt. Das ist eine Geschichte, die dem Freund eines Freundes passiert ist (friend of a friend, in der Forschung über ,urban legends‘ eben mit foaf abgekürzt, in meiner Generation auch als Spinne in der Yucca-Palme bekannt): Der Schrauber, falsch justierte Maschine, alles undicht, 60% Verlust, Riesenschaden, oje oje. Sollte der Foaferzähler gerade im Urlaub sein, springt ein freundlicher Kollege ein, der zu Protokoll gibt, er sei ja wieder zum Korken zurückgekehrt, weil sich Weine ,unter Schrauber einfach nicht so gut entwickeln‘. Kurzer Diskussionsstrang der Profis (und solcher, die sich dafür halten) unter sich. SO2-Spiegel dem Verschluss anpassen, Kohlensäure etc. pp – für mich heißt‘s hier immer Wecker stellen.

Dann kommt erneut ein Verbraucher und stellt die Frage, ob es denn überhaupt Erfahrungswerte mit Schraubern gebe, die zuverlässige Aussagen über das Reifeverhalten über Jahrzehnte…“PENFOLDS“ schreit die Gemeinde unisono. Das sollte mittlerweile jedes Kind wissen, dass dort noch Probeflaschen aus den 70ern auf die Verkostung warten, die mit Screwcap (jetzt wird‘s international) verschlossen sind. Aha, aber wie steht‘s mit Bordeaux? Ja, da wird jetzt auch schon verschraubt, meldet sich meist ein Händler zu Wort. Anschließend wieder ein Winzer: der bringt Egon Müller ins Spiel, denn es sei ja wohl vollkommen unvorstellbar, dass der seine TBAs verschraubt. Die Teilnehmer werden müde, man wird kompromissbereit, macht Vorschläge zur Güte: ,Wenn Du wirklich Pech mit dem Korken hast, dann bekommst Du die Flasche doch vom Händler oder Winzer ersetzt‘. Wenn noch Energie vorhanden ist, meldet sich einer der zahlreichen anwesenden Juristen und erklärt die mögliche Unwirksamkeit des Haftungsausschlusses bei Korkfehlern. Es folgt nur noch halbherzig ein verächtliches Schnauben, dass man ja wohl kaum nach 5 Jahren zum Händler zurückkehren könne oder dass der Winzer 600 Kilometer weit weg ist und es höchstens möglich wäre – da der Wein längst ausverkauft und der aktuelle Jahrgang viel teurer ist – die Rücküberweisung von 13 Euro zu verlangen, was irgendwie albern klänge. Das halten alle Parteien für ein würdiges Schlusswort.

Es ist alles gesagt, von allen!

Naja, fast alles: Ich bin ein Mann und als solcher für Technik zu begeistern – mehr noch als für Romantik. Und deswegen muss ich einmal widersprechen: ,Plopp‘ ist nett, irgendwie retro, aber das Öffnen eines Glasverschlusses: das ist High-Tech-Revolution. Meine erste mit Glasstopfen verschlossene Weinflasche war so aufregend wie mein erster Mietwagen mit schlüssellosem Zugangssystem. Faszinierend! Habe den ganzen Abend diese Flasche auf und zu gemacht. Ich glaube ganz fest, wenn man 1000 männlichen Verbrauchern – und das sind in Punkto Wein die Kaufentscheider – die Wahl zwischen Glasverschluss und Korken gibt um eine Dame zu beeindrucken, 983 werden den Glasverschluss wählen (und traurig sein, dass sich die Dame nicht stundenlang über dieses Hightech-Präzisionsinstrument unterhalten mag).

Großer Cab aus AustriaUnd einmal muss ich zustimmen. Ich habe noch nie bei einem Händler oder Winzer eine korkende Flasche reklamiert. Trotzdem habe ich mal eine ersetzt bekommen. Der Winzer hatte gelesen, dass ich seinen Wein aufgrund Korkfehlers nicht genießen konnte. Er hat mir einen neuen geschickt, was mich enorm gefreut hat – ich wusste von einer Probe, wie gut der ist. Am Wochenende habe ich ihn getrunken.

Grenzhof Fiedler, Cabernet Sauvignon, 2003, Burgenland, Österreich. In der Nase fruchtig und süß mit typischer Johannisbeere, nur mäßigem Holz und einer leckeren Toffee-Note.  Am Gaumen zeigt der Wein ganz feines Tannin, spürbare Mineralik und eine schöne Struktur: er ist körperreich aber nicht fett, fruchtig mit Johannis- aber vor allem Brombeere, dazu Kaffee, helle Schokolade und feines Holz. Mit und nach dem Essen wirkt er noch eine Spur süßer aber auch auf animierende Art adstringierend. Trotz des heißen Jahres kam der Wein mit nur 13,5 Prozent Alkohol in die Flasche, das unterstützt die Eleganz – ebenso wie der enorm lange Abgang.

Der Winzer erzählte mir beim Vinocamp, Cabernet sei seine Lieblingsrebsorte. Kann ich verstehen. Wenn ich solche Drogen anbauen würde, wäre ich auch gefährdet.

Sechster in Absurdistan

Ich bin Mitglied diverser Weingruppen auf Facebook. Eine davon (sie heißt ,Hauptsache Wein‘ und jeder kann sich dort anmelden) beschäftigt sich besonders gerne mit Themen rund um Weinmedien und Weinkritik. Obwohl selten neue Argumente kommen, scheint das Thema niemals langweilig zu werden, wer eigentlich wann über welchen Wein schreiben darf und wie die schriftliche Auseinandersetzung mit Rebensaft auszusehen hat, damit sie ernst zu nehmen ist. Ein weiteres Dauerthema ist die Frage danach, wer unter den Weinschreibern welche Relevanz aufweist, mithin meinungsbildend, einflussreich oder gar führend ist.

Das Problem mit der Relevanz ist, dass sie die Summe von Reichweite und Kompetenz darstellt. Also kann man denjenigen, die über vermeintlich hohe Reichweite verfügen, immer noch die Kompetenz absprechen. Die Kompetenz wiederum ist gar nicht messbar, es sei denn, man würde eine Art Wissens- und Sensorikwettstreit für Weinkritiker veranstalten und alle zur Teilnahme bewegen. Die Internetseite Wein-Plus hat dieser Tage versucht, ihre Kompetenz und Bedeutung anhand diverser Zahlen in einer Tabelle darzustellen, doch das führte eher zu Hohn und Spott – vor allem in der Facebook-Gruppe ,Hauptsache Wein‘.

Die Debatte mutet absurd an: erwachsene Männer (es sind ausschließlich Männer) diskutieren darüber, wer der qualifiziertere Verkoster, seriösere Journalist, bedeutendere Meinungsbildner oder einfach tollere Hecht ist. Sich darüber lustig zu machen fällt leicht, wird aber den handelnden Personen nicht gerecht; es geht um berufliche Existenzen und Bescheidenheit ist zwar sympathisch, führt aber zu Mindereinnahmen.

Das Problem ist nicht nur  mangelnde Transparenz, wer wirklich welche Leserzahlen hat, es ist auch die schiere Anzahl der funkenden Amateure. Die sind so zahlreich, dass das Grundrauschen einen Pegel erreicht hat, bei dem die Signale der Profis darin untergehen. Wenn das Titelbild der neuen Vinum auf Facebook genau so oft kommentiert und geteilt wird, wie das Foto vom Abendschoppen eines Hobbybloggers, entsteht schnell der Eindruck letzterer schwämme im gleichen Teich – als Hecht und nicht als Karpfen –, selbst wenn er gar nicht den Anspruch hat.

Das Phänomen zu verstärken gelingt einer Firma namens eBuzzing, die ein Ranking der einflussreichsten Weinblogs veröffentlicht. Ohne Einsicht in individuelle Zugriffszahlen zieht es die Zahl der Likes und Kommentare, Follower, Retweets und Backlinks zu Rate um zu bestimmen, wer in Sachen Wein Bedeutendes publiziert. Jetzt wurde das Wein-Ranking mit den Gastro- und Kochblogs zusammengeführt. Das Ergebnis zeigt, wie absurd diese Stocherei im Nebel wirklich ist. Mein Blog rangiert als sechstbestes Weinblog unter den Top-20 der einflussreichsten Essen- und Trinken-Blogs des deutschsprachigen Raums. Das ist totaler Quatsch.

Zum Vergleich: auf Platz 37, weit hinter mir, rangiert Astrid, die sich mit ihrem Blog ,Arthurs Tochter kocht‘ eine veritable Existenz aufgebaut und sogar ein erfolgreiches Buch darüber geschrieben hat. Sie dürfte in der Stunde so viele Leser haben wie ich im ganzen Monat. Auf Platz 80 gar findet sich Bernhard Fiedlers preisgekröntes Blog. Er ist ein so weithin geachteter Experte, dass er mit einem provokanten Satz eine größere Diskussion in der Weinwelt anzetteln könnte als ich mit einer zehnteiligen Artikelserie.

Zugriffszahlen

Meine Leserzahlen findet man in obigem Screenshot: 50 am Tag und rund 1200 (dedupliziert) im Monat. Daraus Rückschlüsse auf die professionelle Weinberichterstattung im Internet zu ziehen, wäre so unsinnig, wie meinen heutigen Wein repräsentativ für die Leistung seines Ursprungsweingutes zu nennen.

vanVolxem_Kupp_2004Van Volxem, Riesling ,Kupp‘, 2004, Mosel. In der Nase grüßen tropische Früchte: Ananas, Melone und Mandarine. Außerdem zeigt der Wein eine würdige Würze, die das Alter aufs beste repräsentiert. Die Erwartungen sind groß aber leider kann der Wein sie am Gaumen nicht alle erfüllen. Es fehlt an Säure. Das war vor sieben Jahren so, das war vor vier Jahren so und es ist auch heute noch ein Manko. Die Süße ist zwar nicht pappig aber sie dominiert den Wein eine Spur zu sehr – kaum Säure und nur wenig Mineralik puffern nicht ausreichend, um brillantes Spiel zu produzieren. Ein kleines Bitterl im Abgang hebt den Wein immerhin in die Liga anspruchsvoller Weine, Aromen von Aprikose und Melone runden das Vergnügen ab. Der Abgang ist ziemlich lang – ein netter Wein für Freunde gereifter, feinherber Rieslinge aber kein großer Wurf.

Der Gipfel der Anmaßung

Seit ich ein Weinblog schreibe, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was wohl zum Schreiben eines Weinblogs befähigt. Eigentlich ist es ziemlich anmaßend, sich öffentlich zu Wein äußern zu wollen, bloß weil man gern und regelmäßig welchen trinkt. Diesem Prinzip folgend, könnte man auch beim ZDF anrufen und einen Platz im literarischen Quartett einfordern, bloß weil man gerne liest.

Da das mit dem Weinbloggen mittlerweile niemanden mehr aufregt, dachte ich mir im Dezember, ich könnte Spannung in mein Leben bringen und genau das tun: unter die Literaturkritiker gehen mit keinerlei Qualifikation als meiner Fähigkeit zu lesen. Um die Hybris ein wenig weiter zu treiben, tat ich etwas, was ich bei Wein noch niemals getan habe: ich bestellte mir ein kostenloses Rezensionsexemplar mit dem Hinweis auf eine Besprechung in diesem Blog (meine Reichweite habe ich verschwiegen, hätte nur die Chancen tatsächlicher Bemusterung ruiniert). Dass ich die Bestellung überhaupt aufgeben konnte, lag daran, dass das fragliche Buch entfernt mit Wein zu tun hat. Es handelt sich um Carsten Sebastian Henns neuen Roman ,Gran Reserva‘ – einen Weinkrimi. Er spielt, wie Experten schon erraten haben, in der Rioja, Heimat des Gran Reserva.

Ich hatte mir das alles ganz einfach vorgestellt. Ich hole mir einen Gran Reserva aus dem Keller, lese den Krimi, mache mir ein paar Notizen und schreibe dann eine beschwingte Kritik. Aber es kam natürlich anders. Mein Kellerbuch verzeichnet im Kapitel Spanien ganze vier Weine und keiner ist ein Gran Reserva. Es war auch nur einer aus der Rioja da und an einem Abend würde ich den Wälzer niemals durchlesen. Also galt es, die Lektüre mit einer Annäherung an einen Gran Reserva zu beginnen. Ich wählte einen ziemlich alten Cabernet aus Kalifornien – ist ja fast das gleiche. Ähnlich kompetent mutete an, was ich mir als Notizen zum Krimi machte. Aber aus der Nummer komm ich nicht mehr raus. Also teile ich meinen Bericht in zwei Hälften. Dieser erste Teil schildert die Entstehung und Begleitumstände meiner Literaturkritik. Er ist nur für Eingeweihte, Stammleser, quasi eine vorweg genommene Entschuldigung, also bitte nicht bei facebook teilen oder gar twittern. Zum zweiten Teil, den ich hochseriös verfassen werde, sobald ich meine nervösen Zuckungen in den Griff kriege, werde ich den Link dann auch an den Verlag schicken, in der Hoffnung, dass die Printheinis keine Ahnung haben, wie man durch ein Blog navigiert oder schlicht zu beschäftigt sind, mehr als die Headline zu lesen. Soviel sei aber schon an dieser Stelle verraten: Ich habe Henns Weinkrimi sehr genossen, genau wie den kalifornischen Gran Reserva.

Hätte man auch mal abstauben können, bevor man ihn fotografiertRobert Mondavi, Oakville, Cabernet Sauvignon 1999, Napa Valley, Kalifornien. In der Nase   dominieren schwarze Johannisbeere und Holz, es riecht aber auch ein wenig nach einem Spaziergang im Viehstall. Am Gaumen ist der Wein sehr von süßer Frucht dominiert: Johannisbeere oder Cassis, wie man in der Weinwelt lieber sagt (warum eigentlich?). Dazu ein Eindruck von Bleistiftspäne und sehr feines Tannin, das nur ein bisschen schmirgelt. Der Wein ist zwar enorm fruchtig aber nicht übertrieben dick oder gar marmeladig, eher mit kühler Aromatik und feiner Note von Menthol. 14% Alkohol sind nicht einmal zu erahnen. Ich finde den Oakville sehr elegant und das Tannin verleiht ihm eine sehr noble Struktur. Der Abgang ist sehr lang und leicht adstringierend. So mag sogar ich Cabernet – ein ausgesprochen guter Wein.

Meister der Herzen (2)

Wie früher schon beschrieben, genieße ich die Zeit um die Veröffentlichung der Großen und Ersten Gewächse gründlich. Wo möglich besuche ich Veranstaltungen, probiere selbst und lese alles, was in den sozialen Medien und auf Blogs veröffentlicht wird. Dabei kristallisieren sich Geheimtipps heraus, die ich mir besorge, wenn sie noch nicht auf der Einkaufsliste standen.

Ein Wein, der dieser Tage in vielen Berichten auftaucht, ist der Berg Rottland vom Weingut Balthasar Ress. Der ist ,nur‘ ein Riesling QbA, was daran liegt, dass er durch die sensorische Prüfung gefallen und vom Rheingauer Weinbauverband nicht als Erstes Gewäch zugelassen ist. Ich konnte den Wein zum ersten Mal im Frühjahr als Fassprobe am Rande des Vinocamps probieren und fand ihn bemerkenswert. Danach durfte ich ihn gemeinsam mit dem Ress‘schen Betriebsleiter Dirk Würtz bei einer Zusammenkunft in Berlin trinken. An jenem Wochenende bekam ich vom Würtz auch eine Flasche geschenkt, an der ich mich die letzten drei Tage gelabt habe.

Wie bei Thomas Günther zu lesen ist, sind dieses Jahr fast die Hälfte der angestellten Weine durch die EG-Prüfung gefallen. Der Rottland war mehrfach angestellt, um ihm die hohen Weihen zu verschaffen. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie die Prüfer vor diesem monumentalen Wein gesessen haben. ,Warum Ich? Warum hat den nicht die Kommission im Nebenzimmer auf die Verkostungsliste bekommen?‘ mögen sich die Prüfer gefragt haben. Denn dieser Brocken von Wein ist unzweifelhaft großartig. Er ist aber auch die Quintessenz der diesjährigen Ress-Kollektion, die unter dem Motto ,Wir machen keine Gefangenen‘ stehend eine Phalanx von aufregenden aber anspruchsvollen Weinen darstellt. Schon der Basiswein kommt mit einem heftigen Spontistinker daher. Der Rottland riecht dezenter, dafür hat er andere Kanten:

Balthasar Ress, Rüdesheim Berg Rottland, Riesling tr., 2011, Rheingau. Am ersten Tag in der Nase ohne jede Frucht, mit viel getrockneten Kräutern (Thymian und Oregano), einem sehr dezenten Spontanstinker und – sehr außergewöhnlich – einer Spur Blut. Ich glaube, wenn man diesen Wein zehn Weinfreunden aus einem schwarzen Glas nur zum beschnuppern gäbe, tippte höchstens einer auf Riesling aber mindesetens zwei auf Spätburgunder – zumindest kurz nach dem Entkorken. Nach einigen Stunden an der Luft taucht schwer definierbare Frucht auf, vielleicht ein bisschen Aprikose aber eigentlich mehr Apfel, Quitte, Birne. Am Zweiten Tag duftet der Wein nach gärenden Äpfeln (wer einen Apfelbaum im Garten hat und regelmäßig zu faul ist, das Fallobst zu entsorgen, weiß wie gut das duften kann). Am dritten Tag übernimmt wieder der Fruchtmix und die Spontinote. Am Gaumen ist der Wein zunächst ebenfalls arm an Frucht, knochentrocken, fest und kräftig, mundfüllend und mit gut balancierter Säure, auch leicht adstringierend. Später fächert er aromatisch etwas auf, Birne, Aprikose, Mandarine aber eigentlich spielt das über drei Tage alles nur die zweite Geige neben einer wahnsinnig spannenden Mineralik. Ich bin kein Fan von dem ,flüssigen Stein‘-Gebrabbel. Ich finde das affektiert. Aber wenn ich es denn nutzen müsste, hier fände es Anwendung. Der Abgang ist ausgesprochen lang und (noch) ein wenig austrocknend.

Ich bin ehrlich: ich kann den Rheingauer Weinbauverband verstehen. Ich hätte den auch abgelehnt. Wenn das Ziel der Rheingauer ist, über verlässliche Qualität eines berechenbaren Produktes mit klarem Profil wieder in die Spitze zu kommen, dann muss man den Rottland ablehnen. Wenn das nicht das erklärte Ziel ist, waren bei der Prüfung allerdings Idioten am Werk. Der Wein ist Avant Garde. Damit kriegt man viel Aufmerksamkeit und gewinnt die Herzen ambitionierter Weintrinker. Wer den unvorbereitet genießt, wähnt sich schnell im falschen Film.

Nun haftet diesem tollen Riesling also der Makel an, durch eine Prüfung gefallen zu sein. Da muss das Gut Marketingaufwand betreiben, um ihn ohne Preisabschlag im Markt zu platzieren. Bei den Talenten der Herren Ress und Würtz sollte das kein Problem darstellen. Wenn doch, biete ich hiermit meine Hilfe an. Starten wir klassisch: Eine beliebte Methode, die Tonalität einer Marketingkampagne zu finden, ist es, frei zu assoziieren und dabei das zu bewerbende Produkt als Person zu beschreiben. ,Wenn dieses Produkt/diese Marke ein Mensch wäre, wie wäre der?‘ Ich versuch‘s mal: Der Berg Rottland wäre ein zwei Meter großer Ex-Türsteher mit verwaschenem Käppi, losem Mundwerk und David-Bowie-T-Shirt (letzteres aber gebügelt!)

Keine Ahnung, wie ich darauf komme…

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