Posts Tagged ‘Südfrankreich’

Der Angstgegner

Jeder Liebhaber mit eigenem Weinkeller kennt diese Situation: da liegt ein Wein oft jahrelang in einem Regal, lacht den Besitzer an, der die Flasche immer wieder in die Hand nimmt und dann doch zurück legt. Anfangs ist ihm der Wein zu jung, dann ist er ihm zu lang gehegt, um ihn allein zu trinken, dann ist er so besonders, dass er mit ganz speziellen Weinfreunden geteilt werden muss und irgendwann wird er hastig der Notschlachtung zugeführt, denn er droht den Zenith der Reifung zu überschreiten.

So weit, so normal – in meinem Keller gibt es solche Flaschen auch. Und dann war da noch die Flasche, die ich immer wieder in die Hand nahm und aus einem ganz anderen Grund zurücklegte: Ich hatte Angst vor ihr. Das war keine irrationale Angst, sie hatte ihren Ursprung nicht in der Esoterik – keine Witze über Kellerleichen und Flaschengeister also, ich muss Sie enttäuschen. Der Zufall hatte sie mir in den Keller gespült und es war der Inhalt, den ich fürchtete.

Chateau Montus ist ein Klassiker der Weinwelt, kein Kultwein, sondern einer der vor allem auf Listen auftaucht, die der Weinfreak abarbeiten muss, wenn er sagen will: ‚Ich habe die wichtigsten Weine der Welt getrunken‘ – nicht die teuersten oder besten, sondern die markantesten. Er stammt aus dem Anbaugebiet Madiran und er besteht aus der Rebsorte Tannat. Viele sagen, er sei der beste Tannat, zumindest ist er der bekannteste.

Meine erste Begegnung mit der Rebsorte Tannat war gleichzeitig meine erste Begegnung mit einem Wein aus Uruguay. Das klingt verrückter als es ist, denn in Uruguay ist Tannat eine führende Rebsorte. Mehr als Tausend Hektar Rebland sind laut Wikipedia rund um Montevideo und am Rio de la Plata mit dieser Rebsorte bestockt, das sind zehn Prozent der Anbaufläche. Und die Südamerikaner machen aus dieser ohnehin tanninstärksten Rebsorte unseres Planeten einen echten Cowboy-Wein. Hui, war das ein Stoff, flüssiges Schmirgelpapier, allen anempfohlen, die ‚Kalinka’ einmal in Ivan Rebroffs Stimmlage singen wollen.

Chateau_Montus_Madiran

Also hatte ich gehörigen Respekt vor Tannat und legte die Flasche immer wieder zurück. Neulich habe ich sie mir endlich in einem Anfall großen Mutes geschnappt. Jetzt habe ich also einen weiteren der Weine getrunken, die ‚man‘ mal getrunken haben muss. Und ich habe gelernt. Tannat kann sehr fein sein, Tannat altert toll und gereifter Tannat ist nichts, wovor ich mich fürchten muss. Die nächste Flasche Montus lege ich mir ganz bewusst und freiwillig in den Keller, und wenn ich sie dann in die Hand nehme und doch wieder zurück lege, dann nur, weil er zu schade ist, um ihn alleine zu trinken.

Chateau Montus, 1999, Madiran, Frankreich. Auch nach bald 15 Jahren ist der Wein von beeindruckend tintiger Farbdichte. In der Nase grüßt Südfrankreich mit Leder und Schuhcreme, Lakritz und etwas Stall. Dazu gesellt sich Holz und (wenig) Frucht: Brombeere und Blaubeere. Am Gaumen ist der Montus aber erstaunlich fruchtig mit vielen dunklen Beeren, dazu Bleistift, sehr würzig, vollmundig, ganz feines Tannin, davon aber reichlich. Dank feiner Säure ist er trotzdem saftig. Nur 12,5 Prozent Alkohol machen das Vergnügen leicht. Der Abgang ist extrem lang, von Tannin getragen aber nicht austrocknend. Grandioser Wein, keine Minute zu früh geöffnet.

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Knarzige Zeitreise

Neulich fiel mir beim Aufräumen eine Flasche in die Hände, die mich auf Zeitreise schickte. Zurück in das Jahr 2006 ging es. Eine Phase, in der ich schwer beschäftigt war meinen Weinkeller voll zu machen. Und dabei suchte ich nach Inspiration. Blogs gab es noch nicht (zumindest keine Weinblogs) und die Weinpresse beschäftigte sich zu 90 Prozent mit Schnäppchen für den Alltag oder teuersten Gewächsen, die Mittelschicht wurde vernachlässigt, fast wie in der Politik (Achtung, Ironie!). Ich kann diesen Aspekt des Alltags ganz banal zusammenfassen: früher war mitnichten alles besser. Heute fällt es viel leichter sich interessante Tipps und Anregungen zu holen auf der Suche nach Wein jenseits der ausgetretenen Pfade.

Eines bot die Zeit jedoch, was ich vermisse: Wein im Fernsehen. Gleich mehrere Formate widmeten sich meinem Lieblingsthema, zwar in der Nische und auf nachmittäglichen Sendeplätzen versteckt – aber dafür gab es schließlich VHS-Rekorder. (Für die jüngeren unter den Lesern: das war so was wie ein Festplattenreceiver, nur umständlicher.) Und so kam es, dass ich den Weinjournalisten Joel Payne auf seinen Reisen begleiten durfte. Mit einem Budget ausgestattet, von dem man als Blogger nur träumen kann, machte er das, was ich heute auch zu tun versuche: durch die Gegend fahren, spannende Winzer ohne wirkliche Marktrelevanz besuchen und unterhaltsame Geschichten darüber bringen, nur halt als Fernsehserie und nicht als Blog.

Eine seiner Reisen für die Serie ‚Weinprobe‘ führte ihn in das Roussillon, eine ziemlich zerbombte (mir fällt kein bessere Wort ein) Weingegend, die damals mehr Einnahmen durch EU-Rodungsprämien als durch Weinbau erzielte. Dort besuchte er eine sympathisch wirkende junge Frau, die einige heruntergekommene Weinberge erworben und wieder flott gemacht hatte. Sie kelterte ihren Wein in einer gemieteten Garage und erntete von den Alteingesessenen nichts als Kopfschütteln für ihr Projekt.

Wie Payne das schilderte und was die Winzerin zu erzählen hatte, war so unterhaltsam, dass ich unbedingt diesen Wein haben wollte. Ob seiner nicht vorhandenen Marktrelevanz kostete es mich einige Mühen und seinen satten monetären Aufschlag auf den empfohlenen Verkaufspreis ihn in meinen Besitz zu bringen. Drei Flaschen fand ich noch und zwei wurden bald ihrer Bestimmung zugeführt – selbstredend anlässlich des Besuchs anderer Weinfreunde, die diese Sendung auch gesehen hatten (es steckt ein Angeber in mir, ich geb‘ es zu).

Weil der Wein aber ganz schön knarzig war, hundert Jahre alte Carignan-Reben auf staubtrockenen Böden unter glühender Sonne ergeben nunmal knarzigen Wein, wenn man das Terroir ordentlich herausarbeitet, verschwand die letzte Flasche in einer Ecke. Da holte ich ihn dieser Tage wieder hervor. Dann googelte ich die Winzerin Marjorie Gallet und siehe da: ihr Abenteuer war anscheinend von Erfolg gekrönt. Der aufwändigen Website ist zu entnehmen, dass sie die Garage mittlerweile gegen ein veritables Weingutsgebäude eingetauscht hat. Und der Wein hat sich auch sehr positiv entwickelt.

Roc_Des_Anges_1903Dom. Roc des Anges, Carignan ‚1903‘, Vin de Table, 2003, (Roussillon), Frankreich. Am ersten Tag in der Nase Nelke, Nelke und nochmals Nelke. Bei 14,5% und Carignan bleibt ein bisschen Rumtopf nicht aus aber die Nelke ist extrem dominant. Am zweiten Tag ist die Nase weniger streng mit mehr Frucht (Blaubeere). Am Gaumen ist der Wein am ersten Tag noch sehr von strengen Tanninen geprägt, wir haben später was anderes aufgemacht und den Wein am zweiten Tag getrunken. Da ist er dann weicher, harmonischer, die Tannine sind immer noch präsent und frisch aber die Zunge wird nicht mehr gar so pelzig. Lecker ist er: Blaubeerjoghurt mit Schuss (was ich sehr mag), dazu reichlich ‚Grip‘ am Gaumen und im sehr langen Abgang. Diese Mischung aus Creme und Kratzen macht mir Spass, der vom Alkohol etwas eingedämmt wird. Mehr als ein Glas  an einem Abend muss nicht sein, das genoss ich aber außerordentlich.

Weinrallye #62 oder: Wein von den Hängen des Hades (2)

weinralle62Heute geht‘s bei der Weinrallye um Weine unter 5€. Die provokante Frage der betrunkenen Montage lautet: 5€, die Grenze des guten Geschmacks? Eigentlich ist diese Weinrallye für mich eine zum Auslassen, da ich die 5€-Debatte albern finde – doch da ich direkt nach meinem Artikel über die WineMeister App so die Möglichkeit habe diese einmal auszuprobieren, nehme ich gerne teil.

In meinem Keller gibt es keinen Wein für 5€. Das ist ein Fakt, kein politisches Statement. Wäre die Grenze 5,20 Euro gewesen, hätte ich mit einer Flasche aus dem eigenen Keller teilnehmen können. Wäre ich gezwungen 10 Lieblingsweine aus meinem Keller auszuwählen, kämen drei der 5-Euro-Grenze nahe: Fiedlers Chardonnay, Thanischs Weißburgunder und Steinmetz‘ Pinot Meunier. Danach würde es dann zweistellig. Ich kenne einige Erzeuger, die hervorragende Riesling Kabinett Weine für weniger als 5€ anbieten. Die sitzen meist in der Pfalz oder Rheinhessen und Kabinett trinke ich – ohne das vernünftig begründen zu können – nur von der Mosel. Meine bevorzugten Erzeuger dort wollen alle einen Euro mehr haben.

Als ich anfing mit der Weinliebhaberei, trank ich gern und regelmäßig italienische Rotweine. In Italien gibt es Erzeuger, die Weine für weniger als 5€ anbieten, die vom Gambero Rosso Führer gar zwei Gläser (von maximal drei möglichen) verliehen bekommen. Etliches habe ich probiert und bei vielen verstanden, warum sie hoch bewertet wurden. Ein Jahr meines Lebens habe ich in Südspanien gelebt, da würde die zentrale Frage dieser Rallye nur Kopfschütteln auslösen. Deswegen behaupte ich mit Vehemenz: es gibt sehr viele Weine unter 5€, die hohen Ansprüchen genügen und mindestens großartig schmecken.

Ich hab‘ nur leider gerade keinen da. Und das nächste Weinanbaugebiet ist 400 Kilometer weit weg. Also muss ich in den Supermarkt. Ich gehe zu Rewe. Den Weg zum nächsten Markt zeigt mir die WineMeister App. Sie befrage ich auch nach einem guten Tipp. Ich will Rotwein, denn aus Erfahrung behaupte ich, dass ein Weißwein unter 5€ aus dem Deutschen LEH höchstens gut trinkbar ist (bei Winzerweinen sieht das ganz anders aus, siehe oben). Chateau de Montrabech 2011 schlägt mein Smartphone vor, Corbieres. Südfrankreich. 2,99€. Der sei charakterstark, herb, solle eine Stunde dekantiert werden und bringt es dann auf dreieinhalb WineMeister-Gläser (von fünf möglichen). Das ist die höchste Bewertung aller Supermarktweine unter 5 Euro.

Ich will es wissen und öffne einen Referenzwein. Ich habe eh‘ einen Gast heute Abend. La Torre von der Domaine Gardies. 2003. 28 Euro. Fair geht anders. Aber mein Gast trinkt gerne Rotwein und hat nix mit Etiketten am Hut. Da werde ich eine ehrliche Antwort bekommen. Sie entscheidet sich für den Montrabech!

Ich entscheide mich zwar für den Gardies aber das Fazit ist ein positives. Die App hat mir einen sehr ordentlichen Wein empfohlen. Die Bewertung konnte ich nachvollziehen und der Wein ist ein perfekter Beweis, dass  ein guter Tropfen auch weniger als 5€ kosten kann.

Chateau de Montrabech, Corbieres AOC, 2011, Südfrankreich. In der Nase fruchtig, Kirsche, Himbeere, dazu Röstaromen, sehr sauber ohne den typischen Südfranzosenstinker. Am Gaumen etwas Vanille, mittleres Volumen und Dichte, fruchtig, nicht übermäßig viel aber recht feines Tannin. Der Abgang ist etwas kurz und es fehlt ein wenig an Tiefe. Aber das ist ein schöner Wein, den man mir blind auch als Zehn-Euro-Kandidaten hätte unterjubeln können.

Sag beim Wichteln leise Servus

Wichtel_RallyeEin guter Blogartikel zeichnet sich dadurch aus, dass er sich auf ein Thema fokussiert und dieses mit angemessener Tiefe behandelt. Insofern ist die Jahresendausgabe der Weinrallye eine Herausforderung. Thomas Lippert vom Winzerblog ist der Gastgeber und Weinwichteln das Programm. Damit gilt es, mindestens zwei Themen zu behandeln: den Wein, den man einem Teilnehmer geschickt und jenen, den man selbst erhalten hat. Das ist schwierig, bieten sich doch so viele Dinge an, über die man schreiben könnte.

Ich erhielt einen Wein von Dimitri, der bei Hawesko das Blog ,Winelog‘ betreut. Da könnte ich darüber schreiben, dass ich dieses Jahr nun zum zweiten Mal einen Wein von einem Händler geschenkt bekomme. Ich könnte darüber philosophieren, warum beide Händler mir Châteauneuf Du Pape schickten. Ich sollte dann aber betonen, dass dieser hier zu 85% aus Grenache besteht, was mich neugierig macht.  Zu Hawesko fiele mir auch viel ein. Wie vermutlich jeder, der seine Weinliebe im letzten Jahrzehnt entdeckte, war auch ich einmal Kunde dort. Legendäre Hausmessen luden zum Probenmarathon ein. Die anschließende Bestellung führte zum Dauerbombardement mit Werbepost. Dürfte man negativ über den Stifter sprechen? Ich lasse es lieber. Ich könnte ja diplomatisch meiner Meinung Ausdruck verleihen, dass große Unternehmensgruppen wie Hawesko der Weinkultur sehr zuträglich sind, selbst wenn man als interessierter Laie mit zunehmendem Sachverstand ultimativ dem Post-Hawesko-Zustand entgegenwächst. Ich könnte auch einfach zur Sache kommen:

Domaine Saint Préfert, Châteauneuf Du Pape, 2010, Südfrankreich. Chateauneuf_du_PapeEin sehr junger Wein, der sicher noch viele Jahre vor sich hat (also andere Flaschen, meine ich, nicht diese, die ist jetzt leer). In der Nase nach dem Öffnen erst ganz profan: Blaubeerjoghurt mit `nem Schnaps drin. Mit etwas Luft dann weniger alkoholisch und etwas facettenreicher. Am Gaumen sehr fruchtig mit Blaubeere, Brombeere, ein bisschen Rumtopf, aber auch Menthol, recht viel feines Tannin, nur wenig Holz. 14,5% Alkohol tauchen immer mal wieder auf, ohne dass es gar zu spritig wird. Der Wein wirkt elegant, gehaltvoll und (jaja…) lecker. Der Abgang ist nur mittellang, trotzdem: toller Wein für faires Geld.

Mein Wein ging nach Österreich. Ich könnte also getreu dem Motto ,Tue Gutes und rede darüber…‘ erwähnen, dass ich freiwillig ein extradickes Porto gestemmt habe. Ich müsste dann dem Eindruck entgegenwirken, das beim Wein wieder eingespart zu haben, was leicht wäre: Eine Spätburgunder Auslese vom Weingut Günther Steinmetz aus Brauneberg habe ich verschickt. Der wurde gerade neulich in der Facebook-Weingruppe meines ,Opfers‘ besprochen und drängte sich also auf – naja, preisgünstig ist er auch noch. Empfänger war Peter Ladinig. Da sollte ich dann darüber schreiben, dass Peter ein Sommelier ist, der derzeit auf allen sozialen Kanälen Vollgas gibt. Ich könnte schreiben, wie hübsch ich den Namen seines Blogs finde (,The Institute of Drinks‘) aber eigentlich sollte ich über etwas ganz anderes schreiben: ich fühle mich jung und meistens trinke ich mit Menschen Wein, die (viel) älter sind als ich. So biege ich mir zumindest die Welt zurecht. Doch letzte Woche rief Peter über Facebook um Hilfe bei der Suche nach einem Wein aus dem Jahrgang 1969, weil das das Geburtsjahr seiner Mutter sei. Es ist auch mein Geburtsjahr. Illusion geraubt. Die Zeit hält nicht inne – aber ich, jetzt, um zu seufzen.

Nun könnte ich Schluss machen, wenn nicht das eigentliche Thema dieses Artikels noch ausstünde. Das Winzerblog schließt seine Pforten. Und darüber sollte ich dringend schreiben. Denn ich könnte davon erzählen, dass Thomas Lippert der erste Leser dieses Blogs war und auch der erste Kommentator. Ich könnte auch von meiner ersten Begegnung mit ihm schreiben. Die war auf dem Hamburger Weinsalon von Mario Scheuermann, denn Thomas und Scheuermann haben durchaus mal miteinander geredet. Ich könnte auch von meiner zweiten Begegnung mit ihm schreiben, bei der Geburtstagsfeier unseres gemeinsamen Freundes Guido, bei der Thomas um 30 Kilo leichter war (was auch damit zu tun hatte, dass er mittlerweile nicht mehr mit Mario Scheuermann redete) oder über die dritte beim Vinocamp (die mit Mario Scheuermann überhaupt nichts zu tun hat). Ich könnte darüber schreiben, wie sehr ich das Ende des Winzerblogs bedaure – aber das wäre gelogen!

Legenden beim Siechen zuzuschauen, ist nicht schön. Und das Winzerblog fristete ein Schattendasein. Jetzt zieht Thomas den Stecker und richtet seine Energie auf etwas neues. Das ist gut. Denn wenn man die kleinen Abschweifungen ausknipst und sich ganz auf etwas fokussiert, dann kann tolles entstehen.

Ich sprech‘ da aus Erfahrung…

Käufliche Liebe

Deutschlands Food- und Weinblogger sind dem Kommerz abgeneigt. Ich schrieb vor einiger Zeit über den vergeblichen Versuch einer italienischen Kellerei, gegen Bezahlung ihr annehmbares PR-Video in deutschen Blogs unterzubringen. Während solcherlei Vorgehen in anderen Ländern (und hierzulande in anderen Branchen) so üblich ist, dass es schon einen eigenen Begriff dafür gibt (,Seedmarketing‘), will‘s in der Weinszene nicht gelingen.

Einige Händler und Produzenten beschreiten jetzt einen neuen Weg: Sie heuern Weinblogger als Botschafter, Autoren oder PR-Agenten an. Diese wiederum bringen den nötigen Stallgeruch mit, um in der hiesigen Weinszene etwas zu bewegen und werden lange nicht so angefeindet wie die ,professionellen Kritiker‘ – in der Deutschen Internet-Weinwelt gibt es eine merkwürdige Abneigung zwischen engagierten Laien und professionellen Verkostern, die Außenstehenden kaum zu vermitteln ist.

Einer derjenigen, die mit der Repräsentanz seiner Sponsoren einen Teil des Lebensunterhaltes bestreitet, ist Torsten Goffin, der die Blogs ,Glasklare Gefühle‘ und ,Allem Anfang…‘ schreibt und auch auf Facebook zum Thema Wein aktiv ist. Als er neulich einen Wein zur Verlosung ausschrieb und ein einfacher Kommentar zur Teilnahme am Gewinnspiel berechtigte, meldete ich mich spontan zu Wort. Dass das eventuell Folgen haben könnte, zog ich gar nicht in Betracht – hab‘ sowieso noch nie was gewonnen, dachte ich mir. Doch dann entnahm Torsten meinen Namen aus der Lostrommel und ich erhielt den edlen Tropfen. Was tun? Egal – bedanken, entgegennehmen, trinken, berichten (und zwar das volle Programm) und fertig. Dies ist also der kommerziellste Artikel, der im Schnutentunker je erschienen ist.

Liebevoller Südfranzose,Wein wenn Du kannst‘ lautet der Name des preisstiftenden Händlers und er beschreitet einen neuen Weg in der Weinvermarktung. Die Präsentation des Shops und die Anzeigen sind eher cool und durchgestylt. Den Ansatz, die Weine des Sortiments nach Schlagworten wie Mut, Lust oder Liebe zu kategorisieren, finde ich innovativ, lustig und zum Scheitern verurteilt. Aber da ich vermutlich nicht die Zielgruppe des Händlers bin, hoffe ich sehr, mich zu irren. Denn jeder, der versucht, die Weinwelt ein wenig zu entstauben, ist mir grundsympathisch und meiner besten Wünsche Ziel. Der Wein, den ich gewann, war ein Ch9dP (um auch noch die wahnsinnigste Abkürzung der Weinwelt in diesem Artikel unterzubringen) – eine Weingattung, die fast so viele überteuerte Tropfen bereit hält wie Bordeaux. Dort einen guten zu einem fairen Preis herauszusuchen, ist eine respektable Leistung. In diesem Sinne: Danke Torsten, Danke ,Wein wenn Du kannst‘ – und genug der Werbung…

Domaine du Grand Tinel, Châteauneuf-du-Pape (AOC), 2005, Südfrankreich. In der Nase Kirsche und Blaubeere aber vor allem ein deutlicher Stinker: Kuhstall und Bret – nicht angenehm aber erträglich. Am Gaumen ist der Wein ziemlich trocken, die Frucht in Form von Kirsche ist nicht sehr dominant, Schokolade kommt mir noch in den Sinn, die Säure ist mäßig ausgeprägt, reichlich weiches Tannin machen den Wein voll und geschmeidig, der Alkohol ist gut eingebunden. Der lange Abgang ist sehr mineralisch, der Wein sehr gut. Am zweiten Tag gibt es den Wein zum Essen. Da wirkt er ebenfalls voll jedoch mit mehr Frucht (wieder Kirsche) und kräftiger Säure, schmeichelnder aber auch etwas alkoholischer. Er ist insgesamt ein ziemlicher Brummer, der vermutlich alle Attribute besitzt, die man sich von einem Wein erwartet, der unter dem Stichwort ,Liebe‘ zum Kauf angeboten wird.

Schokoladenlastkraftwagenfahrerlehrling

Meinen Trauzeugen und mich verbindet nicht nur eine Freundschaft, die schon sieben Achtel meines Lebens andauert, wir teilen auch eine Zuneigung zur Deutschen Sprache. Schon als Kinder haben wir gelegentlich geblödelt, und einer dieser Nachmittage drehte sich um die längste Berufsbezeichnung. Er gewann, wobei die Regeln erkennbar nicht besonders rigide waren.

Seit diesem Tage vollzieht sich in meinem Kopf immer das gleiche, wenn ich unglaublich lange Wörter oder Wortverknüpfungen lese: es macht Klick und ich sage leise vor mich hin: Schokoladenlastkraftwagenfahrerlehrling. Zuletzt geschah das, als ich den folgenden Wein in die Hand und meinem Keller entnahm. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals in meinem Leben eine längere Herkunftsbezeichnung gesehen habe. Gibt es überhaupt solche? Wer eine längere kennt, hinterlasse sie bitte als Kommentar.

Domaine Bila Haut (M.Chapoutier), Occultum Lapidem, 2003, AC Cotes Du Roussilon Village Latour de France, Südfrankreich. In der recht zurückhaltenden Nase Bleistiftspäne, Lavendel und Cassis – wenig zu riechen von den typischen, schwereren Aromen Südfrankreichs. Am Gaumen ist die Cuvée aus Carignan, Grenache und Syrah erstaunlich weich, gemessen daran, dass sie früher ein ziemlicher Tanninbrocken war. Süße Frucht: Blau- und Johannisbeere sowie Pflaume; etwas Holz, reifes, weiches Tannin und eine leichte Mineralik. Der Alkohol von 14% ist mollig aber akzeptabel. Der Abgang ist ausgesprochen lang, der Wein unglaublich angenehm, die letzte Flasche die beste. Hat jeden einzelnen seiner hunderttausend Parkerpunkte verdient und ist ein weiterer Beweis, dass man da unten tolle Schnäppchen machen kann.

Third Party Trüffelschwein

In meiner Branche sind zwei Verhaltensweisen weit verbreitet: das Auslagern von Tätigkeiten an Drittfirmen und das Sprechen von grausamem Denglisch, weshalb man bei ersterem auch lieber outsourct, und zwar an eine Third Party. Der Schnutentunker ist insofern Abbitte für meine beruflichen Sünden, als dass ich versuche, das Deutsche ein wenig zu pflegen. Auf das Auslagern von Tätigkeiten mag ich hingegen nicht ganz verzichten – aber der Reihe nach.

2001 haben Peter und Susan Close aus Nordengland sich ihren Traum vom Süden erfüllt und Chateau Camplazens übernommen. … Begeisterung für das Terroir von La Clape, niedrige Hektarerträge, schonende Verarbeitung der Trauben – das Ergebnis sind ansprechende, würzige Weine mit Charakter und Tiefgang.

Und ich möchte hinzufügen: Rotweine mit den typischen Merkmalen guter Südfranzosen, die mit 13% Alkohol auskommen, wofür ich persönlich Peter und Susan gar nicht genügend danken kann.

Dass ich hier von Peter und Susan und ihrer Liebe zu La Clape berichten kann, habe ich Laureen Koch zu verdanken, denn sie ist die Urheberin obiger Zeilen und sie hat den Wein auch für mich gefunden. Das ist Ihr Job, denn sie ist Weinhändlerin und zwar eine sehr gute, wenn ich das einmal sagen darf. Und so habe ich die Trüffelsuche abseits meiner Hauptvorlieben Riesling und Spätburgunder an ihr Unternehmen ausgelagert. Ihre diversen Entdeckungen bereichern regelmäßig mein Weinleben. Frau Koch betreibt über ihren Online Shop Le Gourmet Weine nämlich auch einen Weinclub. Sechs Mal im Jahr verschickt sie ihre neuesten Entdeckungen begleitet von ein wenig Infomaterial. Viele Erstbegegnungen mit Weinen, denen ich normalerweise keine Aufmerksamkeit schenkte, sind so zustande gekommen. Meinen ersten Bacchus (positive Verblüffung inklusive) habe ich ebenso von Frau Koch wie auch meinen ersten Vouvray, Jurancon Sec, Muscadet, Malvasia und und und…

Aus logistischen Gründen habe ich letzte Woche mein Abonnement dieser vinophilen Horizonterweiterung gekündigt. Da fand ich es an der Zeit, die Quelle einmal angemessen zu würdigen. Das tue ich am besten mit einem Wein, also wieder zurück zu Peter und Susan und ihrer Liebe zu La Clape.

Chateau Camplazens, La Garrigue, La Clape rouge AOC, 2007, Coteaux du Languedoc. Eine Cuvée aus 60% Syrah, 30% Grenache und 10% Carignan. In der Nase viel Frucht, vor allem schwarze Johannisbeere, Pflaume und Holunder, dazu Kräuterwürze (Thymian). Am Gaumen ist der Wein weich und rund mit viel Johannisbeere und Pflaume, Kakao und etwas schwarzem Tee. Zum weichen Erscheinungsbild gehört auch der zurückhaltende Alkohol von 13%. Trotzdem ist der Wein voll und ausreichend druckvoll. Der Abgang ist sehr lang. Ein wunderbarer Wein, bei dem die Hand ununterbrochen zum Glas will.

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